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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 6
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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6

Jede Ehe ist ein Sprung ins Unbekannte.

Wohl hört man über diesen Stand so vielerlei reden, raunen und munkeln, spotten und loben, daß man schon vorher klug zu sein glaubt. Das ist ein Irrtum, auch hier macht nur die eigene Erfahrung gescheit.

Eins glaubte Spreemann mit Sicherheit im voraus zu wissen. Er würde in seiner Ehe keinen Gesindelohn zahlen müssen.

Aber kaum, daß der Mai vorbei war, sagte Madame Spreemann, daß es ihr selbst zwar gleich wäre, sie es aber um Spreemanns willen nicht mehr recht fände, wenn sie die Eimer selbst aus dem Brunnen zöge und sich dabei auf dem Hof dem gewöhnlichen Gerede von Kreisrats Dienstmagd aussetzte.

Spreemann erwiderte, daß es allerdings schöner wäre, wenn das Wasser aus der Wand heraus in die Kannen und Töpfe liefe; aber solange die Wagen noch nicht ohne Pferde rennen könnten, müßte sie wohl auf dieses Kunststückchen Gottes warten.

Er lachte über sein Späßchen, ahnungslos und vergnügt, denn er rauchte eine neue Sorte Tabak, die ihm vorzüglich schmeckte.

Er wußte nicht, daß Frauen für alles einen Ausweg wissen, wenn sie etwas ernstlich wollen.

Lieschen sagte, daß sie an kein Wunder, sondern an eine bescheidene Magd zu zwei Taler Lohn gedacht habe. Die Gesindestube stände doch leer. Es läge kein Grund vor, Herrn Spreemanns Ansehen weiter zu schädigen.

Spreemann versank in Nachdenken.

Er wollte nicht, daß sein Ansehen Schaden litte. Nein.

Aber gerade, daß die Gesindestube frei war, hatte ihm in den letzten Tagen eine große Beruhigung gewährt.

Heimliche Wünsche quälen die Besten.

Er wollte, daß Lieschen dahin zurückkehrte.

Zuerst hatte er gar keinen Anstoß an dem neuen Möbelstück in seinem Zimmer genommen. Aber mit der Zeit störte ihn Lieschens frühes Aufstehen, sie nieste manchmal, räusperte sich, sie störte.

Schon häufig hatte er des Morgens gesagt, daß er sich immerfort an dem neuen Möbelstück stoße, das seiner Meinung nach das ganze Zimmer verunglimpfe.

Aber Madame Lieschen antwortete, daß er gestern wieder zu lange beim Biere gewesen und darum mißgelaunt sei. Sie werde ihm am heutigen Abend keinesfalls den Hausschlüssel mitgeben.

Spreemann verstummte dann. Er hatte zu lange alleine gelebt, um geschickt antworten zu können. Er konnte sich nur innerlich ärgern.

Auch die Ehe will gelernt sein. Das hätte Spreemann sich sagen müssen.

Statt dessen hatte er sich vorgenommen, Madame Lieschen mitzuteilen, daß ein Geschäftsmann mehr Zeit für sich allein brauche, daß es ihn störe, immer jemand um sich zu haben. Sie sollte zurück in ihre Kammer. Sonst könnte alles beim alten bleiben. Er war ihr nicht böse. Sie störte ihn nur.

Aber das war noch schwerer hervorzubringen als die Brautwerbung, trotzdem er gegen Tränen schon etwas abgehärteter war.

»Überlegst du noch?« unterbrach Lieschen vorsichtig das Schweigen.

»Ich will keine Magd«, sagte Spreemann. Zu weiterem fehlte ihm noch der Mut.

Madame Lieschen blickte erschreckt auf. Sie vermutete, daß Spreemanns große Sparsamkeit hinter dieser Absage stünde.

Sie seufzte schwer. Denn auch sie hatte viel mehr zu sagen, als sie wagte.

Wie aber konnte sie diesem sparsamen Manne mitteilen, daß man im nächsten Jahr doch zu dreien sein würde. Auch ohne Magd.

Sie hatte keine Mutter, keine Schwester, keine Freundin.

Allein und ratlos saß sie dem rauchenden Mann gegenüber. Tränen liefen über ihr schmaler gewordenes Gesicht.

Frauen lernen viel rascher, was die Ehe bedeutet.

Lieschen sagte sich, daß Spreemann nichts so sehr liebe wie sein Geschäft. Sie mußte also versuchen, die schwere Mitteilung mit dieser Liebe zu verknüpfen.

So sagte sie, daß über kurz oder lang vielleicht ein Kompagnon für sein Geschäft kommen würde, den er doch brauchen könnte, wenn er alt wäre. Der also keine Verschwendung sein würde.

Sogleich begriff Spreemann nicht.

Erst sagte er noch, daß sich Frauen nicht ins Geschäftliche mischen sollten. Aber als sich Lieschen dann etwas deutlicher auszudrücken wagte, verstummte er plötzlich. Vor Freude, vor unbändiger Freude. Aber um dieser Ausdruck geben zu können, fehlte ihm auch die Gewohnheit. Er schwieg.

Lieschen nahm dieses Verstummen als heimlichen Ärger. Sie hob den Kopf und sagte:

»Etwas ganz Großes hat Gott damit den Menschen gegeben. Wer hat mich je geliebt, als ich Kind war? Wer wird mich einfache Frau je lieben? Er wird es.«

Ihr Gesicht war ganz in Gold getaucht. Wohl nur vom Licht der Öllampe.

Oder sollte aus dem Grau des lächerlichen Alltagslebens plötzlich ein Glorienschein aufstrahlen können?

»Er wird mich lieben«, wiederholte Lieschen fest, und ihre Blicke gingen weit über Spreemann hinweg:

»Du glaubst also, daß es ein Junge wird?« sagte Spreemann.

Lieschen fuhr zusammen. In dieser Stimme hatte kein Ärger gelegen.

Und plötzlich hatte sie Mut. Erregt sprach sie weiter. Alles, was sie hoffte. Und Klaus antwortete. Alles, was er hoffte. Noch nie hatten sie so schön miteinander geschwatzt. Als sich Spreemann des Stammtisches erinnerte, war es viel zu spät dafür.

In die Gesindestube kam die bescheidene Magd zu zwei Talern.

Und schon am nächsten Tage wurde noch ein besonderer halber Taler verausgabt, für den Besuch des Herrn Sanitätsrats.

Sanitätsrat Knapp machte seine Besuche mit dem Stock in der Hand und der Pfeife im Mund und verordnete seinen Patienten Brustpulver oder Baldriantee. Mit teuren Medizinen schreckte er sie nicht. Zahlten sie schon den Arzt, sollten sie wenigstens vom Apotheker verschont bleiben. Er war ein Feind aller Gifte und ein Freund alles Angenehmen. Er hatte wohl dem Tod noch keinen Menschen entrissen, denn er war ein Gegner aller Gewalttätigkeit, aber er hatte ihm auch noch nie einen mit Eilpost zugeschickt. Und das will auch etwas sagen bei einem beliebten und beschäftigten Arzt.

Madame Lieschen verordnete er Baldriantee. Kalt aufgegossen, jeden Abend eine Tasse. Alles andre würde sich von selbst ergeben. Eine Diagnose, die sich vollständig als richtig erwies und seinem Wissen als Mensch und Arzt alle Ehre machte.

Sofort nach seinem Besuch legte Spreemann zwei Reservekassen an. Noch eine dritte hinzuzufügen, hatte Sanitätsrat Knapp als übertriebene Vorsicht, also als nicht für nötig erklärt.

Nie hatte das Leben dem Herrn Spreemann mehr Spaß gemacht als jetzt.

Wenn aus der Küche der angenehme Duft des schmorenden Sommerobstes kam, mußte er sofort an kleine, feine Schleckermäuler denken.

Als der erste Schnee fiel, dachte er nicht zuerst an die Pulswärmer, sondern an Schneemänner. Mit zwei alten Knöpfen als Augen, einem Fetzen roten Stoff als Mund und einem Stück Holz als Pfeife. So wie sie Jungens an den Rand der Landstraßen bauten, um sich dann bebend vor Frost in warme Stuben zu sehnen. Wie sie aber auch Jungens bauen könnten, die nach einer solchen kalten Arbeit eine kleine Tasse Schokolade und ein größeres Stück Kuchen bekommen.

Aber wie sich auch draußen das Wetter gestaltete, das beste war, wenn der Abend kam und die Kasse gezählt wurde. Welch ein liebliches Klingen und Klirren gab es, wenn alle die Reservekassen ihren Anteil schluckten.

Die Verwandten kamen jetzt selten. Sie sagten, daß sie in einer jungen Ehe nichts zu suchen hätten.

Man sucht nicht gern, wo man nichts mehr zu finden weiß.

Aber Klaus und Lieschen vermißten niemanden. Die gleichen Hoffnungen, Wünsche und Besorgnisse hatten sie auf einmal ganz miteinander vertraut gemacht. Als ob sie sich immer gekannt hätten. Wenn Lieschen in den Laden hineinguckte, wurde Klausens Gesicht breit vor Freude. Kam Klaus in die Küche geschlichen, lachte Lieschen ihn an.

Munter sprangen die Tage ins neue Jahr, einem neuen Frühling entgegen.

Schon gab es wieder Schnittlauch. Schon lagerte im Warenraum die neue Sommersaison. Schon steckte seit vielen Tagen Herr Sanitätsrat Knapp an jedem Morgen Kopf und Pfeife in den Laden und fragte:

»Nun, wie geht's der Madame Spreemann?«

Schon jährte sich der Tag, an den man mit trübem Grauen und doch schon mit ein wenig Dank zurückdachte, und dessen Wiederkehr Herr Sanitätsrat Knapp bei einem Frühschoppen feiern und beschwatzen wollte. Aber gerade heute kam ihm der Lehrling des Herrn Spreemann schon weit über den Platz entgegengelaufen.

Ein Arzt muß manches Opfer bringen. Politik und Frühschoppen blieben den andern. Sanitätsrat Knapp mußte seine Pfeife ausklopfen und eilig versuchen, auf seinen stämmigen, kurzen Beinen den schnellen, langen des Lehrlings zu folgen.

Oben sagte ihm die zitternde Magd, daß die Madame noch gerade Herrn Spreemann das Gewehr hatte geben und Herrn Spreemann nachwinken können, als sie auch schon schnellstens nach Herrn Rat rufen mußte.

»Gewehr, wieso?« fragte der Sanitätsrat und nahm eine Prise als Entschädigung für die Pfeife.

Die Magd fragte zurück, ob denn Herr Rat nicht das Alarmsignal gehört hätte. Die ganze Bürgerwehr sei zusammengeblasen worden, und der Herr Spreemann gehöre doch dazu.

»Kein Unglück kommt allein«, murmelte Sanitätsrat Knapp, nahm noch eine Prise und klopfte an die Tür der guten Stube, die zum Schlafraum umgewandelt worden war und nun die beste Stube werden sollte.

Es war schwer zu sagen, ob Herr Sanitätsrat Knapp mit dem ersten Unglück Spreemanns nahe bevorstehende Vaterschaft gemeint hatte oder das Aufgeben seines eigenen Frühschoppens. Aber da er als Arzt und Stadtrat für die Erhöhung der Einwohnerzahl sein mußte, scheint die zweite Hypothese glaubhafter.

Jedenfalls marschierte Spreemann, während zu Haus so Wichtiges für ihn vorging, mit geschultertem Gewehr nach dem Schloßplatz, in Reih und Glied mit andern Bürgern, die ebenso friedlich gesinnt waren wie er, die ebenso wie er direkt vom Schlafrock in den Waffenrock gerutscht und alle bedeutend geübter waren, eine Pfeife zu entzünden als ein Gewehr.

Es war eine große Ehre, zur Bürgerwehr zu gehören. Man marschierte in der besten Gesellschaft.

Trotzdem hatte Spreemann jedesmal eine Heidenangst, daß sein eigenes, schweres, großes Gewehr oder gar das seines Vorder- oder Hintermannes von selbst losgehen könne, und noch mehr fürchtete er, daß er selbst einmal damit schießen sollte.

Der Mann, der das Pulver erfunden hatte, der hätte vor allen andern das Hängen verdient. Das war auch so ein Streitpunkt am Stammtisch. Der Lehrer nannte den Pulvererfinder einen Wohltäter. Herr Jung meinte ganz wie Herr Spreemann, daß der Mensch nicht umsonst Schwarz geheißen habe. Er war ein Teufelskerl.

Dieses Schritt und Tritt und Schritt und Tritt zwischen den Gewehrmündungen entfernte Spreemanns Gedanken also ganz von der Angst um Madame Lieschens Befinden. Aber zum Glück war auch heute niemand mehr da, als die Bürgerwehr angerückt kam. Der Schloßplatz war leer wie eine Kirche am Wochentag. Nur zwei Gendarmen gaben sich dem boshaften Märzwind preis und meldeten dem Führer der Wehr, daß zwei Männer, die sich mit roter Krawatte angesammelt hatten, den Beweis aufbringen konnten, daß sie nur ihre Frauen erwarteten, die bei einer Schneiderin waren und daher ganz natürlicherweise ihre Ehemänner stundenlang warten ließen.

Die Bürgerwehr stand stramm und machte kehrt.

Auch Herrn Spreemanns Gedanken drehten sich. Was mochte inzwischen bei ihm zu Haus geschehen sein?

Eilig polterte er mit seinem schweren Gewehr die Treppe hinauf.

Schon auf dem ersten Absatz hörte er ein Geschrei wie von jungen Katzen. Grauen beschlich ihn! War das Lieschen? War ihr Verstand gestört? Hätte er nicht solche Angst vor dem Gewehr gehabt, er hätte sich auf der Stelle ein Leid angetan.

So lief er weiter. Im Flur stand der Sanitätsrat und ließ sich von der Magd einen Fidibus geben, um endlich wieder seine Pfeife anzuzünden.

»Da sind Sie ja«, rief er vergnügt bei Spreemanns Anblick – »ich gratuliere! Verwendung für beide Reservekassen. Zwei kräftige Berliner.«

»Richtige Jungen? Männliche?« stammelte Spreemann.

Die Magd fing angstvoll ihres Dienstherrn Gewehr auf, das er achtlos von der Schulter rutschen ließ.

»Natürlich, mit allem, was dazugehört«, antwortete der Sanitätsrat lachend.

»Wohin mit dem Gewehr?« schrie Spreemann die Magd an, »daß es – meine Jungen nicht etwa in die Finger bekommen. Auf den Boden damit.«

Der Sanitätsrat verschluckte sich vor Lachen.

»Unbesorgt. Die sind noch lange nicht reif zur Bürgerwehr«, gluckste er hervor. Und dann beeilte er sich, fortzukommen. Da hatte er einen fertigen Spaß für seine Patienten.

Er riet nur noch Spreemann, rasch zu Madame Lieschen zu gehen, die schon besorgt um ihn wäre. Dann lief er prustend davon.

Spreemann hatte nie gewußt, daß Menschen so klein sein können. Aber er gewöhnte sich daran. Als ihm versichert wurde, daß selbst Könige in diesem jugendlichen Zustand nicht größer waren, gefiel es ihm sogar. Er fand es drollig, daß sie stets die Händchen ballten, wie wenn sie etwas darin versteckt hielten. Daß es zwei waren, fand er ganz natürlich. Er hatte oft genug zwei Taler verdient, wo er nur auf einen gerechnet hatte. Von nichts kommt man nicht vorwärts.

Aber er wurde furchtbar erregt, wenn sie schrien, und hatte eine grenzenlose Hochachtung vor Lieschen, die diese zappelnden Zwerge zu drehen und wenden und zu beruhigen verstand. Er flüsterte nur noch, aus Furcht, sie zu wecken. Er wurde ein Akrobat, was das Gehen auf Fußspitzen betraf.

Lieschen aber lächelte. Sogar im Schlummer.

Zum erstenmal spürte sie, daß sie um ihrer selbst willen da war. Begriff sie, daß sie kein herrenloser Hund mehr war, sondern eine reiche Frau, die geborgen in einem breiten Bett liegen konnte, wenn sich draußen die Unruhe der Frühe regte und der neue Tag schonungslos zur Arbeit rief ...

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