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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XIII

Nachdem Jurii die Sachen ins Haus gebracht hatte, ging er wieder, ohne zu wissen, was er mit sich anfangen sollte, in den Garten hinaus. Dort war es dunkel wie in einem Abgrund. Es berührte ihn eigentümlich, darüber den mit Sternen besäten Himmel glänzen zu sehen.

Auf den Stufen saß Ljalja; ihre kleine graue Gestalt schimmerte undeutlich durch die Finsternis.

»Bist du es, Jura?« fragte sie.

»Ich,« antwortete Jurii, stieg behutsam hinab und setzte sich an ihre Seite. Verträumt neigte Ljalja ihr Köpfchen an seine Schulter. Aus ihrem unbedeckten Haare stieg ein frischer und reiner Hauch in Juriis Gesicht. Es war der weiche Duft eines jungen Weibes und Jurii zog ihn mit Genuß in sich ein.

»Habt ihr Glück gehabt?« fragte ihn Ljalja freundlich, und nach kurzem Schweigen fügte sie leise und zärtlich hinzu:

»Und wo ist Anatoli Pawlowitsch geblieben? Ich hörte, wie ihr heranfuhrt ...«

»Dein Anatole Pawlowitsch ist ein schmutziges Vieh,« wollte Jurii in plötzlicher Wutaufwallung herausschreien. Doch statt dessen antwortete er zögernd: »Wahrscheinlich ist er zu einem Kranken gefahren.«

»Zu einem Kranken,« wiederholte Ljalja mechanisch. Sie verstummte aber gleich wieder und blickte auf die Sterne. Sie war nicht betrübt darüber, daß Rjäsanzew nicht mit hereingekommen war. Sie wünschte selbst eine Weile allein zu bleiben, damit sie sich, ganz ungestört von seiner Anwesenheit, das Verlangen, das ihr den ganzen Körper und ihre junge Seele durchwühlte, vergegenwärtigen konnte. Es war der brennende Wunsch, jenen unvermeidlichen und doch beängstigenden Bruch herbeizuführen, nach dem ihr ganzes früheres Leben abfallen und ein neues beginnen möchte. Ein neues Dasein, das sie zu einem anderen Menschen machen mußte.

Jurii berührte es sonderbar, wie diese immer lustige, lachende Ljalja, mit einem Male still und nachdenklich geworden, neben ihm saß. Und weil er selbst ganz voller trauriger aufregender Stimmungen war, so kam ihm alles um Ljalja, wie auch der ferne Sternenhimmel und der dunkle Garten, traurig und kalt vor. Er begriff nicht, daß hinter dieser lautlosen und unbeweglichen Nachdenklichkeit nicht Trauer, sondern rauschendes Leben gelegen haben sollte. In den weiten Wolken brauste eine überschäumend machtvolle, unverkennbare Kraft, der dunkle Garten zog in jeder Bewegung aus der Finsternis lebensprühende Regungen ein und in der Brust der stillen Ljalja verbarg sich soviel Glück, daß sie jeden Eindruck fürchtet, der diesen Zauber verletzen konnte. Nur lauschen wollte sie ihrer Harmonie von Liebe und Sehnsucht, die ebenso glänzte wie der Sternenhimmel, ebenso lockte wie der geheimnisvolle Garten und unbeengt in ihrer Seele wiederklang.

»Ljalja, liebst du Anatole Pawlowitsch sehr?« fragte Jurii leise und behutsam, als müßte er fürchten, sie mit jedem Laut aufzuschrecken.

... Kann man danach noch fragen ..., dachte verloren Ljalja, sie kam aber gleich zu sich und schmiegte sich an den Bruder, dankbar dafür, daß er jetzt nicht über etwas Gleichgültiges, sondern gerade von ihrer Liebe zu sprechen begann.

»Sehr,« antwortete sie so innig, daß Jurii ihre Antwort eher erriet als hörte. Ljalja mußte sich energisch zwingen, die glücklichen Tränen zurückzuhalten, die ihr in die Augen stiegen.

Jurii bemerkte es nicht. Ihm schien eine traurige Note aus der Stimme herauszuklingen, und so regte sich von neuem in ihm der Haß auf Rjäsanzew und ein stärkeres Bedauern für Ljalja.

»Aber wofür nur,« fragte er unwillkürlich, gleichzeitig vor der eigenen Frage erschreckend.

Ljalja blickte verwundert zu ihm auf, konnte jedoch sein Gesicht nicht erkennen. Ganz leise lachte sie auf.

»Dummer, wofür? ... Für alles! ... Warst du niemals selbst verliebt? Er ist doch so gut, so nobel – – –'

Schön, kräftig, wollte Ljalja hinzufügen, aber sie errötete tief in der Dunkelheit und brach kurz ab.

»... Kennst du ihn denn auch jetzt?« fragte Jurii. Ach, man sollte doch nicht davon reden, dachte er mit Trauer und Erregung, – wozu? Natürlich ist er für sie der Allerbeste in der Welt.

»Anatoli hat kein Geheimnis vor mir,« gab Ljalja mit unterdrücktem Triumph zur Antwort.

»Bist du dessen sicher?« lächelte Jurii verzerrt in dem Gefühl, daß es nun keinen Halt mehr gab.

In der Stimme Ljaljas klang eine unruhige Schwäche, als sie erwiderte: »Natürlich, was denn sonst?«

»Nichts, – ich meinte nur so,« sagte Jurii erschrocken.

Ljalja schwieg. Man konnte nicht verstehen, was in ihr vorging.

»Vielleicht weißt du irgend etwas darüber,« fragte sie plötzlich und ihr sonderbar krankhafter Ton überraschte und ängstigte Jurii.

»Ach nichts, was sollte ich wissen und besonders über Anatoli Pawlowitsch. Ich meinte nur so.«

»Nein, nein, du würdest so nicht geredet haben,« sagte Ljalja beharrlich mit einem Klingen in der Stimme.

»Ich wollte ganz einfach sagen, daß überhaupt ...« Jurii wurde verwirrt und erstarb fast vor Scham. Dann fuhr er gewaltsam fort: »Wir Männer sind doch nach allen Regeln verdorben. Alle ...«

Ljalja schwieg und mit einem Male lachte sie erleichtert auf: »Nun, das weiß ich schon.«

Dieses Lachen erschien Jurii ganz unangebracht.

»So einfach ist die Geschichte doch nicht, wie es dir vorkommt.«

Die Aufregung hetzte Jurii in eine boshafte Ironie hinein. »Alles kannst du sowieso nicht wissen. Du kannst dir gar nicht alles Gemeine im Leben vorstellen. Du bist viel zu rein dazu.« »Nun, nun,« lächelte Ljalja geschmeichelt, fuhr aber gleich sehr ernst fort, während sie die Hand auf die Knie ihres Bruders stützte: »Du meinst wohl, ich habe über alles das noch nicht nachgedacht. O, ich habe viel nachgedacht. Es war mir immer schmerzlich und beleidigend, weißt du. Warum halten wir unsere Reinheit und unseren Ruf so hoch – wir fürchten jeden Schritt, fürchten zu fallen – oder so was – aber die Männer, die denken fast, es ist eine Heldentat, eine Frau zu verführen. Das ist doch furchtbar ungerecht, nicht wahr?«

»Ja,« sagte Jurii bitter und suchte einen Genuß darin, seine eigenen Erinnerungen zu geißeln, doch gleichzeitig davon überzeugt, daß er, Jurii, etwas ganz anderes wäre als alle anderen.

»Das ist eine der größten Ungerechtigkeiten in der Welt. Frage nur den ersten Besten von uns. Wird er eine ...« Er wollte ›Straßendirne‹ sagen, aber er stockte und fuhr statt dessen fort: »eine Kokotte heiraten? Jeder wird dir ›Nein‹ antworten. Und warum ist denn eigentlich ein Mann besser als die Kokotte. Jene verkauft sich wenigstens für Geld, für ihr tägliches Brot; der Mann treibt sich einfach in – in Ausschweifungen herum und immer auf die roheste und auf die perverseste Art und Weise.«

Ljalja schwieg.

Eine unsichtbare Fledermaus schwirrte rasch und schüchtern am Balkon vorbei, streifte mehrmals mit den schwingenden Flügeln die Wand und glitt dann wieder mit einem leichten Laut hinaus. Jurii lauschte auf die so geheimnisvolle Regung des nächtlichen Lebens, dann sprach er mit steigender Erregung, von seinen eigenen Worten fortgerissen: »Und das Schlimmste ist dabei, daß es nicht nur alle wissen und hinnehmen, als wenn es ganz selbstverständlich wäre; nein, sie spielen sogar die schwierigsten Tragikomödien; sie heiligen die Ehe – lügen, wie man sagt – vor Gott und den Menschen! Und immer geraten die reinsten, idealsten Mädchen« – das fügte er im Gedanken an Karssawina und mit einer leichten Eifersucht auf etwas Unbekanntes hinzu – »an die verdorbensten, schmutzigsten Männer. Oft genug sind sie ja infiziert. Semionow, der Tote, sagte einmal: ›Je reiner die Frau ist, um so schmutziger ist der Mann, der sie besitzt.‹ Und das stimmt!«

»Es ist nicht möglich...«

»O gewiß«; über Juriis Gesicht flog ein bitteres Lächeln.

»Davon weiß ich nichts,« sagte Ljalja nach einer schweren Weile, und in ihrer Stimme erzitterten Tränen.

»Wie?« fragte Jurii zurück, da er nicht mehr hingehört hatte.

»Ist denn Tolja wirklich so wie alle anderen?« sagte Ljalja, indem sie zum ersten Male dem Bruder gegenüber Rjäsanzew mit dem Kosenamen nannte. Sie begann zu schluchzen. »Nun gewiß, er ist auch so einer.«

Jurii packte mit Schmerz und Grauen ihre beiden Hände.

»Ljalja – Ljalitschka – was hast du denn? Ich wollte ja gar nicht – mein Täubchen, höre auf – weine doch nicht,« stammelte er zusammenhanglos, riß ihre feuchten kleinen Fingerchen von ihrem Gesicht und küßte sie.

»Nein, nun verstehe ich schon, es ist wahr,« wiederholte Ljalja; sie erstickte fast unter dem Schluchzen.

Obgleich sie ihm vorher sagte, daß sie früher bereits über all das nachgedacht hätte, war dem in Wirklichkeit doch nicht so. Niemals hatte sie sich das intime Leben Rjäsanzews vorzustellen versucht. Sie wußte natürlich, daß sie nicht die Erste war, die er liebte, und verstand, was das bedeutete. Aber dieses Bewußtsein verdichtete sich niemals zu einem klaren Bilde und glitt an ihrer Seele nur leicht vorüber. Sie fühlte, daß sie sich beide liebten und das war ihr genug. Alles andere blieb dagegen unwichtig. Als ihr Bruder jetzt mit scharfer Betonung der Verurteilung und der Verachtung sprach, tat sich vor ihr ein Abgrund auf, aus dem unzerstörbar qualvolle Vorstellungen aufstiegen. Ihr Glück war darin für immer versunken; es schien ihr undenkbar, Rjäsanzew je wieder zu lieben. Jurii versuchte ihr, selbst fast weinend, gut zuzureden; er küßte sie und fuhr streichelnd über ihr Haar. Aber sie schluchzte ununterbrochen fort; – zerbrochen und hoffnungslos.

»Ach, mein Gott, mein Gott,« wiederholte sie immer wieder und zerfloß wie ein Kind in Tränen. In der Dunkelheit kam sie Jurii so klein und so bemitleidenswert, ihre Tränen so hilflos vor, daß er von unerträglichem Mitleid fortgerissen wurde. Blaß und kopflos lief er ins Haus, stieß schmerzhaft mit der Schläfe gegen die Tür und holte ihr ein Glas Wasser, das er sich zur Hälfte über die Hände goß.

»Ljalitschka, höre doch auf! Wie darf man sich so – –. Nun was ist denn mit dir. Vielleicht ist Anatoli Pawlowitsch gar nicht so ... besser als die anderen. Ljalja,« stammelte der Bruder verzweifelt.

Ljaljas Körper bebte unter dem Schluchzen und ihre Zähne schlugen gegen die Wand des Glases.

»Was ist denn hier los?« fragte aufgeregt das Zimmermädchen, in die Tür stürzend. »Gnädiges Fräulein, was ist denn mit Ihnen?« Ljalja stand auf, stützte sich auf das Geländer und ging, ohne im Weinen nachzulassen, schwankend und schleppend auf ihr Zimmer.

»Liebes gnädiges Fräulein, was ist denn nur los? Soll ich vielleicht den gnädigen Herrn holen? Jurii Nikolajewitsch! Sagen Sie doch ...«

Aus seinem Zimmer kam mit festen, abgemessenen Schritten Nikolai Jegorowitsch und blieb in der Tür stehen; er starrte verwundert auf die weinende Ljalja.

»Was gibt's hier?« fragte er.

»Aber nichts, – ganz unwichtige Geschichten,« antwortete gezwungen lächelnd Jurii. »Wir sprachen über Rjäsanzew – Kleinigkeiten.«

Nikolai Jegorowitsch blickte ihn spähend an; ihm schien plötzlich ein Gedanke zu kommen. Mit einem Mal drückte sich auf dem Gesicht des greisen Gentleman äußerste Entrüstung aus.

»Hol's der Teufel«; er zuckte kurz mit den Achseln und machte linksum kehrt; abgerissen schritt er hinaus. Jurii errötete, wollte eine Grobheit nachrufen; aber es wurde ihm beschämend und bange zumute. Mit dem Gefühl aufgestachelten Ingrimms gegen den Vater und kopflosen Mitleids zu Ljalja, mit der schmerzlichen Verachtung gegen sich, trat er leise auf die Treppe, stieg die Stufen hinunter und ging in den Garten.

Ein kleiner Frosch winselte heftig und zuckte unter seinem Fuß, aufplatzend wie eine zerdrückte Eichel. Jurii glitt aus, fuhr zusammen, stöhnte und sprang mit einem Satze zur Seite. Eine Zeitlang rieb er mechanisch den Fuß am feuchten Gras, in seinen Rücken grub sich ein nervöses Gefühl von Ekel und Kälte. Er wurde immer mißgestimmter; am Fuße haftete unverändert die widerwärtige Empfindung des weichen Körpers; er wand sich schmerzhaft unter ihr. Er war mit Abscheu vor allem geladen. Tastend suchte er in der Dunkelheit eine Bank und ließ sich schwerfällig auf ihr nieder. Dann starrte er mit gespanntem trockenen Blick in den Garten hinein, sah aber nur einige verschwommene Nebelfetzen. Durch seinen Kopf krochen trübe plumpe Gedanken. Er blickte auf den Flecken, wo irgendwo im dunklen Grase das von ihm zerdrückte Fröschlein lag und wahrscheinlich bereits unter gräßlichen Qualen verendet war. Dort nahm jetzt eine ganz Welt voll eigenartigen, selbständigen Lebens ihr Ende und doch war der Abschluß, der tatsächlich unsagbar martervoll sein mußte, allen verborgen geblieben. Plötzlich zog dieselbe Gedankenkette eine neue, ganz fremde Vorstellung heran, von der er sich nicht mehr losreißen konnte. Alles das, was sein Leben bis in die feinsten Fäden durchsetzte, die gewaltigen Kräfte, die in Liebe und Haß zum Ausbruch kamen, die unbekannten Triebe, durch die er eines von sich stieß und anderes wieder gegen seinen Willen ergreifen mußte, das Gute und das Böse, für das er kämpfte und litt, seine ganze Persönlichkeit – alles war im Grunde nichts mehr als eine dünne Nebelwolke, die sich schemenhaft um ihn ausstreckte. Für die Welt in ihrem unermeßlichen Ganzen existierten seine schmerzlichsten und seine innigsten Erlebnisse ebensowenig, wie hier die Qualen des kleinen Tieres, von denen außer ihm niemand etwas wußte. In dem Glauben, daß seine Leiden, seine Vernunft, sein Gut und Böse noch für andere Menschen von großer Bedeutung seien, flocht er absichtlich und offenbar ohne Sinn ein kompliziertes Netzwerk zwischen sich und der Welt. Aber der einzige Augenblick des Todes reißt jäh die blinkenden Maschen in ihrer Mitte durch und wirft die Reste hinter sich zurück, ohne daß er auch nur einen einzigen Blick über sie werfen ließe.

Ihm kam wieder Semionow in Erinnerung und seine Gleichgültigkeit gegen die erhabenen Ziele und Ideen, die ihn, Jurii, und Millionen andere so tief bewegten. Plötzlich wurde ihm wieder der scharfe Gegensatz bewußt zwischen der naiven unversteckten Freude am Leben in der Mondnacht, als sie im Boote nach dem Kloster zurückkehrten, und jenem dumpfen, gehässigen Gespräch am Abend zuvor. Wieder fiel ihm ein, wie scharf dieser Kontrast hervorgetreten war und wie unangenehm er davon berührt wurde.

Als sie damals durch die Nacht fuhren, war es ihm unbegreiflich gewesen, daß dieser Semionow so nichtigen Sachen wie dem Rudern oder schönen Mädchenkörpern irgend eine Bedeutung beimessen konnte, nachdem er am Abend zuvor die höchsten Ideale bewußt von sich gestoßen hatte. Jetzt aber verstand Jurii leicht, daß es gar nicht anders sein konnte: jene Kleinigkeiten entrollten das Leben, – das echte Leben voll ergreifender Ereignisse und verlockender Genüsse, während die großen Ideen nichts waren als leere Zusammenhänge von Worten und Gedanken, die auf das unergründliche Geheimnis des Lebens und des Todes ohne Einfluß blieben. Diese Schlußfolgerung hätte Jurii früher ganz fern gelegen und stieg jetzt so unerwartet aus dem Nachsinnen über Gut und Böse hervor, daß er selber in Verlegenheit geriet. Eine hemmungslose Leere eröffnete sich vor ihm, doch gleichzeitig durchleuchtete ein scharfes Gefühl von Klarheit und Freiheit, ähnlich dem, das den Schlafenden im Traum in die Lüfte hebt und fliegen läßt, wohin er will, für einen Augenblick sein Gehirn. Jurii erschrak. Mit angespannter Anstrengung sammelte er all die auseinanderfallenden, gewohnheitsmäßigen Ueberzeugungen und Begriffe und sofort verschwand wieder die überkühne und beängstigende Empfindung. Es wurde dunkel und verworren um ihn.

In dieser Minute wäre Jurii geneigt gewesen, einzugestehen, daß der Sinn eines echten lebendigen Lebens in der Ausübung seiner Freiheit liege, daß es natürlich und folgerichtig sei, seinen Genüssen zu leben. Selbst Rjäsanzew schien von dieser einheitlichen Erkenntnis eines primitiveren Standpunktes aus klarer und logischer, als Jurii selbst, schon allein dadurch, daß er möglichst vielen Geschlechtsgenüssen als den tiefgehendsten Lebensäußerungen nachstrebte. Aber nach einer solchen Ueberlegung müßte man auch zugeben, daß die Begriffe des Lasters und der Reinheit nichts als dürre Blätter sind, die frischer, keimender Graswuchs bedeckt, und daß selbst schamhafte keusche Mädchen wie Ljalja und Karssawina das Recht haben, sich frei in den Strudel sinnlicher Genüsse zu stürzen. Jurii scheute sich, diesen Gedanken zu bejahen, er schien ihm gemein und schmutzig. Er empfand Entsetzen über die Erregung, die sich seiner dabei bemächtigte, und suchte ihn durch altgewohnte, wuchtige Drohungen aus Kopf und Herz zu drängen. – Ja gewiß, dachte er, während er zum grundlosen, mit strahlendem Sternenstaub bedeckten Himmel aufblickte: Das Leben ist Empfindung, aber die Menschen sind keine unvernünftigen Tiere; sie müssen ihre Wünsche zum Guten lenken und sich nicht ihrer Gewalt unterwerfen. »Und wie, wenn es einen Gott dort über den Sternen gibt!« erinnerte sich Jurii plötzlich und eine bange ehrfürchtige Stimmung drückte ihn zu Boden nieder. Er starrte auf den leuchtenden Stern im Schweif des großen Bären und unwillkürlich fiel ihm ein, daß der Bauer Kusma vom Gemüsegarten dieses majestätische Gestirn »Karren« genannt hatte.

Diese Erinnerung kam ihm, ebenfalls unwillkürlich, unpassend und fast wie verletzend vor. Er blickte wieder in den Garten, der ihm, im Gegensatz zum Sternenhimmel, ganz schwarz erschien, und begann wieder zu grübeln. – Beraubt man die Welt der weiblichen Reinheit, welche den ersten jungen Blüten, die noch ganz schüchtern aber schon prächtig und rührend hervorgucken, so ähnlich ist, was wird dann noch Heiliges im Menschen bleiben?

Tausende von Mädchen, prächtig und rührend wie Frühlingsblumen, tauchten vor ihm im Sonnenschein, im Frühlingsgras, unter blühenden Bäumen auf. Zarte Brüste, runde Schultern, biegsame Arme, schlanke Hüften huschten, sich schamhaft und geheimnisvoll biegend, an seinen Augen vorbei und ein heißer Schwindel verwirrte in wollüstigem Entzücken seinen Kopf.

Jurii fuhr sich langsam mit der Hand über die Stirn und kam sofort wieder zu sich.

»Meine Nerven sind ganz kaput... Ich muß mich in die Klappe legen.«

Unbefriedigt, verstimmt, immer noch durch die blitzartig erschienenen wollüstigen Phantasien erregt, ging er mit gegenstandsloser Wut, durch die alle Bewegungen heftige Formen annahmen, ins Haus.

Als er schon im Bette lag und sich vergebens zu schlafen bemühte, erinnerte er sich Rjäsanzews und Ljaljas.

»Warum ist es einem eigentlich empörend, daß Rjäsanzew Ljalja nicht als erste und Einzige liebt?«

Seine Gedanken wollten darauf keine Antwort geben, aber vor ihm stieg das Bild Sina Karssawinas auf. Von stiller Zärtlichkeit umflossen, liebkoste es sein Gehirn unsagbar wohltuend. So sehr er sich auch Mühe gab, die traditionelle Empfindung zu unterdrücken, wurde es ihm doch klar, warum er selbst danach verlangte, daß sie rein und unberührt sei.

»Aber ich liebe sie ja!« kam es Jurii zum ersten Mal ins Bewußtsein, und diese leise Regung verdrängte alle anderen. Dieser einfache, klare Gedanke trieb Tränen der Rührung in seine Augen ...

Doch im nächsten Augenblick fragte sich Jurii schon mit bitterm Hohn: Aber mit welchem Recht liebte ich dann andere Frauen vor ihr. Allerdings wußte ich noch nichts von ihrer Existenz, aber ebensowenig wußte Rjäsanzew etwas von Ljalja. Und seinerzeit glaubten wir beide, daß diejenige Frau, die wir im Moment zu besitzen wünschten, grade die Echte wäre, die, welche zu uns am besten paßte. Wir hatten uns geirrt, das sahen wir später ein, als wir stets wieder Andere liebten; aber vielleicht irren wir uns dann auch dieses Mal. Folglich heißt es: Entweder ewige Keuschheit zu bewahren, oder sich und auch der Frau natürlich volle Freiheit zu gewähren, um sich dem Genuß der Liebe und Leidenschaft voll und ganz hinzugeben.

Aber was rede ich mir nur ein, zum Teufel, fiel sich Jurii plötzlich selbst in seinen Ueberlegungen: Rjäsanzew, ... ja es ist auch nicht schlimm, daß er überhaupt geliebt hat, sondern nur, daß er jetzt ruhig fortfährt, mit verschiedenen Frauen zu verkehren; das aber tue ich nicht...

Dieser Gedanke versetzte Jurii in einen Taumel von Stolz über seine Reinheit; aber nur für einen Augenblick. Schon in der folgenden Minute erinnerte er sich wieder der gierigen Empfindung, die sich seiner bei der Vorstellung tausender, sonnenüberströmter nackter Mädchen bemächtigt hatte. Ratlos hielt er ein, völlig ohnmächtig, sich selbst zu beherrschen und das Chaos von Gedanken und Empfindungen zu meistern.

Er merkte, daß es ihm unbequem würde, auf der rechten Seite zu liegen. Mit einer ungeschickten Bewegung warf er sich herum.

– – –Im Grunde genommen, dachte er, wären doch sämtliche Frauen, die ich kennen gelernt hatte, nicht imstande, mich für das ganze Leben zu befriedigen.

– – –Nun gut, so ist eben alles, was ich echte Liebe nannte, unerreichbar und dafür zu schwärmen ist einfach dumm.

Das Liegen auf der linken Seite wurde ihm bald ebenso unbequem. Wieder warf er den verschwitzten, klebrigen Körper, in das zusammengepappte, brennende Laken verwickelt, herum. Es war drückend heiß und unbequem. Der Kopf begann ihm zu schmerzen.

– – –Die Keuschheit mag ein Ideal sein, aber die Menschheit würde zugrunde gehen, wenn man es verwirklichen wollte ... Und darum ist es ein Unsinn.– – –Jurii seufzte verzweifelt.– – –Ja dann, dann ist das ganze Leben ein Unsinn, schrie Jurii fast brüllend heraus und preßte vor Grimm so fest die Zähne aufeinander, daß vor seinen Augen goldene Kreise aufschwirrten.

Und bis tief in das Morgengrauen hinein, wälzte er in schwerer, unbequemer Lage, die Seele voll dumpfer Verzweiflung, mächtigen Steinblöcken gleich, harte und widerständige Gedanken in seinem Kopfe. Endlich, um sich von ihnen zu befreien, begann er sich einzureden, daß er selbst ein schlechter, wollüstiger und egoistischer Mensch sei und sein ganzes Zweifeln nichts als unterdrückte Lüste wäre. Das jedoch legte auf seine Seele nur schwerere Lasten, entfachte in seinem Gehirn ein wildes Durcheinander der verschiedenartigsten Vorstellungen und die ganze verzweifelte Anspannung löste sich zuletzt in der Frage aus:– – –Aber warum eigentlich muß ich, gerade ich mich so quälen? ...

Mit überreiztem Ekel vor jedem Denken und Ueberlegen schlief Jurii in dumpfer nervöser Uebermüdung ein.

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