Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alice Berend >

Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/berend/spreeman/spreeman.xml
typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090617
projectid9f237800
Schließen

Navigation:

12

Man schildert die Dinge viel lieber, wie man sie wünscht, als sie in Wirklichkeit sind.

Man macht damit sich und andern Freude.

So hatte Lieschen in allen Briefen an ihre Kinder die Annehmlichkeit des Badeaufenthaltes, die Behaglichkeit und Stille des ländlichen Lebens gerühmt. Und stets aufs neue von den Fortschritten ihrer Gesundheit zu berichten gewußt.

Sie hatte im Eifer ihrer Mutterliebe nicht bedacht, daß die Wahrheit immer an den Tag kommt.

Als sie blaß und noch um vieles schmaler als vor ihrer Abreise aus dem Wagenfenster winkte, half auch ihr glückliches, gütiges Lächeln nicht, die Wirklichkeit zu vertuschen.

So sehr sich alle über Spreemanns Aussehen freuten – man sah ihm an, wie gut ihm die Luft der Salinen, ja selbst die gesunde Langeweile bekommen war –, so sehr erschrak man über Mutter Lieschens Magerkeit und Blässe.

Hans, der sie aus dem Wagen gehoben hatte, sagte den anderen, als man allein war und seine schmerzlichen Besorgnisse austauschte, daß er sie kaum im Arm gefühlt habe. Wie ein Wölkchen wäre sie gewesen.

Annalise schluchzte. Ilka trommelte gegen die Fensterscheiben.

Christian saß schwer, wie an seinen Stuhl geleimt, mitten im Zimmer.

Spreemann sah unruhig von einem zum andern.

»Was habt ihr denn?« fragte er. »Die Mutter ist ein wenig müde von der Reise. Das ist alles. Ich bin doch jeden Tag um sie gewesen.«

»Eben darum«, sagte Hans. »Da verliert man den Blick dafür.«

Er war in bitterer Erregung. Er hatte immer gefürchtet, daß von irgendwoher noch eine Vergeltung kommen würde. Die ganze Zeit hatte er geahnt, daß die Mutter alles wisse, daß dieses Geheimnis sie aufzehre.

Von Unruhe getrieben, verließ er das Zimmer.

Leise klinkte er die Tür des Schlafzimmers auf, wo sich Lieschen niedergelegt hatte, um von der langen Reise auszuruhen.

»Hast du gerufen, Mutter?« fragte er verlegen.

»Nein«, antwortete Lieschen. »Aber setz dich nur zu mir, mein Junge.«

Behutsam ließ er sich auf dem Stuhl an ihrem Bett nieder.

Er mußte wieder an jenen Kinderstreich mit der Himbeerflasche denken. An jenen Abend, wo er sich weinend vor Scham und Reue im Bett herumgewälzt, bis sich die Mutter an sein Bett gesetzt hatte und alles wieder gut geworden war.

»Woran denkst du?« fragte Lieschen.

»An ein Unrecht, das ich begangen«, sagte er zögernd.

Und nach einer beklemmenden Pause begann er seine Kindererinnerungen zu erzählen.

Lieschen unterbrach ihn. Sie faßte seine Hand.

»Laß das«, flüsterte sie. »Ich weiß, was dich grämt. Schüttle es nun ab. Keiner wird gescheit geboren. Du wirst dafür künftig doppelt vorsichtig und verständig sein. Den Müllersleuten ist ja kein Leid geschehn. Ihr werdet es bald wieder erarbeitet haben und alles zurückgeben. Das mußt du mir versprechen.«

Hans kniete vor dem Bett nieder und bedeckte die feuchte, heiße Hand mit Küssen.

»Weiß Gott, das werden wir«, schwor er. »Aber, Mutter – woher weißt du alles?«

Lieschen lächelte.

»Ihr seid doch mein eigen Fleisch und Blut«, sagte sie. Und ihr Lächeln vertiefte sich.

Hans saß noch eine Weile stumm neben dem Bett. Dann ging er leise hinaus.

Die Mutter schien zu schlummern ...

Hans hatte gehofft, daß diese geheime Unterredung die Mutter ebenso stärken würde wie ihn selbst.

Wirklich sah es auch zuerst so aus.

Lieschen war am andern Morgen aufgestanden und hatte am Vormittag der kleinen Paula und am Nachmittag dem kleinen Otto die hübschen Spielsachen gebracht, die sie auf der Reise für sie eingekauft hatte.

Sie hatte die Tage darauf alles, was im Koffer und in der Fremde gewesen, aufgetischt und ordentlich wieder dem Haushalt eingereiht, die Teppiche wieder aufrollen, die verhüllten Lampen und Vasen wieder auswickeln und behutsam reinigen lassen.

Aber als sie die Gewißheit hatte, daß in der ganzen Wohnung kein Staubkörnchen lag, waren ihre Kräfte zu Ende.

Sie mußte sich niederlegen. Nur für einige Tage. Um dann wieder um so kräftiger zu sein.

Ehe Spreemann ins Geschäft fuhr und – mit der Uhr in der Hand die Pferdebahn erwartend – an ihrem Bett stand, sagte er jedesmal, daß es sehr vernünftig von ihr sei, auch heute im Bett zu bleiben. Draußen versäume sie nichts. Es wäre das richtige Herbstwetter.

Jeder, der Lieschen besuchen kam, klagte über dieses naßkalte Wetter.

Lieschen dachte es sich nicht so schlimm. Es gab doch Regenschirme und Gummischuhe, und alle Straßen waren jetzt gut gepflastert.

Sich bewegen zu können und frische Luft zu atmen war wohl kein Unglück.

Aber sie wollte die andern nicht kränken und bedauerte sie alle, ermahnte jeden, vorsichtig zu sein und weder Gummischuhe noch Wollzeug zu vergessen.

Alle Kinder zeigten Liebe und Herzlichkeit. Sie kamen täglich und nie mit leeren Händen.

Jeder brachte ihr, was er selbst am liebsten aß.

»Beraubt euch doch nicht meinetwegen«, sagte Lieschen sanft. »Ich habe jetzt gar keinen Appetit. Bis ich wieder gesund bin, sind die Sachen verdorben.«

Und sie wickelte den Kaviar, den ihr Ilka brachte, für Annalise ein, und das Weingelee von Annalise für Ilka. Sie ließ die Gänseleberpastete, die ihr Hans brachte, für Spreemann auf den Abendbrottisch stellen und den Aal in Gelee, den Christian geschickt hatte, in der Speisekammer verwahren.

Der Arzt kam jeden zweiten Tag.

Heute sagte er, daß Lieschen gar nichts fehle, und übermorgen, daß ihr Befinden bedeutend gebessert sei.

Angenehmen Worten geht man nicht unnütz auf den Grund. Lieschen glaubte ihm und fühlte sich nach jedem seiner Besuche eine Zeitlang munterer.

Die ganze Familie schwor auf seine Tüchtigkeit.

Als er wieder einmal versichert hatte, daß Lieschen gar nichts fehle, hatte sie ihn gefragt, ob sie bald aufstehen dürfe. Weihnachten rücke nun näher, und sie liebte es, ihre Einkäufe mit Ruhe und Überlegung zu machen.

Der Arzt sagte, daß sie noch ein wenig Geduld haben solle.

Lieschen fragte, ob ihr auch wirklich nichts Ernsthaftes fehle, und fügte gleich selbst zur Beschwichtigung dieser Frage hinzu, daß sie doch diese Atembeschwerden seit Jahren habe und es trotzdem immer weitergegangen wäre.

Der Arzt sagte, daß sie mit diesen kleinen Beschwerden in aller Bequemlichkeit achtzig werden könne.

»Achtzig«, wiederholte Lieschen. »Nicht neunzig?«

Der Arzt runzelte die Stirn über diesen neuen Einwand und sagte, daß er auch gegen neunzig nichts einzuwenden habe.

Wie ungenügsam sich selbst die Bescheidensten in gewissen Fällen erweisen.

Lieschen, die ihn beobachtet hatte, fürchtete, seinen Mißmut erregt zu haben. Sie sagte, daß der Herr Doktor sie nicht für besonders vergnügungssüchtig halten solle. Es wäre nur ein wenig Neugierde. Es gab so vieles, was man noch gern hätte sehen mögen. Zum Beispiel die neue Stadtbahn, die sie da zu bauen begonnen. Rundherum um Berlin. Wie ein Karussell für Erwachsene. Und dann, wenn der kleine Otto das erstemal zur Schule gehen würde, wenn man die kleine Paula am Ende gar noch als Braut sehen könnte, und ...

Sie hörte auf.

Beinahe hätte sie die Pläne der Söhne verraten.

Wenn der Doktor hätte hören können, was alles hier im Zimmer gesprochen wurde, wie man Spreemann & Co. nach und nach zu vergrößern gedachte, ein Glaspalast, ein Märchenschloß voll Waren und Lichter, er würde sich auch wünschen, das alles noch zu erleben.

Aber sie erinnerte sich zur rechten Zeit, daß alles auf das Geschäft Bezügliche Geheimnis sein mußte. Das hatte sie schon als Mamsell bei Spreemann gelernt.

So brach sie ab und sagte:

»Ich langweile Sie gewiß, Herr Doktor.«

Und fügte in ihrer höflichen Bescheidenheit hinzu, daß er ganz recht habe und daß sie sich gewiß auch mit achtzig begnügen könne.

Der Arzt, der inzwischen die altmodische Einrichtung des Schlafzimmers gemustert und sich überlegt hatte, wie einfach früher die reichen Leute gewesen, stand nun auf und sagte freundlich, daß die Hauptsache Geduld und Mut sei. Auch ein Arzt sei kein Zauberer. Der Patient selber müßte zu seiner Besserung beitragen.

Das wollte Lieschen gern. Wenn sie nur gewußt hätte, wie man das anstellte.

Aber es gibt eine Macht, die sich durch keine schönen Worte, durch keine Schmeichelei und keine Verstellung beirren läßt.

Eines Morgens war Lieschens matte Lebensflamme verlöscht, ohne daß sie es selbst gemerkt hatte.

»Es ist nicht möglich«, sagte Spreemann.

»Es ist nicht möglich«, wiederholten seine Kinder.

»Die reiche Frau Spreemann«, sagten die Nachbarn, die alten am Dönhoffplatz und die neuen um den Kastanienbaum. »Sie hatte Glück, sie hat ein leichtes, sorgloses Leben gehabt.«

Dasselbe sagte auch ihr Leichenstein.

Dieser prunkvolle Obelisk, der schwarz und schwer auf dem Grabe des kleinen Waisenmädchens stand.

Alles, was Lieschen im Leben gewesen, war mit deutlichen goldenen Buchstaben auf dem großen Stein vermerkt und für jeden lesbar.

Alle diese Steine auf weitem Felde erzählen eine liebevolle Geschichte.

Aber mancher ahnt, daß trotz der schönen und erklärenden Worte in jedem Grab ein Geheimnis ruht.

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.