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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 32
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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13

Am ratlosesten war Spreemann.

Er hatte sein ganzes Leben hindurch erfahren, daß nichts so schlimm verlief, wie es vorher aussah.

Diesmal hatte ihn diese Erfahrung betrogen.

Er war wie vor den Kopf geschlagen. Er konnte nicht schlafen, nicht essen.

Gewiß, er hatte stets ein wenig gebrummt, wenn ihn Lieschen durch ihre Hustenanfälle weckte und er aufstehen mußte, um ihr die Medizin zu reichen.

Aber nun konnte er gar nicht mehr schlafen, weil ihn Lieschen gar nicht mehr störte.

Am Morgen kam er niemals zurecht mit dem Frühstück. Nur Lieschen hatte verstanden, die richtige Mischung von Milch und Kaffee zu finden.

Seine Krawatte saß schief, weil Lieschens Hand fehlte, die sie zugleich mit dem Morgengruß auf den richtigen Platz gerückt hatte.

Zu einer Ehe gehören eben zwei.

Am leichtesten ertragbar schien Spreemann dieses grausame Geschick im Geschäft.

Da gab es immer etwas Neues, Vorwärtsdrängendes.

Seine Söhne hatten recht, wenn sie sagten, daß sie ihn noch nötig hätten, daß er sich zusammennehmen müsse.

Ihretwegen wollte er sich zusammenraffen.

Das Leben liebt die Lebenden. Es hält sie wohlweislich so straff im Zaum, daß sie nicht weit und nicht lange zurückblicken können.

Vorwärts heißt es, solange nicht für ewig haltgemacht wird.

Auch Ilka und Annalise hätten Lieschens eigensten Wünschen entgegengehandelt, wenn sie nichts andres getan hätten als geweint und getrauert. Sie sollten wieder Mütter werden, und ganz als ob Lieschens auf Gerechtigkeit gerichteter Sinn weitergewirkt hätte, bekam nun Ilka einen Knaben und Annalise eine Tochter.

In Lieschens Schreibtisch hatten sich in einem sauber geschriebenen Heftchen die Rezepte für den Lakritzensaft und den Fenchelsirup gefunden.

So ging es auch ohne sie.

Die Kinder gediehen. Der kleine Otto kam in die Schule, und die kleine Paula lernte sogar schon tanzen.

Kinder und Greise sind einsam.

Am Sonntag, wenn um den Kaffeetisch seiner Söhne neumodische Gäste saßen, spielte Spreemann mit seinen Enkeln im Kinderzimmer.

Er bewunderte ihre feinen Kleider und Röcke, dachte an seine ferne Kindheit und war doppelt stolz über das Heute.

Er fragte den kleinen Otto, ob er sich noch auf die Großmama besinne.

Dieser sagte: »Nein«, schwang sich auf sein Schaukelpferd oder blies in die Trompete.

Die kleine Paula aber nickte auf eine solche Frage und sagte: »Gute Frau.«

Aber es ist sehr möglich, daß dahinter nichts weiter steckte als weibliche Schlauheit; denn auf diese Antwort gab es immer einen Bonbon.

Jeden Sommer fuhr Spreemann nach Nauheim, obwohl immer noch Klappe und Muskel in Ordnung waren und der vergnügteste Augenblick seiner Reise auch jetzt noch der war, wenn er sein Berlin wiedersah. Das ihm dann auch jedes Jahr einige Meilen entgegenkam.

Aber er ging gern in den Salinen auf und ab, deren Luft seinem Lieschen einmal das Atmen erleichtert hatte.

Den Herrn Geheimrat aus Frankfurt hatte er nie wiedergesehen.

Aber es kamen jedes Jahr mehr Berliner in diesen Badeort. Entweder weil Berlin nicht mehr so gesund war, oder weil es jetzt mehr Berliner gab.

Beides war möglich. Denn nun zählte man die Einwohner der Spreestadt nicht mehr nach Tausenden, sondern nach Hunderttausenden.

Berlin war eine Millionenstadt geworden.

Aber Wahrheit war auch, daß man viele neue Krankheiten erfunden hatte.

Spreemann sagte oft genug zu Hans und Ilka, in deren Familie immer ein Arzt irgend etwas zu tun hatte:

»Ich weiß nicht, was ihr jungen Leute immer zu medizinieren habt. Zu meiner Zeit ließ man sich einmal die Woche die Hühneraugen schneiden und nahm vielleicht mal nach einem besonders guten Essen ein bißchen Natron; man hörte, daß sich dieser oder jener mal einen Zahn ziehen ließ. Das war aber auch alles.«

Am meisten ärgerte er sich über die Erfindung der Nervosität.

»War mein Lieschen nervös? Oder Tante Karoline?« sagte er, wenn es bei seinen Schwiegertöchtern nach Eau de Cologne roch und weder er noch die Kinder in die Vorderzimmer gelassen wurden.

Was man früher Ungeduld oder Jähzorn nannte, wurde jetzt vornehm als Nervosität bezeichnet. Mit Tropfen und Pillen behandelt, als ob dergleichen aus der Welt zu scharfen sei.

Nein, alles konnte Spreemann nicht mehr schön finden in seinem Berlin.

Wenn er sich auch äußerlich beherrschte und nichts sagte.

Bis zu dem Tag, an dem das erste Automobil um den Dönhoffplatz gerattert kam.

Wenn er auch davon überzeugt war, daß diese Wagen, die ohne Hott und Brr fuhren und die Luft noch verpesteten, wenn sie schon gar nicht mehr zu sehen waren, immer eine Seltenheit bleiben würden in einer so anständigen Stadt wie Berlin, so konnte er seinen Abscheu davor doch nicht verbergen. Sein Zorn äußerte sich laut.

War es nicht genug, daß eine Eisenbahn um die Stadt rollte?

Wie vorsichtig war Lieschen stets mit dem Benzin umgegangen. Einen ganzen Tag lang hatte ein Gegenstand, der damit behandelt worden war, am Fenster und in den späteren Jahren sogar auf dem Balkon oder im Garten lüften müssen.

Jetzt aber wagte man, Unter den Linden und sogar vor den königlichen Schlössern nach Benzin zu stinken.

Wenigstens hatte er die Freude, an jedem Morgen in der Zeitung einen Unglücksfall zu finden, den diese neuen abscheulichen Fahrzeuge verursacht hatten.

»Man wird nicht eher ruhen, bis man alle Berliner, diese ganze neue Million, wieder totgefahren hat«, sagte er wütend zu Hans und Christian und schlug mit der Faust auf die Zeitung.

Die Söhne antworteten freundlich und nachsichtig, so daß es aussah, als gäben sie ihm recht. Sie wandten gegen sein Gebrumm und Geknurr schon lange einen sanften, gutmütigen Ton an, den sie an der Wiege ihrer Kinder gelernt hatten. Der der Jugend gegenüber: Nachsicht heißt. Und dem Alter gegenüber: Pietät genannt wird.

So vergingen Spreemanns Tage und Jahre zwischen unschädlichem Ärger und gesunder Zufriedenheit. Unbehindert reihten sie sich aneinander.

Und wie man oft im Eifer des Lebens das Fliehen des Sommers erst bemerkt, wenn schon alles kahl und leer ist, spürte auch Spreemann nicht, wie ihm die Zügel des Geschäfts immer weniger straff zwischen den Fingern hingen.

Er war immer noch des Morgens der erste am Platz. Würdevoll ging er von Lager zu Lager, wo sich das Personal tief vor dem greisen Chef verbeugte.

Er fühlte auf Schritt und Tritt, daß man es zu etwas gebracht hatte.

Besonders bei Hans und Ilka sah es wie bei ganz feinen Leuten aus. Und Paulachen, deren erster Zahn einmal Großmutter Lieschens schönstes Weihnachtsgeschenk gewesen, sprach fünf Sprachen, sang zum Klavier und tanzte Walzer und Menuett.

Trotzdem war Spreemann sprachlos, als ihm Hans eines Morgens im Privatkontor mitteilte, daß ein Graf von Brocken-Brinkdorf um Paulachens Hand geworben.

»Der Mann will uns zum Narren halten«, sagte er nach einer Weile des Schweigens mißtrauisch und schüttelte den alten, grauen Kopf, der, wenn er einmal zu schütteln angefangen, stets eine ganze Zeitlang weiterzitterte, wie ein Baumwipfel, an dem der Abendwind rüttelt.

Erst als ihm Hans auseinandergesetzt hatte, daß dieser Graf allerdings ein ganz wirklicher Graf sei, denn auch das wollte der Alte nicht glauben und begreifen, der viele Ahnen, aber keinen Pfennig Vermögen habe, begann er die Angelegenheit wirklich ernst zu nehmen.

»Wir sollen ihn also ernähren, diesen Grafen«, sagte er bedächtig.

»Ich glaube, wir können uns das jetzt leisten, Papa«, entgegnete Hans stolz. »Eine solche Verwandtschaft kann uns in jeder Hinsicht nützlich sein. Ein Graf Brocken-Brinkdorf ist in Preußen noch nicht verloren. Er muß nur in die richtigen Hände kommen.«

Spreemann nickte immer noch mit dem Kopf.

»Wenn das deine Mutter erlebt hätte«, sagte er.

Und im geheimen dachte er auch an seinen Vater.

Aus Rücksicht auf den Grafen jedoch unterließ er es, ihn zu erwähnen.

Doch als der junge Graf einige Minuten später das Kontor betrat, um sich Bescheid zu holen, bemerkte Spreemann, daß diese Zurückhaltung nicht nötig gewesen wäre.

Der junge Mann schüttelte ihm herzlich die Hand und sagte, daß Paulachens Stammbaum auf der Landstraße anfinge und seiner bei den Raubrittern. Er sehe nicht viel Unterschied darin. Wir werden eine Finanzaristokratie gründen, sagte er, denn für die nächsten Jahre wird wohl die einzige Waffe das Geld sein.

Spreemann hatte die zitternde Hand am Ohr, um besser hören zu können, und sein Kopf nickte beständig Beifall.

Sein neuer Enkel schien ein ganz charmanter und liebenswürdiger Mann zu sein. Ein heller Kopf.

Und er nickte noch lächelnd vor sich hin, lange nachdem sich der junge Mann, die Hacken zusammenschlagend, mit respektvoller Verbeugung von ihm verabschiedet hatte.

Als Christian eine Weile darauf hereinkam, weil er beunruhigt war, daß der Vater gar nicht wieder aus dem Kontor herauskam, klopfte Spreemann ihm auf die Schulter und sagte nachsichtig:

»Wir werden auch für deine Kleine einen Grafen suchen, wenn es soweit ist. Warte nur ab, mein Sohn.«

Christian wurde von der ganzen Familie ein wenig bemitleidet. Annalise war zu stark geworden und gab in den teuersten Toiletten keine gute Figur ab.

Sie war zu hausmütterlich und hinter den Zeitansprüchen zurückgeblieben.

Sie fragte, wenn sie eingeladen war, stets nach den Rezepten der ihr vorgesetzten Speisen. Sie machte jeden, mit dem sie bekannt wurde, mit den Verdauungsschwierigkeiten ihres Jüngsten vertraut.

Ilka sagte, daß man, sobald Christians Frau den Mund öffne, die Mühle in Schöneberg klappern höre.

Trotzdem diese längst verschwunden war und an ihrer Stelle ein vier Stock hohes Mietshaus stand.

Und obwohl es doch für alle ganz gut gewesen, daß diese Mühle einmal geklappert hatte.

Aber der Mensch muß manches vergessen können.

Annalise jedoch brachte es fertig, zu Paulas Hochzeit die goldene Münzenkette umzulegen, die sie inzwischen von ihrer Mutter geerbt hatte.

Ilka glaubte vor Verlegenheit versinken zu müssen, als ihre starke Schwägerin mit der schweren Halskette auf der wogenden Brust in den Kreis der neuen Verwandten vom Adel trat.

Zum Glück hatte Ilka damals bei ihres Vaters Bankrott die Porträtsammlung seiner Wirtschafterinnen retten können. Niemand hatte sie haben wollen. Ilka aber hatte sich gesagt, daß es immerhin Handzeichnungen waren, die man in besseren Kreisen höher schätzte als Öldrucke.

Sie hatte sie zuerst in die Rumpelkammer gestellt.

Aber als sie ihre Wohnung vergrößerten, viele kahle Wände zu schmücken bekamen und Mahagonirahmen merkwürdigerweise wieder Mode wurden, hatte sie die alten Bilder wieder hervorholen und abstauben lassen und in dem halbdunklen Zimmer, das den Speiseraum und Salon verband, aufhängen lassen.

Paulachens neue Verwandten, die gar nicht wußten, daß man ohne Ahnen leben konnte, so wie es viele gibt, die gar nicht ahnen, daß man Brot ohne Butter essen kann, hielten diese getreuen Abbilder der ungetreuen Mamsells für Paulachens weibliche Vorfahren.

Niemand widersprach ihnen.

Man ist nicht verpflichtet, seine Verwandten um eine Freude zu bringen.

Außerdem liegt in jedem Irrtum ein Körnchen Wahrheit.

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