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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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Vorwort

Der Ssanin wurde zuerst fortsetzungsweise in der Zeitschrift Sowriemenni Mir veröffentlicht. Bei der Bedeutung, die die großen literarischen Revuen für das geistige Leben Rußlands besitzen, ist es kein Wunder, daß man sofort ganz allgemein zu ihm Stellung nahm. Als der Roman dann in Buchform erschien, war die erste Auflage in wenigen Wochen vergriffen. Die zweite folgte nach kurzer Zeit; das offizielle Verlagsregister gibt ihren Umfang auf 10 000 Exemplare an. Wenige Wochen später wird sie auf Anordnung der Zentral-Zensurbehörde konfisziert. Das ist für die Wichtigkeit, die man dem Roman in den Kreisen der russischen Regierung beimaß, erwähnenswert; für gewöhnlich gehen die zensorischen Maßnahmen von den Gouvernementsbehörden aus.

Aber das Verbot des Ssanin war ein Schlag ins Wasser; bei der Konfiskation in den Buchhandlungen fand sich fast kein Exemplar mehr vor. Auf diese zweite Auflage war sehnsüchtig gewartet worden; man hatte schon in der Zwischenzeit für gelesene Exemplare 30 und 40 Rubel bezahlt; das Publikum verschlang auch diese Auflage in wenigen Tagen. Einer dritten, die vor kurzem in Deutschland erschien, wird es wohl ähnlich ergehen; in keinem anderen Lande wie in Rußland sind Verbote nur dazu da, um erlassen zu werden.

Umgangen werden sie doch und von den revolutionären Jahren her ist der Schriftenschmuggel eine liebgewordene Tätigkeit.

Artzibaschew gehört seit seinem Ssanin zu den Personen, deren Name unumgänglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknüpft ist. Durch seine sozialen Wirkungen allein ist der Ssanin aus der Reihe der Werke, die nur literarisch zu werten sind, ausgeschieden. Selbst wenn er nicht durch seine künstlerischen Qualitäten zu einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur Rußlands geworden wäre, hätten ihm doch kulturhistorische Gründe bleibende Bedeutung gegeben. Man wird die gegenwärtige Epoche, also die, welche die revolutionäre ablöste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen können, ohne den Ssanin als ihren charakteristischsten Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen.

Es ist hier nicht der Platz, die Ereignisse in Rußland, welche sich um diesen Roman kristallisiert haben, im einzelnen zu schildern. Der wilde sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurückgeht, hat auch schon genug von sich hören lassen. Die Organisationen der Ssaninisti, die Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum ungehinderten Geschlechtsgenuß unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, die orgiastischen Klubs, die fälschlicherweise behaupteten, die Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit für sich; es lohnt sich nicht, ihrer Existenz durch Erörterungen selbst absprechender Art neues Leben zuzuführen.

Interessanter ist die Feststellung, wie es überhaupt dazu kam, daß ein ganzes Volk für seine Gesamtäußerungen mit einem Mal nur noch erotische Beziehungen finden konnte. Und daß ein einziges Werk – eben der Roman Ssanin – genügt, um sie hervorzurufen und sie mit seinem Namen zu decken. – – –

Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht.

Da leben hundert Millionen von Mushiks, die ihr Stückchen Feld bestellen, sich bei Mißernten zu Tode hungern, abwechselnd auch an Epidemien zugrunde gehen, zwischendurch mit Vergnügen den Kulak – ihren Dorfwucherer – totschlagen würden und außerdem darauf warten, daß einmal die große Landaufteilung kommt. Und sie wird kommen, der russische Mushik wird zum freien Bauern werden und aus den breiten unberührten Kräften, deren Naivität und Intensität schon heute jeden entzückt, der sie zum Vorschein kommen sieht, – Tolstoi kennt sie, Gorki nicht – wird das große, russische Volk erstehen.

Gegenwärtig existiert kein russisches Volk. Wohl aber eine russische Gesellschaft, die den Charakter des nationalen Lebens ausprägt.

Einst beschränkte sie sich auf den Adel – die Zeiten sind längst vorbei. Heute umfaßt sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe. Die Repräsentantin des modernen Rußlands ist die studierende Jugend, und was ihr entstammt – die Intelligenz! Dieses Wort wurde in Rußland nicht umsonst zu einem soziologischen Begriff; es bezeichnet die Klasse, an die die aktive Entwicklung des Volkes gebunden ist und in der sie sich in politisch-soziale Formen umsetzt. Die russische Intelligenz war Jahrzehnte lang revolutionär; so stand ganz Rußland im Banne der Revolution. In dieser Epoche strömten Weltanschauung, Moral, soziale Energien in dem einen großen Becken zusammen – Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse. Für das Geschlechtsproblem war damals kein Platz. Die freie Liebe existierte höchstens als ein Punkt des sozialistischen Programms. Aber auch ein Punkt, von dem man nicht viel sprach, da man kein Interesse an ihm nahm. Wer in jener Zeit und in jenen Kreisen wirklich ungetraut mit seiner Frau zusammenlebte, stand auf der höchsten Spitze der Entwicklung; auf den Gedanken, in der Liebe tatsächliche Freiheit zu suchen, kam man nicht. Man hatte ja auch gar keine Zeit, die Liebe zu suchen, – – man suchte die Revolution. Sie beanspruchte alle Kräfte; sie verlangte viel. Sie war die stille Frau, der alle Empfindungen zugehörten, ohne Sentimentalität aber voll Innigkeit. Die freie Liebe der Revolutions-Epoche war eine gesetzlich nicht geschützte Einehe, die monogamer gehalten wurde, als manche hochzeitliche Verbindung, vor und hinter welcher der Pope stand. Und, die revolutionäre Bewegung, die damals die gesamte Intelligenz umfaßte, hätte über jeden ihr wütendes Anathema ausgesprochen, der es wagen wollte, gegen ihre so ganz gewöhnliche, so ganz gut bürgerliche, so mehr als bürgerliche Moral zu verstoßen.

Die Revolution ging in Stücke, die revolutionären Parteien zerfielen, lösten sich auf; die Intelligenz zog sich von einer Betätigung zurück, in der es nur, wenn man Glück hatte, ein vergnügtes Ende am Galgen, sonst ein langwieriges und -weiliges Hinvegetieren in Gefängnissen und der Zwangsarbeit gab. Doch die aufgepeitschten Erregungen des nationalen Temperaments ließen sich nicht einfach in die Ecke stellen. An ein stillverlaufendes, gemäßigtes Leben war man nicht gewöhnt; man konnte es auch nicht werden, da die Maßnahmen der Regierung auf keinem sonstigen Gebiet, freie Bahn ließen.

Man suchte nach dem »Neuen«.

Die Organisationen der Anarchisten haben den Vorzug, noch ehe man an Artzibaschew und seinen Ssanin dachte, den Weg dahin gewiesen zu haben. Nachdem der offene revolutionäre Kampf unmöglich geworden war, führten sie die terroristischen Aktionen in das Alltagsleben ein. Man warf Bomben zum Morgenimbiß und machte Expropriationen zum Nachmittagstee – am Abend hing man am Galgen, – eine Tageseinteilung, die auf die Dauer auch den kaltblütigsten Menschen in besondere seelische Schwingungen versetzen kann.

Derartige Vibrationen lösen sich am leichtesten in geschlechtlichen Reizen aus; die terroristischen Gruppen der Anarchisten waren die ersten, in denen die praktische Ausübung der freien Liebe zur Notdurft wurde. Die Nachrichten hierüber verbreiteten sich bald in den Kreisen der russischen Gesellschaft, in der Intelligenz; man sah, daß es Gebiete des täglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar, doch ganz annehmlich waren. Aber niemals hätte man diesem Beispiel zu folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlösende »Wort« für die unbewußten Empfindungen gesprochen worden wäre.

Im Anfang steht das Wort; – wenigstens in Rußland noch immer.

Man tut nichts, was einem nicht schwarz auf weiß ins Haus getragen wird.

Und dieses Wort spricht Ssanin aus, um dieses Wortes willen ist Artzibaschew der charakteristische Vertreter des heutigen Rußland.

Ssanin sieht, daß die revolutionäre Politik keinen persönlichen Nutzen bringt, wie sie auch – gegenwärtig – nicht einmal einen sozialen Zweck nachweisen kann. Daß für ihn weiter der persönliche Nutzen im sexuellen Genuß zu liegen scheint, kommt dabei erst in zweiter Linie in Betracht; – das erste und wichtigste ist wohl, daß in diesem Rußland, wo man bisher nur die eine Wertbemessung kannte – wem anderem gereichen unsere Handlungen zum Guten – endlich einer hinausschreit: Ich lebe für mich. Ich pfeife auf unsere Konstitutionen der Welt, die uns nichts angehen.

Für jeden gesunden Menschen ist in einem Lande, wo die geistige Bewegungsfreiheit vollständig eingeengt ist, die sexuelle Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin nun kommt Ssanin den oben erwähnten sozialen Unterströmungen entgegen und weist ihnen den offenen Weg.

So wurde der Roman Ssanin zum Programm der Gesellschaft. Und als Programm hatte es die ungeheuren Wirkungen, wie vor ihm nur drei Werke: Jewgenii Oniegin, Väter und Söhne, die Kreuzersonate. Die seinen sind noch umfassender und eindringlicher, weil er sich in seinen Gesichtspunkten an weitere Kreise wendet; er hat die Jugend hinter sich.

Ssanin ist sicher für sein Land zu einem der revolutionärsten Werke der Weltliteratur geworden. Wohl noch niemals wurden durch ein Buch in so kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus verändert zum Ausdruck gebracht. Und doch ist der Ssanin gleichzeitig das Buch der Contre-Revolution. Nichts hat in Rußland die sozialrevolutionäre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war, so endgültig der Zersetzung zugeführt, wie Ssanin mit seiner erotischen Suggestion.

Die Freudenfeste, die man in seinem Namen beging, waren die Leichenfeiern der Revolution, und die russische Regierung hätte wohl im Grunde wenig dagegen einzuwenden gehabt, daß die Jubelhymnen der Ssaninisten das letzte Röcheln einer verendenden Empörung übertönten. Doch die Ssaninisten, anscheinend froh, endlich die leidige »Konspirativität«, die traditionelle Geheimniskrämerei, beiseite werfen zu können, hatten damit auch den behutsamen Stolz der vorangegangenen Revolution verloren; sie wälzten sich zu laut, zu lärmend in ihrer Erotomanie. So mußte die Regierung, wohl mehr der Not gehorchend, als dem eigenen Triebe, zur Konfiskation des Buches schreiten, das ihr wie kein anderes Ereignis die Wege geebnet hat.

Immerhin; – die einfachste Wahrheit der Tatsachen hat Artzibaschew für sich. Sein Roman packte so unwiderstehlich, weil sich jeder in ihm leben fühlte. Wer nicht Ssanin ist, ist Jurii oder zum wenigsten Schawrow oder Iwanow. Die Personen sind über den Rahmen der Einzelschicksale hinausgewachsen, sie sind zu Typen ihrer Zeit geworden. Auf ihren Charakteren baut sich nun einmal das gesellschaftliche Leben auf; dadurch werden sie zur Grundlage jeder kulturellen Betrachtung des heutigen Rußland.

Artzibaschew war bisher in Deutschland unbekannt; der Ssanin ist das Werk, welches ihn bei uns einführt! In Rußland gilt er seit langem als einer der prägnantesten Vertreter der »Jungen«, die die psychologische Darstellungsweise mit der Leichtigkeit realistischer Schilderung, hauptsächlich bei Behandlung erotischer Probleme, verbinden. Daß er aber nicht an ein enges Stoffgebiet gebunden ist, hat er in seinen Novellen bewiesen, die mit seinen beiden besten Erzählungen »Millionen« und »Der Tod des Iwan Lande« in deutscher Uebersetzung erschienen sind. André Villard.

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