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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XXIV

Sie kamen auf den Boulevard, schritten ihn herunter und bogen in einen entlegenen Stadtteil ein, auf dessen kahlen Straßen viel mehr Licht schwamm.

Die trockenen Bretter des Bürgersteigs hoben sich deutlich von der schwarzen Erde ab und über ihnen öffnete sich der blasse Himmel, auf dem dunstige Wolkenfetzen zerstreut hingen. Nur hin und wieder funkelte ein Stern. »Hier ist es!« Von Deutz klinkte eine niedrige Pforte auf und verschwand im Augenblick.

Sofort schlug in der Nähe ein alter, heiserer Köter an; dann schrie jemand von einer kleinen Holztreppe herunter: »Sultan, – – Still «

Ein ungeheurer, verwahrloster Hof lag vor ihnen. An seinem einen Ende stand wie mit Kohle hingezeichnet, die stumpfe Masse einer Dampfmühle, auf der sich ein dünner, schwarzer Schornstein traurig zu den fernen Wolken hinaufreckte. Um sie herum lagen schwarze Schuppen. Nirgends war ein Baum zu sehen, nur unter den Fenstern des Seitenflügels stand in einem kleinen Vorgärtchen einsam ein Bäumchen. Dort war ein Fenster geöffnet und ein Garbe grellen Lichts durchdrang die trübe Finsternis und die durchsichtig grünen Blätter.

»Na, das ist ein trostloser Flecken,« meinte Ssanin.

»Die Mühle arbeitet wohl schon lange nicht mehr,« erkundigte sich Jurii.

»Oh ja, die steht schon eine ganze Weile,« antwortete von Deutz. Im Vorbeigehen schaute er in das erleuchtete Fenster und wandte sich dann mit ungewöhnlich zufriedener Stimme zu ihnen:

»Oho, es ist ja schon eine ganze Menge Volk drin.«

Jurii und Ssanin blickten ebenfalls durch das Vorgärtchen hinüber. In dem hellen, fröhlichen Viereck sah man schwarze Köpfe sich bewegen; blauer Tabakdunst schwamm darüber.

Jemand lehnte sich in die Dunkelheit hinaus; die dunkle verschobene Gestalt, der krause Kopf, von einer Gloriole langer Haare umgeben, verdeckte die ganze Oeffnung.

»Wer da? ...« wurde laut gefragt.

»Von uns,« schrie Jurii zurück.

Sie stiegen die Steintreppe hinauf und stießen auf einen Menschen, der ihnen in bereitwilliger Eile die Hände drückte.

»Ich dachte schon, daß Sie werden garnicht mehr kommen ...« sprach er mit stark jüdischem Akzent.

»Ssoloveitschik ... Ssanin,« stellte von Deutz vor und drückte freundlich die kalte, sehr zapplige Hand des Unsichtbaren.

Dieser kicherte verwirrt und schüchtern.

»Sehr angenehm für mich ... Wissen Sie, ich habe doch so viel gehört von Ihnen und sehen Sie, – – – es ist sehr ...« Ssoloveitschik sprach in der Aufregung ganz zusammenhanglos, schob sich dabei nach rückwärts, hörte aber nicht einen Moment auf, Ssanins Hand zu drücken. Mit seinem Rücken stieß er auf Jurii und trat von Deutz auf den Fuß.

»Verzeihen Sie mir gütigst, Alexander Adolphowitsch,« rief er Ssanin verlassend; er klammerte sich jetzt an Deutz an.

Dadurch verwickelten sie sich alle in dem dunklen Flur, sodaß lange Zeit hindurch keiner von ihnen die Tür oder einer den andern finden konnte.

Im Vorzimmer hingen auf Nägeln, die von dem ordnungsliebenden Ssoloveitschik eigens für diesen Abend eingeschlagen waren, Hüte und Mützen. Auf dem Fensterbrett stand eine enge Reihe von Gläsern der verschiedensten Formen, die für den Tee vorbereitet waren. Auch dieses Vorzimmer war schon von Tabaksrauch durchzogen. Bei Licht besehen, stellte sich Ssoloveitschik als ein junger Jude dar, mit schwarzen Augen, krausem Haar, einem schönen mageren Gesicht und verdorbenen Zähnen, die sich jeden Augenblick bei seinem schüchternen, gefälligen Lächeln zeigten.

Die Eintretenden wurden von einem Chor lebhafter und heller Stimmen empfangen.

Jurii erblickte vor allen Karssawina, die am Fensterbrett saß; sofort nahm alles für ihn ein besonderes freudiges Aussehen an, als wenn hier nicht eine Zusammenkunft im dumpfen vollgerauchten Zimmer wäre, sondern ein Frühlingsfest auf einer Waldlichtung.

Sie lächelte ihm verwirrt entgegen.

»Nun meine Herrschaften, nun – – – wir werden wohl sein vollzählig,« rief Ssoloveitschik; er mußte seine kränkliche und unsichere Stimme anstrengen, weil er ihr einen hellen, fröhlichen Klang zu geben versuchte. Beim Sprechen konnte er gewisse sonderbare Handbewegungen nicht unterlassen.

»Sie müssen schon mich entschuldigen, Jurii Nikolajewitsch, ich glaube, daß ich Sie habe angestoßen,« wendete er sich an Jurii; vor Höflichkeit bog er sich ganz auseinander.

»Tut ja nichts.« Jurii ergriff ihn gutmütig an der Hand.

»Alle sind wir nicht! Aber hol sie der Teufel, die andern,« rief ein gutgewachsener, hübscher Student. An seiner breiten, kräftigen Stimme konnte man gleich den sicheren, selbstbewußten Menschen erkennen.

Ssoloveitschik sprang zum Tisch und schellte schleunigst mit einer kleinen Glocke, wobei er selbst, vergnügt über diesen kleinen Scherz, den er seit dem Morgen vorbereitet hatte, lächelte.

»Aber lassen Sie doch das!« erboste sich der Student. »Immer schleppen Sie irgendwelche Dummheiten heran. Diese Feierlichkeit ist doch wirklich überflüssig.«

»Ich habe es nicht, – – – ich wollte ... habe ja nur ...« Ssoloveitschik kicherte verlegen, steckte aber die Glocke sofort in die Tasche.

»Ich glaube, den Tisch rücken wir in die Mitte des Zimmers!« sprach der Student wieder.

»Sofort ... Werde sofort ...« Eilig stürzte sich Ssoloveitschik auf den Tisch und packte ihn in ohnmächtiger Anstrengung am Rande an.

»Aber doch die Lampe ... Werfen Sie die Lampe nur nicht um,« rief Dubowa.

»So beruhigen Sie sich doch. Es ist ja nicht so eilig,« mischte sich der Student wieder ein.

»Lassen Sie mich Ihnen behilflich sein,« schlug Ssanin ihm liebenswürdig vor.

»Aber ich bitte sehr,« sagte Ssoloveitschik so hastig, daß die Worte kaum unterscheidbar ineinander klangen.

Ssanin schob den Tisch in die Mitte des Zimmers und solange er damit zu tun hatte, blickten alle auf seinen Rücken und seine Schultern, deren Linien unter dem dünnen Stoff seiner russischen Bluse leicht hin und her liefen.

»Nun, Hoshijenko, Sie als Initiator des Ganzen haben die Antrittsrede zu halten,« sagte die blasse, farblose Dubowa. Aus ihren klugen, häßlichen Augen ließ sich kaum ersehen, ob sie es ernsthaft meinte oder sich über den breiten Studenten lustig machen wollte.

»Meine Herrschaften,« begann Hoshijenko, indem er seine Stimme anhob. »Sie wissen alle natürlich, aus welchem Grunde wir uns versammelt haben. Deshalb könnten wir eine Einleitung eigentlich entbehren, aber ...«

Ssanin unterbrach ihn lächelnd: »Ich für meine Person weiß leider nicht, warum ich mich versammelt habe. Es hieß so etwas, es würde hier Bier geben ... Uebrigens, die Einleitung will ich gerne entbehren.«

Hoshijenko sah herablassend über die Lampe auf ihn hin und fuhr fort: »Der Zweck unseres Zirkels ist, auf dem Wege gegenseitigen Lesens, der Besprechung des Gelesenen, und dann des selbständigen Referierens ...«

»Wie meinen Sie ... gegenseitigen Lesens,« rief Dubowa dazwischen und es war wieder nicht zu verstehen, ob sie im Ernst fragte oder zum Spott.

Der dicke Hoshijenko errötete etwas.

»Ich wollte sagen ... gemeinsamen Lesens. So ist also der Zweck unseres Zirkels, indem er beiläufig die geistige Entwicklung seiner Mitglieder fördert, die individuellen Anschauungen herauszuarbeiten, um dadurch die Entstehung einer Parteiorganisation auf sozialdemokratischer Grundlage in unserer Stadt in die Wege zu leiten.

»Aha,« schrie Iwanow gedehnt und rieb sich andauernd den Nacken, dicht unter dem Kopfhaar, – »so läuft der Hase.«

»Aber das kommt erst später. Vorläufig wollen wir uns aber keine so weiten ...«

»Oder engen . ..« brach Dubowa wieder in ihrem sonderbaren Ton dazwischen.

»... Aufgaben stellen,« der dicke Hoshijenko tat, als wenn er nicht gehört hätte, »sondern werden mit der Ausarbeitung eines Leseplans beginnen. Was auch, wie ich vorschlagen möchte, die Tagesordnung unserer heutigen Versammlung bilden soll.«

»Ssoloveitschik! ... Und Ihre Arbeiter ... Werden Sie kommen? ...«

»Aber gewiß, ja!« Ssoloveitschik schnellte aus seiner gebückten Stellung in die Höhe, als wenn ihn jemand gebissen hätte und sprang mit seiner Antwort zu Dubowa herüber. »Man ist sie schon holen gegangen.«

»Ssoloveitschik, regen Sie sich doch nicht jedesmal auf. Seien Sie doch ruhig,« bemerkte Hoshijenko in strengem Ton.

»Sie kommen schon,« rief Schawrow, der ernst und aufmerksam fast mit ehrfurchtsvoller Miene den Ausführungen Hoshijenkos zugehört hatte.

Hinter dem Fenster ertönte das Knarren der Pforte und gleich darauf wieder das heisere Bellen des Hundes.

Ssoloveitschik sprang impulsiv mit unverkennbarem Entzücken aus dem Zimmer.

»Sultan, ... still ...« schrie er schrill von der Steintreppe herab.

Man hörte schwere Schritte, Stimmen und Husten.

Ein kleiner Student der technischen Hochschule, der Hoshijenko ziemlich ähnlich sah, nur daß er brünett und häßlich war, trat ein; hinter ihm kamen verwirrt und ungeschickt zwei Arbeiter. Ueber ihre schmutzigen roten Hemden hatten sie Jacken gezogen; ihre Hände sahen schon von weitem geschwärzt aus.

Der eine von ihnen war hoch gewachsen, hager mit bart- und blutlosem Gesicht, auf dem die langjährige Unterernährung, die ewige Sorge und der tief in die Seele eingepreßte Grimm unverwischbare Furchen gezogen hatten. Der andere sah wie ein Athlet aus, war breitschultrig, kraushaarig und schön; er machte den Eindruck eines Bauernburschen, der zum ersten Mal in die fremden städtischen Verhältnisse, in denen ihm zunächst noch alles lächerlich vorkommt, untergetaucht war. Hinter ihnen schlüpfte, sich mit der Seite voranschiebend, Ssoloveitschik durch.

»Meine Herrschaften, nun ...« wollte er feierlich beginnen.

Wie gewöhnlich fiel ihm Hoshijenko nervös ins Wort:

»Aber lassen Sie doch!« Dann fuhr er selbst fort: »Guten Abend, Genossen.«

Der Technologe übernahm sofort die Vorstellung: Erlauben Sie, hier Piszow und dies Kudriawi.«

Schwer und vorsichtig schritten die beiden Arbeiter durch das Zimmer und schüttelten verlegen die Hände, die ihnen von den meisten Anwesenden mit besonderer Zuvorkommenheit entgegengereicht wurden.

Piszow, der Bauer, lächelte unentschlossen und Kudriawi – er war mager und blaß – machte mit dem langen, dünnen Hals Bewegungen, als wenn er an dem engen Hemdkragen ersticken müßte.

Dann setzten sie sich nebeneinander ans Fenster zu Karssawina, die auf dem Fensterbrett hockte.

»Aber warum ist denn Nikolajew nicht gekommen? ....« fragte unzufrieden Hoshijenko.

»Nikolajew konnte nicht!« antwortete zuvorkommend Piszow.

»Nikolajew ist besoffen wie ein Stint,« fiel ihm düster und abgerissen Kudriawi ins Wort, wobei er eigentümlich nervös mit dem Hals zuckte.

»Ah so, ... so ...« Hoshijenko nickte ungeschickt mit dem Kopf. Unwillkürlich erschien Jurii Swaroschitsch diese Bewegung widerwärtig, und von diesem Augenblick an sah er in dem Studenten seinen persönlichen Feind.

»Also wählte er den besseren Teil,« bemerkte Iwanow in tiefem Nachdenken. Der Hund schlug im Hofe an.

»Noch einer,« sagte Dubowa.

»Wenn nicht zu guter Letzt die Polizei ...« meinte mit gemachter Nachlässigkeit Hoshijenko.

»Das würde Ihnen wohl ganz gut in den Kram passen, wenn es die Polizei wäre,« versetzte sofort Dubowa.

Ssanin blickte auf ihre intelligenten Augen, die aus ihrem häßlichen Gesicht interessiert hervorsprangen. Sie nicht allein verfeinerten es; auch der helle Zopf, der über die Achsel auf die Brust geworfen war, umrahmte es sehr niedlich von der Seite ... Welch ein famoses Mädchen, dachte Ssanin, ohne die Augen von ihr abzuwenden.

Ssoloveitschik wollte wieder in die Höhe fahren, erschrak aber rechtzeitig und tat, als ob er auf dem Tisch nach einer Zigarette suchte. Aber Hoshijenko, der wie gespitzt auf jede seiner Bewegungen zu lauern schien, hatte es auch diesmal wieder bemerkt und machte eine abweisende strenge Geste, durch die seine Antwort auf Dubowas Einwurf abgelenkt wurde. Ssoloveitschik klappte unter ihr plötzlich zusammen; ihm schien das Verständnis aufzudämmern, daß sein einfacher Wunsch, allen Menschen zu helfen und gefällig zu sein, bei weitem keine so schroffe Zurückweisung verdiente.

»Vielleicht kümmern Sie sich nicht in einem fort um Ssoloveitschik,« rief Dubowa zu Hoshijenko herüber. »Seien Sie doch ruhig.«

Rasch und lärmend trat Nowikow ins Zimmer.

»Nun, da bin ich,« bemerkte er mit freudigem Lächeln.

»Das konstatieren wir,« Ssanin nickte ihm zu.

Nowikow lächelte verlegen und flüsterte ihm beim Händedruck eilig und wie zu seiner Rechtfertigung ins Ohr:

»Lydia Petrowna hat Besuch bekommen.«

»Na, sollen wir uns auch weiterhin mit Privat-Unterhaltungen unterhalten,« fragte wütend der Technologe.

»Beginnen wir doch meinetwegen!«

»Hatten Sie denn noch garnicht begonnen?« erkundigte sich Nowikow erfreut, während er den Arbeitern, die eilig vor ihm aufgestanden waren, die Hände drückte.

Es war ihnen peinlich, daß ihnen der Arzt, der sie im Krankenhaus von oben herab behandelte, jetzt die Hand als Genosse reichte.

»Ja, mit Ihnen soll einer anfangen,« zischte Hoshijenko unangenehm durch die Zähne. Dann fuhr er fort:

»Also, meine Herrschaften, uns allen wäre es natürlich erwünscht, unsere Weltanschauung zu erweitern. Da wir nun glauben, daß die beste Möglichkeit der Selbstentwickelung und Selbstbildung durch systematisches, gemeinsames Lesen und durch Gedankenaustausch über das Gelesene gegeben wird, so haben wir beschlossen, einen kleinen Zirkel zu bilden ...«

»So ...« Piszow atmete begeistert auf und ließ seine freudig glänzenden Augen über alle Köpfe gleiten.

»Die Frage dreht sich nur noch darum, was wir jetzt lesen sollen. Vielleicht ist jemand bereit, ein Programm vorzuschlagen.«

Schawrow zupfte an seiner Brille herum, dann erhob er sich langsam, ein Heft in der Hand.

»Ich glaube,« begann er mit trockener, langweiliger Stimme, »daß wir unser Lesen unbedingt in zwei Teilen zerlegen müssen, wie? Es ist unzweifelhaft, daß sich jede Bildung aus zwei Teilen zusammensetzt, aus der Kenntnis des Lebens, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, und der Kenntnisse der Lebensvorgänge als solcher.«

»Schawrow spricht gescheiter,« bemerkte Dubowa.

»Das erstere wird durch das Lesen von Büchern erreicht, die Naturwissenschaften zur Grundlage haben, das zweite durch Lektüre künstlerischer Literatur, und die wird uns mitten in das Leben einführen.«

Dubowa konnte nicht zur Ruhe kommen: »Wenn wir so langsam weitersprechen, schlafen wir alle ein.« In ihren Augen leuchtete zärtlicher Spott wie ein lustiges Feuer auf.

»Ich bemühe mich, so zu sprechen, daß mich alle verstehen können, wie?« erwiderte Schawrow sanftmütig.

»Nun, Gott mit. Ihnen, sprechen Sie schon, wie Sie wollen.« Dubowa machte eine wegwerfende Handbewegung. Auch Karssawina lachte zärtlich über Schawrow und warf vor Lachen den Kopf so weit in den Nacken zurück, daß sich ihr voller, weißer Hals zeigte.

»Ich habe ein Programm zusammengestellt, aber vielleicht würde es langweilig sein, es vorzulesen. Darum möchte ich zunächst vorschlagen – zu – lesen: Der Ursprung der Familie von Engels, und daneben: Darwin, und als Belletristisches: Tolstoi.«

»Tolstoi gewiß.« Zum ersten Mal beteiligte sich von Deutz, der bis dahin, nur neugierig auf alles starrend, Zigaretten geraucht hatte, an der Diskussion. Auch jetzt zündete er sich, sehr befriedigt von seinem Einwurf, eine neue Zigarette an.

Schawrow wartete, Gott weiß warum, bis die Zigarette in Brand gesetzt war, dann fuhr er methodisch fort:

»Tschechow, Ibsen, Knut Hamsum ...«

»Aber das hat man doch schon längst gelesen!« Karssawina war sehr erstaunt. Jurii lauschte mit Freude ihrer klingenden Stimme und schloß sich ihr sofort an:

»Selbstverständlich! Schawrow vergißt ganz, daß er hier nicht bei seinen Sonntagsvorlesungen ist. Und dann, was ist das für eine komische Zusammenstellung: Tolstoi und Hamsum.«

Schawrow führte ruhig und weitschweifig einige Einwände zur Verteidigung seines Programms an, aber keiner konnte verstehen, was er eigentlich sagen wollte.

»Nein,« widersprach ihm Jurii laut und entschieden, während er den Blick Karssawinas ganz besonders auf sich ruhen fühlte und darüber froh wurde. »Ich kann da nicht zustimmen.«

Nunmehr entwickelte er seinen Standpunkt, und je länger er sprach, um so mehr gab er sich Mühe, Karssawinas Beifall zu erringen. Er spürte, daß es ihm gelang. Schonungslos schlug er auf Schawrow auch in solchen Punkten los, in denen er sonst mit ihm einverstanden gewesen wäre.

Der dicke Hoshijenko setzte sofort, nachdem Jurii geendet hatte, mit scharfem Widerspruch ein. Er hielt sich für gebildeter, intelligenter und vor allem für einen besseren Redner als die anderen, im Grunde hatte er diesen Zirkel nur gegründet, weil er hoffte, so eine erste Rolle zu spielen. Der Beifall, den Jurii fand, berührte ihn unangenehm und zwang ihn, sofort gegen ihn aufzutreten. Die Ansichten Juriis waren ihm vorher nicht bekannt gewesen, und er war daher nicht fähig, sie in vollem Umfange zu bekämpfen. So griff er nur die schwachen Stellen heraus und stürzte bissig auf sie los. Ein langer Streit, von dem offenbar das Ende garnicht vorauszusehen war, schloß sich an. Der Technologe, Iwanow, Nowikow ergriffen ebenfalls das Wort; bald leuchteten durch den Tabaksrauch aufgeregte Gesichter. Die Worte verwickelten sich in ein unentwirrbares, formloses Chaos, in dem man fast nichts mehr herausfinden konnte.

Dubowa war in Nachdenken versunken; schweigend sah sie in das Feuer der Lampe und Karssawina, die auch auf nichts mehr hinhörte, öffnete ihr Fenster zum Vorgärtchen und starrte sinnend, die straffen Arme auf der Brust verschränkt, den vollen Nacken gegen den Fensterrahmen gelehnt, durch die nächtliche Finsternis.

Zuerst konnte sie nichts erkennen, aber allmählich traten aus dem schwarzen Dunkel die trächtigen Bäume, der beleuchtete Vorgartenzaun und weiter hinten ein trüb schwankender Lichtfleck, der über das Gras auf den Fußpfad glitt, deutlich heraus. Der weiche, elastische Wind umgab ihr Schultern und Nacken mit kühlen Strichen, – leise bewegte er zarte, einzelne Härchen an ihrer Schläfe. Karssawina hob den Kopf und unterschied in der allmählich klarer werdenden Finsternis den unaufhörlichen, eigenartig gespannten Zug dunkler Wolken. Sie dachte über Jurii, über ihre Liebe nach und glückliche schwere Gedanken erfüllten mit liebkosender Erregung ihr Hirn. Es war so schön, hier zu sitzen, sich mit dem glühenden Körper der Nacht hinzugeben und dabei mit ganzem Herzen der einen aufreizenden Männerstimme zuzuhören, die für sie ganz besonders laut aus dem allgemeinen Gewirr herausklang.

Im Zimmer herrschte unterdessen ununterbrochenes Lärmen; es stellte sich immer klarer heraus, daß jeder einzelne sich für gebildeter und intelligenter hielt, und die anderen zu belehren suchte. Darin lag ein schwerer, aufpeitschender Vorwurf, der selbst die Friedfertigsten erbitterte.

»Ja, wenn wir es von der Seite nehmen, dann müssen wir auf den Urgrund aller Ideen zurückgehen.« Jurii schrie es mit hartnäckiger Anstrengung, – einen gleichen hartnäckigen Glanz in den Augen. Er fürchtete, in Gegenwart Karssawinas, nur einen Schritt von seiner Meinung zurückweichen zu müssen. Er wußte nicht, daß sie ganz allein auf seine Stimme hörte, ohne auch nur einen Augenblick auf den Inhalt seiner Worte zu achten.

»Was sollen wir denn dann Ihrer Meinung nach lesen?« fragte Hoshijenko spöttisch.

»Meiner nach? ... Nun, Confucius, das Evangelium, den Ecclesiast ....«

Hoshijenko lächelte schadenfroh; dachte aber garnicht daran, daß er bisher noch kein einziges dieser Bücher gelesen hatte.

»Aber was wollen Sie denn? ... Das geht doch nicht, wie?« meinte Schawrow gedehnt.

»Die Psalter und das Leben der Heiligen ... nur los!« bemerkte ironisch der Technologe.

»Wie in der Kirche,« kicherte Piszow.

Jurii wurde vor Wut dunkelrot.

»Ich scherze nicht. Wollen Sie logisch sein ...«

»Und was erzählten Sie vorhin über Christus? ...« fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort.

»Was ich gesagt habe? ... Wenn man an das Studium des Lebens herangeht, so, – – so will man sich eine bestimmte Weltanschauung bilden, um die gesamten Beziehungen zwischen sich und den Menschen zu klären. Dann ist doch wohl das Richtigste: zunächst hält man sich bei der titanischen Arbeit jener Menschen auf, die die besten Repräsentanten des Menschengeschlechts waren. Sie haben ja in ihrem eigenen Leben alles getan, um die verschiedensten Zusammenhänge in der menschlichen Gesellschaft von den einfachsten bis zu den kompliziertesten, zu prüfen und festzustellen.«

Hoshijenko, der die ganze Zeit über wie gespannt saß, fiel ihm jetzt gewaltsam ins Wort: »Bitte sehr, ich erkläre mich damit durchaus nicht einverstanden. Bitte, ich kann das unter keiner Bedingung zugeben.« Nowikow überschrie ihn: »Aber ich bin ganz derselben Meinung. Sehr richtig war das.«

Wieder entstand ein sinnloser, brutaler Wirrwarr der Reden, in dem man weder Anfang noch Ende einer Ansicht herausfinden konnte.

Ssoloveitschik, der sofort, als die anderen zu sprechen begannen, sich schweigend in die Ecke gesetzt hatte, achtete intensiv auf jedes Wort. Zuerst lag auf seinem Gesicht ungeteilte Aufmerksamkeit, die in ihrem Ernst fast kindlich wirkte. Dann schärfte sich in seinen Mienen mehr und mehr der Zug voller Verständnislosigkeit und innigen Leides.

Ssanin schwieg, trank Tee und rauchte. Man konnte Aerger und Langeweile aus ihm herauslesen. Als nun gar gehässige Nuancen das wirre Geschrei durchtönten, erhob er sich, drückte seine Zigarette aus und sagte:

»Ja, wißt ihr, Herrschaften, eure Geschichte hier wird mit der Zeit langweilig.«

»Wirklich. Von ganzem Herzen langweilig,« unterstützte ihn Dubowa.

»Oh Eitelkeit aller Eitelkeiten, Qual für den Geist!« sprach Iwanow in einem Ton, als ob er diese Phrasen die ganze Zeit auf der Zunge gehabt und nur auf die Gelegenheit gewartet hätte, sie anzubringen.

»Und weshalb finden Sie das,« fragte wütend der brünette Technologe.

Ssanin schenkte ihm keine Aufmerksamkeit und wendete sich an Jurii: »Glauben Sie ernsthaft, daß man sich nach irgend welchen Büchern eine gewisse Weltanschauung aufbauen könne?«

»Aber gewiß!«

»Ganz im Gegenteil. Wenn dem so wäre, müßte man ja die ganze Menschheit auf eine Form bringen können. Man brauchte ihr nur Bücher von einer Richtung zu lesen geben. Nein, die Weltanschauung wird nur vom Leben selbst gestaltet. In dem ist die Literatur und selbst das menschliche Denken ein verschwindender Teil. Die Weltanschauung ist keine Theorie des Lebens. – – Nein, gewiß nicht! Ganz allein die – nun, warten Sie, – die Stimmung der einzelnen Persönlichkeit. Und diese Stimmung wird so oft wechseln, solange der Mensch seine lebende Seele besitzt. Folglich kann es überhaupt nicht eine singuläre, abgeschlossene Weltanschauung geben, für die sie so energisch eintreten könnten.«

»Aber wieso denn nicht,« rief Jurii empört. Wieder trat auf das Gesicht Ssanins der Ausdruck von Langeweile.

»Natürlich nicht. Wenn eine Weltanschauung als fertige Theorie möglich wäre, so müßte ja unser Denken völlig zum Stillstand kommen. Aber das gibt es ja garnicht. Jeder Augenblick unseres Daseins schreit uns sein neues, eigenes Wort ins Ohr und auf dieses Wort muß man hören, ohne sich vorher durch Begrenzungen festzulegen. – – Wozu übrigens darüber diskutieren,« fiel er sich plötzlich, über seine Interessiertheit erstaunt, selbst in die Rede. »Denken Sie, was Sie wollen. Doch nur noch eins möchte ich Sie fragen. Warum haben Sie sich denn, – Sie haben doch wahrscheinlich schon hunderte von Büchern gelesen, vom Ecclesiast bis auf den Marx – noch keine Weltanschauung gebildet.«

»Ich hätte mir keine gebildet? ...« Jurii fühlte sich tief verletzt. »Bitte, ich habe schon eine. Vielleicht ist sie falsch, aber feststehend ist sie.«

»Ja, was wollen Sie sich dann eigentlich hier noch anschaffen? ...«

Piszow kicherte. »Eh, du!« herrschte ihn verachtungsvoll Kudriawi an, drohend den Hals anreckend.

Mit naivem Entzücken starrte Karssawina jetzt auf Ssanin, – – – wie klug er doch ist, dachte sie.

Sie verglich ihn mit Swaroschitsch; ihren ganzen Körper durchwühlte ein schamhaftes, frohes Gefühl, das ihr aber nicht bewußt wurde. Als wenn sich diese beiden nicht aus allgemeinen Gründen stritten, sondern nur, um vor ihr zu glänzen.

»Also ... am letzten Ende zeigt sich ... Ihr habt euch hier alle ohne jede innere Notwendigkeit versammelt. Ich verstehe auch das! Es ist ganz klar. Einer will nur den andern zwingen, seine Ansichten anzuerkennen und anzunehmen; dabei fürchtet jeder, daß man ihn selbst überreden könnte. Offen gestanden, Herrschaften, das ist öde und platt.«

»Erlauben Sie mal,« schrie Hoshijenko.

»Nein. Sie glauben hier die allerherrlichste Weltanschauung zu haben, sicher haben Sie auch in Ihrem Leben eine Menge von Büchern in der Hand gehabt. Und doch regen Sie sich darüber auf, daß nicht alle so denken, wie Sie. Außerdem verletzten Sie noch vorhin ein paar Mal den Genossen Ssoloveitschik, der Ihnen absolut nichts zuleide getan hatte.«

Hoshijenko schwieg verwundert, als ob ihm etwas ganz Unerhörtes gesagt worden wäre.

»Jurii Nikolajewitsch,« fuhr Ssanin lustig fort, »seien Sie mir nicht böse, wenn ich Ihnen vorhin etwas derb gekommen bin. Ich sehe, daß in Ihnen tatsächlich ein Zwiespalt vorgeht.«

Jurii errötete; er war unsicher, ob er sich verletzt fühlen müsse oder nicht. »Wieso? ... Weshalb ein Zwiespalt? ...« Ebenso wie auf dem Herwege berührte ihn auch jetzt die zärtliche, beruhigende Stimme Ssanins angenehm.

»Das wissen Sie doch selbst,« erwiderte ihm Ssanin lächelnd. »Und auf dieses kindische Unternehmen hier, da, wirklich, da muß man einfach spucken; sonst läßt man es sich tatsächlich noch zu nahe gehen.«

»Hören Sie mal,« schrie Hoshijenko wieder tief errötend. »Sie erlauben sich aber zu viel.«

»Weniger als Sie.«

»Was – als ich?«

»Denken Sie nur,« sagte Ssanin lustig. »In jedem Ihrer gehässigen Worte liegt sicher viel mehr Grobheit und Taktlosigkeit, als in einem vergnügten von mir.«

»Ich verstehe Sie nicht!«

»Das ist nicht meine Schuld.«

»Was?«

Ohne zu antworten, nahm Ssanin den Hut und sagte: »Ich gehe fort. Das wird wirklich zu uninteressant.«

»Eine gute Tat. Und Bier gab es auch nicht mal,« stimmte ihm Iwanow bei und ging ins Vorzimmer hinaus.

Dubowa stand ebenfalls auf: »Ja, aus der Sache wird wohl nichts werden.«

»Kommen Sie mit, Jurii Nikolajewitsch?« wendete sich Karssawina an diesen. »Auf Wiedersehen,« sie reichte Ssanin die Hand. Für eine Minute trafen sich ihre Blicke, unwillkürlich wurde sie betroffen.

Beim Fortgehen sagte Dubowa: »Der Zirkel ist verwelkt, bevor er geblüht hat.«

»Aber warum denn nur,« fragte traurig und ratlos Ssoloveitschik, der allen wie ein Pfahl im Wege stand.

Erst in diesem Augenblick erinnerte man sich an ihn; der sonderbare Ausdruck seines Gesichts fiel ihnen auf.

»Hören Sie, Ssoloveitschik,« sagte nachdenklich Ssanin. »Ich möchte einmal zu Ihnen kommen. Mich mit Ihnen ein bißchen persönlich unterhalten.«

»Ich bitte recht sehr ...« Ssoloveitschik verbeugte sich hocherfreut.

Auf dem Hofe schien es nach der Helle des Zimmers so dunkel, daß man die Nebenstehenden garnicht bemerken konnte, man hörte nur laute Stimmen um sich.

Die Arbeiter gingen abseits von den anderen. Als sie schon in der Finsternis untergetaucht waren, sagte Piszow:

»So geht's doch ein für alle Mal. Ich möchte mal sehn, ob's nicht immer dasselbe ist. Da laufen die Herrschaftens nun zusammen und wollen ne Sache machen. Und was? ... Jeder will's in seine Hände kriegen. Aber dieser gesunde Kerl da, der, der da immer zuletzt red'te, Donnerwetter, der macht Laune.«

»Na, du hast auch 'ne Ahnung, wenn gebildete Leute unter sich zu reden haben,« erwiderte Kudriawi und drehte wieder seinen Hals als wenn er einen Erstickungsanfall bekäme. Seine Stimme war stumpf und erbittert.

Piszow pfiff selbstsicher und spöttisch.

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