Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph von Lauff >

Springinsröckel

Joseph von Lauff: Springinsröckel - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleSpringinsröckel
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1922
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100822
projectid2d8b7e72
status1
Schließen

Navigation:

1

»Springinsröckel ...!«

Holla, heda! was war das nur!

Da wieder – aber lauter und schärfer: »Springinsröckel ...!«

Alle Wetter! hatte da jemand gerufen?

Eigentlich nicht! nur die blaugestrichene Tür an der Wirtschaft ›Zur Goldenen Kugel‹ klingelte auf – mit einem schrillen, impertinenten Geschrei, das kurz und abgerissen in dem nadelfeinen Schneegeknister verhallte.

Der Große Markt war weißübersponnen. Ein scharfer Nordost trieb die bitterkalten Flöckchen eiligst zur Seite, wirbelte sie um die schmalstockigen Häuserzeilen und häufelte vor den Türschwellen flaumige Daunenpolster.

»Prr! diese Kälte!«

Die kleine niederrheinische Stadt konnte kaum atmen, so eisig schob der graue, dunstige Silvesternachmittag des Jahres 1861 seine winterlichen Launen über die fröstelnde Landschaft. Die alte Linde, die inmitten des geräumigen Marktes paradierte, erstarrte im Rauhreif, und vereinzelte Spatzen fielen tot von den Dächern herunter.

Alles war mäuschenstill, verklammt, verlähmt in der kalten Einsamkeit, nur – wie gesagt: die blaugestrichene Tür an der Wirtschaft ›Zur Goldenen Kugel‹ klingelte auf – mit einem schrillen, impertinenten Geschrei, das kurz und abgerissen in dem nadelfeinen Schneegeknister verhallte. Gleichzeitig drehte sich ein kleines, zierliches Männchen, dem man ebensogut sechzig wie vierzig Jahre zubilligen konnte, ausstaffiert mit einem kegelförmigen Zylinder, einem silberbeknopften Bambus und einem braunen, wolligen Überrock, der in seiner aufdringlichen Farbe an die einer altmodischen Bunzlauer Kanne gemahnte, auf die Straße hinaus.

Herr Aloys Furtwanger, Junggesell, emeritierter Aktuarius des Königlichen Friedensgerichtes, domiziliert in hiesiger Kirchengemeinde und wohnhaft auf der Grabenstraße, dem Altmännerhaus schräg gegenüber, hatte wie alltäglich in der ›Goldenen Kugel‹ zu Mittag gespeist, sein Schälchen Kaffee getrunken und mit dem gleichfalls auf Ruhegehalt gesetzten Schulmagister Pitt Kaldenhoven eine Partie Domino gespielt und trieb nun in dem sprühenden Schneegeriesel seinen heimischen Penaten entgegen.

Wenn man Aloys Furtwanger ansah, mußte man lächeln, mußte man an etwas Drolliges, Pfiffiges, Wehmütiges denken, hatte man das Gefühl: in diesem eigentümlichen Menschenkind hat der liebe Gott ein sonderbares Wesen auf die Beine gestellt, und dennoch: Aloys Furtwanger war ein Mann der Milde und Güte, des Wohlwollens, des stillen Sinnierens, und seine Seele mutete an wie das schleierweiße Tafeltuch auf dem Altar der ›Sieben Schmerzen Mariä‹. Sein glattrasiertes Gesicht war wie das einer Spitzmaus. Niedlich saß es zwischen den steifen Vatermördern und hatte zwei humorvolle Augen, die in ihrem sanften und beschaulichen Glanz an die eines treuen Pudels erinnerten. Auf seinen schmalen Lippen lagen die Worte Paul Gerhardts »Wach' auf mein Herz und singe«, »Nun ruhen alle Wälder« oder das tiefernste »O Haupt voll Blut und Wunden«, während von Zeit zu Zeit ein Schmunzeln um seine Mundecken spielte, wie es die Abgeklärten an sich haben, die in der Wüste Thebais ihren Herrgott verehren.

Die Hände tief in den Paletottaschen, den silberbeknopften Bambus unter der linken Achsel und den etwas fuchsigen Zylinder den glitzernden Schneekristallen zugekehrt, zog der quieszierte Aktuarius Herr Aloys Furtwanger still seines Weges.

Seine Herkunft war dunkel, dunkel und geheimnisvoll wie das tägliche Erscheinen der Dohlengeschwader, die beim ersten Morgengrauen bis spät in den Mittag hinein den Kirchturm von Sankt Nikolai umkreisten, um dann wieder spurlos bei den purpurblauen Wäldern von Moyland unterzutauchen. Nichts Genaues war darüber in dem kleinen Städtchen ruchbar geworden. Die junge Generation wagte es überhaupt nicht, aus lauter Respekt vor dem artigen Sonderling und Eigenbrödler, dieses geheimnisvolle Dunkel zu lichten. Es kam ihnen vor wie die zarte Patina am großen Weihwasserkessel, in den noch die schöne Maria, Herzogin von Jülich, Berg und Kleve, ihre alabasternen Fingerspitzen getaucht hatte. Nur die älteren Leute steckten von Zeit zu Zeit die Köpfe zusammen. Sie wußten: war da vor vielen, vielen Jahren der Puppenspieler Herr Xaver Anastasius Furtwanger, gebürtig und ansässig auf dem Filder im Württembergischen, in das hiesige Städtchen gekommen. Er begann sein künstlerisches Programm mit der Genovevalegende, um sein Höchstes mit den Vier Haimonskindern und der rührsamen Geschichte von der schönen Magelone auf die Bretter zu stellen. Seine Tochter, ein wunderseltsames Mädchen, mit samtbraunem Haar und Augen wie Weichselkirschen, half ihm dabei und verstand es, den weiblichen Puppen, vornehmlich der schmerzensreichen Gemahlin des Pfalzgrafen, Leben und Bewegung zu geben. Mehrere Wochen zog Herr Xaver Anastasius Furtwanger mit seinem Thespiskarren in den benachbarten Ortschaften umher, erwarb sich Ruhm und klingende Münze, bis er sich sagen mußte: »Die hiesige Gegend ist abgegrast; du mußt deine Künste weiter rheinaufwärts verlegen.« Sein letzter Besuch galt dem kleinen Flecken Kranenburg, der an der holländischen Grenze gelegen war und mit seinem stiernackigen Kirchturm die weite Niederung beherrschte. Das war um die Zeit, als der Roggen blühte und ein warmer Duft alle Äcker erfüllte. Plötzlich verschwand er, wie von der Erde verschlungen, wie mit einer blanken Sense von der Koppel gehauen, um zu Beginn des folgenden Jahres wieder im hiesigen Kirchspiel unerwartet zu erscheinen – mit einem funkelnagelneuen Stück, wie er sagte, und von allen begrüßt und bejubelt. Am dritten Sonntag nach Epiphania stand denn auch an jeder Straßenecke zu lesen: »Aus besonderer Wertschätzung dem löblichen Publiko gegenüber, so mir schon früher treue Gefolgschaft gegeben, wird von mir am heutigen Abend punkt acht die Historie von Doktor Fausten, gebürtig zu Knittlingen bei Pforzheim, nebst Schmachspruch und Kehrab, zum unwiderruflich ersten und letzten Male aufgeführt werden. Hierzu bittet, schon des großen Nativitätenstellers und Nekromanten wegen, um zahlreichen Zuspruch – Xaver Anastasius Furtwanger vom Württembergischen Filder.«

Die Vorstellung ging unter reger Teilnahme der gesamten kunstsinnigen Bürgerschaft vor sich. Alles schwamm in Wonne und Rührseligkeit. Als aber Herr Xaver, in seiner Eigenschaft als Gottvater, aus der Höhe niederdonnerte: »Dies iræ, dies illa!« und die Puppenspieler-Marie zu antworten hatte: »Herr, sei gnädig dem reuigen Sünder!« versagte ihr die Stimme, und ihr schönes Antlitz verfärbte sich und wurde bleich wie ein Sterbelaken. Noch am gleichen Abend wurde die Ärmste bei den Barmherzigen Schwestern gebettet, genas nach Monatsfrist in schweren Mutternöten eines prächtigen Knäbleins, um nach drei Tagen ihr fieberheißes Köpfchen in die Kissen zu legen und den Tod zu erwarten. Und der Tod kam als Freund und Erlöser. Unter allgemeiner Teilnahme wurde sie zur Ruhe getragen und dicht am Kalvarienhügel bestattet. Ihr großes Geheimnis aber hatte sie mit in die Grube genommen.

Herr Xaver Anastasius Furtwanger – so erzählten die Leute – fluchte und wetterte nicht und verwünschte nicht sein trauriges Schicksal. Er haderte nicht, streckte auch nicht die Faust gegen die Verstorbene aus, um über die geworfenen Schollen zu rufen: »Marie, Marie ...! » Dies irae, dies illa...!« Auch forschte er nicht nach dem, der den Leib seiner geliebten Tochter entweiht und zerstört hatte. Er blieb stumm und gelassen, und die Seelenkundigen orakelten: »Drüben in seiner Heimat wird er vergessen.« Allein ihre gute und wohlwollende Meinung verwirklichte sich nicht, war in den Sand geschrieben, verwehte wie ein überständiges Blättchen im Herbstwind. Herr Xaver Anastasius Furtwanger sah den Württembergischen Filder nicht wieder. Kurz nach der Beisetzung seines einzigen Kindes lag er mit ausgestreckten Armen neben dem Hügel der vom Himmel Gesuchten. Seine Züge verklärte ein versonnenes Lächeln. Er schien glücklich zu sein. Nur das Seltsame war: aus seiner rechten Schläfe rieselte ein rotes, haarzartes Fädchen. Seine Seele war bei Gott, und eine feierliche Stimme war bei ihm: » Requiescat in pace.«

Seit diesem Tage hatte die Stadt, da Vater unbekannt, für den kleinen Aloys zu sorgen. Eine ehrsame, wenn auch wenig begüterte Ellenkrämerin, Jungfer Miekske Beiderwand, wohnhaft am Bollwerk, nicht weit vom jüdischen Tempel, wurde gegen kärgliches Entgelt als Pflegerin des elternlosen Kindes angenommen, und sie waltete ihres Amtes mit rührender Einfalt und selbstloser Nächstenliebe, stündlich darauf bedacht, den kleinen Liebling wachsen und gedeihen zu lassen. Eine gütige Vorsehung griff dabei dem alternden Mädchen liebevoll unter die Arme, denn wie auf ein überirdisches Geheiß brachte alljährlich ein Engel des Herrn, und zwar in Gestalt eines schlichten Königlich preußischen Postbeamten, tausend Taler in das Häuschen am Bollwerk, die das armselige Miekske dazu verwandte, ihren Zögling zu einem gediegenen und würdigen Vertreter der menschlichen Gesellschaft heranzubilden, und auch hier, wie bei der Vaterschaft, war der Donator ein verschleiertes Bild, ein mit einem dichten Nebel umstrudeltes Wesen, das spendete und gab, ohne gesehen zu werden. Selbst bei Beginn dieser Geschichte, wo die Ellenkrämerin Jungfer Beiderwand schon längst das Zeitliche gesegnet hatte und Aloys Furtwanger als emeritierter Aktuarius des hiesigen Friedensgerichtes seine einsamen Tage verlebte, klimperten ihm prompt am Tag des heiligen Martinus tausend blanke preußische Speziestaler in die feinpolierte Kirschholzkommode hinein, und das alljährlich, ohne Spesen jeglicher Art, so aus heiterm Himmel herunter – und Aloys Furtwanger sagte sich jedesmal mit bedenklicher Miene: Virgils Georgica II, 490: »Felix, qui potuit rerum cognoscere causas. Glücklich, wer zu erkennen vermocht die Gründe der Dinge. Leider! im vorliegenden Fall bin ich nicht glücklich.« Aber dann wieder zitierte er die geflügelten Worte: » Amicus certus in re incerta cernitur. Den sichern Freund erkennt man in peinlicher Lage,« freute sich des rätselhaften Angebindes, das ohne Angabe des Absenders aus dem Holländischen kam, häufelte es sorglich zusammen und sagte, ohne weiter darüber nachzudenken: »Ich kann es gebrauchen, denn meine kärgliche Pension würde nicht reichen, mir die Rosen eines sanften Lebensabends um die Schläfen zu flechten. Nehmen wir hin, was Gott uns verstattet. Es hat den Rechten gefunden. Preis ihm und Dank ihm. Ich kann meine Tage in Beschaulichkeit und Ruhe beschließen.«

Der Emeritierte war bis zum stattlichen Rathaus gekommen. Hier hielt er den Schritt an und schaute verloren über den Marktplatz. Welch selige Winterweihe! Welche Ruhe und Feier! Keines Menschen Fuß störte die bleiche Einsamkeit, keines Vogels Ruf ging durch die verhangenen Lüfte. Noch immer glitten die flaumigen Kristalle traumhaft zu Boden, dann und wann von einem scharfen Luftzug zur Seite getrieben. Die alten spanischen Giebel standen in Weiß, in Musselinschleiern, über und über gepudert und in langen Allongeperücken. Die Dämmerungen des Wintertages begannen schon ihre Garne zu spinnen. Aus der Tiefe der Kramläden glitzerten bereits rote, dunstige Lichter, obgleich die Turmuhr von Sankt Nikolai sich erst anschickte, die vierte Nachmittagsstunde über die verschwiegenen Dächer zu rufen. Der Silvesterabend warf seine Schatten voraus, benahm sich wie ein bissiges Frettchen und hauchte immer größere Eisblumen gegen die angefrorenen Scheiben. Feine Nebelstreifen wirrten sich um die Ziegelmauern des Rathauses und strichen eine schmale Gasse entlang, die zur Grabenstraße führte.

In dieser Gasse stand ein winziges Häuschen, sauber gehalten und mit einem Schild über der Türe, auf dem geschrieben stand: »Spitzengeschäft und Feinplätterei von Röschen Jungklaas, Modistin.«

Blütenschmucke Schirtinggardinen gaben den niedrigen Fenstern ein freundliches Aussehn, und hinter diesen Gardinen perlte die Kantilene eines Harzer Kanarienrollers, heimlich begleitet von dem sanften Klingen und Knistern schaukelnder Schneesternchen.

Scheuen Blickes streifte der Aktuarius das vereinsamte Anwesen, denn er wähnte hinter dem im ersten Stockwerk gelegenen Fenster das Antlitz eines Mädchens zu sehen, eines ältlichen Mädchens mit Vergißmeinnichtaugen und langen Ringellocken, die nach Lavendelwasser zu duften schienen. Das Gesichtchen verschwand aber, als der Herr Aktuarius schärfer sondierte. Gleichzeitig tat sich die Tür auf, und eine resolute Frauensperson, strotzend wie eine Pfingstrose, in einem geblümten Rock, einen wollenen Seelenwärmer um die Schultern geschlagen und in spiegelblanken Holzschuhen, trat ihm kurz entschlossen und mit dem ganzen derben Einschlag eines niederrheinischen Menschenkindes entgegen. Man hätte des Glaubens sein können, sie wäre dem fidelen Jan Steen aus dem Rahmen gesprungen.

»Besonders aufzuwarten, Herr Aktuarius, darf ich mir ein Wörtchen erlauben?«

Ihre rotgoldenen Ohrgehänge klingelten.

»Womit kann ich dienen, Jungfer Christine?«

»Mit 'ner akkuraten Antwort, Herr Aktuarius.«

»Dann müßte ich zuvor wissen, Jungfer Christine ...«

»Ja so!« meinte die Alte und praktizierte ihre patschigen Hände in den gehäkelten Seelenwärmer hinein, »besonders aufzuwarten, das wäre schon richtig. Die Sache ist nämlich ... Sie werden gütigst entschuldigen ... aberst die Angelegenheit ist nicht so einfach zu sagen. Schon um dessentwegen nicht, weil es sich um Mamsell Röschen befindet.«

Herr Aloys Furtwanger zeichnete mit seinem Bambus krause Figuren in den kalten Schnee, wobei es ihm etwas bänglich von den Lippen stolperte: »Sie ist doch nicht krank, Jungfer Christine?«

»Besonders aufzuwarten – nein, Herr Aktuarius. Im Gegenteil: sie befindet sich in schönster Verfassung, läßt aberst fragen, warum Sie nicht mehr kommen tun täten.«

Der Herr Aktuarius Aloys Furtwanger hatte in diesem Augenblick einen bitteren Geschmack auf der Zunge.

»Wurde ich denn erwartet, Jungfer Christine?«

»Aberst ich bitte Ihnen um tausend Gotteswillen, mein Bester! Sie tun ja wie ein heuriges Häschen und wissen doch selber: jeden Sonntag sind Sie Mamsell Röschen willkommen gewesen und sind auch erschienen, teils von wegen den Kaffee mit Waffelns, teils von wegen die Karten, um mit ihr 'ne Partie Sechsundsechzig zu spielen.«

»Schon richtig, schon richtig, Jungfer Christine! aber die Zeitläufte, das traurige Wetter ...«

»Besonders aufzuwarten, Herr Aktuarius, das sind keine Gründe.«

Die Augen der behäbigen Dame begannen zu leuchten.

»Nein, mein Gestrenger, das sind keine Gründe, absolut keine Gründe. Man muß sich ja scharnieren bei hellichtem Tage. Die Nachbarschaft hat schon ihre anzüglichen Galoschen verfertigt und Mamsell Röschen mit spitzigen Distelworten beleidigt.«

»Aber ich bitte Sie, Fräulein Christine!«

»Hier ist gar nichts zu bitten, mein werter Herr Aktuarius, absolut gar nichts zu bitten. Es fällt allgemein auf, daß Sie sich unsichtbar machen, so zu sagen in 'nem geisterhaften Zustand umhergehen, und sind doch sonst so'n liebevoller Freund und treues Faktotum gewesen ... allsonntags immer und die hohen Fest- und Feiertage gar nicht zu rechnen ... und das allzeit zu 'nem Kartenpartiechen und zu 'nem Schälchen mit Aufguß ... und nu seit Martini ist das mit einem Male alle geworden. Besonders aufzuwarten, ich bitte, das bedenken zu wollen, denn ich sage das vor Fräulein Röschen, um ihr die Estimierung und die Dekoration zu bewahren. Im übrigen hat sie mit die Sache gar nichts zu schaffen. Meinerseits aberst ... was ich vor mir aus erachte, das ist auf 'nem andern Brette verzeichnet und kommt jetzt an die Reihe.«

Die komplette Dame fächelte sich Luft zu. Trotz der kratzigen Kälte und der schneidenden Schneekristalle war es ihr tropisch heiß unter ihrem Seelenwärmer geworden. Sie schnappte nach Atem und wetzte ihr Mundwerk.

Aber Herr Aloys Furtwanger kam ihr zuvor und sagte mit scharfer Betonung einer jeden Silbe: »Jungfer Christine, ich bemerkte schon eben: Die unbequemen Zeitläufte, das traurige Wetter ... Aber das nicht allein. Sie müssen nämlich wissen, Fräulein Christine: ich bin zurzeit mit allerlei Dingen beschäftigt ... Erinnerungen aus verklungenen Tagen ... Sammlungen aus der Kerfenwelt ... Schnabelkerfe und andere Kerfe ... Ich registriere und sichte. Außerdem beschäftigt mich eine interessante Lektüre. So des Johannes Fischart ›Jesuiterhütlein‹, sein ›Glückhaftes Schiff‹, sein großartiges Prosawerk ›Gargantua und Pantagruel‹, ›Aller Praktik Großmutter‹ und vor allen Dingen seine prächtige ›Flohhatz‹. Inferner ...«

»Halt!« machte Christine. Ihre blankgescheuerten Holzschuhe klapperten energisch zusammen.

»Nein, meine Liebe, jetzt bin ich an der Reihe zu sprechen, habe ich die Verpflichtung, mir gegenüber und Mamsell Röschen gegenüber eine Lanze zu brechen, denn ich entnehme aus der Art und Weise, wie Sie mir begegnen, daß Sie gewillt sind, mir gewissermaßen eine Verfehlung in die Schuhe zu schieben.«

»Das ist allerdings meine Meinung, denn um dessentwegen habe ich Ihnen aufgelauert, um Ihnen meine Ansicht zu sagen. Früher waren unsere Rodongkuchens und Waffelns von der äußersten Sorte, konnten Sie nicht genug davon kriegen, war Ihnen 'ne Partie Sechsundsechzig mit Mamsell Röschen so zu sagen zur zweiten Angewohnheit geworden, heutigen Tages hingegen ... Wo sind Ihre Visiten geblieben? Ihre liebreichen Worte? Ihre feinen Turnüren? Allens für nichts und die Katze. Seit Martini sind Sie nicht mehr über unsern Bordstein getreten, spielen den unsichtbaren Johannes, obgleich Sie sich tagtäglich zur ›Goldenen Kugel‹ begeben, um dort mit Mynheer Kaldenhoven die langweiligen Dominosteine aneinander zu schieben. Herr Aktuarius« – und ihre stattliche Büste ebbte auf und nieder wie eine getragene Dünung – »zwanzig Jahre hindurch bin ich bei Mamsell Röschen in Kondition und Stellung gewesen, habe ihre Feinheiten begutachtet und bin ihr stets liebevoll und freundlich unter die Arme gegangen – und da hat man doch ein gewisses Interesse daran, wie Sie sich hinsichtlich Ihrer sogenannten Freunde benehmen. Zum Beispiel ... Aberst ich will hier keine Namen benennen, sondern nur fragen: Wo haben Sie in all den traurigen Tagen gestochen?«

Dem quieszierten Herrn lief es bald kalt, bald heiß über den Rücken. Er fühlte es selber: er hatte sich der Mamsell gegenüber ins Unrecht gesetzt, hatte etwas versäumt und war zweifellos der Etikette aus dem Wege gegangen, und hätte er sein Gewissen erforscht, so hätte er sich unter allen Umständen sagen müssen: » Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa«. Mein lieber Herr Aktuarius, du befindest dich auf Wegen, die nicht zu den hasenreinen gehören, du hast Nebengedanken und bist etwas in die Irre gepilgert.« – Allein er konnte und durfte diese Nebengedanken nicht auf den Präsentierteller legen, durfte seine geheimsten und verschwiegensten Regungen nicht so ohne weiteres der profanen Welt offenbaren, und daher, um als freier und unbekümmerter Mann zu erscheinen, warf, er sich steif in seine Bunzlauer Kanne hinein und sagte mit forcierter Stimme: »Jungfer Christine, meine Pfade sind die eines Gerechten. Ich habe nichts zu verheimlichen und nichts zu verdecken, und ich muß nochmals betonen: Jeder Mensch hat so seine eigenen Stunden, die ihm gebieten, sich wie 'ne Kastanie in einen Stachelmantel zu hüllen. Man kann nicht immer Karten mischen und Rodongkuchen essen. Es müssen auch Tage geben, die der inneren Beschaulichkeit dienen. So auch bei mir. Sammlungen aus der Kerfenwelt ... Schnabelkerfe und andere Kerfe ... ihr Leben und Treiben ... ihre Fortpflanzungsweise ... Spinnentiere und ihre Abarten ... menschliche Schmarotzer und solche, die es vorziehen, auf der Epidermis irgend eines vierfüßigen Geschöpfes zu vegetieren ... Ich registriere und sichte und habe darüber Mamsell Röschen vergessen. Dann ferner, was ich schon soeben bemerkte: mich beschäftigt zurzeit eine interessante Lektüre. So unter anderm des Herrn Johannes Fischart ›Jesuiterhütlein‹, sein ›Glückhaftes Schiff‹ und vor allen Dingen seine prächtige ›Flohhatz‹.«

Ein abermaliges »Halt!« von seiten der energischen Jungfrau ließ ihn verstummen.

»Herr Aktuarius,« sagte sie, bald aus dem Hochdeutschen ins Plattdeutsche übergehend und mit einer nicht mißzuverstehenden Klangfarbe in ihrer selbstherrlichen Sprechweise, »was Sie da präposionieren, ist ja recht schön und pläsierlich zu hören. Aberst mit Respekt zu vermelden und besonders aufzuwarten – das soeben Erzählte ... Eck weet dat niet en kann dat niet weete; mar dat weet eck: ich habe Ihnen gegenüber meine kriminellen Verdächte.«

Ihre Augen wurden wie Teetassen, und ihre Halbkugeln gerieten in eine erregte Brandung.

»Verdächte?!« rief Herr Aloys Furtwanger ganz aus dem Häuschen, trat einige Schritte zurück und sah auf Christine wie auf das Strafgericht Gottes.

»Ja, meine kriminellen Verdächte.«

»Gegen wen denn, Christine?«

»Gegen Ihnen, mein Lieber, denn wenn einer einem schon mit 'ner Flohhatz unter die Augen begegnet und mit die anderen Fisimatenten, dann ist das gerade so, als wenn einer mit 'nem Messer in 'ne Speckseite hineinstößt und einem weismachen tut: ich will kein Stück davon haben und verzichte auf allens. Nein, mein hochverehrter Herr Aktuarius, Sie imponieren mir gar nicht, Sie können mir leid tun. Sie können Mamsell Röschen und mir ...«

Da war's alle mit dem duldsamen Beamten. Der sonst so ruhige und insichgekehrte emeritierte Vertreter eines Königlich preußischen Friedensgerichtes hob den silberbeknopften Bambus wie einen Marschallstab in die Höhe und krähte: »Mamsell Christine, was soll ich und kann ich?! Was wollen Sie überhaupt von mir, und welche Unterstellungen versuchen Sie unter meine saubere Weste zu schieben? Ich bin doch nicht mit Röschen Jungklaas verlobt oder ihr nach dem Code Napoleon rechtlich angetraut worden! Ich bin ein freier Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft, Herr meines Willens und ausschließlicher Anwalt meiner Neigungen und Abneigungen. Wollen Sie mir die ›Flohhatz‹ oder vielleicht die Lektüre des ›Jesuiterhütleins‹ des bedeutsamen und hochseligen Herrn Johannes Fischart verbieten? Oder aber bin ich vielleicht der von mir hochgeschätzten Dame in Gedanken, Worten und Werken zu nahe getreten, etwa im Sinne des Artikels 340 des französischen Gesetzgebers vom 20. März 1804, der da lautet« – und er knurrte ingrimmig in seine Vatermörder hinein: » La recherche de la paternité est interdite? Ich bitte um Antwort, Jungfer Christine, um eine präzise und sachliche Antwort. Da Sie aber nicht imstande sind, mir diese verstatten zu können ... und daher: Schweigen Sie lieber, schweigen Sie unter jeder Bedingung, sonst: Herr Jeses nochmal! wo sollte das hinführen, wenn Sie versuchten, sich in dieser Hinsicht expektorieren zu wollen? Im übrigen« – und der erregte Herr schlug einen versöhnlicheren Ton an – »ich bin gerne bereit ... wenn meine Zeit es erlaubt ... genau so wie in früheren Tagen ... submissest und mit schuldigem Respekt zu vermelden ... Nun, Sie verstehen mich schon, Jungfer Christine. Seien wir Freunde, nehmen wir erneut die alten Beziehungen auf, selbstverständlich ohne Verpflichtung, ohne uns auf die Dauer vor Anker zu legen. Jedem seine persönliche Freiheit. Der Mademoiselle ihre Freiheit und mir meine Freiheit. Quod notamus lex est,« und zum Zeichen dessen lüftete der zierliche, etwas vermickerte Herr seinen Zylinder mit einer leichten, aber äußerst zeremoniellen Grandezza.

Über das pontakrote Gesicht der energischen Dame lief ein freudiges Leuchten. Die verbindlichen Worte des auf Ruhegehalt gesetzten Herrn waren auf fruchtbares Erdreich gefallen. Sie schmunzelte wieder, denn die früheren gemütlichen Plauder- und Dämmerstündchen, gehoben durch eine Partie Sechsundsechzig und diverse Schüsseln mit Waffeln und Rodongkuchen, stiegen vor ihr auf wie eine liebliche Fata Morgana, wie ein Bild der Verklärung. Sie dachte dabei an ihre Gebieterin, an Mamsell Röschen Jungklaas, und in gehobener Stimmung führte sie einen Zipfel ihres molligen Seelenwärmers gegen die tränenden Augen.

In diesem Augenblick klimperten die dünnen und verwaschenen Töne eines Spinetts aus dem kleinen Häuschen herüber, wie die Stimmchen von Zwitschermäuschen, wie das ängstliche und verhaltene Piepsen von unflüggen Vögeln.

Christine horchte auf und tat einen seligen Blick gegen den grauen Winterhimmel, der noch immer mit seinen Myriaden kalten Schneesternchen flinzelte.

»Nu spielt sie die ›Klosterglocken‹,« seufzte sie still vor sich hin. »Nu ist sie wieder ganz Weihe und Wonne. Besonders aufzuwarten, Herr Aktuarius, nu denkt sie an Ihnen. Ach, diese Seele von Frauenzimmer, dieses Bildnis voll inniger Liebe!« und mit weicher Betonung setzte sie hinzu: »Ach, diese Klosterglocken! Dieser Vortrag! Diese sogenannte Kunstfertigkeit! Und das allens um dessentwegen. Eck weet dat niet en kann dat niet weete; mar dat weet eck: Herr Aktuarius, nu dürfen wir uns wieder in 'ner angenehmen Hoffnung befinden. Ich meine die mit die genüglichen Sonntagnachmittagsvisiten, die schummerigen Plauderstündchens und die knappigen Waffelns.«

»Wir dürfen, wir dürfen, Jungfer Christine. Aber alles mit Vorsicht, mit einer gewissen Reserve, so zu sagen mit einer Rückversicherung auf die persönliche Freiheit. In diesem Sinne meine verbindlichsten Grüße, an Mamsell Röschen. Möge Sie einen behaglichen Silvesterabend verleben, gefestet in sich und im Gottvertrauen auf die kommenden Tage. Damit will ich mich empfohlen haben, Jungfer Christine.«

»Merci und meinen gehorsamsten Ausdruck,« sagte die Alte, und sie verfolgte mit großen Augen den Abmarsch des gediegenen Herrn, der unter den spitzen Klängen der ›Klosterglocken‹ durch das schmale Gäßchen der Grabenstraße und seinen häuslichen Penaten zustrebte, und sie verfolgte ihn, bis er untertauchte in dem Gewirr und Geknister der eisigen Flöckchen.

Als er ihren Blicken entschwunden war, kehrte eine gewisse Ernüchterung zurück.

»Was hat er gesagt?« fragte sie sich nach einigem Nachsinnen. »Ja so,« meinte sie endlich. »Wir dürfen, wir dürfen. Aberst alles mit Vorsicht, mit einer gewissen Reserve, so zu sagen mit einer Rückversicherung auf die persönliche Freiheit. Kuck einer mal an! Er mag ja, wie Mamsell Röschen vermutet, ein gütiger und wohlwollender Herr sein, mit Complaisanzen und ähnlichen Dingen. Aberst ich kann mir nicht helfen: ich traue ihm doch nicht; er hat's hinter den Ohren und gibt uns Nüsse zu knacken, Pferdsnüsse mit glasharten Schalen. Dazu muß man 'nen Nußknacker haben.«

So weit Christine.

Dann drehte sie sich kurzerhand auf ihren blanken Holzschuhen herum und betrat wieder das Häuschen, über dessen Tür geschrieben stand: »Spitzengeschäft und Feinplätterei von Röschen Jungklaas, Modistin.«

Hinter ihr miaute leise die Angel, gemächlich, langatmig, wie das feindrähtige Miauen eines spinnenden Katers hinter dem Ofen.

 

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.