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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 9
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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3

Wenige Tage später aber lief ein Freudenlärm durch die Straßen, der alle Privatsorgen ein Stück seitwärts schob. Ein großer entscheidender Sieg beim böhmischen Königgrätz. Der Friede in sicherer Aussicht.

Herzen und Hände bekamen zu schaffen.

Die Zwillinge halfen dem Vater, die Ballen des Fahnentuchs, prima Qualität, herbeizurollen, abzumessen und zu schneiden. Die schwarzweißen Tuchrollen schwanden wie Butter unter der Sonne.

Der Laden war voll und warm wie eine Bierstube am Winterabend.

Dabei war eine Nachfrage nach hellen Sommerstoffen und leichten Anzügen, wie wenn Pfingsten vor der Tür stände. Als wäre man bei der Fliederblüte und nicht bei den sauren Kirschen.

Die feinen Herrschaften wollten nun ihre Badereise schleunigst nachholen. Obwohl man auf die böhmischen Bäder auch jetzt noch verzichten mußte. Auf dem blutgetränkten Boden wälzte sich die Cholera zwischen den heilsamen Quellen. Aber am Rhein, in Wiesbaden, Kissingen und Baden-Baden, konnte man sich rasch noch Stärkung suchen für Herbst und Winter. Man hatte es nötig. Nach solchen Tagen der Erregung.

Die guten Bürger mußten sich von den großen Anstrengungen ihres tapferen Heeres erholen.

Spreemann billigte dies, durchaus. Die Kräftigungsreisen der andern übten auch auf ihn eine ausgezeichnete Wirkung aus.

Madame Lieschen hatte einen großen Napfkuchen gebacken. Weil sie wußte, daß es Spreemann und die Jungen erfreuen würde. Und weil sie das Bedürfnis hatte, auch etwas besonders Festliches zu vollführen.

Erregt lief sie durch die sommerwarmen Stuben und erwartete Tante Karoline.

Die Zeit verging.

Sie hatte inzwischen wieder einen ganzen Gockelhahn fertig gehäkelt, der im Verein mit andern eine anmutige Küchengardine abgeben sollte. Sie hatte dabei dem feierlichen Glockengeläut des Sieges gelauscht, hatte Kaffee und die Hälfte des Napfkuchens hinunter ins Geschäft geschickt, und immer noch war Tante Karoline nicht da.

So machte sich Madame Lieschen fertig, um sie abzuholen. Denn sie fühlte, daß sie nicht länger imstande sei, an solchem Tag mit stummem Mund dazusitzen.

Mit zufriedenem Lächeln eilte sie an der Ladentür vorüber, die geöffnet war und auf einen Blick erkennen ließ, wie gut das Geschäft heute ging. Ihre schnellen Augen hatten gerade Christian und Hans erwischt, die mit großen Warenballen und schweißtriefenden Gesichtern aus dem Lagerraum emporstiegen.

Die Einsicht vom Segen der Arbeit im ruhigen Herzen, eilte Madame Lieschen unter Sonnenschein und flatternden Fahnen durchs frohe Gedränge.

Alles war heute glücklich.

Wenigstens störte nichts diesen schönen Glauben der Frohseinwollenden.

So wie es an Sommersonntagen nur Gesunde zu geben scheint, wenn man ins Gewühl der durchsonnten Straßen schaut, so merkte man auch heute nichts von Tränen und Leid. Sieger sind immer die Lebendigen. Das ist die Höflichkeit des Todes – und seine Hinterlist.

Auch Madame Lieschen kümmerte sich um nichts anderes, als was sie sah und hörte. Erst als sie vor den Fenstern Karolines haltmachte und die Vorhänge zugezogen fand, erinnerte sie sich wieder, daß es nicht nur Angenehmes in der Welt gab.

Bestürzt starrte sie auf die geschlossenen Fenster. Vor den Gardinen stand ein Glas mit Kirschkompott, daneben ein andres mit Bierkaltschale und zwischen ihnen ein Tellerchen, das die Reste eines gutgeratenen Grießpuddings barg.

Das war gewiß kein widerlicher Anblick. Und für Madame Lieschen nicht einmal ein ungewohnter. Denn es gehörte zu Tante Karolines Eigenheiten, den Raum zwischen den Doppelfenstern als heimliche Speisekammer zu benutzen. Da von den Zimmern aus die Gardinen diesen Schlupfwinkel schützten, glaubte sie ihre Schätze verborgen vor aller Welt. Ihre alten Augen hatten vergessen, daß man auch draußen nicht blind war, und so ahnte sie nicht, daß die ganze Straße ihre heimlichen Freuden aufs vergnüglichste verfolgte.

Aber unser Nachbar weiß immer besser um uns Bescheid als wir selbst. Auch wenn wir unsre Geheimnisse nicht gerade unter Glas setzen.

Was aber Madame Lieschen beunruhigte, war ein viertes Glas, in dem ein Hornstiel im Wasser steckte, der ganz einem Medizinlöffel glich.

Dieser Verdacht sollte bestätigt werden, als Madame Lieschen endlich oben war.

Tante Karoline lag mit verbundenem Kopf im Bett.

Trotz Sommerhitze und Sieg.

»Hätte ich das geahnt!« rief Madame Lieschen, als sie das verdunkelte Zimmer betrat. »Dann hätte ich doch ein Stück Napfkuchen mitgenommen. Acht Eier und ein halbes Pfund Sultanrosinen. Lecker und locker wie selten. Backbraungold, ohne den geringsten klitschigen Streifen.«

Und dann fragte sie, was Tante Karoline fehle.

Tante Karoline sagte, daß ihr nichts fehle, sondern daß sie etwas zuviel im Kopf zu haben scheine. Denn es bullre darin wie in einem kranken Magen.

Lieschen erwiderte, daß sie dies Gefühl nicht kenne und ob man nicht einen Arzt holen solle. Nicht den alten Geheimrat, sondern einen jüngeren.

Aber davon wollte Tante Karoline nichts wissen, sie wollte weder einen alten noch einen neuen Arzt.

Sie sagte: Die Alten verständen gar nichts, dafür hätte sie einen gründlichen Beweis. Denn sonst hätten sie ihren Seligen nicht in seinen besten Jahren sterben lassen. Die Neumodischen aber wären ganz gefährlich. Sie wollten alles besser als die Kranken selber wissen. Wenn einem der Kopf weh tue, behaupteten sie, daß es die Leber sei. Erst kürzlich hatte ihr eine Bekannte dies erzählt.

Lieschen schwieg. Von der Leber und von den Ärzten verstand sie nicht viel. Aber Tante Karoline kam ihr sehr verändert vor. Ihr Gesicht sah wieder hart und spitz aus wie in früheren Jahren. Wie damals schien sie auch wieder ärgerlich und trotzig irgendeine feindliche Macht bekämpfen zu wollen.

»Du brauchst mich gar nicht so anzustarren«, unterbrach sie jetzt Lieschens Beobachtungen. »Es hat gar nichts auf sich. Nächsten Sonntag bin ich wieder bei euch wie immer.«

Sie richtete sich mit einem Ruck in die Höhe.

»Du glaubst es wohl etwa nicht? Wer sollte mich daran hindern? Wer?«

Lieschen versicherte, daß sie nicht im geringsten am Gesundwerden der Tante zweifle. Aber es wurde ihr recht bange zumute.

Die Tante lag jetzt mit geschlossenen Augen in den Kissen und murmelte mit sich selbst.

Lieschen fragte sich verwundert, wie es möglich sei, daß einem vor der guten Tante Karoline unheimlich sein könne, und laut fragte sie, ob sie nicht die Fenster ein wenig öffnen solle.

Die Kranke schwieg.

Draußen zog Musik vorbei. Irgendein Verein brachte dem Sieg seinen Tribut. Die Scheiben klirrten von den kräftigen Paukenschlägen.

Tante Karoline fuhr auf und stöhnte über den Lärm.

»Es ist nur wegen des großen Sieges«, sagte Lieschen und war froh, nun endlich von dem Sieg, dem guten Geschäftsgang und den Kurreisen der Vornehmen anfangen zu können. Nun würde gewiß Friede für alle Zeit werden.

Aber Tante Karoline schüttelte den verbundenen Kopf.

Sie sagte, daß die Menschen sich nicht zu benehmen verstünden. In jedem Frieden stecke schon heimlich wieder ein neuer Krieg. Sie kenne das. Sie war nun älter als das Jahrhundert selbst.

Dann murmelte sie etwas, das sich so anhörte, wie wenn sie über die Größe der Erde schelte, der allein sie's zu verdanken hätte, daß Mariechen so weit von ihr fortgeraten sei.

Von Zeit zu Zeit mußte ihr Lieschen einen Löffel Medizin geben, die sie gierig schluckte.

»Das hilft«, sagte sie.

Und erzählte, daß sie diese Arznei schon als Kind von ihrer Mutter bekommen und sie auch immer Mariechen gegeben habe, wenn dem Kinde etwas gefehlt hatte. Sie habe einen wunderschönen Zimtgeschmack.

Schließlich legte sie sich zurück und schien eingeschlummert zu sein.

Als die Dämmerung kam, stand Lieschen auf und ließ die Magd neben dem Bett Platz nehmen. Dann eilte sie nach Haus, so rasch, wie es das freudige Gedränge zulassen wollte.

Spreemann hatte inzwischen den Laden geschlossen. Heute hatte er sein Brot vollkommen bibelgerecht verdient. Im Schweiße seines Angesichts. Aber es war auch ein reichlicher Happen geworden.

Jetzt hatte er sich eine wohlverdiente Pfeife angezündet, sah vom Lehnstuhl aus in das festliche Getümmel, das über den Platz flutete, und dachte nach, was das eigentlich alles für innere Organe sein konnten, für deren Instandhaltung die Begüterten so viel Geld ausgeben mußten.

Der Schlächtermeister, der sich noch kurz vor Ladenschluß Stoff zu einer Leinwandjacke holte, hatte verächtlich die Schultern gezuckt und erklärt, daß es im feinsten Menschen nicht anders aussehe als in jedem Ochsen. Herz, Leber, Lunge, Magen, Nieren, Milz und Galle machen bei dem einen wie dem andern den ganzen Klimbim aus. Und er sehe nicht ein, warum die nicht ebensogut hier in Berlin funktionieren sollten wie in einem Badeort.

Jeder sieht die Menschen mit seinen Augen. Keinen kann es erfreun, wenn ihm gerade in der heikelsten Jahreszeit die besten Kunden davonfahren.

Darum sah Spreemann die Weisheit des Schlächters nicht ganz für voll an.

Jedenfalls merkte er jetzt deutlich, daß der Mensch einen Magen hatte. Wo blieb nur Lieschen?

Da kam sie über den Platz.

Spreemanns Gesicht erglänzte.

Als sie das Zimmer betrat, rief er:

»He, Mamsell Lieschen, woher so spät?«

Wenn er gut gelaunt war, nannte er seine Madame gern Mamsellchen. Um sie an manches zu erinnern, was vordem lag.

Aber Lieschen lächelte nicht zurück. Sie beeilte sich zu erzählen.

Spreemann konnte nicht verhindern, daß er tüchtig erschrak. Trotzdem ihm der Schlächter erklärt hatte, daß man vor allem aufpassen müsse, daß einem nichts in die Galle fahre.

Und während Madame Lieschen erzählte und erzählte, hoffte er nur auf die Bestätigung einer alten Wahrheit, nämlich, daß Frauen immer übertreiben.

Dieser kleine Trost verhinderte wenigstens, daß ihm der Appetit ganz verschlagen war, als sie nun bei Tisch saßen.

Die Jungen waren nicht dabei. Sie hatten sich mit Wurstbroten begnügt und schon vor der Mutter Rückkehr eine Festpromenade unternommen. Arm in Arm schlenderten sie in freudiger Erregung durchs Gewühl. Ihre Herzen waren jetzt immer bereit, höher zu schlagen für etwas Schönes. Willig klopften sie heute mit für Heimat und Vaterland. Die, wie man im süßen Gedränge deutlich verspürte, nicht nur aus rauhen Männern bestanden.

Jedes Alter hat sein Vergnügen.

Spreemann hätte die Siegesaffäre gern am Stammtisch besprochen. Hätte den guten Geschäftsgang gern noch einmal hinter einer großen Weißen mit Himbeer zurückgenossen.

Lieschen aber sagte, daß einer von ihnen beiden bestimmt zu Tante Karoline gehen müsse, sie selbst sich aber nicht in den abendlichen Tumult hinauswage.

So blieb Spreemann nichts andres übrig, als vor dem Bier noch bei Tante Karoline einzukehren.

Krankenbesuche zu machen war er nicht gewohnt.

Auf Zehenspitzen, wie in den ersten Tagen seiner Vaterschaft, humpelte er, verlegen lächelnd, in das dumpfe Zimmer, das eine kleine Lampe mühsam zu erhellen versuchte.

Endlich saß er neben dem Bett. Aber Tante Karolines verbundener Kopf blieb tief in den Kissen. Da klopfte denn Spreemann mit seinem dicken Knotenstock einige Male derb auf den Boden.

Er schien damit das Richtige getroffen zu haben. Tante Karoline fuhr auf.

Als sie jedoch die breiten Schulterumrisse eines Mannes sah, glaubte sie den Geheimrat zu erkennen und sagte:

»Ich brauch keinen Doktor.«

Und legte sich wieder um.

Darüber mußte Spreemann lachen.

»Das ist auch das erstemal, daß man mich für einen Studierten hält«, sagte er.

Die Tante kam wieder zum Vorschein.

»Bist du's, Klaus?« sagte sie. »Was willst du denn?«

Spreemann fand, daß ihre Stimme gesund klang, eigentlich sogar vergnügt. Er sagte daher:

»Ich versteh nicht, warum Lieschen dich für krank hält. Sie tat wirklich, als ob's mit dir zu Ende gehen sollte.«

Die Kunst des Diplomaten, zu schweigen, auch wenn man redet, besaß Spreemann nur hinter dem Ladentisch. Für den Privatverkehr reichte sein Talent nicht aus.

Tante Karolines Kopf rückte ihm bedrohlich näher.

»Bildest du dir vielleicht auch ein, daß ich krank bin?« fragte sie.

Spreemann war es gleich so vorgekommen, wie wenn er sich nicht sehr geschickt ausgedrückt hätte. Er sagte eilig, daß der Irrtum gewiß nur entstanden sei, weil sie heute im Bett liege.

Sie aber fragte, ob es ein Wunder wäre, wenn ein anständiger Mensch zu nachtschlafender Zeit in seinem Bette zu finden sei.

Nein, das konnte Spreemann nicht verwunderlich finden.

»Nun also«, sagte Tante Karoline. »Am Sonntag werde ich bei euch sein wie immer. Wer soll mich daran hindern? Wer?«

Spreemann fand das alles gesund und vernünftig. Es tat ihm leid, daß er sich vor dem Abendbrot unnütz erschreckt hatte, und er freute sich, daß Tante Karoline nichts fehlte.

Er drückte ihre heiße Hand und beeilte sich, auf dem kürzesten Weg zu Klausings Weißbier zu kommen ...

Wer sollte Tante Karoline hindern? Wer?

Auf Schritt und Tritt schielen wir zur Seite, ob er nicht schon neben uns marschiert. Aber wir reden nicht gern davon ...

Tante Karolines Kopfweh nahm zu, und sie verschob ihren Besuch auf den nächsten Sonntag.

»Ich werde diesen Sonntag zu Haus bleiben, um mich auszuruhen. Trotzdem es mir ein leichtes wäre, zu euch hinüberzuspringen«, sagte sie.

Nicht einmal, sondern jedesmal, wenn sie aus ihrem Halbschlaf auffuhr. Sie hatte auch zugegeben, daß Geheimrat Knapp sie untersuchte. Arzt und Patientin hörten schlecht. Aber sie verstanden sich doch. Tante Karoline erklärte ihn sogar für einen ganz gescheiten Mann, als er ihr versicherte, daß sie am Sonntag wieder ausgehn werde. Und der Geheimrat lächelte zufrieden.

Nicht in jedem Beruf darf man sagen, was man denkt.

Einige wenige Sommertage summten noch lang und warm an dem schmalen Krankenbett vorüber. Wenn die alten Augen matt und müde in die Helle blinzelten, fielen sie auf Lieschen, die einen Gockelhahn häkelte. Im Halbschlummer aber hielt sie diese Gestalt für Mariechen. Dann lächelten die welken Lippen.

Hin und wieder kamen die großen Jungen durch die Tür und fragten mit ihren rauhen Stimmen, wie es gehe. Meist mühte sich die Kranke auf, um ihnen lächelnd zu sagen, daß ihr nichts fehle und sie am Sonntag wieder bei ihnen sein werde, wie immer.

Aber am Sonntagmorgen richtete sie sich plötzlich hoch, so rasch, daß Lieschen nicht einmal ihr geübtes Lächeln ins betränte Gesicht setzen konnte, und sagte:

»Na, lassen wir das Lügen. Wenn er mich abrufen will, wird er wissen, warum.«

Bald darauf wurden die Fenster ihres Zimmers weit geöffnet. Sommer und Sonntag fluteten herein.

Hier war's vorbei mit Enge und Bedrücktsein.

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