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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XXIII

Der Abend war dunkel und dumpf. Ueber den Wipfeln der schwarzen, versteinerten Bäume drängten in schweren Klumpen Wolken dahin, von einem Ende des Himmels bis zum andern, schnell, als wenn sie einem unsichtbaren Ziel zueilen müßten. In ihren grünlichen Lücken tauchten blasse Sterne auf und nieder. Der Himmel quoll über von unaufhörlicher, unheimlicher Bewegung; auf der Erde kauerte alles in gespannter Erwartung.

In dieser Stille hörten sich die Stimmen streitender Menschen so widerwärtig schrill und zänkisch an, wie das Kläffen kleiner, unruhiger Köter.

»Wie dem auch sei,« stieß, mit den langen Beinen wie ein Storch stolpernd, von Deutz hervor. »Aber das Christentum hat der Menschheit als einzige volkstümlich humanitäre Lehre einen unvergänglichen Reichtum gegeben.«

»Was Sie nicht sagen,« erwiderte Jurii, der hinter ihm ging, mit einer hartnäckigen Kopfbewegung, während er zornig auf seinen Rücken blickte. »Im Kampfe gegen die tierischen Instinkte hat sich das Christentum ebenso unzulänglich gezeigt, wie alle and – – –«

»Wieso denn gezeigt? ...« rief voll Empörung von Deutz. »Die ganze Zukunft liegt frei vor dem Christentum. Und dann von ihm wie von einer abgetanen Sache sprechen.– – – «

»Das Christentum hat keine Zukunft,« fiel ihm Jurii mit grundloser Erbitterung ins Wort. »Wenn das Christentum die Menschheit nicht in der Zeit seiner höchsten Entwicklung unterjochen konnte, wenn es nur einem Haufen Schurken in die Hände geraten konnte, die es als Werkzeug ihrer frechen Betrügereien gebrauchten, dann ist es jetzt, wo bereits das Wort Christentum abgeschmackt klingt, doppelt lächerlich und komisch, irgend ein Wunder seiner Erneuerung abzuwarten. Die Geschichte verzeiht niemals. Was einmal von der Bühne herunter ist, kommt niemals wieder herauf.«

Der hölzerne Bürgersteig war unter den Füßen kaum sichtbar. Ging man unter den Bäumen, war überhaupt nichts mehr zu erkennen, auch die Stimmen machten, weil man keine Gesichter unterscheiden konnte, einen unnatürlichen Eindruck. Stieß einer oder der andere gegen einen Straßenpfosten, so wurde seine Stimme sofort noch aufgeregter und wütender.

»Das Christentum von der Bühne fort?..« tief von Deutz. In seinem Ton klang übertriebenes Staunen und Entrüstung.

»Natürlich! Weg,– – einfach weg,« beharrte Jurii. »Sie tuen so erstaunt, als wenn man das gar nicht ausdenken dürfe. Wie der Mosesglauben zur rechten Zeit von der Szene abgetreten ist, wie Buddha und die hellenischen Götter für uns nicht mehr leben, so ist auch Christus gestorben. Das Gesetz der Evolution ... was erschrecken Sie denn davor! Sie glauben doch wohl nicht an die Göttlichkeit seiner Lehre.«

»Selbstredend nicht,« fauchte verletzt von Deutz. Er antwortete weniger auf die Frage als auf den verletzenden Ton Juriis.

»Wollen Sie also wirklich die Behauptung aufstellen, daß der Mensch ein ewiges Gesetz schaffen kann?« ... dieser Idiot, dachte er im stillen weiter. Die unerschütterliche Sicherheit, daß dieser Mensch niemals imstande sein würde, das, was für ihn selbst so tagesklar und einfach war, zu verstehen, die angenehme Empfindung, daß jener dümmer sei, verband sich im Kopfe Juriis unsinnigerweise mit dem wütenden Verlangen, ihn unter allen Umständen zu überzeugen und umzustimmen.

»Zugegeben, daß dem selbst so wäre,« erwiderte dieser jetzt ebenfalls erbittert. »Aber das Christentum ist nun einmal zur Grundlage der Zukunft geworden. Es ist nicht zugrunde gegangen, sondern wie ein jeder Same in den Boden gesunken, – seine Früchte werden...«

»Wer hat denn davon gesprochen – ich nicht,« schrie Jurii, aus dem Konzept gebracht und darüber noch erboster. »Ich wollte sagen...«

»Nein, erlauben Sie bitte,« fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort, er fürchtete wieder die Oberhand zu verlieren. Im Gehen drehte er sich fortgesetzt um und kam dabei stets vom Bürgersteig herunter. »Sie haben grade so gesagt...«

»Wenn ich sage, daß es nicht so war, dann war es eben nicht so... Es ist eigentümlich,« unterbrach ihn Jurii seinerseits. Er empfand einfachen, bitteren Haß, bei dem Gedanken, daß dieser Dummkopf von Offizier einen Augenblick glauben konnte, er wäre der Intelligentere. »Ich wollte sagen ...«

»Nun, mag sein. Verzeihen Sie bitte, daß ich Sie nicht richtig verstanden habe.« Von Deutz zuckte mit nachsichtigem Lächeln seine schmalen Achseln; es sollte heißen, daß er Jurii für zurückgeschlagen halte, und daß alle Entgegnungen nichts anderes mehr sein würden, als eine verspätete Retirade.

Jurii begriff das und fühlte sich dadurch so furchtbar gekränkt, daß sich seine Kehle zuschnürte.

»Ich will gar nicht die ungeheure Bedeutung des Christentums leugnen.«

»Dann widersprechen Sie sich,« verschluckerte sich von Deutz mit neuem triumphierendem Entzücken. Es war ihm durchaus klar, daß Jurii unendlich dümmer wäre, als er und daß er augenscheinlich nicht annähernd das wußte, was in seinem Hirne so harmonisch aufgestapelt war.

»Das kommt Ihnen so vor, daß ich mir widerspreche. Aber tatsächlich gerade im Gegenteil, ... mein Gedanke ist ganz logisch. Ist nicht meine Schuld, wenn Sie ... mich nicht verstehen wollen,« rief Jurii mit verletzender Schärfe, durch die er das Gefühl des Leidens in sich unterdrücken wollte. »Ich sagte vorher und das sage ich auch jetzt, ... das Christentum ist ein durch und durch wiedergekäuter Stoff, und von ihm, so wie er ist, hat man keine Ernährung zu erwarten.«

»Nun ja ... Aber, wollen Sie denn den wohltuenden Einfluß des Christentums leugnen. ... Das heißt, daß es einfach zur Grundlage wurde ...« Auch von Deutz erhob seine Stimme, mit hilfloser Eile suchte er seine weiteren Schlüsse, die ihm bei dieser Wendung des Gesprächs zu entgleiten drohten, wieder einzufangen. »Das leugne ich gar nicht!«

»Aber ich leugne es!« mischte sich plötzlich Ssanin, der die ganze Zeit schweigend hinter ihnen herging, lächelnd ins Gespräch. Seine Stimme war leicht und ruhig und schnitt eigentümlich in den wirbelnden, ätzenden Ton des Streites ein.

Jurii schwieg. Er fühlte sich durch diese kühle Stimme und den offensichtlichen Spott, der aus ihr herausklang, verletzt; aber er fand kein Wort zur Entgegnung. Für ihn war es stets peinlich und unbequem, mit Ssanin zu streiten, – als wenn all die Worte, welche er gewöhnlich brauchte, bei Ssanin nicht am richtigen Platz waren. Dann fühlte er sich, als müßte er eine Mauer umstürzen, während seine Füße auf glattem Eis standen.

Von Deutz konnte nicht schweigen. In seiner Erregung über den unerwarteten Angriff stolperte er und klirrte schrill mit den Sporen; dazwischen schrie er mit sich überschlagender Stimme: »Aber warum denn das, wenn ich fragen darf?«

»Ganz einfach – – – so,« erklärte Ssanin mit unfaßbarem Unterklang.

»Wie denn so?... Wenn man solche Behauptungen aufstellt, muß man sie auch beweisen.«

»Wozu hätte ich es nötig, sie zu beweisen?«

»Was heißt das: ... wozu? ...«

»Gar nichts habe ich zu beweisen. Es ist meine Ueberzeugung; aber Sie zu überzeugen, fehlt mir der geringste Wunsch. Es hätte auch keinen Zweck.«

»Wenn man in dieser Weise urteilen will,« sagte Jurii zurückhaltend, »so könnte man wohl die ganze Literatur zum alten Eisen werfen.«

»Aber nicht im geringsten! Die Literatur, nein, das ist eine wichtige und interessante Sache.

Die Literatur, – – ja, nämlich die, die ich so bezeichne, die ist nicht dazu da, mit jedem dahergelaufenen Kopfwackler zu polemisieren. Der selbst nichts zu tun hat, und nur alle Menschen mit seiner Klugheit breitschlagen möchte. Sie baut das ganze Leben um, dringt von Generation zu Generation in das Blut der Menschheit hinein. Wenn man die Literatur vernichten wollte, würden im Leben viel Farben verbleichen.«

Von Deutz blieb stehen, ließ Jurii vorbeigehen, und als Ssanin neben ihn kam, sagte er zu ihm:

»Nein, bitte, die Idee, die Sie da eben streifen, interessiert mich aufs äußerste.«

»Mein Gedanke ist sehr einfach. Wenn Sie durchaus wollen, will ich ihn Ihnen klar machen. Meiner Meinung nach hat das Christentum in der Geschichte eine traurige Rolle gespielt. In der Zeit, als die Menschheit ihr Dasein nicht mehr ertragen konnte und nur wenig daran fehlte, daß alle Demütigen und Unglücklichen zur Vernunft kämen und mit einem Stoß die ganze unerträgliche und ungerechte Ordnung der Dinge zerschlagen hätten, – – – einfach alles vernichteten, was sich von fremdem Blute nährt, ja, gerade in dieser Zeit erschien das stille, demütige, viel verheißende Christentum. Es verurteilte den Kampf, versprach innere Seligkeit, säuselte die Menschen in einen sanften Schlummer ein, brachte eine Religion des ›Nicht dem Bösen mit Gewalt widerstehen‹, nun kurz ausgedrückt, ließ den ganzen Dampf ab. Die gewaltigen Charaktere, die durch den jahrhundertelangen Schmerz zum Kampf erzogen worden waren, gingen wie die blödesten Idioten in die Arena hinab und mit einem Mut, der unendlich bessere Verwendung verdient hätte, zogen sie sich mit eigenen Händen die Haut in Striemen herunter! ... Ihre Feinde haben natürlich garnichts Besseres gewünscht. Und jetzt sind wieder Jahrhunderte nötig, es muß wieder unendliche Versklavung und Knebelung kommen, um die Empörung in Schwung zu bringen. Der menschlichen Persönlichkeit, die zu wild war, um zum Sklaven zu werden, zog das Christentum ein Bußhemd über und verbarg darunter alle Farben des freien menschlichen Geistes ... Die Starken, die sofort im Augenblick ihr Glück in ihre Hände nehmen konnten, hat es betrogen, den Schwerpunkt ihres Lebens in irgend eine Zukunft verlegt, in den Traum an etwas nicht Existierendes, an etwas, das keiner von ihnen jemals erblicken kann... Und alle Schönheit des Lebens verschwand dadurch: Der Stolz, die freie Leidenschaft, die Willenskraft, und nur die Pflicht ist übrig geblieben und dann, – der unsinnige Traum an das kommende goldene Zeitalter, golden natürlich für die anderen. Ja, das Christentum hat eine häßliche Rolle gespielt und der Name Jesu Christi wird noch lange wie ein Fluch auf der Menschheit lasten.«

Von Deutz blieb plötzlich stehen und man konnte trotz der Dunkelheit bemerken, wie sich seine langen Arme hoben und senkten.

»Nun wissen Sie – – –« er stammelte in Schreck und Ratlosigkeit.

Auch in Jurii regte sich ein eigenartiges Gefühl. Einerseits schien in Ssanins Worten nichts Besonderes zu liegen, auch konnte ja Ssanin wie Jurii alles aussprechen, was er dachte und für gut hielt. Aber doch wieder legte sich, gleich einem Schatten des »Unbewußten«, ein schwerer Druck auf sein stehengebliebenes Denken. An die Existenz dieser vererbten Furcht hatte Jurii längst vergessen; er kam niemals darauf, sie sich zu vergegenwärtigen. Jetzt empfand er sie um so intensiver; es verletzte ihn.

»Denken Sie denn garnicht an die blutige Messe, die über die Menschheit losgebrochen wäre, wenn sie das Christentum nicht abgewendet hätte,« fragte er Ssanin mit eigentümlich nervösem Grimm.

»Eh,« Ssanin wehrte mit der Hand ab. »Unter dem Deckmantel des Christentums wurden zuerst die Arenen mit Märtyrerblut berieselt, dann tötete man Menschen, steckte sie in Gefängnisse, warf sie in Irrenhäuser, tagaus, tagein, noch jetzt, strömt Blut in solcher Menge,– – kein Weltumsturz wäre imstande, ein größeres Quantum in Fluß zu bringen. Am schlimmsten ist ja, daß die Menschen noch immer jede Verbesserung mit Blut, durch Revolution erkämpfen müssen. Warum stellen sie denn als Grundlage ihrer Existenz die Humanität und Nächstenliebe auf. Eine platte Tragödie, Lüge und Heuchelei kommt da zutage, weder Fisch noch Fleisch. Ich würde jetzt lieber eine Weltkatastrophe als das trübe waschlappig-schleimige Leben von zwei Jahrtausenden kommen sehen!«

Jurii erwiderte nichts. Es war eigentümlich, daß sein Denken sich nicht über dem Sinn der Worte halten konnte, sondern sich stets an die Persönlichkeit Ssanins klammerte. Ihm schien dessen absolute Sicherheit äußerst beleidigend, ja, geradezu unerträglich.

»Sagen Sie bitte,« meinte er plötzlich, ohne daß er selbst erwartet hätte, er würde dem dringenden Verlangen, Ssanin zu verletzen, nachgeben. »Warum sprechen Sie immer in einem Ton, als ob Sie kleine Kinder belehren wollten?«

Von Deutz wunderte sich über Juriis Angriffe, wurde verwirrt und hielt sich für verpflichtet, ein paar begütigende Worte vor sich hinzumurmeln.

»Da haben Sie's,« auch Ssanin war ärgerlich. »Warum sind Sie denn böse?«

Jurii fühlte selbst, daß er ausfallend geworden war und daß er nicht weitergehen dürfe, aber die Erregung, die sich tief in ihm eingefressen hatte und der, bis auf die Nerven nackte Eigensinn rissen ihn fort.

»Ihr Ton ist wirklich unangenehm,« gab er hartnäckig, fast drohend zurück.

»Es ist nun einmal so meine Art zu reden,« meinte Ssanin, trotz des erkennbaren Aergers, doch mit dem Wunsche zu beruhigen.

»Er ist aber nicht überall angebracht! Ich begreife überhaupt nicht, warum Sie immer mit solchem Aplomb auftreten ...«

»Wahrscheinlich in dem Bewußtsein, daß ich klüger bin als Sie,« antwortete Ssanin noch ruhiger.

Jurii blieb, von Kopf bis zu den Füßen durchgehend erzitternd, stehen: »Hören Sie mal,« obgleich man sein Gesicht nicht erkennen konnte, fühlte man, daß es blaß wurde.

»Regen Sie sich doch nicht auf,« Ssanin hielt ihn liebenswürdig zurück. »Ich hatte gar nicht die Absicht, Sie zu beleidigen. Ich habe Ihnen nur meine aufrichtige Meinung gesagt. Und dieselbe Meinung haben Sie von mir, von Deutz hat sie von uns beiden, – – – was wollen Sie, das ist ganz natürlich ...« Ssanins Stimme war so aufrichtig und zart, daß es nur komisch gewesen wäre, mit dem aufgeregten Schreien fortzufahren. Jurii schwieg eine Minute still. Von Deutz, der offenbar die unangenehme Situation für ihn mitempfand, klirrte ernsthaft mit den Sporen und atmete schwer und deutlich.

»Aber ich spreche es doch nicht aus,« sagte Jurii gepreßt.

»Recht schade darum! Ich habe vorhin Ihrer Diskussion mit Deutz zugehört; in jedem ihrer Worte klang ganz handgreiflich und verletzend dasselbe durch. Es handelt sich also nur um die Form. Ich sage frei heraus, was ich denke, und Sie tun es nicht. Das aber wird auf die Dauer uninteressant. Wenn Sie aufrichtig sein wollten, wären Sie viel genießbarer.«

Von Deutz lachte plötzlich kleinlich auf: »Das ist aber originell!« Er verschluckte sich wieder einmal vor Entzücken.

Jurii antwortete nichts. Aber sein Aerger legte sich. Er wurde sogar im Augenblick innerlich froh. Immerhin bedrückte es ihn, daß er schließlich hatte nachgeben müssen; doch das wollte er nicht zu erkennen geben.

Von Deutz war inzwischen mit seinem Entzücken zu Ende gekommen, und erklärte nunmehr gewichtig:

»Auf diese Weise würde es aber zu primitiv hergehen.«

»Müssen Sie denn alles durchaus verwickelt und kompliziert haben? ...«

Von Deutz zuckte die Achseln und wurde nachdenklich.

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