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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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correctorreuters@abc.de
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10

Manche glauben an Träume. Vermuten Ahnung, Wahrheit und Prophezeiung in ihnen. Sehr möglich, daß sie recht haben. Die Schwierigkeit dabei liegt nur in der rechten Deutung. Meistens laufen da Irrtümer unter. Die selbst den schönsten Traum zunichte, ja gefährlich machen können.

Was nützt es, wenn man von vielem Geld träumt und nun mit Freuden annimmt, daß einem Reichtum zugedacht ist. Eine Deutung, die ebenso natürlich wie naheliegend scheint. Man wird wagemutig werden, und es wird ein doppelt unangenehmes Erwachen geben, wenn es sich herausstellt, daß man den Traum von der verkehrten Seite aufgefaßt hatte. Daß er uns nur hatte warnen wollen. Uns liebevoll das Geld gezeigt hatte, das wir verlieren sollten.

Der arme Mensch irrt selbst im Traum.

Besser daher gar nichts geträumt, gar nicht gedeutet. Und einfach gearbeitet.

Zu dieser alten Einsicht sollten auch die Berliner zurückkommen.

Als es zu spät war.

Die guten Vorsätze kommen immer nachgehinkt. Sie sind nun einmal nichts Normales. Der Wahrheit die Ehre.

Man kann immer nur gewinnen, wenn sich der andere verrechnet hat. Hier aber hatten sich alle verrechnet.

Die große Seifenblase, die aus dem Gebrodel dieser überstürzten, sozialen, wirtschaftlichen und moralischen Umwälzung goldschillernd aufgestiegen, war plötzlich zersprungen. Wie wenn jemand zu stark geblasen hatte. Weil man sie gar zu groß hatte haben wollen.

Krach hatte sie gemacht und war zerplatzt. Und nichts mehr war da, von allem, was geglänzt und gefunkelt hatte und jedem greifbar und nahe schien. Nur bittrer Schaum war zurückgeblieben.

Spreemann triumphierte.

Es tat ihm leid, daß es nun in vielen Familien einige Tage recht traurig zugehen würde, daß auch Slovitzka wohl ein aufgeregtes Stündchen bevorstand, aber es war ihm doch seit langem nicht so wohl zumute gewesen wie in diesen Stunden, wo er in seinem Privatkontor die Zeitung studierte.

Da hatte der alte Vater doch wieder einmal recht behalten mit seinen umständlichen, altmodischen Ansichten. Am Ende waren die Alten doch noch ein wenig nötig in dieser neuen Zeit.

Er suchte erregt nach seinen Söhnen. Ein bißchen Anerkennung wollte er doch haben.

Im Schuhwarenlager schluchzte das Fräulein wie eine getretene Katze. Er fragte sie, ob die Mutter gestorben wäre. Aber sie weinte nur, weil sie eine Aktie gehabt. Von Christian wußte sie nichts.

Der junge Mann in der Konfektionsabteilung lehnte matt an dem Ständer mit den Frühjahrsnovitäten. Er sah aus, als ob er die Gelbsucht hätte. Da brauchte man sich nicht erst zu erkundigen. Dem sah man an, daß er eine Aktie hatte.

Aber der Chef fragte ihn nach Hans.

Der junge Herr war dagewesen, aber nur auf einen Augenblick: Um sich einige Schlüssel zu holen. Gesagt hatte er nichts.

Auch Herr Christian war schon hier gewesen. Und hatte wie sonst zu arbeiten begonnen. Aber dann hatte ihn ein Bote abgerufen.

Spreemann wunderte sich ein wenig.

Vielleicht brauchte Slovitzka Hansens Rat.

Christian war wohl von Annalise gerufen worden. Der kleine Otto hatte seit einigen Tagen Schnupfen, und da gab es immer ein großes Hin und Her zwischen Geschäft and Haus.

So nahm er eine große Zigarre und setzte sich wieder in seinen Bürostuhl.

Es war noch früh. Und außerdem würden wohl nicht viele Lust und Zeit haben, sich neue Stiefel und Aschenbecher zu kaufen.

Die Jungen würden vielleicht besorgt sein um den künftigen Geschäftsgang. Er konnte sie beruhigen. Das waren immer nur wenige Tage, in denen der Stadt der Atem stockte. Er hatte drei Kriege, Cholerajahre und alles mögliche hinter sich und reiche Erfahrung gesammelt. Merkwürdig genug, aber es blieben bei allen Unglücksfällen immer noch Leute übrig, die kaufen und das Leben genießen wollten.

Ruhig kräuselte sich der Rauch über dem grauen Kopf mit den scharfen, vergnügten Äugelchen hinter der Brille.

Nie könnten wir froh sein, wenn wir alles wüßten ...

Christian war nicht auf dem Weg zu Weib und Kind. Ilka hatte ihn rufen lassen.

Er hatte die unruhige Stadt hinter sich und fuhr im Wagen durch die morgenstille Tiergartenstraße. In den Bäumen zwitscherten die Vögel. Aus den Zweigen, aus Erde und Gehölz quoll der feuchte, kühlende Atem des arbeitenden Frühlings. Mancher Strauch hatte schon grüne Spitzen.

Christian war überzeugt davon, daß ihn Ilka um ihres Vaters willen hatte rufen lassen. Wenn sich die Börse nicht wieder erholte, mußte es schlimm um Slovitzka stehen. Aber Christian freute sich ein wenig, daß ihn Ilka brauchte.

Nun stand er vor ihr.

Sie trug ein weißes Morgenkleid und hatte die dunklen Haare gar nicht zu den langen Lockenpuffen gedreht, wie man sie an der eleganten Frau Spreemann von Spreemann & Co. gewohnt war. Sie waren hastig zusammengeflochten und hingen wie zwei dicke Schulmädchenzöpfe über die runden Frauenschultern.

Christian mußte an einen fernen Tag denken, wo er Ilka einen Aufsatz über die Bedeutung des Goldes gemacht hatte.

»Was geht mich das Gold an, mein blonder Christian?« hatte sie gesagt und ihn am Ohrläppchen vor ihr Schulheft gezogen, in das er nun geduldig und langsam eine Abhandlung über die Bedeutung des Goldes eingetragen hatte ...

»Nur du kannst mir helfen«, sagte jetzt Ilka. »Ich bin euch allen fremd geblieben, ich weiß es. Nur dir nicht.«

Christian wurde rot. Da war viel Wahres dran. Aber was sollte das jetzt? Und warum sprach man so etwas aus?

Ilka gab ihm einen Brief.

Er war von Slovitzka.

Die aufgeregte, wirre Schrift enthielt viele böhmische Worte. Aber Christian verstand doch daraus, daß Slovitzka fliehen wollte, weil er mit den Gerichten in Konflikt kommen würde, wenn man ihn nicht mit einer großen Summe deckte.

»Dein Vater hilft nicht, das weiß ich. Aber du hast die Aussicht auf Annalises Erbe – ihr seid reicher als wir alle ...«

Christian schwieg und überlegte.

Der Müllersfamilie ehrliche Taler für Slovitzkas Spekulationen. Der Gedanke war Wahnsinn.

»Siehst du, wie schlau von dir, daß du nicht mich geheiratet hast, blonder Christian«, sagte Ilka mit scharfer Stimme.

»Du wolltest mich doch gar nicht, Ilka«, antwortete Christian.

Er sah auf, und ihre Blicke trafen sich. Und blieben ineinander haften. Nur eine Sekunde lang. Oder war es eine Ewigkeit?

Jedenfalls war es lange genug, um Christian zu seinem Entschluß zu verhelfen.

»Ich werde deinen Vater zu stützen versuchen«, sagte er. Seine Zunge war ihm unangenehm schwer.

»Aber, wo ist Hans?«

Die Unruhe in ihm verstärkte sich plötzlich.

»In seinem Zimmer. Er ist böse auf mich«, sagte Ilka.

Sie hatte Christians verstümmelte Rechte mit beiden Händen umfaßt. Christian hatte immer geglaubt, daß sie Ekel davor empfinde.

Da öffnete sich die Tür von Hansens Zimmer. Hans trat heraus. Er wollte offenbar in das Kinderzimmer eilen, wo man die kleine Paula weinen hörte. Er war ohne Kragen. Die Haare fielen ihm unordentlich in die Stirn.

So wie ihn Christian oft genug gesehen, wenn sie nebeneinander bei der Morgentoilette gewesen.

»Du bist da?« sagte Hans. »Ist schon alles bekannt?«

Er schnellte zurück in das Zimmer. Aber Christian war ihm gefolgt.

Er hatte durch die Tür einen Revolver auf dem Schreibtisch liegen sehen. Hans verstand überhaupt nicht mit Waffen umzugehen. Er hatte ein Grauen davor. Was bedeutete das also?

Hans versuchte sich hinter Grobheiten zu verstecken.

Aber da fand Christian ganz gedankenlos das richtige Wort.

»Bruder!« sagte er. »Bruder!« wiederholte er langsam.

Hans schluchzte auf. Wie damals, als er aus England zurückkam und, fein und stolz geworden, die Mutter wiedersah ...

Ilka vertraute fest auf Christian. Ihre Sorge lichtete sich. Sie blickte in den Spiegel und ärgerte sich ein wenig, daß Christian sie unordentlich und gar nicht vorteilhaft vor Augen gehabt. Daher gab sie der kleinen Paula ein Zuckerbeutelchen zu saugen und benutzte die friedliche Stille, um sich zu frisieren und anzukleiden. Wenn sich die Herren verabschiedeten, sollte sie Christian wieder ein wenig hübscher zu sehen bekommen.

Aber als sie eine Stunde später die wohlgelungene Lockenfrisur durch die Tür des Herrenzimmers steckte, war das Zimmer leer.

Die Herren hatten vergessen, sich zu verabschieden.

Christian hatte mit fest verschlossenem Mund jedes Wort von Hansens erregtem Bericht in sich aufgenommen.

Daß der Mutter Ersparnisse fort waren, schien ertragbar. Sie würde sie nicht brauchen. Und verzeihen würde sie auch.

Und sie erinnerten sich gegenseitig daran, wie viele dumme Streiche sie ihnen schon im Laufe des Lebens verziehen hatte. Und sie kamen dabei bis auf eine Flasche Himbeersaft zurück, die Hans als Sechsjähriger auf dem Büfett entwendet hatte und die sie zusammen ausgetrunken.

Wie ein sanfter, kühlender Wind koste es aus diesen Erinnerungen um ihre angstheißen Stirnen.

Aber als Hans endlich auch über die Lippen bekommen hatte, daß er das Vertrauen des Vaters hinsichtlich der Kassenschlüssel ausgenutzt hatte – nur für zwei Tage sollte es sein, dann wäre das Geld verdoppelt, verdreifacht wieder am Platze gewesen –, stöhnte Christian auf, wie damals, als ihn die Kugel getroffen.

Aber gerade die Erinnerung an Schlachten und Sieg half ihm weiter.

Vor seinen verschwommenen Augen tauchten die Türme von Paris auf. Die Finger, die nicht mehr waren, schmerzten ihn auf einmal.

Er war aufgestanden. Und während er endlich zu antworten begann, entlud er, wie gedankenlos, den Revolver.

»Papas Geld muß zurück. Das wäre sein Tod«, sagte er langsam.

Es war keine Zeit zu verlieren.

Er mußte hinaus zum Müller.

Er wußte, daß der Müller im Grunde Spreemann nicht liebte. Weil er ihn um seine beiden lebendigen Söhne beneidete, er, der seinen eigenen in fremder Erde verscharrt wußte.

Aber er würde Annalise nicht ins Unglück kommen lassen.

Christian mußte die Schuld auf sich nehmen.

Daß Hans das erfuhr, war einstweilen nicht nötig.

Er zwang Hans, ins Geschäft zu gehen und vor den Augen des Vaters Ruhe zu behalten.

Alles würde wieder in Ordnung kommen. Er verbürgte sich dafür.

Hans gehorchte. In der Betäubung und ängstlichen Gewissenhaftigkeit, mit denen man dem Arzt gehorcht, wenn man in Lebensgefahr ist.

Christian aber fuhr nach Schöneberg

Es war nun Mittag geworden. Aber er spürte keinen Hunger.

Ruhig, gleichmäßig rollte die Droschke an der Mutter Fenster vorüber. Um diese Zeit legte Lieschen wohl die letzte Hand ans Mittagessen und war in der Küche. Die Balkontür stand offen. Niemand war zu sehen.

Christian preßte die Lippen noch fester zusammen.

Nun hörte das Straßenpflaster auf, und der Landweg begann. Der Wagen schaukelte. Aus dem Trab wurde Schritt. Als folge man einem Sarge. Endlos war der Weg. Die Vorfrühlingssonne stach.

Endlich sah Christian die Mühle. Sie stand. Ihre Flügel streckten sich wie ein schwarzes Kreuz gegen den hellen Mittaghimmel.

Merkwürdig viel Menschen waren um das danebenliegende Haus beschäftigt.

Der Kutscher drehte sich um.

»Da scheint ein Unglück geschehen«, sagte er und zeigte mit dem Peitschenstiel gegen die Mühle.

Christian sprang aus dem Wagen und lief voraus.

Die Müllerin stürzte ihm entgegen und fiel ihm schreiend um den Hals.

»Tot«, schrie sie, »tot!«

Auf Christians erregte Fragen und Vermutungen wurde sie ausführlicher.

Die Freude hatte den Müller getötet. Vor kaum einer Stunde erst war die Zeitung hierher hinausgekommen.

Als er sie zu lesen begann, hatte ihn ein richtiger Lachkrampf gepackt.

Er war zur Müllerin gelaufen und hatte ihr gesagt, daß die Aktien des Eisenbahnkönigs jetzt ebensoviel Wert hätten wie Wurstpapier.

Dann hatte er wieder fürchterlich zu lachen begonnen, hatte sich verschluckt, und ehe die Müllerin noch wußte, was mit ihm und ihr geschah, hatte der starke Mann tot am Boden gelegen.

Diese Freude, groß und unerwartet, hatte ihn dahingerafft.

»Ein schöner Tod«, sagte die Gärtnersfrau von nebenan, die mit einer grünen Gießkanne in der Hand den Bericht mit offenem Mund angehört hatte.

Christian aber führte die Müllerin ins Haus hinein.

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