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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XXIX

Ein Abend voll seltenem Schweigen stand über der Erde; ein Abend, der aussah, als wäre er irgendwoher im Schlafe vom durchsichtigen, majestätisch-prachtvollen Himmel herabgesunken. Die matte Sonne des Spätsommers war schon untergegangen und doch war es hell geblieben; die Luft hielt sich wunderbar rein und leicht. Es war trocken; nur in den Gärten fiel mit einem Mal schon starker Tau. Der Staub konnte nur mit Mühe hochgeweht werden, dann aber schwebte er lasch und faul in der Luft. Nach und nach wurde es dumpf und kühl. Ueberall drangen Töne, leicht und schnell, wie auf Flügeln getragen, vorwärts.

Ssanin ging ohne Hut in seinem blauen Hemd, das allmählich grün geworden war, durch die lange, mit Nesseln bewachsene Seitengasse, nach dem Hause, in dem Iwanow wohnte.

Dieser saß breitschultrig und ernst – seine langen Haare lagen gerade wie Strohhalme um den Kopf – am Fenster zum Garten und stopfte methodisch Tabak, der alles im Umkreis von zwei Metern zum Niesen bringen konnte, in dünne Zigarettenhülsen.

»Guten Tag!« sagte Ssanin; er reichte Iwanow durchs Fenster die Hand. Dann stützte er sich mit dem Ellenbogen aufs Fensterbrett und schaute dem Freunde lässig zu.

»Guten Abend.«

»Ich bin heute gefordert worden.«

»Die Sache ist gut!« meinte Iwanow gleichmütig. »Von wem und warum?«

»Von Sarudin. Ich hatte ihn aus dem Hause geworfen, folglich fühlte er sich beleidigt.«

»So, – du wirst dich also schlagen? Schön, ich werde dein Zeuge sein; mögen sie denn schon meinem teuren Freunde die Nase wegschießen.«

»Warum gleich das? Die Nase ist ein edler Körperteil. Ich habe gar keine Lust, mich zu schlagen!« erwiderte Ssanin lachend.

»Auch das ist vernünftig. Wozu sich schlagen – ist ja gar nicht nötig, sich zu schlagen!«

»Nun, meine Schwester Lyda – die beurteilt die Geschichte von einer anderen Seite.« – –

»Weil sie eine Gans ist!« erwiderte Iwanow mit Nachdruck. »Was doch für eine Unmenge Dummheit in jedem Menschen steckt!«

Er stopfte die letzte Zigarette und zündete sie sogleich an; die anderen packte er zusammen, steckte sie ins Etui und sprang, nachdem er den Tabak vom Fensterbrett weggeblasen hatte, durch das Fenster hinaus.

»Was werden wir anfangen?« fragte er.

»Wollen wir zu Ssoloveitschik gehen?«

»Ach, hol ihn der Teufel!«

»Warum denn?«

»Ich liebe ihn nicht! Ein Regenwurm!«

»Er ist auch nicht schlimmer, als alle andere. Vorwärts, Bruder, gehn wir!«

»Nun, schön, meinetwegen!« Rasch wie immer bei Ssanins Vorschlägen, willigte Iwanow ein. Sie gingen zusammen durch die Straßen, beide kräftig und fröhlich, – beide mit breiten Schultern und freien Stimmen, – sie sprachen zusammen, als wenn außer ihnen keine Menschen auf der Welt existierten.

Ssoloveitschik war nicht zu Hause, das niedrige Haus war abgeschlossen, der Hof leer und ausgestorben; nur Sultan rasselte neben dem Schuppen mit seiner Kette und bellte wütend auf die fremden Leute ein, die, niemand weiß wozu, über den Hof gingen.

»Was für eine Oede hier!« sagte Iwanow. »Gehen wir lieber auf den Boulevard!«

Sie gingen fort, die Pforte klappte zu, und Sultan setzte sich, nachdem er noch ein paarmal in die Luft gebellt hatte, vor seine Hütte und blickte traurig auf seinen leeren Hof, auf die tote Mühle und die engen und krummen weißen Pfade, die sich durch das niedrige, staubige Gras schlängelten.

Im Stadtgarten spielte wie gewöhnlich die Kapelle. Auf dem Boulevard war die Luft schon kühl und leicht. Es gab viele Spaziergänger, und die dunkle Menge, wie das Steppengras mit Blumen, von Frauenkleidern und Hüten durchsetzt, zog sich in Wellen hin und her, goß sich bald in den dunklen Garten hinein, ebbte dann wieder vor seinem steinernen Tore zurück.

Ssanin schritt mit Iwanow am Arm, durch den Park. Gleich in der ersten Allee trafen sie Ssoloveitschik, der nachdenklich unter den Bäumen entlang bummelte, die Arme auf dem Rücken und die Blicke starr auf die Füße gerichtet.

»Wir waren eben bei Ihnen,« rief ihn Ssanin an.

Ssoloveitschik lächelte schüchtern: »Ach so, Sie müssen mich entschuldigen. Ich hab nicht gewußt, daß Sie werden kommen ... Sonst möcht' ich schon gewartet auf Sie. Ich bin, wissen Sie, so gerade ein bißchen gegangen spazieren ...«

Seine Augen waren glänzend und traurig.

»Kommen Sie mit uns!« schlug Ssanin vor, und reichte ihm liebenswürdig den Arm hin.

Ssoloveitschik legte freudig seinen Arm in den Ssanins, machte selbst ein fröhliches Gesicht, schob den Hut in den Nacken und ging mit einer Miene einher, als wenn er nicht den Arm Ssanins, sondern wer weiß was für ein kostbares Ding mit sich trüge.

Sein Mund zerrann bis an die Ohren.

Zwischen den Militär-Musikern, die mit puterroten Gesichtern und vollen Backen in die überlauten Messingröhren hineinbliesen, drehte sich der schmächtige Regimentskapellmeister, und schwang in dem augenscheinlichen Bestreben, mehr als die Musik seine Person zur Geltung zu bringen, mit spatzenartigen Bewegungen den Taktstock. Daneben stand in dichten Reihen das einfachere Publikum – Unteroffiziere, Militärschreiber, Gymnasiasten, Burschen in hohen Stulpenstiefeln und Mädchen mit farbigen Kopftüchern; in den Alleen zogen einander, wie in einer endlosen Quadrille, bunte Gruppen von Damen, Studenten und Offiziere, entgegen.

An den dreien kamen Dubowa, Schawrow und Swaroschitsch vorbei. Sie lächelten einander zu und grüßten sich. Ssanin, Ssoloveitschik und Iwanow gingen noch einmal durch den ganzen Garten; beim Rückwege begegneten sie ihnen wieder. Jetzt war noch Karssawina hinzugekommen; ihre hochgewachsene, schlanke Figur wurde durch ein helles Kleid prächtig zum Ausdruck gebracht. Schon aus der Ferne lächelte sie Ssanin zu; in ihren Augen zuckte ein Schimmer koketter Freundlichkeit.

»Was laufen Sie da so einsam herum?« rief Dubowa, »schwenken Sie bei uns ein!«

»Wollen wir in den Seitenweg einbiegen, meine Herrschaften, hier ist zu großes Gedränge,« schlug Schawrow vor. Und die lustige junge Gesellschaft tauchte in dem Halbdunkel der dichtbelaubten schweigsamen Allee unter und erfüllte sie mit fröhlichen, klangvollen Stimmen und schallendem, grundlosen Gelächter.

So waren sie bis zum Ende des Gartens gegangen und wollten eben wieder umwenden, als hinter einer Ecke des Weges Sarudin, Tanarow und Woloschin einbogen.

Ssanin sah sofort, daß der Offizier diese Begegnung nicht erwartet hatte und unwillkürlich eine ratlose Miene annahm. Sein hübsches Gesicht rötete sich tief; doch nach kurzem Zusammenfahren richtete sich seine Gestalt straff auf. Tanarow lächelte wütend.

»Und dieser Wiedehopf steckt auch noch immer hier? ...« Iwanow wies mit den Augen verwundert auf Woloschin.

Woloschin sah sie nicht an; im Vorbeigehen blickte er sich fortgesetzt um und starrte auf Karssawina, die voranschritt.

»Noch hier!« lachte Ssanin.

Dieses Lachen bezog Sarudin auf sich; er empfand es als eine Ohrfeige. Das Blut stieg ihm ins Gesicht, in der Kehle stickte der Atem; er fühlte sich von einer unüberwindlichen Macht fortgerissen. Rasch trennte er sich von seinen Begleitern und schritt in großen Sätzen auf Ssanin zu.

»Was wünschen Sie,« fragte dieser. Er war mit einem Mal ernst geworden; er betrachtete nur interessiert die dünne Reitgerte, die Sarudin unnatürlich in der Hand hielt. – – – Ach, welch ein Dummkopf, dachte er mit Aufregung und Mitleid.

»Ich habe mit Ihnen ein paar Worte zu reden,« keuchte Sarudin heiser. »Meine Forderung hat man Ihnen überbracht.«

Ssanin neigte leicht bejahend den Kopf und sagte einfach, während er noch immer auf die Reitpeitsche des Offiziers sah: »Ja!«

»Und Sie weigern sich entschieden ... diese Forderung ... wie es einem Menschen mit Ehrbegriffen geziemt ... eh, anzunehmen?« Sarudin sprach undeutlich, aber mit erhobener Stimme, die er selbst kaum mehr erkannte. Er erschrak vor ihr und dem kalten Handgriff der Reitpeitsche, die sich jetzt besonders fest in seine verschwitzten Finger drückte; dabei war er vollständig unfähig, den einmal eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen.

Es kam ihm vor, als wenn im Park mit einem Mal völlige Luftleere eingetreten wäre.

Alle blieben stehen und hörten auf seine Worte.

»Das ist doch aber ...« Iwanow wollte sich zwischen Ssanin und Sarudin drängen.

»Selbstverständlich weigere ich mich ganz entschieden,« sagte Ssanin in seltsam ruhigem Tone und richtete seinen scharfen Blick, der sofort wieder alles übersah, von der Reitpeitsche hoch gerade auf Sarudins Augen.

Der Offizier atmete schwer, als erdrückte ihn eine ungeheure Last.

»Zum letzten Mal, weigern Sie sich?« fragte er noch lauter.

Ssoloveitschik starrte auf den Offizier.... Ach, das ist ja entsetzlich, dachte er. Er wird ihn schlagen ... Sein ganzer Körper zuckte bei diesem Gedanken nervös zusammen.

»Was wollen Sie denn? ... wie,« murmelte er, reckte sich plötzlich auf und stellte sich mit seinem ganzen Körper vor Ssanin. Sarudin bemerkte es kaum, als er ihn mit einer einzigen Bewegung beiseite schob. Vor ihm standen nur die ruhigen ernsten Augen Ssanins.

»Das habe ich Ihnen schon vorhin mitgeteilt,« antwortete dieser in dem früheren milden Ton.

Alles um Sarudin geriet in Drehung. Während er hinter sich Schritte und einen weiblichen Aufschrei hörte, schwang er mit krampfhafter Anstrengung, etwas zu hoch und ungeschickt, die dünne Reitpeitsche.

Im selben Augenblick schlug ihm Ssanin scharf und kurz, aber die Muskeln mit furchtbarer Anspannung zusammenziehend, mit der Faust ins Gesicht.

»So,« entschlüpfte es unwillkürlich, aber sehr befriedigt Iwanows Lippen.

Sarudins Kopf schlug ohnmächtig auf die Seite, etwas schneidendes Trübes, das mit kalten Nadeln Augen und Hirn zerstach, übergoß Mund und Nase ...

»Eeeeeee,« drang ein krampfartiger Laut aus seinem Munde. Er verlor Reitpeitsche und Mütze, fiel auf die Hände, wurde nichts mehr gewahr. Er hatte nur die eine brennende Vorstellung, daß nun alles unwiderbringlich zu Ende sei, und einen dumpfen, brennenden Schmerz im Auge.

In der stillen, menschenleeren Allee entstand ein irres Durcheinander. Karssawina schrie schrill auf, griff sich mit Entsetzen an ihre Schläfen und schloß die Augen. Mit dem gleichen Gefühl des Ekels stürzte sich Jurii, während er nur den auf allen Vieren hockenden Sarudin vor sich sah, zusammen mit Schawrow auf Ssanin zu.

Woloschin rannte eiligst die Allee herunter, gerade durch das nasse Gras, wobei er das Pincenez verlor und sich in die Büsche verwickelte; seine weißen Hosen wurden sofort bis an die Knie schwarz.

Tanarow sprang mit zusammengepreßten Zähnen und wütend aufgerissenen Pupillen auf Ssanin zu; aber Iwanow packte ihn kühl von hinten an den Schultern und warf ihn beiseite.

»Laß ihn doch, lasse,« sagte Ssanin mit Ekel. Er stand mit breitgespreizten Beinen da, atmete hart; auf seine Stirn traten schwere Tropfen Schweiß.

Sarudin erhob sich taumelnd. Dabei stieß er armselige, unzusammenhängende Laute mit zitternden, geschwollenen Lippen aus. Es waren abgerissene Drohungen gegen Ssanin, die in ihrer Ohnmacht nur abstoßend wirkten.

Die ganze linke Seite seines Gesichts schwoll rasch an, das Auge schloß sich, aus Mund und Nase troff Blut, die Zähne klapperten, sein Körper zitterte wie im Fieber; er hatte nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit dem eleganten Menschen, der er noch eine Minute vorher gewesen war. Die furchtbare Kraft Ssanins hatte ihn mit einem Schlag alles Menschlichen beraubt und ihn zu etwas Elendem, Formlosem, Feigem gemacht. Weder der Wunsch zu fliehen, noch ein Versuch sich zu verteidigen, ließ sich an ihm wahrnehmen. Er spie Blut aus; mit zittrigen Händen klopfte er unbewußt den an den Knien kleben gebliebenen Sand ab, taumelte aber wieder und fiel um.

»Wie entsetzlich, wie entsetzlich,« wiederholte Karssawina und wünschte so schnell als möglich von dem Platz fortzukommen.

»Gehen wir,« sagte auch Ssanin zu Iwanow. Er blickte dabei nach oben, weil es ihm unangenehm und peinlich war, Sarudin anzusehen.

»Gehen wir, Ssoloveitschik!«

Aber Ssoloveitschik bewegte sich nicht vom Flecke. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er den Offizier, das Blut und den schneeweißen Kittel an, auf dem sich einige Sandflecken eigentümlich abhoben. Er zitterte und klapperte sinnlos mit den Lippen.

Iwanow zog ihn zornig am Arm, aber Ssoloveitschik riß sich mit starker Anstrengung los, umfaßte mit beiden Händen einen Baum, als wenn man ihn fortschleppen wollte, weinte plötzlich auf und schrie: »Wozu haben Sie das ... Wozu?«

Jurii Swaroschitsch trat auf Ssanin zu:

»Was für eine Niedertracht,« schrie er ihm gerade ins Gesicht.

Doch Ssanin beherrschte sich. Ohne hoch zu schauen, lächelte er angeekelt: »Ja, Niedertracht. Wäre es denn besser, wenn er mich geschlagen hätte.« Er machte eine abweisende Geste und ging rasch durch die breite Allee fort. Iwanow sah Jurii verächtlich an und, sich eine Zigarette ansteckend, schlenderte er langsam hinter Ssanin her. Noch an seinem breiten Rücken und den geraden Haaren konnte man sehen, wie gleichgültig er sich gegen alles Vorgefallene verhielt.

»Wie dämlich und gemein doch der Mensch sein kann,« meinte er.

Ssanin sah sich schweigend um, antwortete aber nichts. ... Wie die Tiere, sagte Jurii vor sich hin, als er aus dem Park ging.

Zwar lag der Park ebenso da, wie er ihn vielmals vorher gesehen hatte, nachdenklich dunkel und schön, jetzt aber schloß er sich durch das Vorgekommene von der ganzen Welt aus und wurde bange und abstoßend.

Schawrow atmete schwer und ratlos auf, sah sich über die Brillenränder schüchtern nach allen Seiten um, als wenn er glaubte, daß man jetzt aus jedem Winkel Ueberfälle und Gewalttätigkeiten gewärtigen müsse.

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