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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
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Der »Ssanin« und seine Schicksale in Deutschland

Der Vertrag über die deutsche Ausgabe des Ssanin wurde im Frühjahre 1908 abgeschlossen. Der Name des Verfassers dieses Romanes, der in Rußland, wie es in der Vorrede des Mitübersetzers André Villard des näheren ausgeführt ist, ein so kolossales Aufsehen erregte, war damals in Deutschland noch so gut wie unbekannt. Nur wenige mit den russischen Literatur und Kulturverhältnissen Vertraute wußten, daß M. Artzibaschew einer der vielversprechendsten jungrussischen Dichter ist. Erst während der Drucklegung der deutschen Ausgabe des Romanes erfuhr man so langsam durch vereinzelte Notizen in der Presse von diesem Buche und seinen Folgen und hörte schließlich auch, daß der Roman in Rußland verboten worden sei. Hier handelt es sich nun darum festzustellen, welche Schicksale der Roman in Deutschland erlebte.

Die Nachfrage des Publikums war vor Erscheinen der deutschen Ausgabe, die Mitte September 1908 erfolgte, eine sehr geringe, dagegen war das Interesse der Presse, durch die aus Rußland kommenden Meldungen veranlaßt, ein außerordentlich reges, und umfangreiche Feuilletons erschienen in rascher Folge. Alle diese eingehenden Würdigungen waren sich bei verschiedenartiger Einschätzung der literarischen Qualitäten des Romanes darüber einig, daß es sich in diesem Werke Artzibaschews um eine der bedeutsamsten Neuerscheinungen der neueren russischen Literatur handele. Ja, manche behaupteten sogar, daß man erst durch dieses Buch die gegenwärtigen kulturellen Strömungen Rußlands so recht begreife.

Um so sonderbarer mußte es berühren, als das Buch am 28. November 1908 auf Veranlassung der Münchener Staatsanwaltschaft mit Beschlag belegt wurde. Ganz unvorbereitet traf ja diese Maßnahme den Verleger nicht, denn schon vierzehn Tage vor Zustellung des Konfiskationsbeschlusses waren auf Veranlassung der Münchener Polizeidirektion bei dem Drucker des Werkes in Rudolfstadt und bei dem Leipziger Kommissionär des Verlages Recherchen über die Höhe der bisherigen Auflage, den Orten, an denen die noch vorhandenen Exemplare lagerten usw., angestellt worden. Und dabei wäre es doch das Nächstliegende gewesen, wenn die Behörde zunächst bei dem in München domizilierenden Verleger des Werkes diese Erkundigungen eingezogen hätte, denn doch nur dieser war zu derlei Auskünften der einzig Befugte. Auch eine sofort nach Bekanntwerden dieser sonderbaren Maßnahme bei der Polizeidirektion gemachte Beschwerde blieb ohne weitere Aufklärung. Die Konfiskation des Romanes erfolgte gleichzeitig in München und Leipzig. In München waren die Vorräte erschöpft, und es fielen den konfiszierenden Organen nur wenig Exemplare in die Hand. Reicher war die Ausbeute in Leipzig. Hier sollte gerade mit dem neuerschienenen Novellenbande »Millionen« die siebente Auflage des Romanes versandt werden; demzufolge fielen 1200 Exemplare des Ssanin der Polizei in die Hände und fristeten an einem ihr durch die Polizei angewiesenen sicheren Orte ein geruhiges, aber keineswegs in ihrer Bestimmung liegendes Dasein. Die »Millionen« aber mußten ihren Weg allein antreten und haben sich auch so bei Publikum und Presse rühmlich behauptet und mit dazu beigetragen, daß der Name Artzibaschew nun auch in Deutschland ein literarisches Gepräge besitzt, das ihm wohl nicht so leicht streitig gemacht werden kann. Eine rege Tätigkeit entfalteten die Polizeiorgane in den verschiedensten Städten Deutschlands, überall wurden die Schaufenster und auch sehr oft das Innere der Buchläden inspiziert und alle noch vorzufindenden Exemplare des Romanes in sicheren Verwahr gebracht.

Die gegen diesen Beschlagnahmebeschluß vom Verlag sofort eingereichte Beschwerde wurde nach einigen Wochen abschlägig beschieden, weil das einzige von der Staatsanwaltschaft eingeholte Gutachten nicht günstig lautete. (Es ist unter Nr. 2 abgedruckt.) Den zahlreichen in der Presse erschienenen Feuilletons und Notizen über das Werk, die doch in gewissem Maße die Stellung des deutschen Publikums dokumentierten, maß das Gericht scheinbar keinerlei Bedeutung bei. Auch eine von dem Vorstand des Deutschen Goethebundes gegen diese Konfiskation abgegebene Protesterklärung, die fast in der gesamten Presse abgedruckt wurde, machte offenbar nur geringen Eindruck auf die die Konfiskation vertretende Behörde. Merkwürdig muß es aber auch hier wieder berühren, daß man sich nicht an einen mit der modernen Literatur oder gar den russischen Verhältnissen vertrauten Herrn, sondern an einen Kunsthistoriker von Beruf wandte, der zudem in seinem Gutachten selbst bemerkt, daß es ihm nicht zustehe, über das Buch und seine Uebersetzung in seinem ganzen Umfange zu urteilen, da er nicht russisch kenne.

Im Dezember 1908 erfolgte dann die Ladung des Verlegers vor den Untersuchungsrichter. Nachdem der Tatbestand aufgenommen worden war, wurde ihm die Benennung einer Reihe von Sachverständigen anheimgestellt, während auch von seiten des Gerichts noch eine Reihe von Gutachten eingefordert wurden. Wie aus den nachstehend abgedruckten Gutachten hervorgeht, lauteten diese mit Ausnahme des des Herrn Studienrates Niklas, der von falschen Voraussetzungen ausging und in dem Buche eine Gefahr für die heranwachsende Jugend sah, für das Buch sehr günstig.

Außerordentlich interessant ist es, diese verschiedenen Gutachten nebeneinander zu halten. Wie wohltuend berührt die Sachlichkeit in den meisten dieser Schriftstücke, und wie merkwürdig nimmt sich unter ihnen das Gutachten des Herrn Professor Brunner in Pforzheim aus, der sich eigentlich nur mit der gar nicht unter Anklage gestellten Einleitung befaßt. Das, was in der Einleitung des Herrn Villard gesagt wird, das konnte man eine Zeitlang fast tagtäglich in der Presse lesen, und zwar schon bevor die deutsche Ausgabe erschienen war. Ist der Herr Sachverständige denn derart mit der russischen Literatur und Kultur vertraut, daß er Behauptungen wie die in seinem Gutachten aufgestellten beweisen kann? Wer kann sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er hört, daß die russischen Studenten nur die deutschen Universitäten und Hochschulen besuchen, um sich erotisch ausleben zu können? Die russische Jugend sollte wirklich zu derartigen Auslassungen einmal energisch Stellung nehmen. Derartige Ausführungen gehören am allerwenigsten in ein Sachverständigengutachten, dessen erste Vorzüge Sachlichkeit, Kürze, Gründlichkeit und Sicherheit des Urteils sind. Die Ausführungen des Herrn Professor aus Pforzheim hier zu widerlegen erübrigt sich, denn das Gutachten des Herrn Universitätsprofessors Dr. Muncker, das in seiner vornehmen Sachlichkeit so wohltuend von dem seinen absticht und eine Kapazität wie den Staatsrat Zielinski in St. Petersburg als Zeugen für die Richtigkeit der Ausführungen des Vorwortes herbeiruft, enthebt mich dieser Mühe.

Auf eine Sache aber muß im Interesse des Verlagsbuchhandels und der beteiligten Autoren hier einmal mit allem Nachdruck hingewiesen werden, denn es ist durchaus notwendig, daß diese Frage einmal in der breitesten Oeffentlichkeit behandelt wird. Es mehren sich in letzter Zeit die auf durchaus unbegründete Denunziationen hin erfolgten Konfiskationen in erschreckendem Maße, und der Schaden, der in materieller und moralischer Beziehung dadurch angerichtet wird, ist kaum zu berechnen. Der Ssanin, um auf diesen speziellen Fall hier einzugehen, war nun seit dem 23. November 1908 beschlagnahmt. Volle vier Monate liegen die Vorräte des Buches in sicherem Gewahr. Das Interesse für ein Buch verebbt, denn der, der es gern besitzen wollte, konnte es nicht bekommen. Wird ein vermutlicher Räuber oder Mörder in Untersuchungshaft gehalten, und es stellt sich in der Voruntersuchung oder in der Verhandlung heraus, daß die Anklage nicht aufrecht erhalten werden kann, so ersetzt das Gericht dem Betreffenden freiwillig den ihm entgangenen Vermögensausfall. Anders bei einer derartigen Konfiskation. Hier sind die schwer geschädigten Verleger und die in Mitleidenschaft gezogenen Verfasser machtlos. Aber nicht nur materiell, sondern auch ideell wird der Betreffende geschädigt, ganz abgesehen von den die Gesundheit untergrabenden Aufregungen, die ja schließlich bei derartigen Maßnahmen nicht zu vermeiden sind. Wer ersetzt ihm nun den Verlust, wer entschädigt ihn für den Aufwand an Zeit und Nerven? Wäre nicht wenigstens zu erwarten, daß das Gericht derartige Verfahren beschleunigt, sie in der kürzesten Zeit erledigt? Im vorliegenden Falle ist von einer Beschleunigung des Verfahrens nichts zu bemerken gewesen, denn trotz fortgesetzter energischer Reklamationen durch den Rechtsvertreter des Verlags zog sich die Angelegenheit durch vier Monate hindurch. Mit dem Ammenmärchen aber, daß das konfisziert gewesene Buch unter allen Umständen nach Freigabe stark gekauft werde, sollte endlich einmal aufgeräumt werden. Wenn dieser Fall wirklich eintritt, dann müssen andere Gründe gesucht werden. Entweder wohnt dem Buch von vornherein eine suggestive Kraft, die auf den Absatz fördernd einwirkt, inne, oder aber der Verleger nutzt die erfolgte Konfiskation und die endlich verfügte Freigabe des Werkes mit allen ihm nur zur Verfügung stehenden Mitteln zu Propagandazwecken aus. Der ihm entstandene Schaden zwingt ihn in den meisten Fällen zu diesen Maßnahmen. Wehe ihm aber, wenn es sich um ein aktuelles Thema gehandelt hat, für das das Interesse in den vier Monaten – und was ändert sich in vier Monaten nicht alles – vollständig geschwunden ist, dann kann er die glücklich losgeeisten Vorräte in die Makulatur werfen.

Die Allgemeinheit betrifft jedoch noch folgendes. Der Ssanin ist, wie aus allen noch vor der Konfiskation erschienenen Besprechungen in den Zeitungen und Revuen hervorgeht, ein Werk, das die weitgehendste Beachtung auch in Deutschland verdient, schon allein seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung halber. Hat das deutsche Volk nicht von vornherein das Recht, ein derartiges Werk kennen zu lernen? Genügt nicht ein oberflächlicher Blick in das Buch, daß es sich hier nicht um ein Werk handelt, das eine Gefahr für die heranwachsende Jugend bildet, da schon die seitenlangen philosophischen Betrachtungen den jugendlichen Leser von vornherein abschrecken, ganz abgesehen von dem Preise, der die Anschaffung des Buches jugendlichen Lesern unmöglich macht. Dieser sucht etwas ganz anderes in den Büchern, die ihm zum Unheil gereichen können: spannenden und erregenden Inhalt, aber nicht breite Schilderung und philosophische Betrachtung, wie sie russischen Romanen eigen ist. Und überhaupt: ist denn die Schädlichkeit für jugendliche Leser ein Grund, ein von vornherein doch keineswegs für die Jugend bestimmtes Werk zu konfiszieren? Sind denn alle der Jugend viel leichter zugänglichen Schaustellungen unserer Theater und Ausstellungen für die Jugend bestimmt? Gibt es nicht Fragen, die in der breiteren Öffentlichkeit behandelt werden müssen und die gar nichts für die Jugend sind? Ich weise hier nur auf die Zeitungen hin, die doch der Jugend tagtäglich ohne weiteres zugänglich sind. Soll schließlich der Verleger moderner Literatur die ihm zugehenden Manuskripte einzig und allein nach dem Grundsatze prüfen, ob nicht eventuell in dem Werke eine Stelle enthalten ist, die den jugendlichen Leser, der später nach Erscheinen das Buch durch Zufall in die Hand bekommt, auf wunderbare Gedanken bringen könnte, die zudem noch Unverständnis ihre Entstehung verdanken. Welche Perspektiven eröffnen sich, wenn man unsere gesamte Weltliteratur unter diesen Gesichtspunkten beurteilt.

Und damit gewinnt diese Frage auch eine weitere Bedeutung. Inwieweit ist es notwendig, daß der gebildete Leser in seiner Lektüre durch Polizei und Staatsanwaltschaft bevormundet wird? Sollte im freien Deutschland nicht auch jeder Gebildete seine Lektüre dort suchen dürfen, wo er glaubt, daß sie ihm am meisten gibt. Die schlechten nur für den Sinneskitzel geschriebenen und veröffentlichten Werke richten sich schon von selbst. Wird durch eine Konfiskation auf dieselben hingewiesen, so werden sie auf Schleichwegen leicht doch in die Hände derer kommen, die sich nun für dieselben interessieren, und die jedenfalls nie danach gegriffen hätten, wenn sie nicht durch die Konfiskation darauf aufmerksam gemacht worden wären.

Der Ssanin aber geht aus seiner viermonatlichen Verbannung nur als Sieger hervor, und selbst das Gericht in seinem Freigabebeschluß muß nun anerkennen, daß es sich hier um »ein dichterisches Werk von hoher kulturgeschichtlicher und auch literarischer Bedeutung« handelt.

München, am Tage der Freigabe des Ssanin, dem 26. März 1909.

Georg Müller


1. Konfiskationsbeschluß.

München, 23. November 1908.
Anz.-Verz. Nr. VII 610/08.

Betreff:

Müller, Georg, Verleger hier, wegen Vergehens wider die Sittlichkeit. –

Beschluß:

Angeordnet wird die Beschlagnahme aller Exemplare des Romans »Ssanin« von M. Artzibaschew in der Villard-Bugowschen Uebersetzung, soweit sie sich im Besitze des Verfassers, Druckers, Herausgebers, Verlegers oder Buchhändlers befinden, öffentlich ausgelegt oder öffentlich angeboten sind,

sowie der zu ihrer Herstellung bestimmten Platten und Formen.

(§ 94 R.-St.-P.-O.)

Gründe:

Der Roman »Ssanin« ist geeignet, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl eines normal empfindenden Lesers in geschlechtlicher Beziehung gröblichst zu verletzen. Er ist seinem Inhalte nach von ausgesprochener erotischer Tendenz. Hierbei ist die Behandlung der aufgeworfenen erotischen Fragen nicht eine derart wissenschaftliche, daß hierdurch die gleichzeitige Darstellung geschlechtlicher Vorgänge in den Hintergrund gedrängt würde. Der Held des Romans vertritt die Ansicht, daß nur noch der Geschlechtsgenuß Wert habe, er will die freie Liebe.

Eine ernstliche Besprechung der Gründe für und wider diese Ansicht bringt der Roman nicht. Hierzu kommt noch, daß geschlechtliche Vorgänge und Gedanken hierüber in krankhaft erotischer Weise realistisch geschildert werden, (cfr. unter anderem Seite 89, 211/212, 440/441, 471/473 des Romans.)

Der Roman erscheint sohin als unzüchtige Schrift im Sinne der Ziffer 1 des § 184 des R.-St.-G.-B.

K. Amtsgericht München I, Abteilung für Strafsachen.
der k. Amtsrichter:
gez.: Kaufmann.


2. Gutachten über den Roman »Ssanin« von Artzibaschew von Professor Dr. Karl Voll.

Artzibaschew gilt in russischen Schriftstellerkreisen als ein sehr begabter junger Mann. Sein Roman »Ssanin« ist in der Tat, rein nach seiner Schreibweise beurteilt, talentvoll und künstlerisch zu nennen, obschon das Buch in Komposition und Handlung sehr unreif und auch unbedeutend ist. Die wissenschaftliche Bedeutung der Erörterungen erotischer Fragen halte ich dagegen für wertlos und ganz dilettantisch. Ssanin will die freie Liebe, das genügt ihm und soll auch dem Leser genügen; auf eine regelrechte ernsthafte Besprechung der für und wider seine Ansicht geltend machenden Gründe läßt er sich nicht ein. Was er aber zu gesunder reiner »Lebensanschauung sagt, ist arg jugendlich. Die Übersetzung ist zwar leicht leserlich; aber obschon ich selbst nicht russisch kann, so glaube ich doch sagen zu dürfen, daß sie nicht gerade charakteristisch im Ton ist. Sie ist glatt, mehr aus Oberflächlichkeit, als durch Feile. Die Darstellung geschlechtlicher Vorgänge ist unverhüllt und krankhaft erotisch, in jener nervös krankhaften Weise sogar, daß sie ansteckend wirkt. Man wird sich zumal in jungen – oder auch vorgeschrittenen – Jahren dieser aufreizenden Wirkung kaum ohne Mühe entziehen können. Das Buch ist Gift, vor allem für die Jugend, worunter ich nicht allein die heranwachsende Jugend verstehe; das ausgesprochen Krankhafte kann meines Erachtens dadurch nachgewiesen werden, daß der Roman schon nahe an sadistischen Schilderungen steht. Im Gegensatz zu der Behauptung, die Kurt Aram in seiner beigelegten Besprechung aufstellt, ergaben sich die jungen Mädchen, soweit sie aus besseren Kreisen stammen, durchaus nicht freiwillig ihrem Freund oder Verführer, sondern selbst, wenn Artzibaschew vorher alles mögliche beibringt, um die Mädchen in erotische Hitze hineinzutreiben, so unterliegen sie regelmäßig nur der brutalen Gewalt und es werden dann auch für die eine der Damen dann sadistische Mißhandlungen angedeutet.

Aus diesem Grunde ist es mir nun aber schwer, zu beurteilen, ob der Verfasser noch bona fide gehandelt hat. Es kann sein, daß er nach dem Spruch zu betrachten ist: kratzt den Russen und ihr werdet den Barbaren sehen; dann wäre es möglich, daß ihm, im Lande der Knute, solch sadistische Betrachtungsweise nicht als Zeichen pornographischer Erotik anzurechnen ist. Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein, und ich neige persönlich zu der Annahme, daß die aufreizende Wirkung beabsichtigt war, nicht um ehrlicherweise ein soziales Programm zu vertreten, sondern um die Sinne zu kitzeln.

Jedenfalls ist die Frage aufzuwerfen, ob das Buch jenes kulturhistorische Interesse hat, um seine Uebersetzung zu rechtfertigen, und ob wir in Deutschland uns diese Leistung eines jungen erotischen Doktrinärs vorsetzen lassen sollen. Ich glaube beide Fragen mit nein beantworten zu dürfen. Dagegen glaube ich, daß bei dem Verleger ein dolus nicht gegeben oder wenigstens nicht nachweisbar sein wird.

gez. Dr. Karl Voll.


3. Ablehnung der durch den Verleger eingelegten Beschwerde durch das Landgericht. Ziffer des Anz.-Verz. 610 08. Beglaubigte Abschrift.

Die 4. Strafkammer des kgl. Landgerichts München I hat am 1. Dezember 1908 vormittags 10 Uhr, versammelt in geheimer Sitzung, wobei zugegen waren:

der Vorsitzende, Oberlandesgerichtsrat Freiherr von Dobeneck,

die Landgerichtsräte Heuser und Maier B. E. in der Untersuchungssache gegen Müller Georg, Verleger in München, wegen Vergehens wider die Sittlichkeit folgenden Beschluß gefaßt

nach Einsicht und Verlesung der wichtigeren Aktenstücke des bisherigen Verfahrens,

nach Ansicht des vom kgl. Staatsanwalte unterm 14. November 1908 gestellten Antrages:

Die Beschwerde des Beschuldigten Georg Müller gegen den Beschluß des kgl. Amtsgerichts München I vom 23. November 1908 wird kostenfällig zurückgewiesen.

Gründe:

Der Verleger Georg Müller in München vertreibt die Druckschrift »Ssanin, ein Roman von M. Artzibaschew«, in der von André Villard und S. Bugow hergestellten deutschen Uebersetzung im Wege des Buchhandels.

Auf Antrag des Staatsanwalts hat das kgl. Amtsgericht München I, Abteilung für Strafsachen vom 23. November 1908 auf Grund des § 94 R.-St.-P.-O. durch Beschluß die Beschlagnahme aller Exemplare des Romans Ssanin von M. Artzibaschew in der Villard-Bugowschen Uebersetzung, soweit sie sich im Besitze des Verfassers, Druckers, Herausgebers, Verlegers oder Buchhändlers befinden, öffentlich ausgelegt oder öffentlich ausgeboten sind, sowie die zu ihrer Herstellung bestimmten Platten und Formen angeordnet mit der Begründung, daß der Roman eine unzüchtige Schrift im Sinne des § 184 Ziffer 1 R.-St.-G.-B. sei.

Der Beschluß wurde am 26. November 1908 bei Georg Müller vollzogen. Mit Schriftsatz vom 27. pr. 28. November 1908 legte Rechtsanwalt Dr. W. Rosenthal in München namens des Georg Müller auf Grund dessen schriftlicher Vollmacht gegen diesen Beschluß Beschwerde ein mit dem Antrage auf Aufhebung des Beschlagnahmebeschlusses mit der Begründung, daß der Roman nicht unzüchtig sei.

Die Beschwerde ist an sich statthaft und formell nicht zu beanstanden, sachlich aber nicht gerechtfertigt.

Nach § 94 ff. St.-P.-O. können Gegenstände, welche als Beweismittel für die Untersuchung von Bedeutung sein können oder der Einziehung unterliegen, durch den Richter mit Beschlag belegt werden.

Nach § 40 ff. St.-G.-B. können, wenn der Inhalt einer Schrift strafbar ist, in der Regel alle Exemplare der Schrift, sowie die zu ihrer Herstellung bestimmten Platten und Formen unbrauchbar gemacht, also zu diesem Zweck eingezogen werden, selbst, wenn die Verfolgung oder Verurteilung einer bestimmten Person nicht ausführbar ist.

Es fragt sich also lediglich, ob der Inhalt der deutschen Uebersetzung des Romans Ssanin von M. Artzibaschew strafbar ist.

Diese Frage wird vom Beschwerdegericht in Uebereinstimmung mit dem angefochtenen Beschlusse bejaht.

Nach § 184 Ziffer 1 R.-St.-G.-B. wird nämlich bestraft, wer unzüchtige Schriften feilhält, verkauft oder sonst verbreitet.

Der Roman Ssanin stellt nun nach dem Inhalte der deutschen Uebersetzung in der Tat eine unzüchtige Schrift dar. Die ausgesprochene Tendenz des Romans ist die Darlegung, daß uneingeschränkter Geschlechtsgenuß das einzige erstrebenswerte Ziel des Menschen sei. Demgemäß finden sich im Roman eine Anzahl von Stellen, z. B. Seite 88/90, 94, 196/97, 211/13, 231/33, 236, 248, 311, 316/18, 419/21, 430, 439/43, 470/73, welche teils den Geschlechtsverkehr selbst, teils die Vorbereitungen dazu und dessen Folgen und deren Beseitigung schildern oder erörtern, teils mit Beziehung auf den Geschlechtsverkehr Körperteile schildern, immer aber nach dem Gegenstande und der Art der Darstellung geeignet sind, Lüsternheit zu erwecken. Diese Eigenschaft tritt so stark hervor, daß nach einer Behauptung des Vorworts des Uebersetzers und nach Notizen der öffentlichen Blätter die Lektüre des Romans in Rußland zu geschlechtlichen Ausschweifungen, namentlich bei jugendlichen Lesern Anlaß gegeben hat.

Hiernach ist der Roman in der deutschen Uebersetzung nach seinem Gesamtcharakter und nach einzelnen Stellen geeignet, das normale im deutschen Volk herrschende Scham- und Sittlichkeitsgefühl in geschlechtlicher Beziehung gröblich zu verletzen. Der Inhalt des Romans ist also unzüchtig. Daran ändert die künstlerische, wissenschaftliche oder geschichtliche Bedeutung, die dem Roman von manchen zugesprochen wird, nichts, sie ist nicht so erheblich, daß durch sie der unzüchtige Charakter in den Hintergrund gedrängt würde.

An dieser Beurteilung des Romans ändern auch die teils vom Beschwerdeführer, teils von anderer Seite vorgelegten öffentlichen Kritiken nichts; sie sind trotz vielfacher Abweichungen im wesentlichen darüber einig, daß die literarische Bedeutung des Romanes keine außergewöhnliche ist, daß die dort vertretene Auffassung geschlechtlicher Sittlichkeit mit der in Deutschland herrschenden, sittlichen Auffassung in grobem Widerspruch steht; ein Teil dieser Kritiken spricht sich überdies mehr oder weniger offen auch über die sittlichen Eigenschaften des Romans verurteilend aus; wenn einige der Kritiken bestreiten, daß der Roman unsittlich oder pornographisch sei, so mag dies auf einer Verkennung der Begriffe oder auf anderen besonderen Gründen beruhen, ist aber jedenfalls für die allgemeine Beurteilung nicht entscheidend.

Der Roman Ssanin stellt daher in seiner Villard-Bugowschen deutschen Uebersetzung eine unzüchtige Schrift im Sinne des § 184 Ziffer 1 St.-G.-B. dar. Das Amtsgericht hat also nach § 40 ff. R.-St.-G.-B., 94 ff. R.-St.-P.-O. mit Recht die Beschlagnahme angeordnet.

Die Beschwerde des von der Beschlagnahme betroffenen Verlegers ist daher unbegründet und zurückzuweisen.

Die Kosten treffen nach § 505 St.-P.-O. den Beschwerdeführer.

(L. S.)

gez.
Dobeneck, Dr. Heuser, Maier.


4. Freigabebeschluß des Landgerichts.

Ziffer des Anz.-Verz.VII, 610/08.

Beglaubigte Abschrift.

Die 4. Strafkammer des Kgl. Landgerichts München I hat am 16. März 1909, vormittags 10 Uhr, versammelt in geheimer Sitzung, wobei zugegen waren:

der Vorsitzende kgl. Ldgr.-Direktor Hezner

die Landgerichtsräte Dr. Heuser Cl. und Graf in der Untersuchungssache gegen Müller Georg, Verleger in München, wegen Vergehens wider die Sittlichkeit nach § 184 I R.-St.-G.-B. nach Einsicht und Verlesung der wichtigeren Aktenstücke des bisherigen Verfahrens nach Ansicht des vom kgl. Staatsanwalt unterm 12. Februar 1909 gestellten Antrags den Beschuldigten außer Verfolgung zu setzen, beschlossen:

1. Der Angeschuldigte Georg Müller wird wegen eines Vergehens wider die Sittlichkeit nach § 184 Abs. 1 Z. 1 D. R.-St.-G.-B. außer Verfolgung gesetzt.

2. Der Beschlagnahmebeschluß des kgl. Amtsgerichts München I Abteilung für Strafsachen vom 23. November 1908 wird aufgehoben.

3. Die Kosten des Verfahrens fallen der Staatskasse zur Last.

Gründe:

Der gesetzliche Tatbestand des § 184 Abs. 1 Z. 1 D. R.-St.-G.-B. erfordert nach der objektiven Seite, daß die Schrift in ihrer gegenständlichen Erscheinung und dem daraus sich ergebenden geistigen Inhalte geeignet ist, das allgemeine Scham- und Sittlichkeitsgefühl – nicht das abgestumpfte gewisser Personenkreise – in geschlechtlicher Beziehung zu verletzen. Trifft dies zu, dann ist die Schrift als unzüchtig zu erachten. Ob sie geeignet oder darauf berechnet ist, im Leser wollüstige Empfindungen zu erregen, ist belanglos, ebenso auch, zu welchen Zwecken die Schrift nach dem bloßen inneren Wollen des Verfassers dienen soll. Vgl. E. d. R. G. i. St. S. Einziehung von Anekdoten. Urteil vom 9. Dezember 1907, dann Bd. 31 S. 260, 4 S. 87, 24 S. 365, 27 S. 114.

Maßgebend ist also auch nicht die Anschauung und individuelle Empfindung einer einzelnen Person, insbesondere auch nicht die Besorgnis für die sittliche Integrität der Jugend.

Vor Eröffnung der Voruntersuchung hat sich nur ein Sachverständiger, Professor Dr. Voll, über den Roman Ssanin gutachtlich geäußert. Sein Gutachten läuft darauf hinaus, daß wohl das Werk als unzüchtig zu erachten ist, daß aber die bona fides des Verlegers, er sei sich des unzüchtigen Charakters der Schrift nicht bewußt geworden, nicht bezweifelt werden könne. Mit Durchführung der Voruntersuchung haben sich sechs weitere Sachverständige über den Charakter des Buches geäußert. Darunter haben mehrere namhafte Kenner der Literatur sich dafür ausgesprochen, daß es sich nicht um eine unzüchtige Schrift, dagegen um ein dichterisches Werk von hohem kulturgeschichtlichem und auch literarischem Wert handelt. Hierzu äußert sich Professor Dr. Munker wörtlich: »Was der Verfasser an solchen Stellen (den beanstandeten) erzählt, das scheint mir meistens zur Charakteristik der Menschen und Zustände, um die es sich handelt, künstlerisch und psychologisch geradezu notwendig; wie er es aber erzählt, das beweist durchaus den vornehmen Schriftsteller, der rein sachlich, objektiv episch darstellt und von jeder Lüsternheit weit entfernt ist.« Von den übrigen Sachverständigen haben sich Wilhelm Weigand, Prof. Dr. Schneegans und Ludwig Ganghofer ohne Einschränkung dahin ausgesprochen, daß der Roman Ssanin nicht als unzüchtig zu erachten sei. Prof. Dr. Brunner erachtet ihn nur mit dem Vorworte, nicht aber für sich unzüchtig, während Oberstudienrat Dr. Nicklas den Roman, in der Hauptsache wohl von der durchaus zu billigenden Ansicht geleitet, daß »Ssanin« für die heranwachsende Jugend eine keineswegs geeignete, in unreifen Köpfen nur Verwirrung erzeugende Lektüre ist, für unzüchtig hält.

Angesichts der den unzüchtigen Charakter der Schrift verneinenden Gutachten der Sachverständigen, denen sich das Gericht nach sorgfältiger Prüfung des Werkes auf seinen gesamten Inhalt und den sich daraus ergebenden Gesamtcharakter, den seines literarischen und kulturgeschichtlichen Wertes angeschlossen hat, kann nicht davon gesprochen werden, daß der Roman Ssanin eine unzüchtige Schrift im Sinne des § 184 des St.-G.-B. nach der eingangs gegebenen Begriffserklärung ist. Fehlt es aber schon an einem strafbaren Tatbestande in objektiver Hinsicht, so entfällt ohne weiteres die Prüfung nach der subjektiven Seite, und es bedarf also der Einwand des Angeschuldigten, er sei sich des unzüchtigen Charakters des Werkes nicht bewußt gewesen, keinerlei Erörterung.

Hiernach erübrigte nur dem Antrage des Staatsanwalts, den Angeschuldigten wegen eines Vergehens nach § 184 Abs. I Ziffer 1 des R.-St.-G.-B. außer Verfolgung zu setzen, stattzugeben, wie geschehen.

Mangels strafbaren Tatbestandes aus § 184 war auch der Beschlagnahmebeschluß des k. Amtsgericht München I Abt. f. St.-S. vom 23. November 1908 aufzuheben.

Die Kosten des Strafverfahrens fallen der k. Staatskasse zur Last. R.-St.-P.-O. §§ 202, 99, 496, 499.

L.S.     gez. Hezner, Dr. Heuser, Graf.

München, den 23. März 1909.


5. Gutachten
von Professor Dr. Karl Brunner in Pforzheim.

Erster Teil.

Das Vorwort des einen Uebersetzers (André Villard) ist in seinen starken Uebertreibungen und in seiner einseitigen Tendenz, die dem Buch selber gar nicht in dem Maße eigen ist, geradezu irreführend und zwar, wie mir scheint, in der Absicht, dem Roman einen sensationellen Empfehlungsbrief mit auf den Weg zu geben. Ich halte diese Vorrede für bedenklich vom literarischen wie vom ethischen Standpunkt aus, und zwar aus dem Grunde, weil sie ein vorurteilsloses Herantreten an das Buch erschwert, ja für viele unmöglich macht und diesem eine Tendenz vindiziert, die, so an die Reklameglocke gehängt, den Verdacht erweckt, als wäre die Uebertragung des Romans auf den deutschen Büchermarkt in dem Bestreben erfolgt, durch Hervorkehren der erotischen Reize als den Aeußerungen einer neuen, fast möchte man sagen, beglückenden Weltanschauung auf das Lesepublikum bestechend zu wirken. Kann dies nicht ohne starke Uebertreibungen, ja Entstellungen des Inhalts des Romans geschehen, so ist der Verfasser des Vorworts auch um solche Uebertreibungen nicht verlegen, wenn es sich darum handelt, diese meines Erachtens unter § 184 Ziffer 1 fallenden Versuche einer mit Sensationsmitteln arbeitenden Reklame mit hochtrabenden, den oberflächlichen Leser bestrickenden Redewendungen von politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen und Tendenzen des Buches so zu verschleiern, daß sie nicht ohne weiteres faßbar erscheinen. Aber ein dünn verschleiertes Objekt erotischer Neigungen ist erfahrungsgemäß viel geheimnis- und reizvoller, als ein unverhülltes. Und wenn beispielsweise S. 8 auf den wilden sexuellen Rausch, der auf den Ssanin zurückgeht, in ziemlicher Breite hingewiesen wird. Anmerkung. Die Stelle lautet: »Der wilde sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurückgeht, hat auch schon genug von sich hören lassen. Die Organisation der Ssaninisti, die Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum ungehinderten Geschlechtsgenuß unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, die orgiastischen Klubs, die fälschlicherweise behaupteten, die Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit für sich.« – So muß das den oben ausgesprochenen Verdacht um so mehr bekräftigen, als derartige »orgiastische Klubs« in Rußland längst vor dem Erscheinen des Ssanin bestanden haben, hier also gewissermaßen künstlich herbeigezogen werden, als eine Folge des Romans. Daran ändert nichts die scheinbare Verurteilung solcher Exzesse durch den Vorredner. Wenn aber tatsächlich solche »Propaganda-Vereine der freien Liebe« u.a. in Schüler- und Schülerinnenkreisen, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, ihre Daseinsberechtigung auf Ssanin zurückführen, dann möchte man wahrlich noch vor Beginn der Lektüre selbst das Buch weit, weit wegwünschen aus dem Bannkreis deutschen Lebens – zurück in den tiefen moralischen Sumpf, aus dem es erwachsen ist.

Doch damit habe ich noch nicht das Buch selbst charakterisieren wollen. Es sind dies nur Gedanken, die die Vorrede nahelegt.

Es erwächst mir nur die Pflicht, durch eine eingehende Kritik des Vorwortes diese meine Auffassung zu begründen, um dann im zweiten Teil meines Gutachtens das Buch selbst zu behandeln.

Wenn ich auf die kaum acht Seiten umfassenden Vorbemerkungen so ausführlich eingehe, so dürfte das in der starken Wirkung dieser Darlegungen seine Berechtigung finden.

Mir scheint, als hätte selten ein Verleger einen so geschickten Verkünder der Sensation, die zudem der Roman selbst gar nicht hat, gefunden. Offenbar haben die Ausführungen Villards über das Buch viel mehr als dieses selbst die Auffassung weiterer Kreise über Ssanin beeinflußt und die Lust es zu Lesen hervorgerufen und gesteigert. Ich konnte das aus dem Mund verschiedener Leute erfahren, die den Ssanin vom Hörensagen kennen, wie ich es auch aus den Kritiken über das Buch ersehen konnte, deren Abhängigkeit vom Vorwort unverkennbar ist.

Auf Seite 8 heißt es: »Selbst wenn er (Ssanin) nicht durch seine künstlerischen Qualitäten zu einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur Rußlands geworden wäre, hätten ihm doch kulturhistorische Gründe bleibende Bedeutung gegeben. Man wird die gegenwärtige Epoche, also die, welche die revolutionäre ablöste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen können, ohne den »Ssanin« als ihren charakteristischen Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen.«

Welche starke Uebertreibung in diesem Lobpreis der künstlerischen Qualitäten des Buches liegt, wird im zweiten Teil zu beweisen sein.

»Die kulturhistorischen Gründe«, die Ssanin als den charakteristischen Niederschlag der ganzen jetzigen Epoche in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen sollen, sind keineswegs so besonderer, eigentümlicher Art. Vielmehr lassen sich gerade die Prinzipien der freien Liebe und ihre Betätigung längst vor der Revolution, so gut wie in der Revolution und nach ihr, als in breiten Kreisen der russischen Intelligenz vorhanden, nachweisen (s.u.). Durch diese Einreihung an hervorragender, kulturhistorischer Stelle sollte nur dem Buch, das eine realistische Schilderung tatsächlicher, keineswegs neuer Zustände bietet, eine interessante Folie gegeben werden.

Auf Seite 9 heißt es: »Interessanter ist die Feststellung, wie es überhaupt dazu kam, daß ein ganzes Volk für seine Gesamtäußerungen mit einem Mal nur noch erotische Beziehungen finden konnte. Und daß ein einziges Werk – eben der Roman Ssanin – genügt, um sie hervorzurufen, und sie mit seinem Namen zu decken. – – – Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht – wohl aber eine russische Gesellschaft, die den Charakter des nationalen Lebens ausprägt ... Einst beschränkte sie sich auf den Adel, – heute umfaßt sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe – die Intelligenz.«

»Ein ganzes Volk« – bedeutet doch etwas anderes – auch für Rußland –, als wie wenige Zeilen weiter unten gesagt ist mit der Bezeichnung »russische Gesellschaft«. Denn abgesehen davon, daß selbst diese Kreise der Intelligenz keineswegs ein irgendwie einheitliches Gepräge tragen, kommen doch für jedwede Beobachtung des russischen Lebens in seiner Gesamtheit die Millionen von Angehörigen anderer sozialer Schichten in Betracht, die selbst in ihrer Stagnation und Hemmung eine Macht bilden, wie die Bauern, wenn sie nicht, wie die sozialistischen Kreise der Städtebevölkerung eine aktive Rolle spielen.

Doch selbst diese Beschränkung des Begriffs »russisches Volk« zugegeben, – heißt es nicht die Tatsachen vergewaltigen, wenn man 1. die ganze russische Gesellschaft »für ihre Gesamtäußerungen nur noch erotische Beziehungen finden läßt«, das lehrt uns ja der Roman mit seinen zahlreichen Personen ganz und gar nicht – und 2. »mit einem Mal« und zwar »durch ein einziges Werk« so etwas hervorgerufen sehen will? Die erste kühne Bemerkung muß jeden auf die Lektüre des Buches äußerst gespannt machen. Denn selbst die Rolle der Erotik im Siecle de Louis XIV. oder im Zeitalter der französischen Revolution, die dem Geschichtskenner denkbar wichtig und tiefgehend erscheint, muß weit zurücktreten, gegenüber einer so absolut allgemein gewordenen Lebens- und Weltanschauung, wie sie uns hier verkündigt wird. Wohl folgen auf Perioden ungeheuren Aufschwungs des Gemeinsinns und der Opferwilligkeit, kurz der praktisch betätigten Begeisterung für hohe Ideale, wie sie der russischen Revolutionsbewegung ohne Zweifel zugrunde lagen, solche des Gegenteils, sei es stumpfer Apathie oder krassen Egoismus. Und gerade der slavische Rassencharakter neigt mehr als ein anderer besonders stark zu solchen Widersprüchen. Aber daß eine große Volksbewegung die im Zug der Zeit liegt und sich wohl vorübergehend – aus inneren sozialen, kulturellen und nicht zum wenigsten religiösen Gründen – unterdrücken, niemals aber mehr ganz ausrotten läßt, eine Bewegung, die bei allem Terrorismus so gut wie einstens die französische Revolution vom Idealismus getragen war, sich ganz und gar auf den Standpunkt des Zynismus zurückwerfen läßt – durch ein einziges »Buch der Contre-Revolution«, das zu behaupten ist eine Ungeheuerlichkeit. Aber es klingt äußerst pikant, wenn gesagt wird: »Nichts hat in Rußland die sozialrevolutionäre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war, so endgültig der Zersetzung zugeführt, wie Ssanin mit seiner erotischen Suggestion.«

Der Uebersetzer Villard, der solche Ungeheuerlichkeiten als Kenner der russischen Verhältnisse, der er sein will, im Vorwort geschrieben hat, kann nicht als so naiv erscheinen, daß er sich dessen nicht bewußt gewesen wäre. Ich sehe in seinem Vorwort, das von Widersprüchen mit feststehenden Tatsachen und mit dem Inhalt des Romans strotzt, einen plumpen Versuch »einer erotischen Suggestion« auf den Leser um seine eigenen Worte zu gebrauchen, d. h. einer Spekulation auf die besondere Empfänglichkeit des Lesers für Erotika. Und dieser Suggestion kann sich angesichts solch hoher Studienzwecke, wie sie die Vorrede vorspiegelt, mit Beziehung auf den Ausgang der russischen Revolution, für die sich doch alle Welt lebhaft interessiert hat, gar mancher nicht entziehen.

Ich behaupte, – ich habe an einzelnen, sogar graß erscheinenden Stellen mit urteilsfähigen Lesern, die die Vorrede nicht kannten, die Probe darauf gemacht – daß man, ohne die Vorrede gelesen zu haben, an dem Buch als Ganzem keinen oder wenigstens keinen erheblicheren Anstoß nehmen kann, als an zahlreichen anderen Büchern auch, die ungehindert im Verkehr sind und daß die meisten der inkriminierten Stellen geradezu besonders aufgesucht werden müssen, um an ihnen etwas Schlimmes zu finden. Ich behaupte aber zugleich, daß das Vorwort geradezu diese Stellen heraushebt, indem es der Erotik in dem Buch einen solchen Einfluß zuschreibt mit der Aeußerung: »Wohl noch niemals wurden durch ein Buch in so kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus verändert zum Ausdruck gebracht.«

Mit wenigen Ausnahmen werden die meisten Leser nach Einblick in die Vorrede auch in den Kreisen, denen allein das Buch für 6,30 Mark zugänglich ist, – Anmerkung: Ich betone das, weil mir im Kampf gegen die schlechte Literatur öfters entgegen gehalten wurde, daß Bücher mit verhältnismäßig hohem Preise, schon ihres beschränkteren Leserkreises wegen nicht zur Schundliteratur gerechnet werden könnten, – von vornherein ihr besonderes Augenmerk auf die erotischen Stellen richten und darüber die künstlerische Seite des Werkes und die tatsächlich interessante Darstellung des sozialen und kulturellen Lebens, kurz die wissenschaftliche Seite, vernachlässigen oder die oft langatmigen, nicht eben tiefen Philosopheme einfach überschlagen, bis sie wieder den von dem Vorwort angedeuteten Spuren begegnen. Dadurch bekommt das Werk einen Charakter, den ihm der Verfasser ganz und gar nicht gegeben hat.

Statt daß der Leser mit einem auf das Große gelichteten Interesse eine realistische, meines Trachtens überhaupt kaum tendenziös gefärbte Schilderung der Verhältnisse und Zustände in der russischen Gesellschaft hinnimmt, muß er sich im Vorwort suggerieren lassen, daß es sich hier um »das Neue« handelt, das man sucht, er muß sich sagen lassen, daß es sich hier – ausgerechnet in diesem Buch – um die Veränderung einer gesamten Anschauung von Grund aus handle, er hört – und das wird vielen aus gesellschaftlichen Gründen verkappten Anhängern der »freien Liebe« willkommen sein, – daß die Ssaninisten, »endlich die leidige Konspirativität, die traditionelle Geheimniskrämerei beiseite werfen können«, daß die Erotomanie – frei von gesellschaftlichen Vorurteilen eben wegen jener fundamentalen Umwälzung der Gesellschaftsanschauungen, nun stolz das Haupt erheben darf – nur soll sie es nicht so laut und lärmend machen, wie die Ssaninisten, sondern mit behutsamen Stolz.« Diese Ausführungen des Vorworts stehen, wie bereits angedeutet, in völligem Widerspruch 1. mit den Tatsachen der Wirklichkeit wie 2. mit dem Inhalt des Romans und involvieren eine Tendenz, die meines Erachtens mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen ist, denn sie machen erst den Roman zu einem sittlich minderwertigen Literaturprodukt, das er, an sich betrachtet, nicht ist.

Fürs erste (Widerspruch mit den Tatsachen) mögen einige wenige Hinweise genügen. Aus eigener Kenntnis und auf speziell eingezogene Erkundigungen weiß, ich, daß sich bei russischen und polnischen Studenten, die bei uns auf deutschen Hochschulen weilen, das weitaus größte Interesse in der Betätigung erotischer Neigungen erschöpft – ein besonders grasser Fall ist erst unlängst in Karlsruhe vorgekommen, der mit Mord und Selbstmord endete. Und beim russischen Militär, insbesondere beim Offizierskorps, ist eine ähnliche oder noch niedrigere Stellung des Weibes, wie sie ihm in diesem Roman der Offizier Sarudin zuweist, wahrlich schon längst traditionell geworden. Ich kann dafür Belege aus unserem hiesigen industriellen Leben beibringen, die ich mir für diesen Zweck aus authentischen Quellen verschafft habe.

Eine einzige hiesige Firma hat zusammen mit ihrem Pariser Hause während des russisch-japanischen Krieges, Bijouterie für Damen nach Ostasien, speziell an ihr eigenes dafür errichtetes Geschäftshaus in Charbin im Betrag von 4–5 Mill. Frcs. geliefert – für die mit der russischen Armee ausgerückten Scharen von Halbweltdamen. Nach Beendigung des Krieges mußte das Importhaus dieser Firma in Charbin wieder ganz aufhören, und der Vertreter einer anderen hiesigen Bijouteriefirma, der persönlich monatelang auf dem Kriegsschauplatz war, kann grauenhafte Dinge von der Erotik im russischen Lager erzählen, der man ja wohl mit Recht einen großen Teil der Schuld gibt an der Niederlage der Russen. Daß solche Anschauungen bei russischen Studenten, wie bei russischen Offizieren herrschten, wußte man im Grunde genommen bei uns und überall; man stieß sich nicht einmal daran, man nahm das eben als »russisch« hin, als Ausdruck der Korruption gewisser Kreise, mit denen wir sonst keine Gemeinschaft suchen.

Wenn aber, wie das im Vorwort geschieht, diese speziell »slavische Schweinerei« – so hört man sie wohl gelegentlich bei uns nennen – auf eine allgemein menschliche Basis gestellt wird, wenn damit eine Passivität gegenüber aller Auflehnung gegen die staatliche Ordnung, namentlich aber die Befriedigung eines persönlichen Freiheitsdranges (»Ich lebe für mich« Seite 12), verknüpft wird, so liegt darin meines Erachtens eine schwere Gefahr, zugleich aber auch eine ungeheuere Anmaßung der Träger jener zersetzenden Weltanschauung, die die Kraft der slavischen Rasse so verhängnisvoll untergraben hat, die auch erschreckend am Mark der romanischen Völker nagt und auch in unserem Volk, besonders durch die herrschenden Richtungen in der Literatur, immer mehr Boden gewinnt. Es ist wohl kein Zufall, daß sich ein Franzose – als solchen darf ich wohl Herrn A. Villard, den Verfasser des Vorworts, vermuten – so lebhaft zum Propheten des neuen Evangeliums der freien Liebe aufwirft.

Wenn in der Tat das Buch als Ausdruck einer längst vorhandenen Stimmung »dessen was in der Jugend schon seit Jahren gärte –« so korrigiert Kurt Aram in der »Frankfurter Zeitung« das Vorwort – (Frkf. Ztg.« 1908, 16. September, Abendblatt), nicht als Ausgang einer neuen Bewegung – auch nur annähernd die Wirkung in Rußland hervorrief, die die Vorrede andeutet – ich kann das mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln nicht genügend beurteilen, habe aber Nachforschungen in Rußland selbst angestellt, über die literarischen Wirkungen des Buches, deren Ergebnis ich nachzutragen hoffe –, wenn diese Wirkungen tatsächlich hervorgerufen wurden, dann ist bei der Sensationssucht, mit der unsere Presse sowohl wie nicht selten auch aus rein geschäftlichen Gründen unser Buchhandel spekuliert (vgl. den Fall Ganter), nicht ausgeschlossen, daß auch bei uns das Buch eine Mission erfüllt von erschreckender Wirkung. Denn die Faktoren, die einem Buch – ohne Rücksicht auf seinen Inhalt und wirklichen Wert – einen Riesenerfolg bereiten, sind vollkommen unberechenbar, wie die Schicksale mancher literarischer Produkte der jüngsten Zeit beweisen.

Die reklamehaften Behauptungen des Vorworts stehen aber zweitens auch im Widerspruch mit dem Roman und seinem Inhalt selbst. Aus der überschwenglichen Art, wie hier im Vorwort gerade die erotische Seite des »Ssanin« dargestellt wird, möchte ich fast den Schluß ziehen, daß die erotischen Momente, die im Roman selbst für das ins Auge gefaßte Publikum zu nüchtern behandelt sind, im Vorwort zum Zweck größeren Erfolgs aufgebauscht, ja direkt in falsches Licht der Beurteilung gerückt werden.

Sonst könnte Villard nicht von »Veränderungen der gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus« sprechen, er könnte auch nicht sprechen vom Beiseitewerfen der traditionellen Geheimniskrämerei in solchen Dingen. Die beiden praktischen Vertreter der freien Liebe im »Ssanin« sind genau so befangen in den konventionellen Schranken und genau so ehrbar nach außen, wie solche Leute bei uns zu sein pflegen. Ja, wenn sie noch die Schranken durchbrächen und in ihrer »neuen Weltanschauung« sich vor die breite Oeffentlichkeit stellten, das denkt und wünscht sich offenbar der Uebersetzer, der Autor ist ganz anderer Meinung.

Zunächst konnte der im Vorwort besprochene Zusammenhang zwischen dem Sexualleben und der russischen Revolution einem, der von sexuellen Erregungen, von besonderen seelischen Schwingungen bei derartigen sozialen Erschütterungen gehört hat, einleuchtend erscheinen, zumal, wenn es sich um solche Erscheinungen während der Revolution handelt, von denen Villard (S. 11) andeutungsweise spricht. Der Hinweis auf die Anarchisten mit ihrem Terrorismus, die Villard als die Pfadfinder Ssanins und der Ssaninisten bezeichnet, erinnert daran, daß in den Kreisen der Anarchisten in der Tat auch »ein sexueller Rausch« herrschte, freilich ganz anderer Art, als der von Villard angedeutete, – Anmerkung: Die von Villard geradezu als vorbildlich für die russische Intelligenz hingestellte Betätigung der freien Liebe, seitens der terroristischen Anarchisten, ist bekanntlich eine propagandistische Forderung des Anarchismus überhaupt, – nämlich eine pathologische Ausprägung des Sexuallebens, der Sadismus.

Ueber diesen sagt Forel (Die sexuelle Frage, S. 239) in Übereinstimmung mit Lombroso, daß »durch Kampf und Schlacht und die vom Krieg entfesselte Mordlust aufgeregte Soldaten zu viehischen sexuellen, wollüstigen Exzessen geführt werden.« Ein erschütternder, sinnverwirrender Beleg dafür findet sich speziell mit Bezug auf die russische Revolution bei Bloch.(Das Sexualleben unserer Zeit, 2. und 3. Aufl., S. 646 ff) mitgeteilt von Magnus Hirschfeld: »Ein Beitrag zur Psychologie der russischen Revolution« (Entwicklungsgeschichte eines algotagnistischen Revolutionärs, von diesem selbst verfaßt).

Von sadistischen Regungen ist aber in vorliegendem Roman nur ganz selten andeutungsweise die Rede, solche Regungen kommen nach dem Urteil hervorragender Sexualpsychologen häufig bei exzessiver Betätigung eines normalen Geschlechtstriebes vor, sie geben darum auch dem »Ssanin« keineswegs ein abnormes Gepräge.

Zweiter Teil.

(Disposition nach den im Schreiben des Untersuchungsrichters vom 31. Dezember 1918 gestellten Fragen.)

1. Ueber den literarischen und kulturhistorischen Wert des Romans.

Der Gesamteindruck des Werkes in literarischer Hinsicht ist kein günstiger. Es fehlt der einheitliche Aufbau und die das Ganze mehr oder minder beherrschende Haupthandlung. Es sind vielmehr aneinandergereihte, innerlich wenig oder gar nicht verknüpfte Bilder, meist Gruppenbilder von Personen, die der Verfasser uns eigens vorführt, um interessante Typen aus dem russischen Gesellschaftsleben zu zeigen. So ist meines Erachtens die Bezeichnung »Roman« nicht recht angebracht. Die Bilder sind mit starkem Realismus gezeichnet und gewähren in der Tat tiefe Einblicke in die russischen Verhältnisse, da sie sowohl das landschaftliche, das soziale und das geistige Milieu, überhaupt das Zuständliche, wie auch das individuelle Seelenleben anschaulich und eindrucksvoll schildern. Insofern kommt dem »Ssanin« ohne Zweifel ein kulturhistorischer Wert zu. Was aber den literarischen Genuß empfindlich beeinträchtigt, ist die breite Wiedergabe zahlreicher, meist ziemlich oberflächlicher philosophischer Erörterungen und Monologe, die – im Gegensatz zum Vorwort sei dies betont – häufig nichts von Erotik enthalten. Direkt unkünstlerisch, ja unästhetisch wirkt nach meinem Geschmack die Behandlung geschlechtlicher Vorgänge – ich lasse dabei zunächst die moralische Seite außer acht. Wenn das Weib sonst in der schönen Literatur auftritt, selbst da, wo ihm eine im ganzen erniedrigende Rolle zugewiesen wird – ich erinnere nur an Sudermanns neuesten Roman »Das hohe Lied« – so trägt seine Erscheinung doch wenigstens stellenweise das Gepräge echter Schönheit und Weiblichkeit im edlen Sinne. Das fehlt hier bei Artzibaschew ganz. Stets ist nur vom Weib in rein physischer Beziehung, ich möchte sagen, in zynischer Nacktheit, die Rede, von seinen Schenkeln Brüsten, dem Rücken usw. – sei es in der Phantasie des Mannes oder in Wirklichkeit. Und selbst der Bruder tritt der Schwester mit solchen Empfindungen gegenüber, diese einseitige Auffassung und Vorstellung des Verfassers hat literarisch einen schweren, meines Erachtens seine ganze künstlerische Qualität in Frage stellenden Mangel zur Folge, nämlich die Unfähigkeit zum Differenzieren, was gerade bei einem so schwierigen Problem, wie dem des Weibes und des Sexuallebens, besonders schwer ins Gewicht fällt. Darunter leidet namentlich auch seine Charakterschilderung der Männer in ihrem Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Man hat das Gefühl, wie wenn alle diese Männer das Weib durch genau die gleiche Brille besehen, gleich begehrlich, gleichweit entfernt von jeder noch so bescheidenen Würdigung des weiblichen Charakters als etwas nicht rein Sinnlichen, Animalischen.

Nun mag vielleicht seine Grundauffassung vom Weib seitens des Mannes in Rußland typisch sein – ich kann mir das zwar nicht recht vorstellen, daß in der Heimat der Frauenemanzipation und des weiblichen Studententums die Frau keine andere Stellung gegenüber dem Manne sich zu erringen vermochte und stehe diesem »Typus« des russischen Gesellschaftslebens skeptisch gegenüber – künstlerisch ist sie gewiß nicht. Die Verwickelungen, die das Buch enthält, stehen zum Teil auf sehr schwachen Füßen, oft spielen Zufälligkeiten, die keinerlei logischen und psychologischen Zusammenhang mit dem sonstigen Verlauf der Dinge haben (Karssawina und Ssanin im intimen Verkehr) eine ausschlaggebende Rolle, und Lösungen (wie der Selbstmord Juriis) der Konflikte treten mitunter ganz plötzlich und unmotiviert ein.

So darf denn meines Erachtens der literarische Wert des Buches trotz mancher anerkennenswerter Lichtseiten im ganzen nicht hoch angeschlagen werden. Schwerwiegende Mängel treten zu sehr in den Vordergrund, als daß der Gesamteindruck ein erfreulicher genannt werden könnte.

2. Ueber die wissenschaftliche Bedeutung der Behandlung erotischer Fragen.

Wissenschaftlich, d. h. in der Absicht, unser Wissen über das menschliche Liebesleben irgendwie zu fördern, hat der Verfasser erotische Fragen sicher nicht behandelt. Nicht ein höherer Zweck, wie ihn das wissenschaftliche Streben im Auge hat, sondern einfach die Absicht, Zustände und Anschauungen wie sie sind, darzustellen, hat dem Verfasser die Feder geführt. Dann kann ich – unbeschadet meiner späteren Ausführungen unter Nr. 4 – gleich hier beifügen, daß dem Verfasser nach meiner Meinung auch kein verwerflicher Nebenzweck, etwa absichtlichen Sinnenreizes bei Darstellung geschlechtlicher Vorgänge, vorgeschwebt hat.

3. Ueber die Güte der Übersetzung.

Darüber vermag ich mich nicht zu äußern in Ermangelung russischer Sprachkenntnisse. Aber der Eindruck, den die sprachliche Form in der vorliegenden Übersetzung macht, ist fast durchweg günstig. Ich habe nur an einigen Stellen Anstoß an Wortformen genommen, die anscheinend auf kleine Mängel in der Sprachkenntnis zurückgehen, u. a. an dem öfters wiederkehrenden Adjektiv »bange«, das – entgegen unserem Sprachgebrauch – zu sachlichen Qualifikationen verwendet wird, so S. 263, 359, 364 und 373.

4. Wird die Darstellung geschlechtlicher Vorgänge durch die vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaßen in den Hintergrund gedrängt, daß das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers nicht verletzt wird?

Die so gestellte Frage muß ich bejahen. Wer ohne Voreingenommenheit an die Lektüre des Ganzen herantritt, kann wohl an der oft bis zum Krassen, Frivolen, ja Zynischen gesteigerten Realistik (bes. S. 196–197, 215, 231–233, 248, Kap. 26, S. 318, 428–429, 440–441 u. a. Anstoß nehmen. Er wird aber aus dieser Realistik nicht dem Autor einen sittlichen Vorwurf machen, weil meines Erachtens auch das Ausmalen widerlicher Vorgänge, die Darstellung abstoßender, niedriger Denkweise nirgends in der Absicht geboten ist, Freude an pikanten, den Sinnenreiz erregenden Szenen zu bezeigen und diese Freude etwa auf andere zu übertragen.

Die ganze Eigenart des Buches, das den Eindruck starker Wahrheitsliebe und rückhaltloser Ehrlichkeit macht, ist nicht auf den gemeinen Grundton pornographischer Schreibweise gestimmt. Der Verfasser, der nun einmal die Zustände der russischen Gesellschaft ohne Schminke schildern wollte, mußte die Farbe so auftragen, wenn aus einem Gemälde überhaupt etwas Echtes, Brauchbares werden, wenn dabei ein »kulturhistorischer« rein »wissenschaftlicher« Zweck im Auge behalten werden sollte.

Wenn ich krasse Vorkommnisse zu erzählen und dekadente Stimmungen zu schildern habe, dann kann ich jene nicht formlos und diese nicht ideal hinstellen – will ich nicht der höchsten sittlichen Pflicht als Autor mich entledigen. So sind nun einmal die Dinge in Rußland. Würde sie Artzibaschew nicht schildern, wie sie sind, sondern, wie er sie haben möchte, dann läge in Anbetracht zahlreicher Stellen seines »Ssanin« ein Bestreben vor, das bei solch rauhem Realismus, wie er da zum Ausdruck kommt, als äußerst bedenklich bezeichnet werden müßte. Das schließt aber ohne Zweifel die Behauptung in sich, daß wir es hier mit einem ausgesprochenen Tendenzroman zu tun haben. Und dieser Behauptung widerspreche ich mit Entschiedenheit.

Wer sie verteidigt, der verurteilt indirekt den Ssanin als eine pornographische Schrift. Denn wenn das geschlechtliche Leben und alles, was damit zusammenhängt, nicht wirklich so wäre, wie es uns hier vor Augen geführt wird, wenn es vom Autor mit seiner angeblichen Tendenz nur so erdacht wäre, um die Unterlage einer neuen, erotischen Weltanschauung zu bilden, – das Vorwort Villards will das glauben machen – dann müßte sich allerdings das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers schwer verletzt fühlen.

Zustände und Anschauungen, noch dazu in einem fremden Lande, die aus tausend Ursachen so geworden sind, die können wir aber, ob wir nun Kenntnis davon haben oder nicht, ob sie sittlich gut oder verwerflich sind, nicht ändern, nicht ablehnen, nicht durch literarische Konfiskationen usw. beseitigen, Zumutungen aber, Aufdringlichkeiten unsittlicher Art, kurzum Tendenzen, die im Gehirn eines Schriftstellers ihren Ursprung haben, können wir ablehnen, von uns fernhalten, ebenso gut wie die Zudringlichkeiten von Leuten, die uns am Leib und Leben, an Hab und Gut schädigen wollen, nötigenfalls unter Anrufung des gesetzlichen Schutzes. Wer dem Ssanin des Artzibaschew anstelle der harten und herben Realistik der Tatsachen eine solche Tendenz vindiziert, der tut ihm meines Erachtens unrecht.

Indem nun aber das oben im ersten Teil meines Gutachtens ausführlich erörterte Vorwort in denkbar anspruchsvollster Weise dem Buch eine geradezu das Ganze beherrschende erotische Tendenz zuschreibt, und indem es die Schilderung der ungeheuerlichen Wirkung solcher Tendenz dem, der das Buch zu lesen beabsichtigt, als die beste Empfehlung, die wirksamste Reklame zur Weiterempfehlung aufdrängt, stempelt es, wie ich oben bereits ausgeführt habe, das ganze Buch zu einem erotisch-tendenziösen. Es zerstört seine nüchterne Realistik und nimmt ihm seinen unverkennbaren kulturhistorischen, belehrenden, wissenschaftlichen Charakter.

Ich stehe nicht an, zum Schluß meines Gutachtens meine Meinung dahin zusammenzufassen: Artzibaschews Ssanin an sich halte ich vom Standpunkt des § 183 Ziffer 1 des St.-G.-B. für einwandfrei. Die vorliegende deutsche Ausgabe jedoch mit Villards Vorwort fällt meines Erachtens unter den Begriff einer unzüchtigen Schrift im Sinne des erwähnten Paragraphen.

Pforzheim, 2. Februar 1909.

gez.: Prof. Dr. Karl Brunner.


6. Gutachten
von Ludwig Ganghofer in München.

Der mir zur Beurteilung vorgelegte Roman ist als eine dichterisch hochstehende, aus künstlerischem Geist entsprungene Schöpfung zu bezeichnen, die in der Geschichte der russischen Literatur neben den Meisterwerken von Gogol, Turgenjew, Dostojewski und Gontscharow ihren verdienten Ehrenplatz finden wird.

Die Komposition des Romans ist von schöner und strenger Geschlossenheit; die Handlung ist ein starkes und überzeugendes Bild des Lebens, klar geschaut, großzügig erfaßt und mit künstlerischer Kraft aus der Wirklichkeit emporgehoben zu dichterischer Wahrheit; alle Gestalten des Buches sind mit Meisterhand gezeichnet, ohne Beschönigung, ohne Uebertreibung, ohne Absichtlichkeit, im plumperen Sinne dieses Wortes, ohne tendenziöse Verschiebung der Linien, die das Leben dem Dichter zeigte; von fesselnder Wirkung sind die mit den Lebensvorgängen künstlerisch verwobenen Naturschilderungen, die in ihrem malerischen Reiz an die feinsten landschaftlichen Stimmungen bei Turgenjew erinnern; und als glühende Seele dieses Buches redet zu uns die leidenschaftliche Vaterlandsliebe des Dichters, seine schwermutsvolle Trauer über das Schicksal seiner Heimat und ihrer Jugend, deren wertvolle Lebenskräfte zwischen politischem Unglück und sozialer Entartung nutzlos verbraucht und zerrieben werden.

Die Lektüre dieses Buches brachte mir jenen hohen Genuß, wie ihn nur das Werk eines echten Dichters dem Leser zu bieten vermag – gleichviel, ob es nun licht und erhebend oder erschütternd und bedrückend wirkt.

Ich würde nicht nur als Schriftsteller das lebhafteste Bedauern darüber empfinden, wenn diesem Werk aus Gründen, die nur außerhalb seines dichterischen Wertes liegen könnten, bei uns in Bayern eine zensurelle Maßregelung erführe. Denn die an mich gestellte Frage, ob die im »Ssanin« geschilderten sexuellen Vorgänge geeignet wären, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl eines »normal empfindenden Lesers« zu verletzen, muß ich mit Nein beantworten. Dabei verstehe ich allerdings unter einem »normal empfindenden Leser« auch einen gesunden, natürlich fühlenden Menschen von relativer Bildung und ernsten Kulturinteressen. Auf entartete und krankhaft gereizte Menschheitsexemplare kann ja auch ein viel harmloseres Kunsterzeugnis, als es der Ssanin ist, eine zu sexueller Nervosität umschlagende Wirkung üben. Aber in einem halbwegs gesunden, natürlich fühlenden und verständigen Menschen wird die Lektüre dieses Buches niemals ein Gefühl der Lüsternheit erwecken, also meines Erachtens auch nie ein Gefühl der sittlichen Empörung über die Form hervorrufen, in welcher die von der Handlung des Romans untrennbaren sexuellen Vorgänge hier geschildert sind.

Von einer »wissenschaftlichen Behandlung der erotischen Fragen« oder von einem »wissenschaftlichen Zwecke« der hier gegebenen Darstellung geschlechtlicher Vorgänge zu sprechen, erscheint mir diesem Werke gegenüber als nicht ganz zutreffend. Der Schöpfer dieses Werkes wollte nicht als Arzt oder als Gelehrter sprechen, sondern als Dichter. Er wollte kein wissenschaftliches Compendium der modernen Erotik seiner Heimat verfassen, sondern mit Wahrheit und künstlerischer Kraft das versinkende Leben einer bedrückten und irregeleiteten Jugend schildern, die sich – von höheren kulturellen Lebenszielen auf politischem und sozialem Gebiete gewaltsam abgedrängt – auf die tierischen Reservatrechte der Menschheit beschränkt sieht und sich in verschärfter Intensität mit allem beschäftigt, was ihr als erotisches Problem erscheint. Diese Jugend sagt: Untergang und Niederbruch auf allen Seiten, suchen wir also wenigstens einen Fortschritt auf diesem einen Gebiete zu erzielen, auf dem uns die Arbeit nicht unterbunden werden kann. Die latente Nähe des Galgens erzeugt sexuelle Subtilitäten.

Ich halte es für einen der Grundgedanken des vorliegenden Romans, daß der Dichter aussprechen wollte: Hindert eine blutvoll und stürmisch heranwachsende Jugend an der redlichen Betätigung ihrer besten Lebenskräfte, nehmt ihr die fliegenden Hoffnungen, die sie emportragen über die Dunkelheiten des ewig Menschlichen, so werden die Feinfühligsten dieser Jugend zu Unglücklichen wie Ssoloweitschik, die gedankenvollen Schwächlinge zu ratlosen Selbstmördern wie Jurii, die geistig minderwertigen Menschtiere zu perversen Schweinen wie Woloschin und Sarudin, die seelisch und körperlich Starken zu einsamen Spöttern und zu rücksichtslosen Lebenstrinkern wie Wladimir Ssanin, der aus allem schwülen Sturm dieses Buches höhnisch und lachend hinausschreitet ins Ziellose, ein Zyniker und doch ein Held, der keinen Menschen haßt, aber auch um keines Menschen willen leidet.

Man mag erschrecken vor aller Wahrheit, die hier geschildert wird; aber man darf für diese Wahrheit nicht den Dichter verantwortlich machen, der solche Wahrheit sah und zeigte.

Aus dem ernsten Lebensklang seines Buches, aus dem Gang der Handlung, aus dem Kontrast der geschilderten Figuren, aus der Schärfe des Gegensatzes, mit dem der Dichter das Helle gegen das Dunkle stellt, das Kraftvolle gegen die Schwäche, gesunde Natur gegen das Verkuppelte und Entartete, die Reinheit gegen die Vertierung, das Ersehnenswerte gegen das wirklich Bestehende – aus diesen kontrastierenden Farben und Bildern des Werkes wäre ohne mühsame Kombination zu erweisen, daß dieses erschütternde Werk geschaffen wurde, um an giftige Lebenswunden das brennende Eisen zu legen. Aber mit Worten ist eine solche Absicht im »Ssanin« nirgends ausgesprochen. Der echte Künstler hat es nicht nötig, seinem großgefaßten Werke jenes Moralfähnchen anzuhängen, wie es in der kleinen Fabel des Kinderbuches üblich ist.

Im Zusammenhange mit allem mutigen Ernste dieses Buches vermag die Darstellung der für die Handlung unumgänglichen erotischen Szenen einen normalen und gesunden Leser weder sinnlich zu erregen, noch sein Scham- und Sittlichkeitsgefühl zu verletzen. Aber auch losgelöst aus dem künstlerischen Zusammenhange dieses Buches, jede der inkriminierten Stellen für sich allein betrachtet – so, wie sie in der an mich gerichteten Zuschrift von der Kgl. Staatsanwaltschaft nach Seitenzahlen aufgeführt wurden – können diese Darstellungen nicht als unsittlich oder unzüchtig bezeichnet werden. Diese Schilderungen gehen nie von der Absicht aus, die Lüsternheit des Lesers zu erwecken oder eine Wirkung durch die Spekulation auf seine tierischen Instinkte zu erzielen. Hinter all diesen Szenen stehen ernste, psychologische, kulturelle und nationale Werte; die Form der Darstellung ist immer ruhig, abgeklärt, reinlich und vornehm, sie vermeidet mit Geschmack jede Linie und jedes Wort, das über die Grenzen des künstlerisch Notwendigen und Zulässigen hinausginge. Mit einer einzigen Ausnahme. In der Szene zwischen Jurii und Karssawina – Seite 440 – störte mich die textliche Brutalität der drei Worte auf Zeile 25. Diese Wendung ist geschmacklos, eine stilistische Entgleisung, von der ich nicht entscheiden kann, ob sie dem Dichter oder dem Uebersetzer anzukreiden ist. Ich möchte das letztere vermuten.

Im übrigen wird die Übersetzung, von kleinen Nachlässigkeiten der Sprache abgesehen, dem ernsten Charakter des Buches wohl gerecht, so daß sie als literarische Arbeit zu bezeichnen ist.

Nicht völlig einverstanden bin ich mit einem Abschnitt der Vorrede. Die Behauptung, daß »der milde sexuelle Rausch«, der einen Teil der russischen Jugend erfaßte, »auf den »Ssanin« zurückgeht«, scheint mir historisch nicht richtig. Ich erwähne das, weil ich mich zu der Bemerkung verpflichtet fühle, daß jene Stelle der Vorrede – Seite VIII – für mich den unbehaglichen Beigeschmack einer nicht sehr delikaten Anpreisung des Buches bekam. Es ist möglich, daß ein solcher Eindruck in mir vorbereitet war durch den geschmacklosen und marktschreierischen Aufdruck der Buchhändlerschleife, mit welcher der Band verschlossen war. Es ist richtig, daß der »Ssanin« in Rußland verboten wurde. Aber mit dieser Tatsache buchhändlerischer Reklame zu machen, erscheint mir als unanständig. Und Reklame der gleichen Gattung ist der Aufdruck: »Ursprung der sexuellen Revolution«. Dieser Reklameschrei, der sich übel an eine literarisch und kulturhistorische Sache anhängt, ist überdies eine Unwahrheit, denn der »Ssanin« ist weder der »Weltanschauungsroman des heutigen Rußland«, noch weniger »der Ursprung der sexuellen Revolution«. Durch solche Reklame wird das Anstandsgefühl eines normalen Menschen verletzt, nicht aber durch dieses künstlerisch wertvolle Buch, daß meines Wissens in Rußland nicht aus Sittlichkeitsgründen, sondern aus politischen Motiven verboten wurde. Denn dieses Buch – dessen sittlicher Wert allein schon durch das grauenvolle Schicksal dokumentiert wird, dem der Dichter die Gestalt des Masochisten Sarudin überantwortet – dieses Buch mit seinem flammende Geiste und seiner peitschenden Ironie war geeignet, die russische Jugend aus ihrer seit Jahrzehnten entwickelten, schon vor dem »Raskolnikow« und »Oblomow« angebahnten Verirrung und Versumpfung aufzurütteln und zu neuem Widerstande gegen die in Rußland herrschenden politischen Mißstände zu beseelen.

Daß der »Ssanin« nach seinem Erscheinen in unreifen Gehirnen und krankhaften Organismen der russischen Jugend mancherlei Mißverständnisse und Verwirrungen anrichtete, das ist dem Dichter und seinem Werke ebensowenig zur Last zu legen, wie die nationale und kulturelle Wirkung Goethes durch die Tatsache zu belasten wäre, daß sich nach dem Erscheinen der »Leiden des jungen Werthers« ein paar sensible Schwächlinge aus törichter Eitelkeit erschossen. Geniale dichterische Werke pflegen nach einigen Erschütterungen, die sie bei Unverständigen anrichten, reinigend zu wirken und gesunde Erneuerungen des Lebens vorzubereiten..

München, den 29. Januar 1909.

gez. Ludwig Ganghofer.


7. Gutachten
von Dr. Franz Muncker, Professor an der Universität München.

München, 7. Januar 1909.

Ein Sachverständigengutachten über den Roman »Ssanin« von Artzibaschew in dem ganzen Umfang, wie es von mir gefordert wurde, kann ich nicht abgeben:

Zunächst kann ich über den Wert der Uebersetzung nur mit Einschränkung urteilen. Das russische Original liegt mir nicht vor, und auch wenn dies der Fall wäre, würde meine – ziemlich dürftige – Kenntnis der russischen Sprache nicht ausreichen, daß ich wirklich über die Treue und Güte der Uebersetzung sprechen dürfte. Von meinen näheren Kollegen an der Universität wäre dazu meines Wissens am ersten Professor Dr. Krumbacher befähigt. Ich kann nur beurteilen, ob das Deutsch, das der Uebersetzer schreibt, gut und künstlerisch ist. Darin sind mir hie und da kleine grammatikalische Sorglosigkeiten, bisweilen auch eine allzu russisch klingende Wendung aufgefallen, im ganzen aber ist die sprachliche Darstellung ungezwungen, frisch und gewandt: die Uebersetzung liest sich wie ein gutes deutsches Originalwerk.

Auch über den kulturhistorischen Wert des Romans habe ich kein eigentliches Sachverständigenurteil. Von Berufs wegen gehen mich die kulturellen Verhältnisse des modernen Rußland nichts an; was ich von ihnen weiß, stammt in der Hauptsache aus den Quellen, aus denen sich jeder andere Gebildete ebensogut wie ich über solche Dinge unterrichten kann, aus Zeitungen oder aus Gesprächen mit Leuten, die mehr davon zu wissen scheinen. So vermag ich nicht mit Sicherheit darüber zu urteilen, ob Ssanin wirklich, wie es in der Vorrede der deutschen Ausgabe heißt, die sexuelle Revolution in Rußland hervorgerufen hat, oder ob er nur ein künstlerisches Abbild von dieser Revolution gibt. Daß jedoch die in ihm gekennzeichneten philosophisch sittlichen Anschauungen und Freiheiten des geschlechtlichen Lebens tatsächlich der Wahrheit entsprechen, steht nach den Berichten der Zeitungen außer Frage. Auch könnte ich mich dafür auf bestätigende Aeußerungen berufen, die eine der ersten Persönlichkeiten der Petersburger Universität, Staatsrat Th. v. Zielinski, hiesigen Freunden – namentlich auch dem Geheimrat Professor Dr. Crusius hier, dem ich den Roman zu rascher Lektüre gab, eben weil ich wußte, daß Zielinski gerade mit ihm über diese russischen Verhältnisse ausführlich gesprochen hatte; Crusius, einer der größten Kenner alter und neuerer Literatur, stimmt übrigens in allem Wesentlichen meinem Urteil über »Ssanin« bei – gegenüber getan hat. Durch diese Wahrheit des Inhalts gewinnt der Roman Ssanin, gleichviel wie seine Bedeutung in Rußland selbst geschätzt wird, für uns deutsche Leser allerdings einen hohen kulturgeschichtlichen Wert; und insofern verdient er zweifellos ins Deutsche übersetzt zu werden. Daß er in Rußland verboten worden ist, kann dabei nicht in Betracht kommen. In Rußland wird manches von der Zensur unterdrückt, was bei uns als vortrefflich gilt. Den Roman Ssanin verbot man dort, weil man fürchtete, sein Inhalt möchte der dortigen Jugend gefährlich werden, weil man sah, daß diese Jugend die in dem Roman geschilderte freie Liebe und überhaupt die Lebensanschauung des Titelhelden in wildem Rausche praktisch zum Gesetz erheben wolle. Diese Gefahr besteht bei uns durchaus nicht, weil bei uns die ganze revolutionäre Gärung, überhaupt die politisch sozialen Voraussetzungen fehlen, die in Rußland solchen Bestrebungen die Wege bahnen.

Unbestreitbar aber verdiente »Ssanin« auch um seines literarischen Wertes willen die Uebersetzung ins Deutsche. Mit großer Kraft und Kunst zeichnet der Verfasser eine Reihe von Personen lebenswahr und psychologisch sorgfältig in allen ihren Gedanken, Empfindungen, Reden und Handlungen individuelle Charaktere, die zugleich bedeutsame Typen der verschiedenen Arten von Menschen sind, mit nicht geringerer Kunst erzählt er eine Reihe von Vorgängen, die sich zu einem lebensvollen Gesamtbilde zusammenschließen, und trotz der Breite, mit der er das Meiste in ihnen ausmalt, trotz mancher ermüdenden Einförmigkeit der einzelnen Geschehnisse weiß er sehr wohl den Leser dichterisch anzuziehen, zu spannen und zu fesseln. Ohne falsche Ueberladung, aber anschaulich und wirksam schildert er bald die Natur, bald Einzelheiten aus dem sozialen Treiben. Ausführliche Gespräche über Religion, Christentum, philosophische Weltanschauung flicht er ein, um die wechselnden Gedanken und Bestrebungen der russischen Jugend genau zu beleuchten. Diese Gespräche erstrecken sich oft über Dutzende von Seiten; ihnen sind unter anderem die Kapitel 23–25 (S. 276– 311), 31–33 (S. 378–409) usw. gewidmet. Mehr als alles übrige beweisen diese umfangreichen und nicht immer gerade kurzweiligen Abschnitte, wie ernsten Absichten der Verfasser mit seinem Roman verfolgte. Wer mit unreinen sinnlichen Begierden zu dem Buche greifen würde, den müßten diese Abschnitte unbedingt abschrecken. Er käme aber auch sonst wohl nicht auf seine Rechnung, obwohl von geschlechtlichen Regungen und Handlungen mehrfach in dem Roman die Rede ist. Was der Verfasser an solchen Stellen erzählt, das scheint mir meistens zur Charakteristik der Menschen und der Zustände, um die es sich handelt, künstlerisch und psychologisch geradezu notwendig; wie er es aber erzählt, beweist durchaus den vornehmen Schriftsteller, der rein sachlich, objektiv episch darstellt und von jeder Lüsternheit weit entfernt ist.

Ich gehe sogleich zu den einzelnen Stellen über, die in dem gerichtlichen Schreiben an mich vom 28. Dezember 1908 besonders hervorgehoben sind. S. 88–90. Die Hingabe Lydas an Sarudin ist eines der Grundmotive des Romans, als solches daher unentbehrlich. Die Darstellung dieser Hingabe ist ganz sachlich, fast nüchtern, von jeder Beschönigung durch den Erzähler, von jeder lüstern schlüpfrigen Ausmalung frei; streng genommen wird nur das fieberhafte Verlangen Lydas vor dem Akt der Hingabe selbst charakterisiert und zwar durch kurze Andeutungen. Für kleine Mädchen und unreife Jüngelchen sind diese Andeutungen freilich nicht, der ausgewachsene, normal empfindende Leser aber kann in ihnen nichts Unsittliches entdecken.

S. 94 u. 96. Wo hier überhaupt etwas Unsittliches liegen soll, kann ich nicht herausbringen. Ebenso geht es mir bei S. 211–213 und 465–466.

S. 196–197. Es handelt sich um die Charakteristik eines gemeinen Lüstlings, deren Berechtigung in einem Roman kein literarisch verständiger Mensch leugnen wird. Dieser Charakteristik dient die rohe Rede. Aber der Verfasser streicht selbst das roheste Wort und deutet es nur unbestimmt an, so daß es der Leser nicht einmal mit Sicherheit ergänzen kann. Er weicht hier also geradezu dem aus, was das Schamgefühl des Lesers verletzen könnte.

S. 231 – 233 und 236. Eine sittlich verwerfliche Anschauung wird von dem Helden des Romans ausgesprochen, den der Dichter aber keineswegs als Ideal gezeichnet hat, dessen Gesinnungen er in keiner Weise billigt. Dabei werden verschiedene rücksichtslose Ausdrücke (z. B. das Wort »schwanger«) gebraucht, allein noch besonders hervorgehoben, daß diese unverblümte Rede die schuldige Hörerin aufs tiefste beschämte. Wie diese Stellen aber das Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers verletzen sollen, ist mir unfaßbar.

S. 246 – 248. Ssanins Worte sind roh, aber ohne jeden lüsternen, geschlechtlich erregenden Sinn. Die künstlerische Wahrheit erforderte übrigens gerade hier unbedingt die Roheit des Ausdrucks, und die gröbste Stelle in Ssanins Rede (S. 248) ist vom dichterischen Standpunkt aus ebenso notwendig wie etwa die Schimpfwörter, die der sterbende Valentin in Goethes »Faust« ausstößt.

S. 316 – 318. Wieder handelt es sich um die Charakteristik zweier elender Gesellen, die der Verfasser überdies wiederholt als schamlos bezeichnet. Ganz objektiv nüchtern berichtet er über ihre gemeinen Reden, die er verurteilt, deutet aber von diesen Reden nur das Nötigste an, und läßt ihre unzüchtig-witzige Pointe nicht einmal ahnen. Die Stelle ist geradezu ein Beweis dafür, daß er nichts weniger als lüstern wirken will, sonst hätte er von dem Gespräch der erbärmlichen Patrone, sogar mit einem Schein von künstlerischer Berechtigung, viel mehr mitteilen können. Was er sagt, ist kaum unsittlicher als was bei einer Verhandlung über seinen Roman im Gerichtssaal Ankläger und Verteidiger auch sagen müßten. Denn auch aus seinen Worten klingt überall der sittliche Ernst heraus; sein sittliches Urteil schwankt nicht einen Augenblick, hier so wenig wie an anderer Stelle des Romans.

S. 419 – 421. Das Gespräch der zwei Männer, ob man eine nackte Frau betrachten dürfe oder nicht, ist rein theoretisch, von jeder Roheit oder Niedrigkeit frei, die folgende Szene aber, wie beide die badenden Mädchen beobachten, ist so einfach, fast naiv, jedenfalls dichterisch so hübsch, daß sie einen gebildeten, rein empfindenden Leser ebenso wenig verletzen kann, wie etwa ein schönes Gemälde, das eine nackte Frau zeigt. Jede unsittliche Wirkung ist hier ausgeschlossen, wenn die Phantasie des Lesers nicht an sich schon verdorben ist.

S. 430 u. 435. Rein sachlich, ohne Lüsternheit von seiten des Schriftstellers, wird hier ausgesprochen, daß sich in die Liebesgedanken Juriis auch sinnlich begehrliche Vorstellungen einmischen. Solange nicht bewiesen wird, daß so etwas bei einem jungen Mann, der von wirklicher Liebe erfüllt ist, niemals vorkommt, kann ich das Anstößige oder Verwerfliche dieser Darstellung nicht verstehen.

S. 439 – 443 und 470 – 473. Sinnlich geschlechtliche Vorgänge werden hier allerdings dargestellt, aber in sachlicher, nüchtern objektiver Weise ohne lüsterne Zutat. Die Vorgänge selbst sind im Gefüge des Romans unentbehrlich; die Form der Darstellung aber kann nicht unzüchtig wirken, weil sie einen rein geschichtlichen Charakter trägt. Wollte man um dieser Szenen willen das Buch verurteilen, so müßte man vorher zahllose Werke alter und neuer Literatur verbieten, so z.B. allerlei griechische, lateinische, italienische, französische, englische, ältere wie moderne deutsche Dichtungen berühmter Autoren, besonders auch mehrere Erzählungen Wielands und Heinses, die viel reicher an ähnlichen, nur zwanzigmal sinnlicheren Stellen sind als der Roman »Ssanin«.

S.494. Auch hier fehlt jede Lüsternheit in dem geschichtlich nüchternen Bericht, von Unsittlichkeit kann keine Rede sein.

Ueberblicke ich alle diese Stellen auf einmal und fasse zugleich den Sinn und Inhalt des ganzen Romans zusammen, so kann ich nirgends etwas wahrnehmen, was als unzüchtig gelten könnte. Regungen einer starken Sinnlichkeit werden in den Personen des Romans geschildert, entsprechend den kulturgeschichtlichen und sozialen Absichten, die der Verfasser als künstlerischer Darsteller der modernen russischen Jugend verfolgt. Das Buch ist somit keine Lektüre für unreife Leser, für Kinder oder für Ungebildete. Solche könnten sich allerdings an einzelne unverstandene Szenen halten und dann allerlei Anstoß daran nehmen; die Schuld daran trüge aber nur ihr eigener literarisch und moralisch nicht genügend ausgebildeter Geist. Normal empfindende Leser, die auch die nötige künstlerische Bildung besitzen, können meines Erachtens unmöglich in ihrem Scham- und Sittlichkeitsgefühl durch diesen Roman verletzt werden; solche Leser werden vielmehr die Anklage und eine etwaige Verurteilung des Romans, wenn diese aus mir unbekannten juristischen Gründen möglich sein sollte, nicht verstehen können.

gez. Dr. Franz Muncker.


8. Gutachten
des kgl. Oberstudienrats J. Nicklas in München.

Der Roman »Ssanin« von Artzibaschew ist nach meiner Meinung eine Publikation ohne künstlerischen bezw. literarischen Wert. Das Werk, das die jetzige Jugend Rußlands schildern will, wie sie von revolutionären Ideen und Handlungen zur Erotomanie überging, entbehrt vor allem des Rückgrates eines jeden literarischen Kunstwerks, der Handlung und der Charaktere. Der Verfasser läßt seine »Helden«, die mit Ausnahme des Egoisten Ssanin blasierte, abgelebte, lüsterne, erbärmliche junge Leute sind, lediglich Zigaretten rauchen, in breiter, selbstgefälliger und geschwätzigster Weise ohne tiefere Kenntnis der Welt über alles mögliche, namentlich über ihre weltschmerzlichen Gefühle Raisonnements anstellen; da sie sich in ihrem überreizten Empfinden in der Welt nicht zurechtfinden und keinen Begriff von der Bedeutung der Pflicht und der Arbeit haben, gefallen sie sich fortgesetzt in nichtigen Gefühlsentladungen und suchen den Wert des Lebens in der Befriedigung sexuellen Genusses. Nur die Darstellung der psychologischen Vorgänge in der Brust der gefallenen Mädchen Lyda und Karssawina erhebt sich zu einer gewissen literarischen Bedeutsamkeit.

Die Uebersetzung ist in fließender und gewandter Sprache gegeben, wenn sie auch nicht immer frei ist von Inkorrektheiten.

Eine kulturhistorische Bedeutung, wie sie etwa Goethes »Werthers Leiden« hat, oder gar einen wissenschaftlichen Wert kann ich dem Buche nicht beimessen; denn auch ohne diesen Roman hat die Welt Kenntnis von den gegenwärtigen soziologisch wichtigen Verhältnissen Rußlands und von seiner Jugend. Diese Bedeutung kann das Wert schon deshalb nicht haben, weil das Geschlechtsproblem nicht in ernster, zurückhaltender und taktvoller Weise behandelt ist, sondern weil die Absicht des Verfassers immer wieder allzu deutlich hervortritt, unter dem Deckmantel künstlerischer Offenbarung auf den Kitzel niedriger Sinnlichkeit und auf gemeine und teilweise perverse Instinkte zu spekulieren. Geradezu abstoßend, ekelerregend und schamlos sind die unflätigen Szenen, in denen ausführlich, eingehend und mit breiter Behaglichkeit dargestellt wird, wie Sarudin gegenüber Lyda, sowie Jurii und besonders Ssanin dem Mädchen Karssawina gegenüber sich benehmen. (S. 211 ff., 430 ff., 439 ff., 470 ff.)

Diese Darstellungen haben mit Kunst gar nichts zu schaffen, da sie nicht die mindeste ästhetische Befriedigung hervorrufen und himmelweit entfernt sind von einer Erhebung zu höherer sittlicher oder ästhetischer Auffassung; sie gehen nur darauf aus, die Lüsternheit zu erwecken.

Schon diese Stellen allein würden das Urteil rechtfertigen, daß das Buch geeignet ist, eine Verwirrung in die Vorstellungen von Sittlichkeit zu bringen; aber auch noch viele andere Partien sind geeignet, die normalen sittlichen Empfindungen der Leser zu verletzen. (S. 233, 248 ff., 311, 316 ff., 338, 419 f., 494.)

Auch das Vorwort, besonders S. VIII, wo von der Organisation der Ssaninisti und von Verbindungen zum freien Geschlechtsgenuß unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen die Rede ist, ist angetan, die Jugend sittlich zu gefährden; es ist dies umsomehr zu befürchten, als anzunehmen ist, daß das Buch, falls es frei gegeben würde, besonders von der Jugend gelesen werden würde.

Die Rücksicht auf die körperliche und seelische Gesundheit unserer Jugend verlangt gebieterisch, die deutsche Jugend vor der Lektüre solcher literarischen Erzeugnisse zu schützen, und zwar umsomehr, als die Welt nichts verliert, wenn das in Rußland beschlagnahmte Buch auch in Deutschland verboten wird.

München, 15. Januar 1909.

gez. J. Nicklas, K. Oberstudienrat.


9. Gutachten
des Dr. H. Schneegans, Univ.-Professor, Würzburg.

Dem mir im Schreiben des kgl. Untersuchungsrichters E. A.-V.-Z. VII 610-08 Tab. Nr. 73/08 E vom 28. Dezember 1908, auferlegten Auftrage, ein Gutachten abzugeben »über den literarischen und kulturhistorischen Wert des Romans » Ssanin« von Artzibaschew, über die wissenschaftliche Bedeutung der Behandlung erotischer Fragen in ihm und die Güte der Uebersetzung, sowie darüber, ob die Darstellung geschlechtlicher Vorgänge (s. insbesondere S. 88–90, 94, 96, 196–197, 211–213, 231–233. 236, 246–248, 316–318, 419–421, 430, 435, 439-443, 445–446, 470–473, 494) durch die vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaßen in den Hintergrund gedrängt wird, daß das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers nicht verletzt wird«, erlaube ich mir im folgenden nachzukommen.

Zunächst glaube ich feststellen zu müssen, daß nach meiner Ansicht im Roman von einer wissenschaftlichen Bedeutung oder Tendenz keine Rede sein kann. Ich wüßte nicht, welche »wissenschaftlichen Zwecke« hier vorherrschen sollten. Eine wissenschaftliche »Belehrung« über erotische Fragen will der Roman nicht geben. Er ist nicht wissenschaftlicher als irgend ein anderer Roman. Es wäre ein ungerechtfertigter Mißbrauch, wenn er diesen Namen beanspruchen wollte. Eine andere Sache ist es natürlich, ob man vielleicht in späterer Zeit aus der Darstellung erotischer Vorgänge, resp. der Erörterung erotischer Fragen in diesem Roman für eine Kulturgeschichte Rußlands im zwanzigsten Jahrhundert Nutzen wird ziehen können. Das glaube ich allerdings, doch gilt das mutatis mutandis von jedem kulturgeschichtlich interessanten Roman.

Was die literarische Bedeutung des Romans betrifft, so ist er an und für sich als dichterische Komposition nach meinem Dafürhalten keine hervorragende Leistung. Die ziemlich lose aneinander gereihten Bilder der Liebesverhältnisse mäßiger russischer Kleinstädter vermögen kein sonderliches ästhetisches Interesse zu erwecken. Es fehlt dem Roman an Geschlossenheit der Handlung und an der Erzählung einer spannenden Begebenheit, die Personen sind nicht alle scharf gezeichnet, einige Nebenfiguren heben sich nicht von den andern ab. Am schönsten gelungen ist die Schilderung der Naturvorgänge und am tiefsten die Darstellung der psychischen Zustände der einzelnen Personen.

Die wirkliche Bedeutung des Romans ist aber gewiß nach der kulturgeschichtlichen Seite zu suchen. Darüber sagt treffend das Vorwort S. VIII: »Man wird die gegenwärtige Epoche, also die, welche die revolutionäre ablöste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen können, ohne den Ssanin als ihren charakteristischen Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen.« Nach dem Scheitern der Revolution zog sich die »Intelligenz« in Rußland, wie aus S. X, XI hervorgeht, von der Politik zurück. »Man suchte nach dem Neuen.« Dieses Neue fand man, wie es scheint, in der praktischen Ausübung der freien Liebe. »Man sah, daß es Gebiete des täglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar, doch ganz annehmlich waren. Aber niemals hätte man diesem Beispiel zu folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlösende »Wort« für die unbewußten Empfindungen gesprochen worden wäre.« Dieses Wort sprach Ssanin aus. Deshalb gilt nach dem Vorwort Artzibaschew als der charakteristische Vertreter des heutigen Rußland. Der Roman scheint ungeheuren Anklang gefunden zu haben, da nach kurzer Zeit die 10 000 Exemplare der ersten Auflage vergriffen waren. »Für jeden gesunden Menschen,« heißt es im Vorwort S. XII »ist in einem Lande, wo die geistige Bewegungsfreiheit vollständig eingeengt ist, die sexuelle Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin nun kommt Ssanin den oben erwähnten sozialen Unterströmungen entgegen und weist ihnen den offenen Weg.« Wenn das in der Tat in Rußland zutrifft, so bedeutet das für die russische Gesellschaft zugleich den Bankerott in sittlicher und infolgedessen auch in politischer Beziehung. Deshalb dürfte in letzterer Hinsicht das Buch weit entfernt sein, eine Gefahr für die russische Regierung zu bedeuten. Die schwachen, jedem Liebestaumel sofort erliegenden und bei jeder Schwierigkeit zum Selbstmord als letzter Zuflucht greifenden Menschen, die der Roman darstellt, sind keine Revolutionäre, die den Staat in irgend welche Gefahr stürzen konnten. Ssanin, der »Held« des Romans, ist ein blasierter, gleichgültiger, kalter Egoist. Er hat so wenig Pietät gefühlt, daß er z. B. seine Mutter als Idiotin bezeichnet, er hat so wenig Sinn für Freundschaft, daß er auf dem Grabe eines Freundes, dem er die Geliebte geraubt hat, als man ihn bittet, auf ihn eine Grabrede zu halten, antwortet: »Was ist hier zu reden? Die Welt ist um einen Dummkopf ärmer geworden, das ist alles«; er ist so frei von moralischen Bedenken, daß er z. B. seiner schwangeren Schwester den Rat erteilt, sie möchte die Frucht ihres Leibes abtreiben. Den höchsten Zweck der Menschheit erblickt er in folgendem: Er träumt immer von der glücklichen Zeit, wo zwischen den Menschen und dem Glück nichts mehr stehen wird, wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm zugänglichen Genüssen hingeben kann ... Die Menschen sollen die Liebe genießen ... ohne Furcht und Entsagung ... ganz schrankenlos .... Und dann werden sich auch alle Formen der Liebe in eine endlose Kette von Zufälligkeiten, Überraschungen und Verbindungen erweitern«. S. 469. Und diese Freiheit gilt nach diesem russischen Evangelium ebenso für die Frauen wie für die Männer. Heißt es doch nach S. 179: Entweder müsse man »ewige Keuschheit bewahren oder sich und auch der Frau natürlich volle Freiheit gewähren, um sich dem Genuß der Liebe und Leidenschaft voll und ganz hinzugeben.« So werden wir uns nicht wundern, daß Ssanin dem Liebhaber seiner Schwester Nomikow gegenüber es zu rechtfertigen sucht, daß sie sich einem andern Mann vorher hingegeben hat. Es sei nicht schlimmer, als wenn er eine Frau vorher geliebt habe. Und diesem Gedanken gibt er den drastischen Ausdruck: »Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und schmutzig wie ein Hund.«

Aus dieser Stelle mag sogleich hervorgehen, wie kraß die Ausdrucksweise des Buches ist. Daß ein Roman, der in Liebesfragen eine so vollständige Freiheit predigt, auch in der Schilderung erotischer Dinge kein Blatt vor den Mund nimmt, ist selbstverständlich. Freilich einige der oben als das sittliche Gefühl besonders verletzenden angeführten Stellen sind im Ausdruck nicht so sehr derb. (S. 94, 96, 196–197, 211–213, 430, 435, 465–466, 494.) – Dagegen sind die Stellen 88–90, 316–318, 419– 421, 439–441, 472 recht kräftig. Immerhin sprechen sie nicht in unverhüllterer Weise von erotischen Dingen als zahlreiche Stellen in den Romanen Zolas (so in Nana, Pot Vanille, Germinal, Fécondité) oder in Daudets Sapho, oder in zahllosen anderen französischen Romanen, die in aller Händen sind. Ob obige Stellen das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers verletzen, ist sehr schwer zu sagen. Einem in der modernen Literatur nur einigermaßen bewanderten Leser werden sie nicht besonders auffallen. In der antiken Literatur oder der Renaissanceliteratur aller Kulturvölker, namentlich Italiens und Frankreichs, finden sich Stellen, die noch viel freier von der physischen Liebe reden. Eine Lektüre für die heranwachsende Jugend ist das Buch natürlich nicht. Doch ist es weniger die Darstellung erotischer Vorgänge, als die Predigt einer ganz schrankenlosen, über jedes sittliche Bedenken sich hinwegsetzenden egoistischen Liebe – oder um dieses schöne Wort nicht zu entwürdigen, Befriedigung niederer Instinkte –, die auf die Jugend verderblich wirken könnte. Ein in seinen Grundsätzen nur einigermaßen gefestigter Leser wird das Buch viel eher als »document humain« auffassen und auf die wenig interessanten Persönlichkeiten des Buches das Wort Dantes anwenden: Non ragioniam di lor, ma guarda e passa. (Sprechen wir nicht von ihnen; schau sie an und gehe deines Weges).

Was endlich die Uebersetzung anlangt, so ist über die Güte derselben ein wissenschaftliches Urteil nicht abzugeben, wenn man nicht das Original zum Vergleich daneben hält. Uebrigens wäre es mir gegebenenfalls nicht möglich, diesen Vergleich anzustellen, da ich kein Russisch verstehe. So kann ich denn nur im allgemeinen sagen, daß die Uebersetzung sich leicht und flüssig liest. Nur einige Ausdrücke fielen mir auf, die sich deutsch merkwürdig ausnehmen. So S. 11, wenn von dem »gedunsenen, aber gut gebauten und kräftigen Körper« die Rede ist, oder den Ausdruck S. 24 »Als Lyda an den Männern vorüberschritt, zog sie den ganzen Körper ein wenig an« oder S. 48 wenn vom »versterbenden Tag« gesprochen wird, oder S. 242 »Was gehst du denn gleich in die Höhe?« statt »springst du« oder etwas ähnliches.

Damit meine ich auf alle Punkte, über die ich befragt worden bin, eine Antwort erteilt zu haben. Eines kgl. Landgerichts hochachtungsvoll ergebener

gez. Dr. H. Schneegans, Kgl. Univ-Professor.


10. Gutachten
von Wilhelm Weigand.

Der Aufforderung des K. Landgerichts München 1. ein Gutachten über den russischen Roman »Ssanin« von Artzibaschew (übersetzt von André Villard und S. Bugw, Georg Müllers Verlag) abzugeben, komme ich hiermit nach.

Ich möchte gleich bemerken, daß ich das Einschreiten des Staatsanwalts gegen das Buch für einen ganz entschiedenen Mißgriff halte. Man mag über den dichterischen Wert des Romans verschiedener Meinung sein; aber die große kulturhistorische Bedeutung des Buches steht außer Frage. Das ganze gebildete Lesepublikum Europas ist darüber einig. Der Roman »Ssanin« ist ein hochbedeutendes Dokument des gegenwärtigen russischen Lebens, auf das der Betrachter und Forscher immer wieder zurückkommen wird, schon weil sein Einfluß und seine Wirkung historisch geworden sind. Er nimmt eine ähnliche Stellung ein, wie sie Turgenjeffs Roman »Väter und Söhne« für die ältere Generation in Rußland hatte. Ich gestehe, daß ich viele Momente des gegenwärtigen geistigen Lebens in Rußland erst nach der Lektüre dieses Buches verstanden habe. Der Autor zeigt, wie die Kontre-Revolution auf die sogenannten Intellektuellen gewirkt hat; er zeigt, wie die westeuropäische Naturwissenschaft (Darwin, Haeckel) und die Ideen Nietzsches auf die Jugend wirken. Der Einfluß, den der Roman in Rußland hatte und auch in der Presse vielfach erörtert wurde, ist bezeichnend für die Krise, die die russische Gesellschaft gegenwärtig durchmacht. Die Wirkung, die das Buch in Rußland hatte, ist für Deutschland und Westeuropa ausgeschlossen.

Ueber den dichterischen Wert des »Ssanin« kann man, wie gesagt, verschiedener Meinung sein; er ist nicht so groß wie der kulturhistorische. Der Held ist eine konstruierte Gestalt. Er ist mehr dazu da, die anderen zu treiben, als daß er selbst handelnd eingriffe. Das ist echt russisch. Das Buch ist ferner, wie die meisten russischen Romane, nicht besonders gut komponiert, aufgebaut. Doch dies sind Fragen, die nur insofern zur Erwägung stehen, als sie die Frage nahe legen, ob der Roman für Massenabsatz geeignet ist. Es fehlt aber durchaus nicht an sehr schönen dichterischen Stellen in dem Buch. Keinesfalls aber hat der Autor Zwecke verfolgt, die im Sinne unseres Strafgesetzbuches verfolgbar wären. Die Stellen, die durch die Darstellung geschlechtlicher Vorgänge auf das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des Normallesers verletzend wirken sollen, sind im Verhältnis zu dem dickleibigen Roman gar nicht zahlreich. Einen sogenannten Normalleser, der von dem Staatsanwalt namhaft gemacht wird, kenne ich allerdings nicht. Es kann, wie jeder ohne weiteres zugeben wird, sehr wohl sein, daß sich einzelne Leute, die gewissen Kulturschichten angehören, durch die inkriminierten Stellen verletzt fühlen; aber es gibt hundert Meisterwerke der Weltliteratur, von denen man dasselbe sagen kann: Goethe, Shakespeare, um nur die Größten zu nennen, bieten Gelegenheit zu derartigen Schnüffeleien. Der Autor ist ferner durch die Schilderung erotischer Vorgänge in keiner Weise aus dem künstlerischen Ton des Buches herausgefallen, es ist einheitlich. Er unterstreicht nichts, um der Sensation willen. Er gibt nur das Nötigste. Er treibt Psychologie als Russe, und wir wissen, in welcher Weise die großen russischen Romandichter die analytische, oder sagen wir, zerfasernde Methode lieben. Als Künstler konnte er die psychologische Zergliederung der erotischen Momente gar nicht außer acht lassen, und er hat es ohne jede Nebenabsichten getan.

Ich wiederhole noch einmal, daß sich das Buch an Intellektuelle wendet. Nur für solche kann der Roman Interesse haben; denn stofflich ist er nicht allzu reizend für europäische Leser, und schon dadurch, daß er sich an das gebildete Publikum wendet, ist die Gefahr, daß er demoralisierend wirken könne, ganz ausgeschlossen. Wohin kommen wir, wenn schon solche Dokumente der Zeit nach Einzelheiten beurteilt werden, die eine reine Geschmacksfrage, aber keine Moralfrage sind!

Ich kann also nur betonen, daß ich das Vorgehen des Staatsanwalts gegen den ›Ssanin‹ für einen sehr bedauerlichen Mißgriff halte. Es gibt in der gegenwärtigen deutschen Romanliteratur viele Bücher, die viel aufstachelnder wirken, obwohl kein Wort in ihnen steht, das eine äußere Handhabe zum Einschreiten böte. Auch hier heißt es: C'est le ton, qui fait la musique.

Meinem Gutachten möchte ich zum Schlusse nur beifügen, daß es mir nicht möglich sein wird, der Verhandlung selbst anzuwohnen, da ich auf der Pariser Nationalbibliothek für einige Zeit beschäftigt sein werde. Meinem Gutachten könnte ich übrigens auch mündlich im wesentlichen nichts neues hinzufügen.

München, den 8. Januar 1909.

gez. Wilhelm Weigand.

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