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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 5
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authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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5

Wenige Tage können viel ändern.

Preußen ging einer neuen Verfassung entgegen. Herr Spreemann aber war ganz außer Fassung geraten.

Sein Heim war anders geworden. Mamsell Schmidt hatte sich verändert. Er selbst war nicht mehr der gleiche. Die ganze Welt lief in einem andern Schritt.

Zwischen großen und kleinen Aufregungen war man schwindelnd schnell in den April geschoben worden. Wo die ersten Stare kommen und ihre Nester bauen. Der Mai stand schon bereit.

Die Sommersaison war aus dem Lagerraum in den Laden gerückt.

Während Spreemann die ersten leichten Stoffe anpries, abmaß und von den vollen Ballen schnitt, hämmerte und polterte es vor seiner Ladentür, daß sie zitterte. Die neue Zeit klopfte draußen. Man pflasterte den Dönhoffplatz.

Mamsell Schmidt war wenig erbaut über den Staub, der in die sauberen Stuben flog. War es durchaus nötig, Herrn Spreemann den Weg zur Bierstube zu ebnen? Aber sie äußerte sich nicht darüber. Seit jenem furchtbaren Märztage mußte man auf alles gefaßt sein.

Auch Herrn Spreemann waren diese Tage nicht gut bekommen. Er war vollkommen verändert. Mamsell Schmidt verstand ihn nicht mehr.

Wenn sie die Speisen auftrug, starrte er sie unverwandt an. Die ersten Tage war sie jedesmal, kaum daß sie wieder draußen war, vor den Spiegel gestürzt. Vielleicht hatte sie Kohlenruß im Gesicht. Herr Spreemann war sehr eigen. Aber auf ihren Wangen lag nichts als eine sanfte Röte.

Sie begann nun sich aufs sorgfältigste zu kleiden, ehe sie vor Herrn Spreemann erschien. Zu ihrer Freude bemerkte sie, daß sich aus dem vielen hellbraunen Haar, das sie in einen kleinen Knoten zusammengezwirbelt am Nacken trug, sehr leicht die hübsche Pufferfrisur herstellen ließ. An Hals und Ärmelausschnitt heftete sie sich weiße Spitzenrüschchen. Außerdem nähte sie sich eine zierliche Tändelschürze mit einer hellblauen Seidenschleife. Damit Herr Spreemann bei seinem häufigen Hinsehen nicht etwa unangenehm berührt werde.

Aber auch dies schien ihm nicht recht zu sein.

»Wo haben Sie denn auf einmal alle die Haare her? Für wen putzen Sie sich mit einem Mal so schön heraus, Sie, Mamsell, Sie?« schrie er plötzlich und schlug auf den Tisch.

Mamsell Schmidt hatte vor Schreck laut aufgeschrien. Unter einer Flut von Tränen versicherte sie, daß sie die Haare immer besessen hätte. Daß sie sich nur für Herrn Spreemann ein wenig nett zu machen versuche, weil doch niemand gern etwas Unangenehmes sähe. Und weil doch Herr Spreemann sie ohnedies immer anstarrte, als wäre ihm gar nichts mehr recht an ihr.

Herr Spreemann schrie, daß man sich bei drei Taler monatlichem Gehalt wohl seine Wirtschafterin ansehen dürfe, sooft es einem passe.

Aber als Mamsell Schmidt flehte, daß er ihr verzeihen solle und sie wieder genau wie früher aussehen wolle, wenn er es wünsche, wurde er plötzlich sanft.

Er räusperte sich mehrmals und sagte dann:

»Meinetwegen lassen Sie den Kram, so wie er ist. Es sieht ja ganz nett aus.«

Leider regte dies Mamsell Schmidt zu dem Einkauf eines schwarzen Sammetbandes an, woran sie ihr einziges Schmuckstück um den Hals binden wollte. Nämlich das goldene Kreuzchen, das man ihr im Waisenhaus als einziges Erbe ausgehändigt hatte.

Als sie die duftende Frühlingssuppe, sorgsam bereitet aus allen jungen Gemüsen, auf den Tisch setzte, bemerkte Herr Spreemann Sammetband und Kreuzchen.

Niemals hätte Mamsell Schmidt geglaubt, daß Herr Spreemann im Beisein eines so herrlichen Suppenduftes derartig wütend werden konnte.

»Was haben Sie da wieder angerichtet!« schrie er.

Lieschen dachte im Augenblick nur an die Suppe. Zitternd schnurrte sie das Rezept, eine halbe Seite Kochbuch, fehlerlos herunter und endigte aufatmend:

»Dazu ein walnußgroßes Stück Butter und eine Mehlschwitze.«

»Mehlschwitze!« wiederholte Herr Spreemann wütend. »Haben Sie mich nicht zum Narren! Woher das Kreuz, das da herumschwippelt bei jedem Schritt?«

»Von meinem Papa«, stammelte Lieschen.

Nichts scheint oft weniger wahrscheinlich als die Wahrheit.

Da Herr Spreemann um Lieschens Waisenschaft wußte, konnte ihn diese Antwort nicht zufriedenstellen.

Er erhob sich mit einem Ruck.

»Mit den Spitzen und Löckchen sind auch sofort die Lügen da!« schrie er und sah mit dem Ausdruck des höchsten Abscheus auf die hübschen Haarpuffen, die heute gerade besonders gut geraten waren.

Dann rannte er, ohne das Essen auch nur anzusehen, zurück in den Laden.

Hier schreckte er den Lehrling auf, der als einziger Ladenhüter in der Sicherheit mittäglicher Ruhe auf dem Kontorstuhl saß und Herrn Spreemanns Pfeife rauchte.

Spreemann gab ihm eine Ohrfeige und riß ihm die Pfeife aus dem Mund. Der Junge heulte.

Wer sich nicht an die übliche Zeiteinteilung hält, macht sich und seinen Mitmenschen Verdruß ...

Spreemann erkletterte den hohen Kassenstuhl, der rund und drehbar war wie die Welt. Er schlug das Hauptbuch auf, das ihm keine unangenehme Lektüre geboten hätte, aber er sah nicht hinein. Seit ihm sein Vater den ersten Anzug bestellt hatte, war kein Tag mehr ohne Mittagbrot vergangen. Sein Magen knurrte.

Er rief nach dem heulenden Jungen und befahl ihm, eine Tasse heißen Kaffee mit Sahne und Kuchen aus der nächsten Konditorei zu holen. Der Junge lief.

Nun war es wenigstens um ihn herum ruhig. In seinem Innern tobte es noch.

Er sah von seinem hohen Sitz auf den Platz hinaus. Da pflasterten sie. Steinchen nach Steinchen reihten sie nur und kamen doch vorwärts. So wie er Geldstück für Geldstück beiseite gelegt hatte. Er fühlte einen Stich in dem heilenden Zeh und mußte plötzlich an den toten Herrn Hirschhorn denken. Was hatte er gesagt?

»Sie sollten einen Sohn in der Wiege haben! Eine neue, eine große Zeit wird kommen.«

Etwas, was erst kommen sollte, war eine unsichere Sache. Dafür gab Spreemann nichts. Aber er dachte an sein Geld, das schon da war. Wer sollte es einmal kriegen? Wenn man so sah, wie jemand, der von einer ganz neuen Zeit gesprochen hatte, einen Augenblick später wegrasiert war, konnte man sich schon allerlei Gedanken machen. Sollte er nur gelebt haben, um Ziehlkes Enkel zu mästen? Oder Tante Karolines Kindeskinder? Denn schließlich würde sie wohl welche erreichen. Ein Verwundeter ist rasch verlobt. Ein Gesunder überlegt sich dergleichen ganz anders.

Der heiße Kaffee kam. Mit vorzüglicher Sahne. Das schmeckte. Feuer rann ins Blut.

Spreemann fühlte, wie jung er noch war. Er würde einfach zugreifen und heiraten.

Mit Behagen stellte er sich die Gesichter seiner Tanten vor, wenn er ihnen eine hübsche Braut präsentieren würde. Es war schade, daß er nicht schon zu gleicher Zeit in jedem Arm einen Erben halten konnte. Damit sie begriffen, daß sie sich das Mehl für ihre Enkel selber mahlen mußten. Auch Aufruhr steckt an, nicht nur Gähnen.

Die Ladentür klingelte, und Spreemann verbeugte sich.

Frau Jung mit ihrer Jüngsten kam herein. Womit nicht gesagt ist, daß diese Jüngste auch jung war. Ein einzelnes Wort kann nicht alle Wahrheit enthalten.

Mit dem breiten Lächeln, das der neue Entschluß auf sein Gesicht gepflanzt, fragte Spreemann nach dem Begehr der Damen.

Frau Jung wünschte einen Sommerstoff für ihr Töchterchen. Vielleicht einen Musselin mit Rosen.

Herr Spreemann bauschte einen Musselin mit Rosen auf, versicherte, daß er die Damen vollkommen befriedigen werde und kondolierte zu dem Verlust der reizenden Täubchen.

Frau Jung dankte und sagte, daß die Tauben den Schaden schon wieder wettgemacht hätten.

»Es ist ja Frühling«, fügte sie hinzu und bat Herrn Spreemann, den hübschen Stoff einmal ihrer Tochter um die Schultern zu legen.

Herr Spreemann tat es. Vorsichtig, mit gespreizten Fingern.

»Unsre Tauben girren jetzt so süß«, sagte die Jüngste. »Sie sollten einmal zu Papa kommen, Herr Spreemann.«

Herr Spreemann überhörte den Sinn der Worte. Er dachte im gleichen Augenblick, daß sich bei Mamsell Schmidt alles viel rundlicher bauschte.

Daher sagte er:

»Mit weißen Spitzenrüschchen an Hals und Ärmeln müßte es reizend sein.«

Die Jüngste legte den Kopf nachdenklich auf die Seite. Dabei berührte ihre Wange Herrn Spreemanns Fingerspitzen, die den Stoff hielten.

Herr Spreemann zuckte zusammen. Die Jüngste bemühte sich zu erröten und lächelte.

Auch Herr Spreemann lächelte.

Ihm war etwas Kurioses eingefallen. Er dachte, wenn sich ein solch altes Mädchen noch so weich anfühlte, dann ...

Und wieder sprangen seine Gedanken zu der Stelle, wo das goldne Kreuzchen heute gehangen hatte. Sapperlot. Man lernt nicht aus.

Der Musselin mit den Rosen wurde gekauft.

Und nun hatte Herr Spreemann einstweilen keine Zeit mehr für Privatgedanken. Die Ladentür klingelte ohne Unterbrechung, und Geld und Schere klapperten.

In der Dämmerstunde kam Herr Kreisrat Giesecke. Er wollte nur ein Troddelchen für seinen Schlafrock. Ein haltbares, in der Farbe passendes Quästchen. Das ein langes Kramen und Wählen erforderte.

Denn der Herr Kreisrat wollte in Wirklichkeit etwas andres herausholen.

Man war nicht blind. Man hatte bemerkt, wie niedlich sich Mamsell Schmidt herausgemacht hatte. Ganz als ob eine Madame Spreemann aus ihr werden sollte. Frau Kreisrat war aufs heftigste beunruhigt.

Heute aber hatte Mamsell Lieschen gar geweint am Brunnen. Soviel Kreisrats Anna herausbekommen hatte, zweifelte Mamsell Schmidt an Herrn Spreemanns Verstande.

Frau Kreisrat triumphierte. Sie hatte es immer gewußt. Wer mit seiner Haushälterin schöntat, obwohl ihm selbst gute Beamtenfamilien eine ihrer Töchter anvertrauen würden, der konnte nicht normal sein.

Ein Ehepaar, zwei Meinungen.

Herr Kreisrat war andrer Ansicht. Er konnte nichts Verrücktes darin finden, daß man ein Wesen heiratete, von dem man genau wußte, daß es vorzüglich kochen konnte, sparsam und ohne jeden Familienanhang war. Das war ein Handel, wo man einmal nicht die Katze im Sack kaufte. Und sah Herrn Spreemann durchaus ähnlich.

Frau Kreisrat erwiderte, daß sie sich erst mal den Vergleich von der Katze im Sack verbitte. Dann befahl sie ihrem Mann, die Troddel zu kaufen, nicht etwa aber mit der Troddel allein zurückzukehren. Sie wollte wissen, mit wem sie unter einem Dache lebte.

Gesagt, getan.

Herr Kreisrat Giesecke kramte im Troddelkasten und beobachtete dabei Herrn Spreemann. Dieser lächelte. Er hatte zur üblichen Kaffeestunde noch eine Tasse getrunken. Er war gefüllt mit Lebensmut.

Herr Kreisrat sagte sich: Der Mann hat schon das Aufgebot bestellt. Allerdings, auch die Irren lächeln beständig.

Er schob auf jeden Fall den Troddelkasten zwischen sich und seinen Freund.

Dann sagte er:

»Na, Herr Spreemann, wann heiraten Sie?«

Spreemann schlug sich an die Stirn. War da ein Loch? Konnte man in ihn hineinsehen? Er klopfte sich noch einmal erschreckt an die Stirn.

Wahrhaftig, er ist nicht normal, dachte Herr Kreisrat.

Er rückte den Troddelkasten noch ein Stück weiter vor. Dann fing er wieder an:

»Wer hätte geahnt, daß Mamsell Schmidt so niedlich ist? Sie sind ein Schlauer. Sie haben recht, die Perle selber einzufassen.«

Spreemann riß den Mund auf. Er verstand Herrn Kreisrat plötzlich. Und manches andre auch.

»Das ist ein großartiger Gedanke!« schrie er nach einer Weile. »Ein großartiger Gedanke!«

Er schwieg und starrte vor sich hin.

»Glauben Sie, daß man ein goldenes Kreuzchen von seinem Papa haben kann, auch wenn man keinen Papa hat?« fragte er plötzlich und packte Herrn Kreisrat erregt an einem Rockknopf.

»Nur nicht aufregen, ganz ruhig«, sagte der Kreisrat bebend. »Alles ist möglich auf dieser Welt, alles.«

Er maß mit aufgerissenen Augen den Abstand bis zur Tür.

Aber Herr Spreemann hielt immer noch den Knopf fest. Den Frau Kreisrat angenäht hatte und der also noch ganz andres aushalten würde.

»Sie glauben – auch ein Waise«, fragte Herr Spreemann, das Gesicht dicht vor Herrn Kreisrats Nase.

»Warum nicht. Als Kind, zum Beispiel«, stotterte Herr Kreisrat. »Einmal muß sie doch einen Papa gehabt haben, wenn es sich um eine halbwegs anständige Waise handelt.«

»Um eine tadellose«, sagte Herr Spreemann streng.

Aber dann lachte er hellauf, wie ein übermütiger Junge. Ließ aber, Gott sei's gedankt, Herrn Kreisrats Knopf dabei los.

Gewiß, das war es. Als Kind hatte sie das Kreuzchen bekommen, dachte er.

»Ich Narr, ich Narr«, sagte er laut und lachte schon wieder schallend auf. »Meine Verwandten werden ihre Freude haben.«

Er lachte wahrhaftig schon wieder und lief, die Hände in den Hosentaschen, mit großen Schritten durch den Laden.

Nie hatte ihn der Kreisrat so beweglich gesehn.

Es war klar. Der Mann war verrückt oder verliebt. Das war nicht leicht zu unterscheiden.

Er bezahlte seine Troddel und konnte seiner Frau nur dieselben Zweifel zurückbringen, die er mitgenommen hatte.

Frau Kreisrat sagte, daß es eine Schande sei, daß sie hier im Hause alles selber tun müsse. Sie holte ihren Kapotthut mit den langen Bändern hervor und wollte selbst gehn.

Aber als der Kreisrat das sonderbare Wesen Spreemanns näher beschrieb, verschob sie ihren Besuch bis morgen. Über Nacht kann manches zutage kommen ...

Mit Grauen hörten sie eine Weile später Herrn Spreemann laut und singend die Treppe hinaufsteigen. Auch Mamsell Schmidt erbebte. Sie hatte gar nicht gewußt, daß Herr Spreemann singen konnte.

Spreemann ließ sich die Frühlingssuppe auftischen und speiste mit großem Behagen alles, was ihm schon als Mittagbrot bestimmt gewesen war. Jedes Gericht war aufs vorzüglichste geraten. Ja, seine junge Frau verstand zu kochen. Das war sicher.

Jedesmal, wenn Mamsell Schmidt hereinkam, lächelte er sie bedeutungsvoll an. Was Mamsell Lieschen seinem beschädigten Geisteszustand zuschrieb. Zwischen jedem Gericht betete sie in der Küche.

Nach den Preiselbeeren nickte ihr Spreemann sogar dreimal zu. Sie nickte nicht zurück, sondern jagte hinaus.

Da fiel es Spreemann ein, daß sie noch nichts von der ganzen Sache wüßte. Leider. Vor der Auseinandersetzung mit dieser Mamsell war ihm unbehaglich. Sehr unbehaglich. Daß auch bei allem, was mit Weibern zusammenhing, soviel Gerede nötig war.

Eigentlich hatte er schon nach der Suppe sprechen wollen. Jetzt war er schon bei der Pfeife, ohne daß ein Wort gesagt war. Er war satt und wohlig müde. Wenn er nun zu reden anfing, würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach erst ein wenig weinen. Das tat sie leicht. Sehr unangenehm würde das sein.

Er rauchte und dachte nach.

Mamsell Schmidt hatte inzwischen den Tisch abgeräumt und war bescheiden hinausgegangen. Sie war froh, daß alles ganz glücklich verlaufen war.

Spreemann grübelte weiter. Er wurde immer heiterer. Die Freude auf ein Vergnügen ist auch ein Vergnügen. Und er dachte unaufhörlich an Tante Karoline. Nichts sollte sie vorher zu wissen bekommen. Nichts. Erst die fertige Madame Spreemann würde man ihr mit Knicks und Verbeugung vor Augen führen.

Nur wenn er wieder an Mamsell Schmidt dachte, dämpfte sich seine Freude. Sie mußte es gewiß einige Zeit vorher wissen. Die Weiber brauchten zu solchen Dingen besondere Kleider. Das wußte er nur zu gut – und hatte keinen Grund, ärgerlich auf diesen Fehler zu sein.

Wenn man nur diese verflixten Tränen umgehen könnte.

Er sah nach der Uhr und gähnte. Nein, für heute war es auf jeden Fall zu spät. Schade. Er hätte gern schon morgen früh das Aufgebot bestellt. Dringliche Angelegenheiten soll man nicht verschieben.

Da fiel ihm ein, daß er selber Mamsell Schmidts Papiere verwahrte. Zum Aufgebot waren nur die Papiere nötig. Das hatte er schon neulich, so ganz nebenbei, von dem Herrn Lehrer erfahren.

Er ging an seinen Schreibtisch und holte die Bogen heraus. Wort für Wort studierte er die Aufzeichnungen. Erstens erfuhr er da, daß Lieschen erst dreißig Jahre alt war. Dann, daß ihr Papa, der, von dem sie also das Goldkreuzchen hatte, mit einem Apfelkahn auf der Spree untergegangen war. Sie war mithin die Tochter eines ehrbaren Schiffers. Ihre arme Mutter war gestorben, als sie die Kleine der Welt und dem Waisenhaus übergeben hatte.

Spreemann seufzte. Was es alles für Unglück gab.

In diesem Augenblick kam Mamsell Schmidt zur Tür herein.

Spreemann fuhr zusammen und bedeckte seine Lektüre mit einem Zeitungsblatt.

»Was wünschen Sie denn noch?« fragte er barsch.

Mamsell Schmidt bat um Entschuldigung, daß sie gestört habe. Sie wolle nur fragen, ob Herr Spreemann noch etwas befehle. Oder ihr erlaube, sich zur Ruhe zu begeben.

»Legen Sie sich nur ruhig schlafen«, sagte Herr Spreemann wieder ganz sanft. Er dachte mit Rührung, was für eine ernste Unterredung dem niedlichen Wesen morgen bevorstand. Ihr, der der Vater mit einem Apfelkahn untergegangen war.

»Gute Nacht, Herr Spreemann«, sagte Mamsell Lieschen.

»Gute Nacht, Mamsell«, antwortete Spreemann feierlich.

Am andern Morgen steckte Herr Spreemann seine und Lieschens Papiere, die er schon am Abend sorgfältig zusammengebunden hatte, in die Tasche und ging damit schnellen Schritts zum Pfarrer. Er selbst kannte den Geistlichen wenig. Er versprach sich nichts von Kirchenbesuchen, bei denen man leicht einen guten Kunden versäumen konnte. Aber Mamsell Lieschen verfehlte keine Predigt. Was ihrem Hausherrn durchaus recht war, denn da man über alle diese Dinge nichts Bestimmtes wußte, war es immerhin gut, daß einer aus dem Haushalt einen gewissen Zusammenhang mit den unbekannten Mächten aufrechterhielt.

Der Empfang bei dem Herrn Pfarrer fiel zunächst kühl aus. Erst als der Geistliche hörte, um was es sich handelte, wurde er freundlicher. Hochzeit, Taufe und Nebeneinnahmen durchkreuzten sein Hirn.

»Nichts Edleres als die Gründung einer Familie. Meinen aufrichtigen Glückwunsch«, sagte er und drückte dem gutsituierten Manne kräftig die Hand.

»Vor allen Dingen ist Eile geboten. Höchste Eile«, sagte Spreemann.

Der Pfarrer zuckte zusammen, beherrschte sich aber amtlich.

Er erklärte, daß ein dreimaliges Aufgebot an drei Sonntagen nötig wäre und daß nur in besonders dringenden Fällen eine Ausnahme gestattet sei. Wenn dieser Notfall vorliege ...

»Er liegt vor«, sagte Spreemann bestimmt.

Der Pfarrer räusperte sich. Dann sagte er streng und gemessen, daß er Herrn Spreemann, aus Rücksicht für Mamsell Schmidt, entgegenkommen würde. Am zweitfolgenden Sonntag konnte die Trauung sein.

Höchst zufrieden trabte Herr Spreemann ab.

Der Geistliche schüttelte den Kopf. Er dachte an Mamsell Lieschens frommes und bescheidenes Wesen. Er sagte sich, daß auch ein Seelsorger manchmal blind und unwissend sei.

Inzwischen putzte Mamsell Lieschen fürsorglich die ersten Karotten. Ohne zu ahnen, welchen Schaden ihr Ruf erlitten. Sie bedachte fröhlich, daß man wahrscheinlich schon am zweitfolgenden Sonntag die Mohrrübchen mit den ersten grünen Erbsen würde mischen können. Dazu ein wenig gehackte Petersilie und eine kleine Zwiebelschwitze, wie es der gute Herr Spreemann so liebte. Denn nun ging es vorwärts mit dem Frühling.

Kein Mensch kennt sich selbst. Nicht eine Ahnung sagte ihr, daß sie Braut war.

Spreemann aber sorgte weiter für sie.

Er stand in seinem Laden auf der hohen Leiter und holte die teuerste Brautseide herunter. Prima Qualität. Die Madame Bankier hatte als Braut keine bessere getragen. Reichlich maß er ab und machte ein Paket daraus. Der Lehrling sprang hinzu und fragte, wohin er die Seide zu tragen habe.

Spreemann befahl ihm, das Maul zu halten; und als die Mittagstunde kam, nahm er selbst das Paket unter den Arm und trug es hinauf in seine Wohnung.

Er aß sehr wenig zu Mittag. Die neuen Karotten blieben unberührt. Mamsell Schmidt sagte sich mit Bangigkeit, daß sie auch heute wieder etwas nicht recht gemacht haben müßte. Sie kostete immer aufs neue die Speisen, aber sie konnte nichts Versalzenes oder Mißratenes daran finden.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als Herr Spreemann sie gleich nach dem Essen in die gute Stube rief.

»Setzen Sie sich«, sagte er.

»Zuviel der Ehre«, flüsterte Lieschen und blieb stehen.

Sie war überzeugt davon, daß ihr Herr Spreemann den Dienst aufsagen würde. Sie war nun drei Jahre da und hätte von nun an den vierten Taler bekommen müssen.

»Ich verzichte gern auf die Zulage, wenn mich Herr Spreemann nur behalten wollen«, stammelte sie.

»Da haben wir schon die Tränen!« rief Spreemann und stampfte mit dem Fuß auf.

Er fühlte, nun müßte die Sache eins, zwei, drei erledigt werden.

»Ich werde Ihnen überhaupt keinen Lohn mehr geben, sondern ich werde Sie heiraten, Mamsell. Das Aufgebot ist schon bestellt!« schrie er.

Nun war es heraus. Er atmete auf.

»Wie belieben?« fragte Mamsell Schmidt. Sie lehnte sich an den blanken Mahagonitisch. Die ganze gute Stube drehte sich im Kreise. Ein Wunder, daß die große Vase aus Berliner Porzellan noch nicht heruntergestürzt war.

»Wie belieben?« stammelte sie noch einmal.

Herr Spreemann riß das Paket auf und bauschte mit dem gewohnten und geschickten Griff die glänzende Brautseide auf.

»Diese herrliche Seide!« schrie Lieschen. »Ach, ist die schön!«

»Prima Qualität«, sagte Herr Spreemann. Er hob den knisternden Stoff vom Tisch und legte ihn um Mamsell Schmidts Schultern. Genauso wie gestern den Musselin um die Demoiselle Jung. Dann prüfte er sein Werk. Richtig, viel rundlicher bauschte sich hier alles. Viel netter und hübscher.

Seine Finger glitten, ganz von ungefähr, an Lieschens rosiger Wange vorbei. Auch hier hatte er richtig kalkuliert. Alles war bedeutend weicher und zarter ...

Allmählich fand er sich immer besser in Mamsell Lieschens Gesicht zurecht. Wenn man erst weiß, wo man etwas zu suchen hat, findet man es auch.

Als er Mamsell Lieschen fragte, ob sie ihm böse sei, sagte sie, daß sie ihn viel zu gern dazu habe. So wurde man vollkommen einig ...

Erleben heißt sich verändern.

Madame Kreisrat, die vom Küchenfenster aus beobachtete, wie Mamsell Lieschen mit leisem Sang die Eimer aus dem Brunnen zog, sagte, daß die Mamsell nicht wiederzuerkennen sei. Es war unbegreiflich, woher sie auf einmal die hellen Kleider und die vielen Bänderchen habe. Auch der Ausdruck ihres Gesichtes hatte sich vollkommen verändert, wenn sich Madame Kreisrat nicht irrte. Sie sah verjüngt und fröhlich aus. Jedenfalls war es sicher, daß Herr Spreemann nicht verrückt war.

Sich wundern ist der Anfang jeder Weisheit. Madame Kreisrat wäre vielleicht für alle Zeiten klug geworden, hätte sie auch in des Nachbars Wohnung sehen können. Auch da geschah viel Wunderbares.

Wenn Mamsell Schmidt Herrn Spreemann die süße Nachspeise gebracht hatte, glitt sie nicht wieder schweigend zur Tür heraus, sondern setzte sich dem Hausherrn gegenüber.

Am ersten Tage hatte Herr Spreemann zugleich mit den vorzüglichen Speisen einen bösen Ärger durchzukauen gehabt. Eine gute Kundin hatte durchaus ein abgeschnittenes Stück Stoff wieder umtauschen wollen. Sie war der Ansicht, daß man bis auf seinen Mann alles in der Welt auswechseln könne. Spreemann aß daher ganz versunken in Gedanken, und als sich Lieschen setzte, fuhr er auf und sagte erschreckt:

»Was erlauben Sie sich?«

Aber sogleich war ihm wieder alles eingefallen. Er rief rasch: »Ach so, natürlich«, und beugte sich vor, um sie am Ohrläppchen zu ziehn.

Man hatte sehr viel miteinander zu besprechen.

Auch Lieschen war nicht aller menschlichen Regungen bar. Sie fragte bald, wann Herrn Spreemanns liebe Verwandtschaft die Neuigkeit erfahren würde. Als sie hörte, daß dies noch eine Zeitlang dauern sollte, war sie sehr enttäuscht, und aus vollster Seele wünschte sie den Hochzeitstag herbei.

Das Brautkleid war schon in Arbeit. Sonst waren nicht viel Vorbereitungen zu treffen. In der Wohnung konnte alles beim alten bleiben. Wenigstens beinah. Herrn Spreemanns Schlafzimmer war sehr geräumig. Man konnte dort bequem noch allerhand hinstellen.

Aber unsre eignen Entschlüsse können unsre Feinde werden. Herr Spreemann hatte für diese Neuanschaffung keine Reservekasse.

Darum betrat er eines Morgens, als Lieschen auf dem Markt war, vorsichtig die enge, schiefe Mädchenkammer. Sie war sehr sauber gehalten, kein Stäubchen war zu sehen. In dem Glashaus des verstorbenen Laubfrosches lagen Stecknadeln und zusammengerollte Bindfadenendchen. Wie im Weltenhaushalt ging auch in Herrn Spreemanns Wirtschaft nichts verloren. Er sah es mit Befriedigung. Aber zugleich bemerkte er mit Betrübnis, daß dieses Gesindebett sein vornehmes, in grünem Rips gehaltenes Schlafzimmer vollkommen entstellen würde. Es war unbrauchbar für seine künftigen Zwecke.

Wenn die Verwandten nicht gewesen wären, hätte Mamsell Lieschen einfach weiter in der Kammer schlafen können, aber sie sollten Respekt vor der Madame Spreemann bekommen. Das sollten sie.

Spreemann begriff, daß einem Verwandte teuer werden können ...

Mamsell Lieschen war es gewohnt und geübt, ihres Hausherrn Wünsche zu erraten.

Sie sagte schon am gleichen Abend, daß sie Herrn Spreemann keinerlei Unkosten verursachen wolle.

Herrn Spreemanns Antwort war, daß sich dies allem Anschein nach leider, leider nicht vermeiden lassen würde.

Darauf erwiderte Mamsell Lieschen stockend, daß sie den betreffenden fehlenden Gegenstand selbst anschaffen werde. Sie habe sich ein wenig erspart.

»Erspart? Wo? In meinem Haushalt?« fuhr Herr Spreemann auf.

Lieschen nickte.

»Das ist ja furchtbar!« rief Herr Spreemann.

»Ich dachte, Sie ... ich meine, du würdest dich darüber freuen.«

»Freuen, wenn man mich bestiehlt – wenn mich meine Wirtschafterin und meine Frau bestehlen?«

»Das ist doch nur so das Körbchengeld«, beschwichtigte Lieschen. »Was man so abhandelt vom üblichen Preis.«

»Und dann für sich behält?«

»Natürlich.«

»Ist es viel?«

»Eine ganze Masse.« – Lieschen wurde unsicher. Sollte sie weinen?

»Taler?« rief Spreemann.

Lieschen nickte zustimmend.

Spreemann seufzte.

Seufzer sind die Begleiter des Schmerzes in der Freude.

Spreemanns Seufzer galt seinem Bräutigamsglück. Das ihn mit Dank und Freude erfüllte. Was wäre geschehen, hätte ein Fremder Mamsell Lieschen heimgeführt?

Beherrscht von diesen Glücksgefühlen, konnte er natürlich den ersten Wunsch seiner Braut nicht abschlagen. Lieschen erhielt die Erlaubnis, sich das notwendige Möbelstück selbst zu besorgen.

Am Sonntag kam Tante Karoline. Sie war lange nicht dagewesen, weil Mariechens Russe ihrer speziellen Pflege bedurfte. Die alten Hausmittel sind immer noch die besten. Er hatte Mariechen schon einen Türkisring verehrt. Heute aber wollte Karoline gern zu einem hellen Sommerstoff für Mariechen gelangen. Sie bat Klaus häufig um solche »Restchen«.

Klaus fürchtete, daß sie das Aufgebot erfahren habe. Lieschen hoffte es.

»Ich bin ja außer mir«, sagte sie auch wirklich, sobald sie sich gesetzt hatte. »Ganz außer mir bin ich.«

Klaus horchte auf.

»Über kurz oder lang wird die ganze Erde erfroren sein.«

»Wie?« sagte Klaus und beugte sich vor. Wenn man im Begriff war, eine Familie zu gründen, mußte diese Nachricht beunruhigen.

»Jetzt, im Mai? Wo hast du denn das her?«

»Aus der Zeitung unsres Russen«, sagte Karoline.

»Wann soll denn das sein?« fragte Spreemann.

»In einigen Millionen Jahren, sei doch nicht so umständlich!« rief Karoline gereizt. Sie hatte das nur erzählen wollen, um möglichst bald das Gespräch auf den Russen zu bringen, um den sich ihre Gedanken ebenso gleichmäßig drehten wie die Erde um die Sonne.

Als Spreemann von den Millionen gehört hatte, war er beruhigt.

»Und sonst geht's dir gut? Dein neuer Mieter?« fragte er.

»Ist mit Mariechen und einer ihrer Freundinnen in der Narzissenausstellung. Ja, das ist ein Gentleman.«

Da kam Lieschen mit dem Kaffee herein. Zum ersten Male sah Tante Karoline die neue Haarfrisur.

»Wer ist denn das?« sagte sie scharf.

»Ich«, flüsterte Lieschen. Vor diesen Blicken erstarrte die neuerworbene Sicherheit.

»Ich dachte eine Seiltänzerin«, sagte Madame Karoline und wandte sich dem Kuchen zu.

Lieschen sah zu Klaus. Er rauchte. Draußen begannen die Kirchenglocken zu läuten, sie ermahnten Lieschen zur Geduld. Es würde wieder ein Sonntag kommen, Madame Karoline.

»Du hast ihr wohl den vierten Taler zugelegt?« fragte Karoline, als Lieschen draußen war.

Lärm auf der Straße verhinderte eine Antwort. In das Glockengeläut mischte sich lautes Räderrollen. Überall lief man an die geöffneten Fenster. Auch Herr Jung beugte sich weit vom Dach herunter. Die Tauben flatterten erschreckt in die Höhe.

Ein Kremser hielt vor Herrn Spreemanns Haus. Aus ihm heraus winkte die ganze Familie Ziehlke mit Kind und Kindeskindern. Sie wollten in den Grunewald, denn Gerbermeister Ziehlke war sehr für die Natur.

»Wir gratulieren!« schrien sie zu den Fenstern hinauf, und dann kletterten sie aus dem Wagen und kamen einen Augenblick herauf.

Ehe Madame Ziehlke eine lange Wagenfahrt unternahm, pflegte sie in die Kirche zu gehen. Sie hatte das Aufgebot mit eigenen Ohren gehört.

»Darum wollen wir uns den schönen Sonntag nicht verderben lassen«, hatte Herr Onkel Ziehlke gesagt. »Man muß das Unvermeidliche mit Würde tragen. Wir gratulieren ihm mit Hurra.«

Und da war man.

Frau Kreisrat war auch nicht taub. Sie hörte den Lärm.

Sie hatte ihr Sonntagskleid an und konnte flink einen nachbarlichen Besuch abstatten. Der Frau Jung ging es nicht anders.

Wie ertappte Sünder standen Klaus und Lieschen inmitten der guten Stube. Umringt von Gratulanten.

»Ich danke nur Gott, daß mich nicht der Schlag getroffen hat«, sagte Tante Karoline.

Ziehlkes hatten Papiertüten und eine Harmonika mit. Es wurde so vergnügt, daß sie den Kremser wegschickten, nachdem sie die Eßkörbe heraufgebracht hatten.

Spät abends ging Herr Spreemann singend, Arm in Arm mit Onkel Ziehlke, über den neugepflasterten Platz zum Stammtisch.

Lieschen hatte bis weit in die Nacht hinein Tassen und Teller abzuwaschen. In tiefem Glück ruhte sie endlich auf dem Gesindebett aus. Denn die sanfte Müdigkeit nach vollerfülltem Tagewerk, die frohe Hingabe an den Schlaf des innerlich Friedlichen, das ist das wahre Glück.

Und wie sie eingeschlafen war, erwachte sie auch.

Herr Spreemann aber erhob sich am andern Morgen voll Mißmut und Ärger. Er hatte geträumt, daß er ein kostbares Hochzeitsessen gegeben habe. Der Schrecken darüber lag ihm noch in allen Gliedern.

Aber man ist im Traum rascher als in der Wirklichkeit.

Sechs unruhige Tage mußten noch vergehen, bis es soweit war. Es gab störende Besuche und unnütze Anfragen, und hätte nicht auch das Geschäft infolge der Neugierde ganz besonders floriert, Spreemann würde die ganze Sache zum Teufel gewünscht haben.

So sagte er sich, daß man durchführen müsse, was man sich vorgenommen habe.

Die Bäume waren grün, das neue Pflaster glänzte auf dem Platz, und heller Sonnenschein fiel auf Herrn Jungs flatternde Tauben, als endlich die breite Hochzeitskutsche um die Ecke bog.

Aus allen Fenstern reckten sich die Köpfe.

Onkel Ziehlke und Herr Kreisrat waren die Trauzeugen.

»Verlier deinen Orden nicht!« rief die Kreisrätin ihrem Mann nach und beugte sich weit aus dem Fenster, so daß alle es hören mußten. Sie selbst war auch schon im Feststaat.

Feierlich stieg das Brautpaar in den Wagen.

Herr Spreemann sah sehr stattlich aus, mit den weißen Handschuhen und dem Myrtensträußchen im Knopfloch. Mamsell Lieschen verschwand ganz unter einem duftigen Schleier, zu dem das Körbchengeld auch noch ausgereicht hatte.

Der kleine Lehrling, in einem schwarzen Anzug, in den er zu seiner eigenen Hochzeit gewiß hineingewachsen sein würde, trug Lieschens schwere Seidenschleppe. Sie war überstreut mit Myrtenblüten. Genau wie im Modejournal. Die Nachbarn waren zufrieden. Der Wagen fuhr fort.

Die kleine Spittelkirche war vergoldet mit Maiensonne. Der Fischmarkt ringsum war sonntäglich gescheuert. Aber in den Rinnsteinen segelte noch mancher Heringskopf ins Unbekannte, und über den Kirchstufen schwebte noch der Duft des Wochentags.

»Wir könnten bald einmal wieder Seezunge haben, in brauner Butter gebacken«, sagte Spreemann zu Lieschen.

»Wenn sie nur nicht so teuer wären«, flüsterte sie hinter ihrem dichten Schleier.

Was mögen sie miteinander getuschelt haben? dachten die Leute, die sich angesammelt hatten, um ein Brautpaar zu sehen.

In der Kirche drinnen war alles versammelt, was schwarzseidene Kleider und Goldbroschen besaß.

Tante Karoline hatte den Russen zwischen sich und Mariechen gesetzt. Dicht vor den Altar. Ein gutes Beispiel hat oft schon Gutes getan.

Alles verlief aufs feierlichste.

Der Herr Pfarrer erwähnte in seiner Predigt nicht nur das Waisenhaus und den versunkenen Apfelkahn, sondern auch den sichtbaren Wohlstand des geschätzten Bräutigams. Die Tränen der Verwandten flossen.

Das Festessen fand auf Herrn Spreemanns Kosten, aber in der Mühle einer seiner Nichten statt.

Damit die junge Madame Spreemann heute abend nicht wieder soviel zu tun haben würde wie vergangenen Sonntag.

Lieschen hatte erst nichts davon wissen wollen, der Unkosten wegen. Sie meinte, wenn man im Hause koche, würde man von den Resten noch eine Woche leben und dadurch wieder manches einsparen können.

Spreemann aber sagte, daß man in diesem besonderen Falle schon einmal eine Ausnahme machen könne. Einmal sei keinmal.

Die Kosten bestritt er aus der Reservekasse für nicht vorhergesehene Unfälle.

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