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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 28
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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9

Das Jahrhundert zählte nun eine hohe Jahreszahl. Es hatte viele neue Bequemlichkeiten gebracht. Aber jeder kleine Mensch, der hinzukam, mußte doch wieder mit allem von vorn anfangen.

Mutter Lieschen lernte mit Staunen die alte Weisheit, daß alles schon dagewesen. Daß alles gleichblieb, wie fein man auch selber inzwischen geworden, wie groß und verändert auch ringsum die Stadt.

Es war die gleiche Sorge um die Beschaffenheit des Windelinhalts, um Bad und Puder, um Festigkeit von Gaumen und Beinchen, wie vor bald fünfundzwanzig Jahren. Ja, wahrscheinlich wie zu Anfang der Welt. Ausgenommen vielleicht die Zeit des Paradieses, wo vermutlich auch in dieser Beziehung alles leichter und einfacher gewesen.

Aber Lieschens Erfahrungen kamen nun zur Geltung. Selbst Ilka hatte jeden Tag einen ängstlichen Rat von ihr zu erfragen und war glücklich, zu hören, daß auch Hans und Christian manchmal nächtelang durchgeschrien hatten, ohne daß es etwas Schlimmeres bedeutet hatte. Nur zum Vergnügen.

Lieschen fühlte, daß eine Großmutter nötig war auf der Welt. Das gab ihr auch Spreemann gegenüber wieder etwas von der alten Festigkeit. Auch äußerlich begann sie wieder in die Breite zu gehen. Oder kam das nur davon, daß sie wieder ein großkariertes Kleid trug, wie vor Jahren?

Jedenfalls bewegte sie sich durch Herbst und Winterkälte mit gleicher emsiger Zufriedenheit. In ihrer Küche duftete es stets nach Lakritzensaft oder Fenchelsirup.

Denn wenn den Kindern erst etwas fehlte, war es zu spät. Vorher mußten die Medizinen genommen werden. Oder doch mindestens bereitstehen.

Sie nahm es sehr gleichmütig hin, daß auch dieses Weihnachtsfest dem neuen Kaufhaus einen großen Kassenerfolg brachte. Tausendmal mehr erstaunte es sie, daß Ilkas zarte, kleine Paula schon nach fünf Monaten einen festen Vorderzahn aus echtem Elfenbein hatte.

Sie war ein wenig parteiisch für diese kleine Paula.

Auch die besten Frauen neigen zum Widerspruch.

Annalises dicker Junge lachte noch mit leerem Gaumen.

Er war Otto getauft worden. Zu Ehren Bismarcks, der Christian beim Einzug von Paris die verstümmelte Hand gedrückt und für den Christian und auch der Müller und somit auch Annalise ohnedies die echte Verehrung hegten.

Auch Spreemann war stolz über diesen Otto.

Er hatte ihm zu Weihnachten eine silberne Sparkasse geschenkt. Es war ein aufrecht stehender Bär, der einen Spruch hinter den Ohren hatte.

»Spare in der Zeit, so hast du in der Not«, stand da eingeritzt.

Lieschen fand diese Worte etwas ernsthaft für einen Säugling, besonders im Hinblick auf den erneuten Kassenerfolg.

Aber sie bestellte doch in aller Heimlichkeit das gleiche Geschenk für die kleine Paula. Gerechtigkeit muß sein.

Es war derselbe Bär.

Aber hinter seinen Ohren stand:

»Spare in der Zeit, so hast du in der Not die Großmama.«

Der Juwelier hatte einen Punkt vergessen. Oder auch sparen wollen. Denn Lieschen hatte ein wenig vom Preise heruntergehandelt. Aus alter, guter Gewohnheit.

»Nun«, sagte sie, »man wird auch so wissen, was es heißen soll.«

Das gab ein stolzes Weihnachtsfest in diesem Jahr. Bei Spreemanns und überall. Ganz Berlin schien in Gold zu schwimmen.

Kein Mensch schmückte jetzt noch grüne Papierpyramiden, die Jahr für Jahr dauerten, da sie nicht welken konnten, weil sie niemals geblüht hatten. Große Tannenbäume mit dem würzigen Duft des deutschen Waldes standen an allen Straßenecken und fanden reißenden Absatz. Was machte es, wenn sie schon bald nach dem Fest nadelten und verbrannt werden mußten. Anderes Jahr, andere Bäume. Und noch höhere.

Slovitzka hatte einen Tannenbaum aus seinem eignen Villengelände. Und seine Gabe an Ilka waren Ohrgehänge und ein Halbmond aus Diamanten, die, wie er sagte, nicht aus böhmischem Glas gemacht waren.

»Du hast Diamanten und Perlen, hast alles, was Menschen Begehr«, trällerte Hans, wenn er in den Feiertagen die kleine Paula, satt und zufrieden, auf den Knien schaukelte.

Das war ein Vers, den ein wirklicher Dichter gemacht. Ein wenig aus Spott, weil er, wie die meisten Dichter, immer ein wenig zwischen Lachen und Weinen schaukeln mußte.

Aber jetzt pfiff es jeder Berliner Schusterjunge.

Denn nicht nur ein Schusterjunge mußte daran glauben und eine Ahnung des allgemeinen Reichtums bekommen, wenn aus allen Häusern, und wie viele neue waren nicht in diesem Jahr aus dem Boden gewachsen, der solide, den Magen wie das Selbstgefühl befestigende Dampfgeruch guter Soßen und guter Braten quoll. Wenn einem bei jedem Schritt der süße Duft backender Napfkuchen und siedenden Marzipans in die Nase stieg.

Selbst in den Kellerwohnungen tauchte man in Kaffee und Zichorie sein Stück Streuselkuchen, weil man's dazu hatte. Oder doch morgen schon auf dem gleichen grünen Zweig sein konnte wie der Nachbar.

Das neue Geld setzte keinen Rost mehr an. Das bewegte sich und machte Bewegung.

In allen Taschen hörte man es klappern. Auf den Straßen und Treppen, die jetzt schnellere Schritte zu fühlen bekamen als früher.

Vorwärts hieß es.

Man war nicht dumm. Man ließ sich nicht dumm machen. Was dem einen recht, ist dem andern billig. Berliner waren Berliner.

Die Habgier der Masse war erwacht.

Ein sehr effektvoller Weihnachtsartikel von Spreemann & Co. war ein neuer Aschenbecher gewesen. Um eine imitierte Messingschale lief ein Kranz von munteren Schweinen. Diese Schweine aber trugen sowohl im Maul wie an Körperteilen, die sonst Leute, die fein sein wollen, nicht mit einem Blick würdigen, schöne, täuschend nachgemachte Goldstücke.

Diese Neuheit hatte Aufsehen erregt und großen Beifall gefunden. Man hatte sich darum gerissen.

Sie kostete den Fabrikanten drei Groschen das Stück. Er gab sie für fünf Groschen an Spreemann & Co. ab, die sie für den fabelhaften Preis von nur zehn Groschen verkauften.

Als man am Heiligabend die Ladentüren schloß, waren hunderttausend Stück davon abgesetzt worden. Aber es war ein Artikel, der das ganze Jahr gehen konnte.

Dabei konnte man schon leben und leben lassen.

Selbst Spreemann hatte an diesem Tag eine kleine Aktie gekauft. In der er keine Spekulation sah. Es war eine Zoologische-Garten-Aktie, deren Zinsen im freien Eintritt zu den wilden Herrlichkeiten dieses Unternehmens bestanden. Daran konnte kein Betrug sein. Spreemann legte sie in die Sparkasse für Otto und künftige Geschwister und konnte kaum die Zeit erwarten, wo er seinem runden Enkel zeigen würde, wie man eigenhändig die Löwen füttert.

Der Müller, als gleichberechtigter Großpapa dieses Otto, billigte dieses Verfahren. Er selbst hatte zwei Aktien der Pferdebahn in Bereitschaft. Aber alle andern Unternehmungen erklärte er für Schwindel. Er glaubte immer noch nur an das, was er sah.

Er sagte höhnisch zu Hans, daß er selbst, trotz seines Alters, noch nicht weitsichtig geworden. Und bestärkte damit einen alten Argwohn, den Vater Spreemann schon lange hegte, wenn er an die Zeit von Hansens Reise nach England zurückdachte.

Es war sonderbar, daß man nicht einmal seine eignen Kinder kannte, die man doch vor Augen gehabt, ehe sie ein Haar auf dem Kopf und einen Zahn im Munde hatten. Lieschen allerdings schien besser mit ihnen Bescheid zu wissen.

Aber sie war eben arglos und vertrauensselig wie alle Frauen. Vom Leben verstand sie im Grunde nichts.

Das war also die gleiche Meinung, die Lieschen von ihm hatte. Ohne Übereinstimmung keine echte Ehe ...

Aber Übereinstimmung im großen hindert nicht Zwiespalt im kleinen.

Es gab jetzt viele Konzerte und Theatervergnügungen in der Stadt. Lieschen und die jungen Frauen wollten bei vielem dabeisein. Auch die Müllerin. Weniger aus Vergnügungssucht oder Kunstverlangen, sondern weil sie ihre goldne Kette umhängen wollte.

Spreemann aber nannte jede Art von Kunst noch heute: geschwollnes Zeug.

Obwohl man zu den bekannten und beachteten Bürgern der Stadt gehörte.

Lieschen versuchte, im Verein mit den Kindern, diesen Mangel des Familienoberhauptes soviel wie möglich zu vertuschen. Man erfand vor den Bekannten ein Waffenlager von Ausreden für sein Fernbleiben.

Man konnte doch nicht sagen, daß er an Abenden, wo Pauline Lucca sang, den schlafenden kleinen Otto besuchte und sich ihn anguckte, als hätte er noch nie ein Kind gesehen. Oder daß er um diese Zeit einfach zu Bett ging und zu Lieschen, die sich schmückte, ärgerlich sagte, daß alle diese Menschen, die jetzt ausstaffiert in die Theater fuhren, nicht wert wären, ein Bett zu haben.

Das konnte man nicht weitererzählen. Ebensowenig aber durfte es so aussehen, als käme er nicht mit, weil man ein teures Billett hatte ersparen wollen.

Aus diesem Grunde mußte ihn Lieschen eines Tages einfach zwingen, ein Konzert zu besuchen, das besonderes Aufsehen erregte. Beim alten Bilse. Wohin sich Spreemann schon manchmal hatte hinlocken lassen, weil er dort wenigstens Bier trinken und Leberwurstschnitten essen konnte und außerdem sehr häufig Pause zwischen den Musikstücken war.

Diesmal aber sollte es nichts zu trinken und zu essen geben. Die Plätze kosteten das Zehnfache. Dafür aber sollte der ganze Hof anwesend sein.

Der neue Musiker Richard Wagner, von dem man überall so viel Lärm machte, sollte das wohlbekannte Berliner Orchester dirigieren. Das nur Stücke spielen sollte, die er selbst gemacht hatte.

Wer nur halbwegs auf sich hielt, mußte hier dabeisein.

Spreemann wollte nicht begreifen, warum man gerade an einem Abend gehen sollte, wo derselbe Platz zehnmal soviel kostete wie sonst. Musik war wohl Musik. Immer die gleichen Töne, nur jedesmal ein wenig anders durcheinandergeschüttelt.

Und gerade dieser Wagner? War das nicht derselbe, dessen Nürnberger Geschichte man neulich im Opernhaus nicht einmal zu Ende hören wollte? Der Musik daraus gemacht hatte, weil ein Nachtwächter ein paar Kerle durchgeprügelt?

Das hieß doch geradezu das Geld zum Fenster hinauswerfen.

Lieschen sagte, daß er der Sache nicht auf den Kern käme. Und daß das alles nebensächlich wäre. Man ginge hin, weil alle hingingen. Alle da sein würden. Und man jetzt dazugehörte. Zeigen mußte, daß man dazugehörte. Sie begriff die Absicht der Kinder vollkommen. Woher sollte Otto sonst einmal Hoflieferant oder sogar Kommerzienrat werden? Die Zukunft kann nichts bringen, was man nicht selbst gesät hat. Das sollte er selbst wohl am besten wissen.

Der geschickte Hinweis auf Otto verfehlte nicht seine Wirkung.

Die Billette wurden gekauft. Da auch Slovitzka und die Müllersleute gingen, waren es neun Plätze. Sie kosteten ein kleines Vermögen.

Schon das Zuraunen dieser Summe brachte die festlich gekleideten Damen in Stimmung.

Der beliebte Saal war mit eleganten Leuten bis in alle Winkel gefüllt.

Auch der Kaiser und die Kaiserin waren mit ihrer ganzen Familie erschienen.

Genau wie Spreemann.

Wenn sich Lieschen nicht irrte, hatte der Kaiser mehrmals zu ihr und Ilka hinübergesehen.

Er gehörte wohl vor allen anderen zu denen, die etwas von echten Spitzen und Diamanten verstanden.

Ein wenig enttäuscht wurde man nur, als der berühmte Musiker das Podium betrat. Das war ein lächerlich kleiner Mann. Wie stattlich war dagegen der alte Bilse mit seinen vielen Ehrenzeichen auf der Brust. Es war einem ordentlich peinlich vor Spreemann.

Aber der kleine Dirigent gab sich wirklich Mühe. Er regte sich furchtbar auf, der Taktstock flog nur so durch die Luft.

Als das erste Stück zu Ende war, zeigte es sich auch, daß er es allen recht gemacht hatte. Alle klatschten und riefen ihm Beifallsbezeigungen zu. Und so blieb es den ganzen Abend über. Auch Blumen fielen in Hülle und Fülle auf den kleinen, beweglichen Mann, der immer erregter zu werden schien.

»So viele Blumen. Und im Februar«, flüsterte Lieschen der Müllerin zu.

Beide waren stolz, dabeizusein.

In der Pause sagte Spreemann, daß er nicht viel von Musik verstehe, daß es ihm aber vorkomme, als ob diese neue Musik viel lauter wäre als die alte, an die man schon einigermaßen gewohnt wäre.

Er hatte auch nicht gesehen, daß sogar der Kaiser zweimal geklatscht hatte.

Was Lieschen bestimmt behauptete.

Aber er war nicht schlecht gelaunt. Die Nähe des Hofes übte eine wohltuende Wirkung auf sein echtes Berliner Gemüt.

Nur eins beeinträchtigte etwas den Genuß. Slovitzka war nicht gekommen. Sein teurer Platz blieb leer.

»Sündhaft«, sagte Lieschen. »Wie mancher wäre glücklich über diesen Kunstgenuß.«

Sie sagte es zu Hans. Der aber kaute an seinem Bart und schien ihre Worte gar nicht gehört zu haben. Ebensowenig wie er über die Abwesenheit seines Schwiegervaters nachzudenken schien.

Auch über die Musik sagte er kein Wort.

Lieschen musterte ihn besorgt. Erst jetzt fiel es ihr auf, wie schlecht er aussah. Geradezu alt. Ihr junger Junge. Er überarbeitete sich gewiß.

Sie wollte in diesen Tagen ernstlich mit ihm reden. Erst kam die Gesundheit und dann erst das Geld.

Spreemann und sie hatten es stets so gehalten und waren trotzdem zu etwas gekommen.

In leiser Zärtlichkeit strich sie über Hansens Ärmel.

Guter, gediegener Stoff, dachte sie dabei.

»Was mag Papa verhindert haben?« fragte Ilka und beugte sich zu Hans.

Er starrte über sie hinweg und sagte, daß Slovitzka kein Wickelkind wäre und diese Besorgnis lächerlich sei.

In Ilkas Augen traten Tränen.

Nur Christian hatte diesen Zwischenfall bemerkt.

»Was hast du, Hans?« fragte er erstaunt und rückte vorsichtig den Spitzenschal auf Ilkas Schulter zurecht.

»Beunruhige dich nicht, lieber Christian«, sagte Ilka schon wieder gefaßt und in ihrem gewohnten spöttischen Ton. »Das hat dein Bruder manchmal so an sich.«

Auf Christians gutes, gesundes Gesicht legte sich ein Ausdruck besorgter Nachdenklichkeit.

Waren Hans und Ilka nicht glücklich? War es möglich, mit Ilka nicht glücklich zu sein?

Aber da setzte diese laute, aufpeitschende Musik wieder ein.

Alles verstummte. Nur die heimlichen Gedanken tanzten doppelt erregt nach diesen Tönen, die oft mit einer Dissonanz ineinanderkreischten.

Dann war das Konzert zu Ende.

Aber der Dirigent mußte noch einige Worte des Dankes sprechen.

Er sächselte.

Spreemann hatte sich und Lieschen längst gesagt, daß dies kein Berliner war.

Aber die übrigen waren trotzdem mit ihm zufrieden. Der Beifallsjubel wollte kein Ende nehmen.

Und immer wieder flogen neue Blumen aufs Podium. Viele Rosen. Im Winter.

Lieschen mußte an Christians Heimkehr denken. An Karolines Beerdigung.

Wie merkwürdig, immer wieder die gleichen Blumen.

Nur zu anderen Zwecken. Und für andere.

Aber unleugbar dieselben Blumen, der gleiche Duft, der an so viel Vergangenes erinnerte.

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