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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XII

Karssawina und Dubowa waren irgendwohin auf Besuch gereist, und seitdem verlief das Leben Jurii Swaroschitschs einförmig und ohne Interesse.

Sein Vater, Nikolai Jegorowitsch, war von häuslichen Angelegenheiten und dem Klub so in Anspruch genommen, und Ljalja und Rjäsanzew wurden in so offensichtlicher Weise von jeder Anwesenheit eines Dritten gestört, daß sich Jurii in ihrer Gegenwart vollständig überflüssig fühlte. Schließlich kam es dahin, daß er sehr spät schlafen ging, aber auch erst gegen Mittag aufstand. Und die ganzen Tage lang, während er bald im Garten, bald in seinem Zimmer saß, schwirrten ihm ununterbrochen Gedanken durch den Kopf; er erwartete eine mächtige Welle von Energie, durch die er etwas Ganzes in Angriff nehmen würde. Dieses »Ganze« erhielt jeden Tag neue Gestalt. Einmal war es ein Bild, dann wieder eine Folge von Artikeln, die, ohne daß es Jurii bewußt wurde, der ganzen Welt beweisen mußten, welchen großen Fehler die Sozialdemokratie beging, als sie Jurii Swaroschitsch nicht die führende Rolle in der Partei zuwies. Manchmal auch wollte er Anschluß an das Volk und eine rege, innige Tätigkeit in ihm finden – immer aber war alles von Bedeutung und in jedem Zuge grandios.

Doch die Tage gingen ebenso fort, wie sie kamen, und brachten nichts außer Langeweile mit sich. Einige Mal besuchten ihn Nowikow und Schawrow; auch Jurii selbst ging auf Vorträge und machte Besuche. Doch alles blieb ihm innerlich fremd, zerstreute ihn nicht; es hatte keinen Zusammenhang mit dem, was tief in ihm trauerte.

Eines Tages ging Jurii im Vorbeigehen zu Ridsanzew mit hinein. Der Arzt bewohnte eine große und saubere Wohnung; in den Zimmern gab es eine Menge Gegenstände, die zur Zerstreuung eines gesunden und intelligenten Menschen dienen. Turnapparate, Hanteln, Schläger, Angelgerätschaften, Netze für Wachteln, Pfeifen und Zigarrenspitzen. Ueber allem lag die Ausdünstung eines kräftigen, männlichen Körpers ausgebreitet.

Rjäsanzew trat ihm liebenswürdig und zutraulich entgegen, zeigte ihm alle seine Schätze, lachte, erzählte eine Anekdote, bot zu rauchen und zu trinken an, und forderte ihn schließlich auf, mit ihm auf die Jagd zu gehen.

»Aber ich habe ja keine Büchse,« sagte Jurii.

»So nehmen Sie eine von mir. Ich habe acht Stück.«

Rjäsanzew sah in Jurii den Bruder Ljaljas; er wünschte mit ihm befreundet zu werden und ihm zu gefallen. So brachte er selbst bereitwillig seine Gewehre herbei, bat Jurii, sich eins auszuwählen, nahm sie auseinander, erklärte ihren Mechanismus und schoß dann im Hof nach der Scheibe, so daß schließlich auch in Jurii der Wunsch rege wurde, ebenso freudig zu lachen und zu schießen wie er. Jetzt machte es ihm sogar Vergnügen, Gewehr und Patronen gleich an sich nehmen zu können.

»Also vorzüglich,« Rjäsanzew war aufrichtig erfreut. »Grade morgen wollte ich auf den Entenstrich. Fahren wir zusammen, was?«

Erfreut willigte Jurii ein. Nachdem er nach Hause gekommen war, bastelte er zwei Stunden lang am Gewehr herum, beschaute es gut, paßte sich den Riemen über den Schultern zurecht, legte den Kolben an und zielte gegen die Lampe; mit aller Sorgfalt schmierte er sich selbst die alten Jagdstiefel.

Am andern Tag kam Rjäsanzew gegen Abend zu ihm, um ihn auf einem Begunki – einem leichten Wagen, zwischen dessen vier Rädern ein gepolstertes Brett liegt, auf dem man rittlings sitzt – abzuholen.

»Sind Sie fertig?« rief er heiter zu Jurii ins Fenster hinein.

Jurii, der sich schon Gewehr, Jagdtasche und Patronen aufgepackt hatte, trat verlegen lächelnd, aus dem Hause; er verwickelte sich fortgesetzt in den Jagdutensilien.

»Fertig, fertig!« sagte er.

Rjäsanzew war leicht und bequem angezogen und schaute mit einer gewissen Verwunderung Juriis Ausrüstung an.

»So wird es Ihnen unbequem werden. Nehmen Sie vorläufig lieber alles herunter. Wenn wir an Ort und Stelle sind, legen Sie es wieder an.«

Er half Jurii, die Ausrüstung wieder abzulegen und sie im Holzkasten des Wagens unterzubringen. Dann fuhren sie im schnellen Trabe davon. Der Tag ging zu Ende, doch noch war es heiß und staubig. Das Stuckern der Räder schnellte das Sitzbrett des Wagens auf und nieder; – Jurii, der das Fahren in diesem kleinen Jagdwagen nicht gewohnt war, mußte sich am Sitz anklammern. Rjäsanzew lachte und sprach ohne Aufhören, und Jurii blickte mit vollem Vergnügen auf seinen starken Rücken, der von einem unter den Achseln durchschwitzten Seidenrock dicht überspannt war; unwillkürlich machte er es ihm im Lachen und Scherzen nach.

Als sie auf die Straße hinauskamen, und die dürren Feldgräser leicht ihre Füße streiften, wurde es frischer und der Staub hielt sich am Boden. An einem unendlich ebenen, mit Wassermelonen bestandenen Gemüsefeld hielt Rjäsanzew das schweißbedeckte Pferd an und rief in seinem vollen Bariton, indem er beide Hände hohl um den Mund legte, anhaltend: »Kusma! Kusma!«

Zwerghaft kleine Menschen, die am anderen Ende des Gemüsefeldes kaum sichtbar auftauchten, starrten eine Zeitlang unbeweglich auf die Schreienden, bis sich schließlich einer von ihnen loslöste und langsam zwischen den Furchen herüberschritt. Endlich ließ sich erkennen, daß es ein großer Bauer war, mit langem Vollbart und mit herabhängenden knochigen Armen. Er kam auf sie zu und sagte mit breitem Lächeln:

»Guten Tag, Anatoli Pawlowitsch, du hast es aber raus, – das Schreien.«

»Guten Tag, Kusma, was machst du? Kann ich das Pferd bei dir einstellen?«

»Kann bei mir stehen,« sagte ruhig und freundlich der Bauer, das Pferd am Zügel greifend. »Soll wohl auf die Jagd gehen, nicht? Und wer werden jener Herr sein?« fragte er zutunlich auf Jurii blickend.

»Der Sohn von Nikolai Jegorowitsch,« antwortete Rjäsanzew heiter.

»So? ... Das merkt sich doch gleich, daß der Herr unsrer Ludmilla Nikolajewna ähnlich sind.«

»Ja?« Jurii berührte es aus irgend einem Grunde angenehm, daß dieser alte, freundliche Bauer seine Schwester kannte und sie so einfach und nett erwähnte.

»Nun, gehen wir also,« sagte Rjäsanzew, indem er unter dem Vordersitz Gewehr und Tasche hervorholte und sich umlegte.

»Weidmannsheil,« rief ihnen Kusma nach und man hörte, wie er auf das Pferd einsprach, während er es zu seiner Hütte führte.

Bis zum Sumpf hatten sie noch gegen einen Werst zu laufen, und die Sonne war schon völlig im Untergehen, als der Boden saftiger und allmählich von frischem Wiesengras, Rohr und niedrigem Weidengebüsch bedeckt wurde. Wasser blinkte vor ihnen auf, es roch nach feuchter Luft. Die Dämmerung senkte sich, immer dunkler werdend, nieder. Rjäsanzew hörte auf zu rauchen, und wurde plötzlich ganz ernst, als trete er an ein wichtiges und verantwortungsvolles Werk. Jurii ging von ihm nach rechts ab, und wählte sich hinter dem Rohr ein trockeneres und zum Stehen geeignetes Fleckchen. Grad vor ihm lag das Wasser, das in der hellen Abendröte rein und tief aussah; hinter ihm schimmerte das andere Ufer herüber, doch völlig zu einem schmalen, schwarzen Streifen zusammengezogen.

Fast im selben Augenblick tauchten Enten auf, und strichen zu zweien und dreien, schwer mit den Flügeln schlagend an ihnen vorüber. Zuerst schoß Rjäsanzew und erfolgreich. Ein von ihm getroffener Enterich stürzte, sich in der Luft überschlagend, nieder und prallte irgendwo abseits auf, wobei das Wasser hoch aufspritzte und die Rohrstengel mit Geräusch durchschlagen wurden.

»Weidmannsheil,« schrie Rjäsanzew und lachte laut auf.

– – – Im Grunde genommen ist er doch ein sehr guter Kerl, dachte Jurii plötzlich.

Dann schoß er und ebenfalls mit Glück; doch diese von ihm getötete Ente konnte er später nicht auffinden, trotzdem er sich die Hände an den Rohrstengeln zerschnitt und bis an die Knie ins Wasser geriet. Von jetzt ab schien ihm alles, was passierte, vergnüglich zu sein. Das Pulver verbreitete in der durchsichtigen, kühlen Luft über dem See einen eigenartig reizvollen Geruch und bei jedem Schuß leuchteten unter dem hellen Geknatter die Feuerfunken zwischen dem dunkelgewordenen Grün auf.

Die getroffenen Enten überstürzten sich ebenfalls schön und zierlich am Hintergrund des hellroten Himmels, bis die Abendröte zerrann und die ersten funkelnden Sterne schwach hervortraten.

Jurii empfand einen ungewöhnlichen Zustrom von Kraft und Freude; er glaubte, noch niemals etwas so Interessantes und Lebensvolles mitgemacht zu haben. Doch schließlich flogen die Enten immer seltener auf und das Zielen wurde in der dichten Dämmerung immer schwieriger.

»Ehoi!« rief Rjäsanzew, »Zeit nach Hause zu fahren.« Jurii tat es leid, die Jagd abzubrechen, aber er schritt doch Rjäsanzew entgegen, ohne die Wasserlachen zu seinen Füßen zu vermeiden; er platschte durch die Pfützen und blieb im Rohrgestrüpp hängen. Mit glühenden Augen und freien Atemzügen trafen sie zusammen.

»Nun, wie steht's?« fragte Rjäsanzew. »Hatten Sie Glück?«

»Und wie!« Jurii zeigte auf seine gefüllte Jagdtasche.

»Sie schießen ja besser als ich,« rief Rjäsanzew erfreut.

Jurii war dieses Lob angenehm, trotzdem er bisher geglaubt hatte, daß er auf physische Kraft und Gewandtheit keinen Wert zu legen brauche. »I wo denn besser,« sagte er selbstgefällig. »Einfach Glück, das ist alles.«

Es war schon tiefdunkel, als sie die Hütte Kußmas erreichten. Das Feld lag in tiefer Schwärze und nur die nächsten Beete kleiner Wassermelonen waren vom Feuer erhellt und warfen lange, flache Schatten.

Neben der Hütte schnaubte, nicht sichtbar, ein Pferd; ein kleines, aber grelles, gewandt aus dürrem Steppengestrüpp hergerichtetes Feuer brannte knallend; man hörte harte Bauernstimmen, Weiberlachen. Dazwischen mischte sich eine heitere gleichmäßige Stimme, die Jurii bekannt vorkam.

»Aber da sitzt doch Ssanin,« meinte Rjäsanzew verwundert. »Wie ist der denn hierher gekommen?« Sie traten an das Feuer. Der weißbärtige Kußma, der inmitten des Lichtkreises saß, hob seinen Kopf und winkte ihnen freundlich zu.

»Glück gehabt?« fragte er mit dumpfer Baßstimme hinter seinem herunterhängenden Schnurrbart hervor.

Ssanin, der auf einem großen Kürbis hockte, hob ebenfalls den Kopf und lächelte ihnen zu.

»Was hat Sie denn hierher verschlagen?« fragte Rjäsanzew.

»Ich und Kußma Prochorowitsch sind alte Freunde,« erklärte Ssanin, sein Lachen etwas verstärkend.

Kußma zeigte vergnügt die gelben Wurzeln seiner abgenützten Zähne und klopfte Ssanin fröhlich mit harten unbiegsamen Fingern auf das Knie.

»So, so,« sagte er, »setze dich hierher, Anatoli Pawlowitsch. Und Sie auch Junker. Wie nennt man Sie denn?«

»Jurii Nikolajewitsch,« gab dieser mit fast zuvorkommendem Lächeln zur Antwort. Er fühlte sich etwas deplaziert, aber dieser alte Bauer, mit dem halb russischen, halb ukrainischen Dialekt, gefiel ihm ausnehmend gut.

»Jurii Nikolaijowitsch, gut! So, nun sind wir also Bekannte. Setze dich, Jurii Nikolajewitsch.«

Jurii und Rjäsanzew ließen sich am Feuer nieder, nachdem sie sich zwei schwere harte Kürbisse herangewälzt hatten.

»Nun zeigt doch, was ihr geschossen habt,« bat Kußma voll Interesse.

Ein Haufen Enten fiel aus den Jagdtaschen und bedeckten den Boden mit Blut. Beim flackernden Feuerschein hatten sie ein sonderbares und unangenehmes Aussehen. Das Blut war wie schwarz und die zusammengekrampften Krallen schienen sich zu bewegen. Kußma befühlte einen Enterich unter den Flügeln.

»Fett ist er,« sagte er billigend. »Du solltest mir doch ein Pärchen hier lassen, Anatoli Pawlowitsch. Wozu brauchst du so viele?«

»Nehmen Sie die meinen alle,« schlug Jurii lebhaft vor, errötete aber sofort über seinen Eifer.

»Wozu denn alle? Sieh welch ein guter Kerl,« lachte der Greis. »Und ich möchte nur ein Pärchen, damit jeder was hat.« Auch die anderen Bauern und Weiber kamen herbei, um die Beute zu sehen. Aber als Jurii die Blicke vom Feuer weglenkte, konnte er nichts unterscheiden. In der Dunkelheit schien bald das eine, bald wieder ein anderes Gesicht, je nachdem es von dem Feuerschein getroffen wurde.

Ssanin blickte stirnrunzelnd auf die getöteten Vögel, rückte etwas beiseite und stand rasch auf. Es wurde ihm peinlich, auf die toten Tiere zu sehen, wie sie in Staub und Blut mit zerschmetterten Flügeln herumlagen. Jurii verfolgte mit Neugierde das Leben um sich her, biß gierig in die Schnitten der reinen saftigen Wassermelonen, die Kußma mit einem Taschenmesser mit gelbem Horngriff absäbelte.

»Iß, Jurii Nikolajewitsch, die Wassermelone ist gut. Auch Ihre Schwester Ludmilla Nikolajewa und den Herrn Papa kenne ich. Iß und sei gesund.«

Jurii gefiel hier alles. Die Ausdünstungen der Bauern, die dem Geruch frischen Brotes gemischt mit dem von Schafpelzen ähnlich sind, der kecke Glanz des Feuers und die runden Kürbisse, auf denen er saß, und daß man Kußmas Gesicht nur sah, wenn er nach unten blickte, während es bis auf die glänzenden Augen verschwand, sobald er den Kopf hoch richtete. Die Finsternis schien dicht über den Köpfen zu hängen, so daß sich eine heitere Freundlichkeit über den beleuchteten Fleck ausbreitete; man mußte sie erst allmählich durchdringen, bis sich dann plötzlich ein hoher, majestätisch-ruhiger, dunkler Himmel auftat, an dem sich kleine Sterne zeigten. Doch hatte er während der ganzen Zeit, ohne daß es ihn bedrückte, ein peinliches Gefühl; er wußte nicht, worüber er mit den Bauern sprechen sollte. Die Anderen aber, sowohl Kußma wie Ssanin und Rjäsanzew, unterhielten sich, ohne erst ein besonderes Thema zu wählen, so einfach und frei über alles, was ihnen in den Kopf kam, daß Jurii erstaunte.

»Nun und wie geht es bei Ihnen mit dem Land?« fragte er, als alle für einen Augenblick schwiegen; dabei fühlte er selbst, daß die Frage hergeholt und unangebracht erscheinen mußte.

Kußma sah ihn an und antwortete:

»Wir warten immer noch! Vielleicht kommt etwas heraus.« Dann sprach er wieder über den Gemüsegarten, den Preis der Wassermelonen und seine persönlichen Verhältnisse.

Man hörte Schritte. Ein kleines Hündchen mit aufgerolltem weichen Schwanz kam in den Lichtkreis, wedelte, beschnupperte Jurii und Rjäsanzew und begann sich an Ssanins Knieen zu reiben, der ihm glättend über das Fell strich. Hinter ihm tauchte ein kleiner Greis mit struppigem Barte und kleinen Aeuglein auf. In der Hand hielt er ein verrostetes einläufiges Gewehr.

»Unser Wächter,« sagte Kußma.

Der Greis ließ sich auf dem Boden nieder, legte das Gewehr beiseite und schaute auf Jurii und Rjäsanzew.

»Von der Jagd, so?« brummelte er und zeigte sein hohles Zahnfleisch.

»Aehä Kußma, es wird Zeit die Kartoffeln zu kochen, ähä.«

Rjäsanzew hob das Gewehr des Alten auf und zeigte es lachend Jurii. Es war eine schwere, rostbedeckte und mit Drahtfäden umschnürte Pistonflinte.

»Das ist eine Muskete,« lachte er. »Wie kannst du dich nicht fürchten, Großväterchen, daraus zu schießen?«

»Jawohl, sieh mal, habe mich auch beinahe totgeschossen. Stepan Schapka sagte mir, daß man gar nicht Piston zum Schießen braucht, ehe – ganz ohne 'n Piston. Er sagt, wo der Schwefel bleibt, da geht's auch ohne 'n Piston mit dem Schießen. Da leg ich sie mir nun so übers Knie, zieh den Hahn an, bloß so mit dem Finger und knack, knallt es los. Hat mich beinah totgeschossen. Ehe, ehe, zieh den Hahn bloß an und schieß. Knack, knallte es, hat mich beinahe totgeschossen.«

Alle lachten und Jurii traten sogar Tränen in die Augen, so rührte ihn der Greis mit dem struppigen grauen Bärtchen und dem brummelnden Munde.

Auch der Alte lachte und seine Aeuglein trieften.

»Mich beinahe totgeschossen, ähä.«

Im Dunkel hinter dem Feuerschein hörte man Lachen und Kreischen der Mädchen, die sich vor den fremden Männern schämten. Einige Schritte entfernt, gar nicht dort, wo es Jurii erwartete, knirschte Ssanin mit einem Streichholz, und als ein Flämmchen aufbrannte, sah Jurii seine ruhigen freundlichen Züge und das frische Gesicht eines Mädchens, das Ssanin bewundernd ansah.

Rjäsanzew blinzelte ebenfalls nach dieser Seite.

»Großväterchen, du solltest doch auf deine Enkelin aufpassen, nicht?« »Wozu denn aufpassen?« Der alte Mann machte eine gutmütige Handbewegung. »Das ist Sache der Jugend.«

»Aehä, ähä,« rief der Alte und holte aus dem Feuer mit bloßer Hand eine Kohle heraus.

Ssanin lachte lustig aus der Dunkelheit zu ihnen herüber. Aber das Mädchen war wohl verlegen geworden, denn beide gingen plötzlich fort und ihre Stimmen waren kaum noch zu vernehmen.

»Nun, es wird Zeit,« sagte Rjäsanzew aufstehend.

»Sorgt euch nicht,« rief freundlich Kußma. und streifte mit seinen Armen die schwarzen Kernchen der Wassermelonen ab, die an ihren Anzügen kleben geblieben waren. Er reichte Jurii und Rjäsanzew herzlich die Hand.

Jurii war es wieder peinlich und doch angenehm, seine harten und steifen Finger zu drücken.

Als sie vom Feuer fortgingen, wurde es heller.

Ueber ihnen glänzten die Sterne und alles schien in wunderbarer Schönheit und stiller Unendlichkeit dazuliegen. Schwarz hoben sich die Körper der am Feuer Sitzenden ab. Die Pferde, der Schatten eines Wagens, ein Haufen Wassermelonen. Jurii stolperte über einen runden Kürbis und wäre beinahe gefallen.

»Vorsichtig! Na, auf Wiedersehen!« hörte er Ssanin rufen.

»Auf Wiedersehen,« sagte Jurii, sah sich noch einmal um und bemerkte, daß sich an Ssanins dunkle Gestalt die schlanke Figur eines Mädchens schmiegte. Sein Herz zog sich zusammen; er empfand einen leisen tiefen Schmerz. Mit einem Mal kam ihm Karssawina in Erinnerung und augenblicklich wurde er auf Ssanin ärgerlich.

Wieder rollten die Räder des Wagens über die Steppe. Das gut ausgeruhte Pferd schnaubte, das Feuer blieb hinter ihnen zurück, das Sprechen und Lachen brach ab. Jurii hob seine Blicke langsam zum Himmel und sah ein unendliches Meer von glitzernden Sternen. Sie schwiegen beide während der ganzen Fahrt. Erst als sich die Lichter und Zäune der Stadt zeigten, sagte Rjäsanzew:

»Ein Philosoph ist doch dieser Kußma nicht?« Jurii blickte auf seinen dunklen Nacken und gab sich Mühe, trotz seiner nachdenklichen traurigzärtlichen Stimmung, die ihn innerlich von der ganzen Umgebung abschloß, zu verstehen, was er meinte.

»Ach ja,« antwortete er, doch erst nach einigem Besinnen.

»Ich wußte aber gar nicht, daß Ssanin ein so tüchtiger Kerl ist,« lachte Rjäsanzew.

Jurii kam endlich wieder zu sich und stellte sich Ssanin und jenes Mädchengesicht vor, welches ihm wunderbar schön und zärtlich erschienen war, als er es im Aufleuchten des Streichholzes plötzlich erblickte. Unbewußt stieg aber gleichzeitig wieder Aerger in ihm auf und da fand er mit einem Male, daß er Ssanins Verhalten zu diesem Bauernmädchen verurteilen müsse.

»So? – – und ich bemerkte das noch nicht!« erklärte er mit harter Stimme.

Rjäsanzew verstand seinen Ton gar nicht; er schnalzte mit der Zunge, um das Pferd anzutreiben, schwieg dann eine Weile und sagte schließlich mit Nachdruck: »Ein hübsches Mädel, wie. Ich kenne sie, das ist die Enkelin des Alten!«

Jurii erwiderte nichts. Der gutmütige heiter nachdenkliche Eindruck des heutigen Abends glitt rasch von ihm ab, der frühere Jurii schob sich wieder vor und sah bereits klar und bestimmt, daß Ssanin ein schlechter und banaler Mensch sei.

Rjäsanzew zuckte endlich komisch mit Kopf und Schultern und räusperte sich entschlossen. »Weiß der Teufel, diese Nacht, die ist selbst mir in die Glieder gefahren. Was meinen Sie, wollen wir nicht mal rüber fahren?« Jurii verstand ihn nicht gleich.

»Da gibt es ein paar hübsche Mädel. Fahren wir hin, was? ...« fuhr Rjäsanzew mit kichernder Stimme fort. Dichte Röte stieg Jurii ins Gesicht. Der lang unterdrückte Instinkt regte sich in ihm mit tierischer Gier; bange neugierige Phantasien durchzogen sein entflammtes Hirn. Doch sofort gelang es ihm sich zu bezwingen und er erwiderte trocken: »Nein, es ist Zeit nach Hause zu fahren«; und dann fügte er, schon boshaft, hinzu: »Ljalja erwartet uns.«

Rjäsanzew schrumpfte mit einem Schlag zusammen, als wenn er im Augenblick kleiner geworden wäre.

»Na ja, – – übrigens scheint es in der Tat an der Zeit ...« murmelte er eilig.

Jurii preßte vor Grimm und Ekel die Zähne zusammen und starrte haßerfüllt auf den Rücken mit dem festgespannten Rock. Erst nach einer Weile sagte er: »Ich bin überhaupt kein Freund derartiger Abenteuer.«

»Nun ja,« lachte Rjäsanzew feige und feindlich. Dann blieb er still.

– – – Teufel, dachte er für sich, das habe ich recht ungeschickt herausgebracht. Sie fuhren im Schweigen nach Hause, der Weg kam beiden unendlich lang vor.

»Treten Sie ein?« Jurii blickte während der Frage glatt an Rjäsanzew vorbei.

»Nein, wissen Sie, ich habe einen Kranken ... es ist auch spät,« erwiderte dieser unentschlossen.

Jurii stieg vom Wagen; es war ihm unangenehm, die Flinte und das Wild mitzunehmen. Alles was Rjäsanzew gehörte, erschien ihm jetzt widerwärtig. Doch dieser fragte aufmerksam:

»Und die Flinte?«

Gegen seinen Willen kehrte Jurii wieder um, griff mit Abscheu zu der Flinte und den Enten, reichte Rjäsanzew ungeschickt die Hand und ging ins Haus. Rjäsanzew fuhr die erste Minute ganz ruhig weiter. Mit einem Mal polterten aber die Räder rasch in eine Nebengasse nach der entgegengesetzten Seite hin. Jurii lauschte mit Haß, in dem unbewußter Neid und geheime Wünsche steckten, bis das letzte Geräusch verhallt war. »Dieser Plattkopf,« murmelte er; – es tat ihm um Ljalja leid.

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