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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XX

Glühender Sommer lag über der Stadt. In den Nächten stieg der helle, runde Mond hoch über dem Himmel, die Luft war warm und dicht und rief, vom Duft der Gärten durchtränkt, mächtige, wirre Wünsche hervor. Am Tage arbeiteten die Menschen, beschäftigten sich mit Politik, Kunst, mit der Durchführung verschiedener Ideen, mit Essen, Baden, Trinken, Sprechen, doch sobald die Hitze nachließ, die ruhig gewordenen Staubmassen sich schwerfällig legten und am dunkeln Horizont hinter dem fernen Wäldchen oder den nahen Dächern der Rand einer runden, rätselhaften Scheibe erschien, die die Gärten mit kühlem geheimnisvollen Licht überschwemmte, dann blieb alles stehen, gleichsam als ob man plötzlich irgendwelche bunte Kleider von sich abwarf, um frei und leicht ein echtes Leben zu beginnen. Und je jünger die Menschen waren, desto freier und voller wurde dieses Leben. Von den Gärten her sprudelten die Triller der Nachtigall, die Gräser von leichten Frauenkleidern erfaßt schwenkten eigenartig ihre Köpfchen, die Schatten wurden tief, in der Luft lag dumpfes Liebeswirren, die Augen blitzten bald auf, bald bedeckten sie sich mit Nebeln, Wangen wurden rosig, Stimmen verlangend und geheimnisvoll haschend, und neues menschliches Leben entstand urplötzlich unter kühlem Mondlicht im Schatten der schweigsamen Bäume, die Kühle atmeten, auf niedergebogenem saftigem Gras.

Auch Jurii Swaroschitsch glaubte, als er mit Schawrow Politik trieb, sich mit Selbstbildungsvereinen und der Lektüre der neuesten Bücher abgab, daß er gerade darin sein echtes Leben und die Auflösung und Klärung aller Zweifel und Unruhen finden müsse.

Aber soviel er auch las und was er auch begann, alles wurde ihm langweilig und niederdrückend; er sah kein Licht in seinem Leben. Ein solches Licht wollte nur in den Augenblicken aufflammen, in denen Jurii sich gesund und kräftig fühlte und in eine Frau verliebt war.

Früher schienen ihm alle jungen und schönen Mädchen gleich interessant; sie erregten ihn auch in gleicher Weise. Aber jetzt begann sich eine einzige abzuheben; sie nahm allmählich alle Farben und Schönheiten für sich allein und stand prächtig und liebenswürdig wie im Frühlingslicht ein Birkenbäumchen am Waldessaum vor ihm.

Sie war sehr schön, von hohem Wuchs, stark und kräftig, bewegte bei jedem Schritt ihre gespannte hohe Brust, trug den Kopf hoch aufgerichtet auf dem schlanken, weißen Hals, lachte hell, sang schön, und obgleich sie viel las, kluge Gedanken und ihre Gedichte liebte, empfand ihr ganzes Wesen doch nur dann volle Befriedigung, wenn sie irgend etwas Anstrengendes vorhatte, sich mit ihrem elastischen Busen gegen etwas stemmen mußte, etwas aus aller Kraft mit den Armen umschließen, mit den Füßen stoßen, lachen, singen und auf kräftige und schöne Männer blicken konnte. Manchmal wenn die Sonne schien, alles Dunkle niederbrechend, oder wenn auf dunklem Himmel der Mond glänzte, wünschte sie sich die Kleider herunterzureißen und nackt auf dem grünen Grase herumzulaufen, sich ins schwarze, schwankende Wasser zu stürzen, jemanden zu erwarten und zu suchen und dann mit einem klangvollen jubelnden Ruf an sich zu locken.

Ihre Anwesenheit erregte Jurii, und zauberte in ihm frische, unausgenützte Kräfte hervor. Vor ihr war seine Sprache farbiger und heller, seine Muskeln wurden kräftiger, sein Herz stärker und sein Denken schärfer. Den ganzen Tag hindurch dachte er nur an sie, des Abends ging er sie zu suchen; und doch verbarg er es auch vor sich selbst. In seiner Seele lag noch etwas, wie ein abgenagter Knochen, der sich der Kraft, die von innen heraus zur Freiheit drängte, in den Weg legte. Jedes Gefühl, das in ihm auftauchte, hielt er fest, um es zu analysieren. Dadurch wurde das Gefühl farblos und fahl und verlor seine Blätter, wie eine Blume im Frost. Wenn er sich danach fragte, was ihn zu Karssawina ziehe, so antwortete er sich, daß es der Geschlechtstrieb sei und weiter nichts. Und obgleich er selbst keinen Grund dafür angeben konnte, rief dieses eckige, harte Wort nachlässige und niederdrückende Verachtung vor sich selbst hervor.

Inzwischen legte sich ein geheimnisvolles Band um sie und wie in einem Spiegel fand sich jede seiner Bewegungen in ihr und ihrer in ihm wieder.

Karssawina versuchte nicht, sich über die geheimen Regungen ihrer Seele klar zu werden. Nur wie von ferne lauschte sie ihnen glücklich, gleichzeitig aber bemüht, sie vor den Anderen geheim zu halten. Es verursachte ihr quälende Unruhe, daß sie nicht alles verstehen konnte, was in Seele und Körper des schönen und jungen Menschen, den sie liebte, vorging. Zeitweilig redete sie sich ein, daß zwischen ihnen keine besonderen Beziehungen beständen; dann brach sie plötzlich in Schluchzen aus, als ob sie einen unersetzlichen Schatz verloren hätte. Auch die Aufmerksamkeit anderer Männer, deren seltsame Blicke sie oft auf sich gerichtet spürte, vermochte sie dann nicht zu trösten. Fast immer blieb sie ihnen gegenüber vollständig gleichgültig. Nur zu Zeiten, wenn sie sicher war, von Jurii geliebt zu werden und unter diesem Gedanken wie eine Braut aufblühte, bemerkte sie, daß sie auf andere besonders aufreizend wirkte; dann wurde sie selbst von den geheimnisvoll gierigen Wünschen in Aufruhr gebracht.

Eine besondere sinnliche Spannung empfand sie, wenn sich ihr Ssanin mit seinen breiten Schultern, ruhigen Augen und den sicheren, kräftigen Bewegungen näherte. Sobald sie sich bei dieser unfaßbaren Erregung ertappte, erschrak sie, hielt sich für schlecht und verdorben, konnte es aber doch nicht unterlassen, Ssanin auch weiter mit Neugierde zu betrachten.

An dem Abend des Tages, an dem Lyda ihr furchtbares Drama durchlebte, trafen sich Jurii und Karssawina in der Bibliothek. Sie grüßten sich einfach; jeder war von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Karssawina suchte sich Bücher aus, während Jurii die Petersburger Zeitungen durchblätterte. Doch traf es sich wieder, daß sie zusammen hinausgingen und so begleitete Jurii Karssawina durch die schon leeren vom Mond beleuchteten Straßen.

In der Luft lag eine ungewöhnliche Stille und nur die Knarre des Nachtwächters drang von der Entfernung gemildert zu ihnen herüber, hin und wieder auch hinter den Häusern hervor das Belfern eines kleinen Hundes.

Am Boulevard stießen sie auf eine Gesellschaft, die im Schatten der Bäume saß. Von ihr schallten lebhafte Stimmen zu ihnen her, die Feuerchen von Zigaretten glimmten einen Augenblick auf und zeigten Schnurrbärte und rote Gesichter. Als sie bereits vorbeigegangen waren, hörten sie eine helle, fröhliche Männerstimme ein Lied beginnen: Das Herz der Schönen ist ein Hauch im Felde ...

Dicht bei dem Hause, in dem Karssawina wohnte, setzten sie sich auf eine Bank, die an einem fremden Tore stand. Aus seinem tiefen Schatten heraus hatten sie jetzt die breite vom Mondlicht gleichmäßig beschienene Straße bis zu einer weiß schimmernden Kirchenkuppel vor sich liegen. Dort hinten schwankten breite Linden, die das leuchtende Bild in einen dunklen Rahmen spannten; über ihnen funkelte kühl wie ein Stern das goldene Kirchenkreuz gegen den Himmel.

»Sehen Sie, wie schön,« sagte Karssawina gedehnt und wies mit der Hand durch die Luft.

Jurii warf verstohlen einen entzückten Blick auf ihren weißen Oberarm, der weich durch die kurzen Aermel der kleinrussischen Bluse blickte; er hatte das unbändige Verlangen, sie an sich zu reißen und auf die vollen saftigen Lippen zu küssen, die den seinen verführerisch nahe standen. Plötzlich fühlte er, daß es sogleich geschehen müsse; auch sie schien mit Furcht und Sehnsucht nur darauf zu warten.

Aber dieser Augenblick entfiel ihm. Er wurde schlaff, zog die Lippen zusammen und stieß ein spöttisches Räuspern aus.

»Warum das? ...« fragte Karssawina.

»Ach nichts,« Jurii konnte das leidenschaftliche Beben in seinen Füßen nur mit Mühe überwinden. »Es ist zu schön ... hier.«

Sie schwiegen, lauschten den entfernten Lauten, die von den dunklen Gärten und den vom Mond bestrahlten Gärten her herüberklangen.

»Waren Sie schon einmal verliebt,« fragte plötzlich Karssawina.

»Ja, ...« antwortete Jurii langsam und dachte ... wie wäre es, wenn ich ihr gleich alles sagte. Zögernd fuhr er fort: »Ich bin auch jetzt verliebt.«

»In wen?« Karssawinas Stimme zitterte voll scheuer Zuversicht.

»In wen? ... Aber in Sie doch!« Jurii neigte sich vor und suchte ihre Augen, aus denen er nur durch die Schleier des Schatten ein seltsames Glänzen aufblinken sah. Er versuchte scherzhaft zu sprechen, kam aber nicht in den Ton hinein.

Sie schaute ihn rasch und erschrocken an und ihr beengtes glückseliges Gesicht war voll Erwartung.

Jurii wollte sie umarmen; in seinen Händen fühlte er schon die weichen warmen Schultern und die elastische Brust, erschrak aber wieder vor sich selbst und kraftlos, ohne seinen Wunsch nachzugeben, gähnte er.

– – – Er scherzt nur, dachte bitter Karssawina und im selben Augenblick wurde in ihr alles unter der Empfindung, gekränkt zu sein, eiseskalt. Sie spürte, daß sie gleich weinen müsse; in dem krampfhaften Versuch, die Tränen zurückzuhalten, preßte sie die Zähne zusammen.

»Dummheiten,« murmelte sie und erhob sich eiligst; in dem einen Wort tönte ihre Stimme völlig verändert.

»Ich spreche ernst,« sagte Jurii in einem Ton, der jetzt gegen seinen Willen unnatürlich klang. »Ich liebe Sie und ... glauben Sie es mir, von ganzem Herzen.«

Karssawina nahm ohne Antwort ihre Bücher zusammen.

»Warum das? ...« dachte sie mit Gram und plötzlich ergriff sie eine entsetzliche Scham bei dem Gedanken, daß er ihre Empfindungen erraten hatte und sie nun verachten würde.

Jurii reichte ihr ein Buch, das auf den Boden gefallen war.

»Es ist Zeit, nach Hause zu gehen,« sagte sie leise.

Jurii bedauerte es selbstquälerisch, daß sie fortgehen wollte; gleichzeitig fiel es ihm auf, wie alles, was sie sagte, so originell und schön, weit entfernt von jeder Banalität, erschien.

Als Karssawina ihm die Hand reichte, verneigte er sich unbeabsichtigt und küßte die weiche, warme Handfläche, von der ihm ein lieblich frischer Geruch ins Gesicht stieg. Karssawina riß sofort mit einem leisen Aufschrei die Hand zurück:

»Was tun Sie!«

Doch die flüchtige Empfindung, die seine Lippen bei der Berührung aus ihrem warmen, jungfräulichen Körper mit sich rissen, war so stark, daß sie ihm den Kopf benahm und er nur glückselig und sinnlos dem raschen Rauschen ihrer sich entfernenden Schritte nachlächeln konnte.

Bald hörte er die Pforte knarren. Immer noch mit demselben Lächeln schritt Jurii nach Hause; aus vollen Kräften atmete er die reine Luft ein. Er fühlte seine Kräfte wachsen; er war glücklich.

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