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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 33
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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14

Es ist nie gut, wenn man den Kopf zu etwas zwingt, wovon das Herz nichts wissen will.

Ilka machte sich Vorwürfe, daß sie ihren alten Vater verhindert hatte, der Hochzeit seiner Enkeltochter beizuwohnen.

Sobald sich das junge gräfliche Paar auf die Hochzeitsreise begeben hatte und ihre neuen Verwandten auf ihre Stammsitze zurückgekehrt waren, schrieb Ilka daher dem alten Slovitzka, daß ihr der Besuch ihres lieben Vaters für die nächsten Wochen sehr willkommen sein würde.

Slovitzka hatte in einem seiner seltenen Briefe den Wunsch ausgesprochen, die Seinen und das veränderte Berlin noch einmal wiederzusehen.

Er nannte sich jetzt Direktor und stand in irgendeiner Beziehung zu der Schweineausfuhr an der ungarischen Grenze. Näheres über seine Tätigkeit oder sein Amt wußte niemand. Er schrieb nur dann und wann, daß seine Geschäfte ausgezeichnet stünden, nur im Augenblick ein wenig gehemmt wären, so daß ihm einige hundert Mark sehr gelegen kämen.

Ilka oder Hans hatten sich daran gewöhnt, stillschweigend seiner Bitte nachzukommen.

Und ebenso waren sie sich ohne viele Worte einig geworden, daß sich als die beste Zeit für den immer wieder verschobenen Besuch des Herrn Direktors diese Sommerwochen eignen würden, wo alle Bekannten auf Reisen waren.

Man selbst wollte diesmal erst im Herbst fortgehen, denn Spreemann & Co. sollte wieder eine große Erweiterung erfahren. Neue Baupläne lagen in dem Kontor und beschäftigten die Köpfe.

Auch Vater Spreemann hatte aus diesem Grund seine Abreise nach Nauheim ein wenig verschoben.

So sollte Slovitzka doch wenigstens einige der Familienmitglieder wiederfinden.

Er hatte gegen die Einladung seiner Kinder nichts einzuwenden gehabt.

Bald nachdem man ihm das Reisegeld geschickt hatte, war er da.

Er hatte sich sehr verändert. Er sah kleiner aus, ging gebückt und zog den rechten Fuß nach.

Auch sein Schnurrbart versuchte nicht mehr die Zeit zu täuschen. Er hatte seinen schwarzen Glanz verloren und vergessen und schillerte unter der feuchten Nase des Alten in bescheidenem Graugrün.

Slovitzkas Rede hatte jetzt einen singenden böhmischen Akzent, was Spreemann sehr gefiel. Er hielt sich also nicht mehr für einen Berliner, für den ihn niemand mehr ansehen würde.

Aber er saß nicht ungern mit dem Alten zusammen, der sich noch auf Lieschens Napfkuchen besann und ihn rühmte.

Man hatte überhaupt so manche gemeinsamen Erinnerungen.

Daß man auch den gräflichen Enkelsohn teilte, war Spreemann weniger angenehm.

Slovitzka rühmte sich damit, obwohl ihn diese ganze Sache nicht einen Pfennig gekostet hatte. Er also nach Spreemanns Meinung wenig Berechtigung dazu hatte.

Slovitzka aber sagte, daß die heiligen Familienbande nicht nach Geld und Ehre fragen, und klopfte sich dabei beteuernd auf den schwarzen Rock, den er von Hans bald nach seiner Ankunft erhalten.

Spreemann, dem bei diesen Worten wieder der neue böhmische Anstrich in Slovitzkas Wesen auffiel, sagte, daß doch Slovitzka, obwohl er kein Berliner wäre, starr vor Staunen über die gewaltige Entwicklung Berlins sein müsse. Slovitzka strich sich die graugrünen Bartbüschel zu Seiten der nassen Nasenflügel.

Endlich konnte er dem Hochmut des andern Großpapas ein wenig auf den Rücken klopfen.

Er nahm eine Prise und sagte, daß er in Berlin nicht begraben liegen möchte.

»Warum nicht?« rief Spreemann, der sich sofort ereiferte.

Worauf Slovitzka antwortete, daß ihm Berlin zu geräuschvoll geworden sei.

Nun entspann sich eine heftige Debatte zwischen den beiden alten Männern, wobei Slovitzka eine ganze Flasche Kirschlikör austrank, obwohl er nach jedem Schluck schwor, daß nur der böhmische Klosterlikör etwas tauge.

Der Likör war Spreemann gleichgültig.

Berlin hatte es nie darauf abgesehen, den besten Likör der Welt herzustellen.

Obwohl anzunehmen war, daß, sobald der Wille dazu da wäre, auch dieses Ziel bald erreicht sein würde.

Aber was Berlin an Fortschritt, Vergrößerung und Selbstentwicklung vor sich gebracht hatte, wollte er von diesem Böhmen anerkannt wissen.

Slovitzka verglich, in der stumpfen Hartnäckigkeit, die ihm Alter und Likör gegeben, alles mit Böhmen, Ungarn und seinem jetzigen Beruf.

Er sagte, daß Berlin noch lange nicht so groß wäre wie Böhmen und daß die Einfuhr neuer Berliner im Vergleich zur Schweineausfuhr aus Ungarn überhaupt nichts bedeute.

Spreemann verbat sich jeden Vergleich zwischen Berlinern und ungarischen Schweinen und verteidigte seine Vaterstadt mit dem Stolz eines alten Soldaten der Bürgerwehr und mit dem Mut eines jungen Kriegers.

Als der Kirschlikör den Böhmen endlich ins Schwanken gebracht hatte, nahm er ihm das Versprechen ab, schon am nächsten Tage den Rathausturm zu besteigen. Von dort oben wollte er ihm das neue Berlin vor Augen führen.

Man muß das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden wissen.

Diese Turmbesteigung war schon seit langer Zeit Spreemanns heftiger Wunsch.

Doch hatten ihn seine Söhne stets an der Ausführung seines Planes zu hindern gewußt. Der vielen Stufen halber.

Mit der großen Geheimnistuerei, die Greisen und Kindern alle Unternehmungen erst reizvoll macht, setzte Spreemann nun seinen Plan ins Werk.

Slovitzka mußte in einem Café Unter den Linden warten, bis ihn Spreemann abholte, um mit ihm in einer Droschke zum Rathaus zu fahren.

Als Slovitzka die Höhe des Turmes sah, erklärte er sich bereit, die Größe Berlins schon hier unten im vollkommensten Maße anzuerkennen.

Spreemann aber war für Ehrlichkeit.

»Nicht hier«, sagte er. »Warten wir ab, bis wir oben sind.«

Und vorsichtig begannen sie die steinernen Stufen emporzuhumpeln.

Nach einer Weile machte Slovitzka halt.

Er verpustete sich und sagte, daß dieses Unternehmen nichts für alte Leute sei. Zumal nichts für Spreemann, der doch weit über die Achtzig wäre. Jedes Kind könne ihm das nachrechnen.

Spreemann erwiderte, daß achtzig Jahre noch kein Alter wären. Was sollten dann erst die Leute sagen, die mehr als neunzig hinter sich hätten?

Ohne Slovitzka eines Blickes zu würdigen, stieg er weiter, die Hand fest am Geländer.

Slovitzka wollte auch nicht als Krüppel hingestellt werden. Ächzend hinkte er nach.

Als er endlich aus dem dunklen Treppengewinde ins Freie trat, stand Spreemann schon oben in Sonne und Sommerwind. Den Hut in der Rechten. Als habe er eben tief vor jemandem gegrüßt.

Er zeigte stumm über das Eisengitter ins Weite.

Alte Augen erkennen Fernes besser als Nahes.

Selbst die matten Augen des müden Trinkers starrten staunend auf das große Siegesfeld hartnäckiger Arbeit und eisernen Fleißes, das sich da unten ausbreitete.

Die alten, schwerhörig gewordenen Ohren spürten doch das Keuchen rastloser Mühsal, das dort über den endlosen Reihen der hohen Häuser, den langen Fensterreihen, den nicht zu zählenden Dächern atmete.

Hörten Tausende von arbeitenden Hämmern zu einem Schlage zusammenklingen, zu dem gewaltigen Pulsschlag der Zeit.

Schienen, Fabriken, Bahnhöfe, Kirchen, Häuser und eiserne Brücken waren dort unentwirrbar durcheinandergeworfen. Wie ein einziger, ungeheuer großer Schmiedeofen rauchte und fauchte alles zusammengekettet im sonnigen Mittagsdunst.

Spreemann hatte die Hand fest um das Eisengitter gekrampft.

Er hatte Slovitzka und den Grund seines Hierseins vergessen.

Ein alter Invalide, der alle drei Kriege mitgemacht hatte, erklärte mit zahnlosem Mund das bunte, lebendige Bild. Lächelnd und stolz, wie wenn er selbst alle die Häuser, Bauten und Plätze zu diesem hübschen Panorama zusammengestellt hätte.

Da war die Friedrichstraße, wo man in seiner Jugend noch Stachelbeeren naschen konnte. Das winzige Viereck dort war der Dönhoffplatz. Der einmal Gänsemarkt gewesen und wo jetzt der Freiherr vom Stein in Bronze stand. Was dort rauchte, war die Stadtbahn, die deutlich die Linie bezeichnete, wo einstmals die Grenzmauern trotzten. Ringsum, wo die vielen Schornsteine wie die Lanzen eines Soldatenheeres in den Himmel stachen, hatten sich einmal überall Landstraßen durch die Felder gezogen.

Spreemann nickte beständig mit dem Kopf.

Er sah, was er geahnt und doch nicht gekannt hatte.

So sah sie also aus, die Stadt seiner Enkel.

Sie war ihm fremd, wie seine Enkel. Die er doch liebte, weil sie seine Enkel waren.

Seine Blicke suchten die grüne Zeile der Linden, und seine Augen gingen vom Brandenburger Tor zum Schloß.

Hätte Slovitzka nicht Durst bekommen, hätte er das Heruntersteigen ganz vergessen.

So aber erhielt der Invalide endlich sein Trinkgeld, nachdem er noch auf einen Trupp Arbeiter aufmerksam gemacht hatte, die wie ein Schwarm Krähen auf einem Dach mit vielen Stangen und Drähten hockten.

Bedächtig begann man den Abstieg. Langsam kam man dem Erdboden näher und näher.

Bei einer der letzten Stufen stürzte Spreemann plötzlich.

»Hoppla«, sagte Slovitzka und drehte sich um.

Beim Heruntersteigen war er der erste gewesen.

Aber Spreemann stand nicht wieder auf.

Auch auf Slovitzkas ängstliche Frage, ob ihm etwas fehle, ob er sich weh getan, antwortete er nichts.

Man hob ihn auf.

Zufällig hielt das neue Automobil eines bekannten Bankiers vor dem Rathaus.

Spreemann wurde hineingehoben.

Aber ehe seine Wohnung erreicht war, hatte er zu atmen aufgehört.

Christian erfuhr den traurigen Vorfall zuerst.

Er hatte gerade zum Hut gegriffen, um davonzustürzen, als die Tür des Kontors aufgerissen wurde, und Hans hereintrat. Er hatte eine Rolle in der Hand, schlug Christian damit auf die Schulter und rief lachend und sprudelnd schnell:

»Der Plan ist perfekt, Junge. Wir können morgen mit dem Neubau beginnen. Übrigens habe ich Papas Plan mit dem Garten mitten im Haus tatsächlich aufgegriffen. Die Sache ist gar nicht dumm, gar nicht unausführbar und wird die Konkurrenz schlagen. Irgendwo müßte da eine künstliche Nachtigall singen. Na, das ist wieder dein Feld, du Bastler.«

Jetzt gelang es Christian, den Frohen zu unterbrechen.

Er murmelte ihm dumpf das Vorgefallene zu.

Die Rolle flog auf den Schreibtisch.

Beide Brüder jagten in einer Droschke davon.

Die Frauen standen schon weinend um des Toten Bett.

Im Nebenhause spielte ein Leierkasten.

Dieses Gedudel sollte endlich verboten werden, dachte Hans, als er mit zitternder Hand die Tür des stillen Zimmers aufdrückte.

Ilka küßte Hans und Christian. Dann fuhr sie in die Stadt, um für alle Trauerkleidung zu bestellen.

Annalise blieb zwischen den Brüdern. Flüsternd tauschte man Erinnerungen und versuchte einander zu trösten.

Der Leierkasten wimmerte nun auf der andern Seite des Hofes und verstummte schließlich ...

*

Das Leben geht weiter.

Sofort nach der Beerdigung des Vaters mußten die Söhne zu einer amtlichen Besprechung, die ihren Neubau anging.

»Wieviel an diesem Plan noch von Papa herrührt«, sagte Hans und trocknete sich die geröteten Augen.

»Er hatte immer ausgezeichnete Gedanken«, sagte Christian und schneuzte sich laut.

Seufzend sah Hans nach der Uhr und zuckte zusammen.

»Vorwärts, Kutscher!« rief er heftig.

Der Kutscher ließ die Peitsche knallen. Die Pferde griffen aus ...

Immer weiter blieben Grab und Kirchhof zurück, zwischen Staub und Vorstadtlärm ...

So ist es nun einmal.

Zu irgendeiner Stunde müssen wir fort und alles zurücklassen.

Unsere Träume, wie das Erworbene, nimmt eine neue Zeit als Erbe.

Doch gerade daher kommt's, daß niemand umsonst lebt.

 

Ende

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