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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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IX

Sie gingen den Boulevard hinauf und hinunter, ohne Bekannten zu begegnen und lauschten interesselos der Musikkapelle, die wie gewöhnlich im Stadtgarten spielte. Jedesmal setzte sie mit falschen Intonationen ein, kam im Takt immer mehr auseinander, sodaß man hätte glauben können, die Musiker versuchten im Spiel einander zuvorzukommen; trotz alldem klang aber die Melodie von ferne zart und traurig. Stets dieselben Spaziergänger kamen an ihnen vorüber, flirteten miteinander und ihr Lachen, ihre aufgeregten, heißen Stimmen paßten nicht zu der stillen, traurigen Musik, dem stillen, traurigen Abend; sie versetzten Jurii in eine verdrießliche, gehässige Stimmung.

Als sie wieder einmal am Ende des Boulevard angelangt waren und gerade umkehren wollten, trat Ssanin an sie heran und begrüßte sie vergnügt. Doch er gefiel Jurii offensichtlich nicht und so wollte das Gespräch nicht recht in Fluß kommen. Mit einemmal verletzte es auch Jurii, daß Ssanin alles, was ihm vor die Augen kam, mit seinem leichten Spott übergoß; jedes Wort klang ihm schmerzhaft in den Ohren. Seine Stimmung veränderte sich auch nicht, als Iwanow auf sie zukam und sich ihnen ebenfalls mit lauter Fröhlichkeit anschloß.

»Wo wollen Sie denn hin?« fragte Nowikow den Lehrer, um dadurch dessen Fragen zuvorzukommen.

»Ich will meine Freunde freihalten,« erwiderte dieser lachend, zog eine Flasche Wodka aus der Tasche und zeigte sie mit feierlicher Miene im Kreise herum. Ssanin stimmte sofort in das Lachen ein.

Jurii erschien das Lachen und der Wodka wiederum unnatürlich und platt; widerwillig wendete er den Kopf ab. Trotzdem es Ssanin bemerkte, ging er nicht darauf ein und behielt ruhig sein vergnügtes Lächeln bei. Iwanow jedoch machte eine zweideutige Miene und sagte in gedehntem Baß:

»Ich danke dir, Herr, daß ich nicht bin, wie diese Zöllner.«

Jurii errötete: – Der muß natürlich auch noch seinen Senf drauf geben, dachte er verächtlich, zuckte mit den Schultern und trat zur Seite.

»Nowikow, du unbewußter Pharisäer, so komme du wenigstens mit uns mit,« drang Iwanow in ihn.

»Um welches Teufels willen? ...«

»Nun, um einen zu nehmen.« Nowikow gab nicht gleich eine Antwort, sondern überblickte mit gleichgültigen Mienen den Boulevard; es schmerzte ihn, daß er Lyda nirgends erblickte.

»Lyda sitzt zu Hause und büßt ihre Sünden,« bemerkte Ssanin lächelnd.

»Dummheiten,« murmelte verlegen Nowikow, »ich habe einen Kranken.«

»Der auch ohne deine Hilfe verrecken wird,« fiel ihm Iwanow ins Wort. »Uebrigens können wir uns auch ebenso ohne deine Hilfe dem Wodka widmen.«

– und uns besaufen! Und das ist noch das beste, dachte Nowikow bitter. Laut sagte er: »Nun gut, gehen wir!«

Sie verabschiedeten sich flüchtig von Jurii und schritten fort; er hörte noch von weitem den groben Baß Iwanows und das harmlos-zärtliche Lachen Ssanins.

Er ging wieder, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, den Boulevard hinunter, bis ihn Frauenstimmen anriefen. Sina Karssawina und die Lehrerin Dubowa saßen auf einer der Boulevardbänke, und ihre Figuren in dunklen Kleidern und ohne Hüte, aber mit Büchern unter den Armen, waren in dem tiefen Schatten kaum erkennbar.

Rasch und erfreut trat er auf sie zu.

»Woher kommen Sie?« fragte er, sie begrüßend.

»Wir waren in der Bibliothek,« gab Karssawina zur Antwort.

Dubowa rückte schweigend zur Seite, sodaß an ihrer Seite Platz wurde; aber trotzdem Jurii wünschte, sich an Karssawinas Seite zu setzen, wagte er es nicht recht und ließ sich neben der häßlichen Lehrerin nieder.

»Warum machen Sie ein so ärgerliches, wütendes Gesicht?« fragte Dubowa, wobei sie ihre schmalen und trockenen Lippen gewohnheitsmäßig mißmutig aneinanderpreßte.

»Sieht es denn so aus? Es ist heiter genug und denn, ich glaube, es ist hier tatsächlich etwas langweilig.«

»Vielleicht liegt's an Ihnen?« erwiderte spöttisch Dubowa.

»Und verstehen Sie, hier was anzufangen?«

»Ja, ich habe keine Zeit zu greinen!«

»Ich auch nicht.«

»Na, dann quietschen Sie eben,« – scherzte Dubowa.

»Das ist nun einmal mein Leben. Ich habe sogar das Lachen verlernt.«

In seiner Stimme lag eine so bittere Nuance, daß die Mädchen unwillkürlich stille wurden.

Auch Jurii schwieg; dann lächelte er: »Ein Freund von mir sagte einmal, daß mein Leben sehr erstaunlich sei.«

»In welchem Sinne?«

»Ich lebe, wie man nicht leben soll,« antwortete er bestimmt, ohne daß er zuvor von einem Menschen derartiges gehört hätte.

Jurii hielt sein ganzes Leben für mißraten und sich selbst für einen außerordentlich unglücklichen Menschen. Darin verbarg sich für ihn eine traurige Genugtuung, und es machte ihm Vergnügen, sich über sein Leben und die Menschen zu beklagen. Zu Männern sprach er niemals davon, weil er instinktiv fühlte, daß sie ihm nicht glauben würden. Aber Frauen und besonders jungen und schönen Mädchen erzählte er gern und lange von sich. Er war hübsch und sprach schön, und die Frauen hatten mit ihm stets das Mitleid, das mit Verliebtheit durchsetzt ist.

Auch diesmal, im Scherz begonnen, ging Jurii leicht in den gewohnten, sentimentalen Ton über und redete viel über sein Leben. Nach seinen Worten mußte man glauben, daß er, ein Mensch von ungeheurer Kraft und bedeutender Veranlagung, an dem Milieu und den Umständen zerbrochen war und daß man ihn auch in der Partei nicht verstanden hatte. Wenn aus ihm nicht ein Volksführer, sondern ein Student wurde, der aus irgend einem nichtigen Anlaß verschickt worden war, so trug daran nur eine fatale Zufälligkeit und menschliche Dummheit, nicht er selber, die Schuld.

Jurii kam, wie allen Menschen mit großer Eigenliebe, niemals der Gedanke in den Kopf, daß diese Auffassung keineswegs außerordentliche Kraft beweise und daß jeder geniale Mensch von gleichen Zufälligkeiten und Personen umgeben ist. Ihm schien, daß nur ihn allein ein schweres, unüberwindliches Schicksal verfolge.

Doch da alles, was er erzählte, voller Farben und Leben war, machte es auf die Mädchen den Eindruck, als ob es wirklich der Wahrheit ähnlich sei. Sie glaubten seinen Worten, bemitleideten ihn und wurden mit ihm traurig.

Die Musik spielte ebenso ungleichmäßig und sentimental wie vorher, der Abend war finster und nachdenklich, und ihnen allen wurde es träumerisch befangen zumute.

Als Jurii schwieg, richtete Dubowa eine Frage an ihn, die eigentlich nur den eigenen Gedanken, wie langweilig und eintönig ihr Leben sei, und wie bald sie alt würde, ohne Liebe und Glück gekostet zu haben, beantwortete.

»Sagen Sie, Jurii Nikolajewitsch, ist Ihnen niemals der Gedanke an Selbstmord gekommen?«

»Weshalb fragen Sie mich danach?«

»So!«

Alle schwiegen. Jurii vergaß die Antwort.

»Sie waren also im Komitee?«Es ist das lokale Komitee der politischen Partei gemeint, zu der Jurii gehörte. Es galt als ein besonderes Verdienst, ihm anzugehören. fragte Karssawina voller Neugierde.

»Ja,« antwortete Jurii kurz und wie gezwungen; das Eingeständnis war ihm aber doch angenehm, weil er glaubte, daß es ihm in den Augen des hübschen Mädchen ein neues, geheimnisvolles Interesse verleihen würde.

Und der Eindruck, den diese kurze Bejahung auf Karssawina und Dubowa machte, war so stark, daß sie beide in Schweigen verfielen und nur hin und wieder einen fast ehrerbietigen Blick über Jurii streifen ließen. Er fühlte sich von dieser guten Stimmung zärtlich geliebkost; um sie nicht zu stören, vermied er jede Bewegung und saß andächtig neben den Mädchen. Die Luft um sie wurde von der Sehnsucht, die sich aus ihnen allen drängte, durchsättigt und schien sich schwerer um sie zu legen, in leise Kreise getrieben, von den fern herüberschallenden Melodien. Endlich erhob sich Karssawina, sah mit freudig glänzenden Augen, in denen sie mühsam ihre unbewußte Erregung zurückhielt, auf Jurii und Dubowa und rief ihnen zu: »Gehen wir, Herrschaften, gehen wir doch, es wird spät. Wir verbummeln uns ja hier.« Und wieder glücklich lachend, fügte sie hinzu: »Jurii Nikolajewitsch, diesmal aber sind Sie Schuld!«

Jurii neigte fröhlich den Kopf, trat an ihre Seite und wartete, indem er ebenfalls ohne Grund in ihr leises freies Lachen einstimmte, auf Dubowa, die etwas schwerfälliger aufstand und erst die Bücher in ihrem Arm zurechtschob, ehe sie sich ihnen anschloß.

Jurii begleitete die Mädchen nach Haus. Unterwegs sprachen sie lebhaft und lachten viel; die traurige Stimmung war verflogen.

»Welch ein netter Kerl ist er,« sagte Karssawina, als Jurii fortging.

»Sieh, sieh, verlieb dich nicht!« Dubowa drohte mit den Fingern.

»Nun, was dir gleich in den Kopf kommt,« rief Karssawina mit verborgenem, instinktivem Schrecken.

Jurii kam in leichter und freudiger Erregung nach Hause.

Er blickte auf das begonnene Bild, empfand nichts Sonderliches dabei und legte sich vergnügt schlafen.

Und in der Nacht träumte er wollüstige und sonnige Bilder, träumte er von jungen und schönen Frauen.

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