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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XVII

An dem Spiel war außer dem betrunkenen Malinowski niemand mehr interessiert.

Alle beschäftigte allein die Frage, was für ein Mädchen zu Sarudin gekommen sei. Die, welche errieten, daß es sich um Lyda Ssanina handele, waren unbewußt neidisch, und ihre Einbildung störte sie am Spiel, indem sie ihnen Lydas ungekannte Nacktheit und ihre Intimitäten mit Sarudin vorspiegelte.

Ssanin blieb nicht lange bei den Karten sitzen. Er stand auf und sagte: »Ich mache nicht mehr mit! Auf Wiedersehen!«

»Warte, Bruder, wo willst du hin?« fragte Iwanow.

»Will mal hingehen und nachschauen, was da eigentlich passiert.« Ssanin zeigte mit den Fingern auf die geschlossene Tür. Alle belachten seine Worte als einen Scherz.

»Genug, den Hans Narr zu spielen! Komm, setz dich hin, genehmigen wir einen.«

»Du bist selbst ein Hans Narr,« erwiderte Ssanin gleichgültig Iwanow und ging hinaus. Als er in eine schmale Gasse trat, in der saftige und dichte Nesselsträucher wuchsen, machte er sich zunächst klar, wo sich die Fenster von Sarudins Zimmer befinden mußten. Es gelang ihm, die Nesselsträucher vorsichtig mit dem Fuße beiseite zu drücken; er kam bis an den Zaun und kletterte elegant hinauf. Oben vergaß er fast, weshalb er hinaufgeklettert war, so angenehm war es ihm, von dem hohen Platz herab, auf das grüne Gras und den dichten Garten zu schauen und mit allen von der Bewegung angespannten Muskeln, den frischen, weichen Luftzug zu empfinden, der die Hitze milderte, und frei durch seine dünne Bluse hindurchlief. Dann sprang er wieder hinab, trat in die Nesseln, kratzte melancholisch die verbrannten Stellen und schritt durch den Garten.

Er trat grade in dem Augenblick an das Fenster, als Lyda zu Sarudin sagte: »Und haben Sie denn selbst nichts gemerkt? ...« Sofort verstand er an dem seltsamen Tonfall ihrer Stimme, um was es sich handelte. Mit den Schultern an die Wand gelehnt, blickte er in den Garten hinein und lauschte doch interessiert den Stimmen, die durch die Erregung entstellt waren. Es tat ihm um die schöne, in den Schmutz gezogene Lyda leid, zu deren reizendem Bild das rauhe, tierische Wort schwanger so garnicht paßte. Aber noch tiefer als der Inhalt ihres Gesprächs berührte ihn der sonderbare und unsinnige Kontrast zwischen den erbosten Menschen im Zimmer und der lichten Stille des grünen Gartens, die auch diesen Menschen von der Natur gegeben war.

Ein weißer Falter schwebte leicht durch das Gras; sich in der sonnigen Luft badend, senkte er sich und schwirrte wieder empor. Seinen Flug verfolgte Ssanin ebenso aufmerksam, wie die Worte im Zimmer.

Als Lyda Rindvieh schrie, lachte Ssanin hell auf, prallte mit seinem ganzen Körper von der Wand zurück und ohne daran zu denken, daß man ihn sehen könnte, schritt er langsam durch den Garten. Eine Eidechse, die gewandt seinen Weg kreuzte, lockte seine Aufmerksamkeit; sein Blick lief lange hinter ihrem biegsamen Körperchen her, das elegant durch die grünen Grasbüschel glitt. Lyda ging nicht nach Hause, sondern lief in der entgegengesetzten Richtung gradaus.

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