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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 30
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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11

Vieles, was uns geschieht, erscheint uns sinnlos, grausam und ohne Zweck. Erst lange nachher sehen wir ein, wie notwendig alles war, wie klar das Schicksal wußte, was es tat. Daß es gar nicht hätte anders verfahren können, wenn es uns trotz aller Wirrnis gewaltsam auf den rechten Weg schieben wollte.

Mit beschämter Bewunderung sehen wir, aufatmend, zurück und doppelt mutig vorwärts. Um, im Vertrauen auf die gütige Vorsehung, neue Dummheiten zu begehen.

Aber soweit waren Hans und Christian noch nicht.

Sie glaubten, sich in einem sinnlosen Wirbel zu drehen. Sie suchten, triefend vor Angstschweiß, das Gleichgewicht zu finden zwischen Tod und Leben, zwischen der Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft.

Vater Spreemanns Freude über den großen Zusammenbruch hatte nicht lange dauern dürfen.

Die Nachricht vom Tode des Müllers hatte ihr bald ein Ende gemacht.

Denn obwohl er in den besten Lebensjahren war, erschütterte ihn jeder rasche Tod. Er war erschreckt und niedergeschlagen, und als er hörte, daß allzu große Freude den Müller dahingerafft hatte, murmelte er entsetzt:

»Was alles vorkommt. Man kann nicht vorsichtig genug sein.«

Er fürchtete, daß auch ihn die durchaus nicht kleine Menge Freude von heute morgen geschadet haben könnte. Er fühlte sich gar nicht wohl. Er hatte einen üblen Geschmack im Mund und ließ einen Arzt rufen. Trotzdem er früher gar nicht für die Ärzte gewesen war.

Aber der elegante junge Mann, der seit der Ankunft der Enkel mit dem Hause Spreemann in Verbindung stand, fand Puls und Herz und alles, was diese beiden Apparate in Gang zu halten hatten, in vollkommenster Ordnung.

Da war nichts zu verschreiben. Nur anzuraten, daß man in diesen etwas aufgeregten Zeiten Ruhe bewahre.

Nachdenklicher wurde der Blick des Arztes, als Lieschen ins Zimmer kam. Sie sah in dem neuen Trauerkleid auffallend blaß und schmächtig aus.

Aber sie wollte nicht untersucht werden. Sie mühte sich zu einem Lächeln und sagte, daß sie ganz gesund sei. Mit dem Atem hapere es manchmal ein bißchen. Aber es hätte ja immer noch ausgereicht. So nahm der Arzt seinen silbernen Krückstock und ging. Er hatte in diesen Tagen genug zu tun.

Spreemann wäre es lieber gewesen, wenn er ihm ein Medikament verschrieben hätte, das man aus der Apotheke fertig holen lassen konnte.

In diesen Tagen »Ruhe« zu verschreiben, war kein Kunststück. Sie finden war schwerer.

Es brannte an allen Ecken.

Slovitzka war fort. Und sein Geld auch. Trotzdem er es nicht mitgenommen hatte. Es war ihm nicht mehr zu helfen gewesen. Ilka lag krank und fieberte. Annalise weinte um den Vater! Hans sah sehr schlecht aus. Der Tod des Müllers schien ihm merkwürdig nahegegangen zu sein. Ob er sich nicht gesund fühlte? Christian hatte nur mit Erbschaftsregulierungen zu tun und gab auf die einfachsten Fragen ausweichende Antworten.

Wozu das alles? Warum mußte das alles auf einmal kommen?

»Wer weiß, wozu es gut ist«, antwortete Lieschen.

Weniger aus Einsicht und Überzeugung, als weil sie es im Waisenhaus so gelernt hatte.

Bei allen Unglücksfällen erwachte die demütige Waise in ihr.

Die Jugend stempelt den Menschen.

Spreemann war gewohnt, das Unangenehme mit dem Fuße beiseite zu schieben. Aber diesmal schienen Hände und Füße kaum ausreichen zu wollen.

Am liebsten war er bei Annalise und dem kleinen, kraftstrotzenden Otto. Da war es hell und friedlich. Denn Annalisens Schmerz milderte die Zärtlichkeit, die ihr Christian in diesen Tagen bewies.

Wenn Christian Annalisens blonden Kopf erblickte, fühlte er jedesmal die qualvolle Schuld, Hans mit dem Erbe ihres Vaters geholfen zu haben. Das machte ihn über alle Maßen sanft und zärtlich zu seiner Frau.

Der blonden Annalise die Wahrheit zu sagen, kam ihm gar nicht in den Sinn. Er sprach mit ihr fast immer in dem harmlosen Tändelton, mit dem er sein Söhnchen beschwichtigte.

Das Richtige ist wohl auch das Rechte.

Annalise war glücklich dabei.

Wenn er doch einmal vom Geschäftlichen reden wollte, hielt sie sich die Ohren zu oder unterbrach ihn bald, indem sie ihn auf eine reizende Grimasse des kleinen Otto aufmerksam machte, den sie stets auf dem Schoß hielt.

Dieser häusliche Frieden tat Spreemann in diesen Tagen wohl. Er fühlte das Berliner Blut in Annalise und Otto.

Mutter Lieschen hatte schweigend das schwierigere Teil erwählt. Sie pflegte Ilka, die mißgelaunt, ungeduldig und rücksichtslos war.

Sie verbrachte die Maitage im verdunkelten Krankenzimmer und dachte oftmals, daß sie ihren neuen Freund, den Kastanienbaum, kaum noch einmal in neuer Blüte sehen würde. Aber dann schob sie die trüben Ahnungen den dunklen Vorhängen zu, die alle Sonne aussperrten, und freute sich an der kleinen Paula, auf deren Gesicht sich jedesmal ein Lächeln einstellte, wenn die Stimme der Großmutter zu hören war. Die trotz der Erregung um sich herum ein weißes Zähnchen neben das andre setzte und schon viel von der unbeirrbaren Sanftheit echter Weiblichkeit verriet.

Lieschen hatte mancherlei zu denken. Ihre Augen hatten mehr erblickt, als sie gesehen zu haben schienen.

Hans hatte ihr jene Ersparnisse getreu zurückerstattet. Aber sie hatte das Zittern seiner Hände bemerkt. Es entging ihr nicht, daß Hansens Hände jetzt immer zitterten, sobald sie Geld berührten.

Sie sah den Schatten, der über Christians Stirn fiel, wenn ihn Annalise anlächelte, oder die Müllerin breit und schwerfällig von dem gewichtigen Erbe sprach.

Sie wußte alles, ohne daß ihr jemand ein Wort gesagt hätte.

Aber sie wagte nicht einmal, mit sich selbst davon zu reden. Nicht einmal in der Dunkelheit der Nacht sich diesen Gedanken hinzugeben. Aus Furcht, daß Spreemann ihre Gedanken fühlen könnte.

Genug, daß alles wieder in Ordnung zu kommen schien.

Ganz Berlin schien wieder auf die Beine gekommen zu sein.

Wo man ging und fuhr, tönte der ruhige und feste Hammerschlag der Arbeit.

Man hatte sich von dem ungeübten Hasardspiel in die alte Gewohnheit gefunden.

»Offiziell verliert der Berliner keine Schlachten. Unser Bär hat ein dickes Fell«, hatte Christian mit ruhigem Lachen gesagt, als Lieschen neulich im Geschäft war und sich wunderte, wie viele sich wieder zur Reise rüsteten und sich kauflustig und schwatzend zwischen den gehäuften Warenständen drängten.

»Gott geb es«, hatte sie ihm dankbar geantwortet.

Und war mit neuem Mut zu Ilka zurückgekehrt. Die sich zu erholen begann. Und endlich durch eine Badereise den Kummer über das Geschick ihres Vaters zu lindern und zu heilen suchte.

Ganz allmählich war man wieder ins alte Geleise gekommen.

Auch Spreemann sagte, daß er sich wieder wohler fühle, obgleich niemand gewußt, daß ihm etwas gefehlt hatte.

Aber dem geschickten Arzt, der ihm Puls und Herz genau behorcht hatte, war doch etwas entgangen:

Das Mißtrauen, das auch in Spreemann gearbeitet hatte.

Wenn Klaus auch nicht so hellseherisch und so feinhörig war wie Mutter Lieschen, blind und taub war er doch nicht.

Er hatte wohl empfunden, daß irgend etwas mitschwirrte, was nicht zu dem Tode des Müllers oder Slovitzkas Bankrott gehörte.

Die stille Bescheidenheit, die über Hans gekommen war, gefiel ihm nicht. Er sagte sich, daß alles in der Welt seine Ursache hat.

Als man ihm den Tod des Müllers mitteilte, hatte Hans sogar versucht, ihm die Hand zu küssen. Das hatte er natürlich nicht zugelassen. Selbst nicht im Schreck.

Erst nachher war ihm diese merkwürdige Begebenheit aufs neue eingefallen und wieder lebhaft vor Augen gekommen. Voll Mißtrauen sagte er sich, daß sich die Menschen nur in ganz besonderen Fällen so exaltiert benähmen wie die Leute auf der Bühne. Dahinter mußte also etwas verborgen sein!

Aber weil er in dem Tod des Müllers eine Warnung sah und wohl wußte, daß Schreck ebenso gefährlich sein konnte wie Freude, folgte er der Vorsicht des Arztes und verhielt sich ruhig.

Erst als ihm seine Ahnung sagte, daß die größte Gefahr vorüber sei, wagte er sich wieder hervor.

Genau und durch zwei scharfe Brillen prüfte er Bücher und Kasse. Alles stimmte. Nichts fehlte.

Er schalt sich einen Narren. Und überlegte, ob seine Gesundheit nicht doch geschädigt sein müsse, wenn er sich auf so übertriebene Weise von der allgemeinen Unruhe konnte anstecken lassen.

Denn diese letzten Wochen waren nicht schön gewesen. Daher kam es ihm sehr gelegen, daß der Arzt, der Lieschen täglich bei Ilka sah, sehr zu einer Erholungsreise riet. Er verordnete einen Kuraufenthalt im Bad Nauheim zur Stärkung von Lieschens Herz.

Lieschen wollte nichts davon wissen. Sie fand es lächerlich, daß ihretwegen so viele Umstände gemacht werden sollten. Daß man, um sich ein bißchen neuen Atem zu holen, eine lange Eisenbahnfahrt machen sollte.

Aber Spreemann stellte sich ganz auf die Seite des Arztes. Der erklärt hatte, daß Luftveränderung selbst Gesunden heilsam sei.

Schließlich sah Lieschen ein, daß es Spreemann wohl guttun könne, einmal auszuspannen. Das Leben war jetzt lauter und anstrengender als früher. Und wenn er es auch nicht wahrhaben wollte, so war er doch nicht mehr einer der Jüngsten. Einige Wochen Ferien waren ihm gewiß zu gönnen.

»Das hätte ich auch nicht gedacht, daß wir Alten uns noch einen Koffer zulegen«, sagte sie stolz, als sie in einen praktischen, braunen und buckligen Behälter viele vor Kälte, Hitze, Regen und allen sonstigen Wetterumschlägen schützende Gegenstände für sich und auch Spreemann sorgfältig und faltenlos packte.

Was neu ist, gefällt.

Die Eisenbahnfahrt verlief ganz behaglich. Man hatte sich reichlich mit Essen versehen und auch am Bahnhof noch so viele Körbchen und Schächtelchen von den guten Kindern mit auf den Weg bekommen, daß für Zerstreuung reichlich gesorgt war. Ganz abgesehen davon, daß man nur zu den Fenstern hinauszusehen brauchte, um jedesmal etwas andres vor Augen zu haben.

Die Enttäuschung für Spreemann folgte erst später.

Man meint es gut mit sich. Und trifft doch nicht immer das Richtige.

Nicht, daß ihm der saubere und elegante Kurort mißfallen hätte. Es war nichts an ihm auszusetzen. Nur die Tage waren hier noch einmal so lang wie in Berlin. Unnatürlich lang.

Schon am zweiten Tag fragte er Lieschen, wie lange sie noch hier zu bleiben hätten. Ob sie noch viele Bäder zu nehmen, noch viele Becher zu trinken habe.

Und als es am dritten Tag gar regnete, sagte er, ob er nicht recht hätte mit seiner Behauptung, daß es in Berlin am schönsten sei. Da hatte man sein Geschäft, da hatte man seine Wohnung und seine Familie.

Lieschen sagte, daß die Reise doch sein eigener Wunsch gewesen wäre und daß sie ihm auch gut bekomme; denn er habe schon viel rosigere Backen.

Das besänftigte ihn ein wenig. Er ging zum Barometer und fand, daß es gestiegen war.

Trotzdem regnete es auch am folgenden Tag, und Spreemann sah von neuem bestätigt, daß es Frauen viel leichter im Leben haben als Männer.

Lieschen empfand keine Langeweile. In der Frühe hatte sie schluckweise Brunnen zu trinken. Dann mußte sie ruhen. Dann nahm sie ein kohlensaures Bad und mußte wieder ruhen. Wobei sie sich aber mit der Badefrau unterhielt und täglich etwas Neues erfuhr. Sie wußte bald, wie viele Bäder der russische Großfürst schon genommen, der die schöne, versteckte Parkvilla bewohnte. Daß er seine vielen Orden mit in die Badezelle, aber nicht ins Wasser nahm. Daß neulich ein Kurgast ein Bein gebrochen habe. Daß die blonde Dame, die stets am Arm des graubärtigen Herrn zum Brunnen kam, weder seine Frau noch seine Tochter oder Schwester wäre. Kurzum, sie hatte Zerstreuung.

Spreemann ging derweil im Park spazieren. Unter den alten, schattigen Bäumen. Und weil er gewohnt war zu rechnen, rechnete er sich dann und wann aus, wie viele Becher Lieschen noch zu trinken, wie viele Tage und Nächte sie hier noch zu verbringen hatten.

Auf einer Bank am Schloßteich pflegte er sich auszuruhen und den Schwänen zuzusehen, die träge hin und her schwammen.

Er beobachtete sie und dachte, daß man mit soviel tausend kleinen Federn allerdings genug mit sich zu tun haben könnte, sonst würde es solch ein Schwan auch wohl kaum aushalten können vor Langeweile.

Eines Morgens setzte sich ein Herr neben ihn. Er mochte wohl im gleichen Alter sein wie er selbst. Aber Spreemann legte doch die Hand an die Uhrkette. Außerhalb Berlins traute er keinem Menschen.

Der andere musterte ihn ein wenig.

Dann sagte er:

»Muskel oder Klappe?«

»Wie?« entgegnete Spreemann verlegen und befangen.

»Ich frage, ob Muskel oder Klappe?« wiederholte der andre höflich.

Jetzt verstand ihn Spreemann. Er war schon eine Woche hier und hatte einige Erfahrung in den hiesigen Fachausdrücken gewonnen.

Der andre fragte nach dem Krankheitszustand seines Herzens. Hier sah jeder im Nächsten einen Leidensgefährten.

»Klappe«, antwortete also Spreemann. »Aber nicht ich – sondern meine Frau.«

»So, so«, sagte der Fremde und sah ihn neidisch an. »Ich bin leider nicht verheiratet.«

Dann schwiegen beide und sahen dem Schwan zu, der wieder seine Federn zählte.

»Auch ich habe einen Klappenfehler«, sagte der Fremde nach einer Weile. »Aber was tut es? Man lebt danach. Dann ist keine Gefahr. Man kann zehnmal länger leben als mancher, der kerngesund ist. Der zum Beispiel unter einen Bierwagen kommt. Das sage ich mir täglich zum Trost. Und das können Sie sich auch zum Trost für Ihre werte Frau Gemahlin gesagt sein lassen.«

Er schöpfte Luft. Und hatte nun eine ganze Weile zu tun, ehe er seinen Atem wieder in Ordnung gebracht hatte.

Spreemann benutzte diese Pause, um dem Fremden seinen Namen zu sagen. Weil er das für fein und angebracht hielt.

»Spreemann«, sagte er, »von Spreemann & Co.«

»Ah«, hustete der andre. »Das neue Warenhaus in Berlin. Sehr interessant.«

Er stellte sich als Geheimrat aus Frankfurt vor.

Aber mehr konnte er für heute nicht sagen. Er lebte genau nach der Uhr. Es war Zeit für ihn, zurückzukehren. Beim Gehen aber durfte er nicht sprechen.

Immerhin hatte der kleine Zwischenfall Abwechslung in Spreemanns Leben gebracht.

Er war neugierig, ob sich der Herr Geheimrat morgen wieder einfinden würde.

Geheimrat war schließlich eine angesehene Position.

Der Wohlgepflegte mit dem Klappenfehler kehrte wirklich am andern Morgen zurück. Auch an den nächsten Tagen. Es gab einige angenehme Plauderminuten. Der Herr Geheimrat, der seit Jahren herkam, wußte viele hübsche Wege zu empfehlen und auch dieses und jenes von manchem Vorüberkommenden zu erzählen.

Man begrüßte sich bald wie alte Bekannte, und Spreemann suchte im geheimen schon nach einem Vorwand, um auch am Nachmittag mit ihm zusammentreffen zu können.

Da kam man unglücklicherweise auf Berlin zu sprechen. Nicht einmal direkt.

Der Ärger sucht sich immer auf Umwegen an uns heranzuschleichen.

Der Herr Geheimrat hatte das Kurhaus getadelt und erklärt, daß dort vor dem Deutsch-Französischen Krieg viel zu hoch gespielt worden war. Er selbst wäre in jungen Jahren oft dabeigewesen, denn ein Süddeutscher hätte immer ein wenig Wein im Blut. War leicht zu Passionen geneigt.

Spreemann hatte darauf nichts zu erwidern gewußt, was der andre aber als schweigenden Tadel auffaßte. Denn er war ohnedies der Ansicht, daß alle Gesunden eingebildet seien.

»Das verachten Sie als Berliner natürlich. Sie spielen selbstverständlich nur Sechsundsechzig zu einem halben Pfennig.«

Er hatte damit den Nagel auf den Kopf getroffen.

Aber der Ton, in dem diese Wahrheit hervorgebracht worden war, gefiel Spreemann nicht.

Er sagte:

»Ich bin weder geizig noch verschwenderisch. Und kümmere mich nicht um anderer Leute Spiele. Aber es gefällt mir nicht, wenn einem Geld fortgenommen wird, ohne daß man es will. Was bei Glücksspielen häufig vorkommen soll.«

»Sie sprechen als echter Berliner«, sagte der andre.

Spreemann wollte schon für die Schmeichelei in höflicher Abwehr danken, als der Frankfurter fortfuhr und sagte, daß es bei solchen Ansichten doppelt verwunderlich gewesen, daß sich die Berliner eine Zeitlang alle miteinander, wie man sagt, dem Hasardspiel hingegeben hätten. Wahrscheinlich hatten sie zuviel Champagner in Frankreich genascht.

An diesem Rausch würden sie noch eine ganze Zeitlang zu knabbern haben.

Sehr erregt erwiderte Spreemann, daß zum Beispiel er selbst und seine Söhne jeder Spekulation ferngeblieben wären und mit ihnen mancher echte Berliner. Daß es sich außerdem längst gezeigt habe, daß der kleine Aderlaß nach der großen Siegesfreude der alten Berliner Arbeitskraft ganz vortrefflich bekommen sei.

Jetzt werde alles seinen kräftigen, gleichmäßigen Gang gehen.

Er werde es mit seinem eignen Warenhause beweisen.

Der Gesunde hat immer recht.

Spreemann konnte ohne Unterbrechung reden und sich erregen, denn der arme Frankfurter war von dem Vorhergehenden viel zu sehr angestrengt, um schon wieder sprechen zu können.

So kam Spreemann von einer guten Eigenschaft Berlins auf die andre, bis er zuletzt sogar bei der Wissenschaft anlangte, obwohl ihn eine dunkle Empfindung ahnen ließ, daß die Wissenschaft nur für wenige da sei.

Er sagte, daß man in Berlin jetzt so weit wäre, daß ein berühmter Arzt neulich sogar noch eine halbe Stunde mit einem eben Verstorbenen gesprochen hätte.

Der Frankfurter hatte wieder Atem gefunden.

Er riß erstaunt und voll Interesse die Augen auf und fragte hastig, was der Tote geantwortet habe.

»Leider gar nichts«, sagte Spreemann ruhig und vertrauensvoll. Und schrak zusammen, als sein Nachbar in ein Gelächter ausbrach, das selbst den sich glättenden Schwan aufflattern ließ.

»Großartig!« rief er dabei aus.

Aber nun verschluckte er sich und kam erst wieder nach langer Zeit zu Atem.

Spreemann war froh, als er sich endlich, wenn auch noch röchelnd, erhob und davonhumpelte.

Seit diesem Tag sahen sie sich nicht wieder.

Spreemann war der Aufenthalt verleidet worden.

»Warum sind hier fast gar keine Berliner?« fragte er Lieschen.

»Weil Berlin die gesündeste Stadt der Welt ist.«

Und er überredete Lieschen, auf zwei oder drei Bäder, die ihr noch gebührt hätten, zu verzichten.

Lieschen lächelte milde und nachsichtig.

Und so fuhren sie wieder heim.

»Siehst du, nun waren wir also auch verreist. Nun wissen wir, wie es ist«, sagte Spreemann zufrieden, als Sand und Kiefern die vertraute Nähe Berlins verrieten.

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