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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 27
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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8

Jedoch es ist nun einmal so im Leben: auf die Dauer kann uns der eigne Zustand betrüben oder Freude machen.

Nicht lange, nachdem die verschiedenen immergrünen Kränze nach Dresden abgegangen waren, wandten sich die Gedanken der Familie Spreemann wieder den eigenen Angelegenheiten zu.

Jeder hatte genug mit sich selbst zu tun.

Die jungen Frauen, die sich jetzt oftmals nicht wohl fühlten, sollten, wie Mutter Lieschen befahl, überhaupt nur an Heiteres denken. Sie sollten sich um nichts andres als um sich selbst und die glückliche Erwartung der Zukunft kümmern.

Sie besuchte sie abwechselnd mit Eingemachtem, frisch gebackenem Kuchen oder irgendeiner Leckerei vom Konditor.

»In solchen Zeiten müssen es junge Frauen gut haben«, sagte sie.

Wer weiß, wo sie das gelernt haben mochte. Denn als sie selbst in diesem Zustand gewesen war, hatte sich niemand besondere Mühe um sie gegeben.

Aber ein Mutterherz kommt ohne Vorstudien zu mancher Weisheit.

Lieschen kam mit ihren Süßigkeiten und tröstete unermüdlich, wenn man ihr klagte, daß die jungen Ehemänner von früh bis spät im Geschäft wären. Daß sie auch zu Hause nur vom Geschäft und wieder vom Geschäft redeten.

Sie sagte, daß sie es selbst ihr Leben lang nicht anders gewohnt gewesen und von anderen Frauen gehört hätte, daß man damit viel glücklicher daran sei, wie wenn man seinen Mann immer zu Hause hocken habe.

Ihr Ehrgefühl verlangte, daß sich die Frauen ihrer Söhne glücklich fühlten.

Obwohl auch ihr Entzücken für das neue Geschäftshaus nicht mehr so grenzenlos war.

Ja, wenn sie den ganzen Tag auf dem Dönhoffplatz hätte stehen können, die vielen Schaufenster, das Aus und Ein der Menge beständig vor Augen. An jedem Abend hätte sie gern dies feierliche Geflimmer der Gasflammen beobachtet.

So aber saß sie hier draußen und war viel allein.

Oft blieb Spreemann des langen Weges und der vielen Arbeit halber über Mittag in der Stadt.

Und wenn er des Abends heimkehrte, war er auch meist knurrig und brummig.

Sagte Lieschen, daß er schön müde sein müsse, fragte er, ob das wieder eine Anspielung auf sein Alter sein sollte.

Wenn sie fragte, ob der Laden wieder voll gewesen, fragte er zurück, ob sie glaube, daß all der Plunder nur für den eigenen Privatgebrauch aufgehäuft sei. Natürlich waren Käufer dagewesen.

Lieschen wußte recht gut, daß Spreemann nur brummte, wenn ihm nicht wohl zumut war.

Sie wurde unruhig, und als sie Hans einmal unter vier Augen sah, fragte sie, ob es nicht denselben Effekt machen würde, wenn man nur jede zweite der vielen Gasflammen anstecken würde. Es müsse sich doch viel dabei sparen lassen.

Er aber lachte, gab ihr einen Kuß und sagte, daß sie sich um solche Dinge nicht beunruhigen solle. Sie brauchte keine Angst um die Butter fürs Brot zu haben.

Und er lachte so siegesgewiß und sah so englisch und elegant aus, daß es Lieschen wieder ganz warm und ruhig ums Herz wurde.

Wirklich war ihre Besorgnis auf falsche Wege geraten.

Was Spreemann heftig und erregt machte, war gerade der Erfolg.

Erfolg macht ruhelos.

Nicht der gesunde, gemächliche Fortschritt, der, wie die Natur selbst, in Sommer- und Wintersaison eingeteilt gewesen. Bei dem man rauchen und überlegen konnte. Sondern dieses übereilige Vorwärtsspringen. Hinweg über Zeit und Zahlen. Wo sollte das hinführen? Wo sollten alle die Neuigkeiten herkommen?

Spreemann frühstückte mit der Uhr in der Hand, er war stets der erste von den drei Chefs, der sich am Morgen einstellte.

Und doch mußte er jedesmal erfahren, daß sich Hans die Genehmigung zu irgendeinem Plan schon wieder vorweggenommen hatte.

Hans hatte unaufhörlich neue Gedanken, die beunruhigten.

Auch Christian. Aber seine waren anderer Art. Bei ihnen trat es klar zutage, daß sie das Geschäft förderten. Da hatte er wieder aus den gewirkten Wollstrümpfen einen Berliner Bären aufgebaut, der sich sehen lassen konnte. Er war der reine Künstler. Und zwar ein Künstler, den man sich gefallen ließ. Der trotz alledem normal blieb.

Aber mit Hans konnte sich Spreemann nicht verstehen. Sein lächelnder Anblick schon reizte ihn, trotzdem ihn alle Geschäftsfreunde zu dem Genie seines Sohnes, der der echte Nachkomme solch angesehenen, tüchtigen Vaters sei, beglückwünschten.

Er nahm die Segenswünsche mit freundlichem Knurren in Empfang. Es ist besser beneidet, als bemitleidet zu werden. Aber innerlich fand er Hansens Geschäftsmethoden nicht genial.

Da hatte er ein ganz großes Ballenlager Tuch gekauft, das einen Webfehler hatte. Das konnte man billig verschleudern, aber es würde für den Käufer nicht den geringsten Schneiderlohn wert sein. So etwas kaufte man nicht als geborener Berliner. Und das verkaufte man nicht in einer anständigen Stadt wie Berlin.

»Das ist ein Schmutzgeschäft«, sagte er zornbebend.

»Das einen Reingewinn abwerfen wird«, parierte Hans mit Berliner Geschicklichkeit.

Spreemann hob die Hand. Aber als er aufsah, ließ er sie in seinem eignen grauen Bart haltmachen. Diesen fremden, feinen Herrn da im Gehrock konnte er wohl nicht schlagen.

Aber er ließ es doch nicht zu, daß die schlechte Ware zum Verkauf kam. Sie wurde mit Schaden weitergegeben.

Hans zuckte die Achseln und sagte, daß der Vater hoffentlich wisse, was er tue, wenn er sein eignes Geschäft schädige.

Und weil Spreemann es wußte und noch immer sehr gut zu rechnen verstand, mußte er dafür an andrer Stelle wieder ein Auge zudrücken. Oder besser, seine Ohren verschließen.

Hans hatte versucht, zum Frühjahr fertige Überzieher einzuführen. Ein Gedanke, der sich als glücklich erwies. Von diesen englischen Mänteln, die nach einem Londoner Modell gearbeitet wurden, konnten kaum genug in den engen Schneiderstuben, die nach dem Hof hinauslagen, fertiggestellt werden.

Sie brachten einen kräftigen Überschuß.

Und darum kniff Spreemann seine Lippen schweigend zusammen, wenn Hans zu den Kunden sagte:

»Mit diesem Mantel ziehen Sie die Internationalität selber an. Kein Mensch in der Welt wird Sie darin für einen Berliner halten.«

Man sollte es nicht glauben. Aber man war jetzt stolz, für einen Ausländer gehalten zu werden.

Darauf wäre Spreemann nicht im Traum gekommen.

Er im Gegenteil hatte den alten Spruch erneuern lassen wollen:

In London nicht, noch in Paris,
In Brüssel nicht, noch Wien,
Kleiden Monsieur sich und Madame
So schick wie in Berlin.

Er hatte sogar gedacht, ihn, von einem richtigen Maler gemalt, in die Mitte des neuen Hauses zu hängen.

Aber Hans hatte gesagt, daß dies eine Kulturblamage wäre. Man würde es für einen Scherz halten.

Und er hatte für diese Stelle die Bilder des Kaiserpaares, Bismarcks und Moltkes bestimmt.

Und da Spreemann in diesen Bildern etwas Imponierendes fand, hatte er nachgegeben.

Sich wehren oder nachgeben aber war nun sein Tagewerk. Und er sagte sich selbst immerfort, daß er jung war, weil ihn die Angst quälte, was alles man noch aus seinem Geschäft machen würde, wenn er nicht mehr Wache hielt.

Wollte Hans doch sogar mit den neuen Aktien hantieren, die jetzt überall durch die Luft flogen und die reich machen sollten, ohne den Schweißverlust der Arbeit.

Slovitzka hatte sich schon eine Villa in Babelsberg davon gekauft. Dicht neben dem Schlößchen des Kaisers.

Besonders mit gewissen Eisenbahnaktien war geradezu Gold zu scheffeln.

Aber Klaus Spreemann blieb unerbittlich.

»Solange ich lebe, wird nicht spekuliert.«

Nicht einmal weil er fürchtete, sein Geld zu verlieren.

Trotz seiner Erbitterung konnte er sich eines Gefühls der Hochachtung vor Hansens schlauer Geschicklichkeit nicht erwehren.

Aber er wollte nicht zugeben, daß man Geld mühelos erwarb. War sein ganzes Leben umsonst gewesen? Hatte man erst heute das Glück erfunden?

Hans schmeichelte sich bei der Mutter ein. Sie sollte dem Vater zureden, nicht das Glück ihrer Kinder mit Füßen zu treten. Das Glück ihrer Enkel. Heute heimsten die Berliner ein, was Jahrhunderte vorgearbeitet hätten. Ein Narr, wer tatenlos dabeistände und andern das Glück in den Schoß fallen ließe.

Lieschen wurde sehr beunruhigt. Sie hatte gedacht, daß sie schon durch das Geschäft so viel verdienen würden. Gewiß wollte auch sie, daß die Enkel reiche und angesehene Leute werden würden.

Aber mit dem Vater zu sprechen wagte sie nicht. Doch natürlich, in all den langen Jahren hatte sie sich auch ein bißchen erspart.

Sie gab es Hans mit glücklichem Lächeln. Sie wollte keine Zinsen, wie er ihr gerührt versprach. Er sollte es ihr nur wiedergeben, wenn er damit das viele Geld verdient hatte. Und auch das nur der Ordnung halber. Weil doch ihrem Christian einmal die Hälfte davon zukam.

Ehe Hans fortging, fragte sie noch, für welche Bahn es denn wäre.

»Tilsit-Insterburg«, sagte er.

»Kenne ich nicht«, sagte Lieschen. Aber als sie zu sehen glaubte, daß über Hansens Gesicht ein Schatten lief, wie wenn er in ihren Worten ein Zeichen des Mißtrauens gefunden, fügte sie eilig hinzu, daß es also gewiß eine schöne Gegend sei.

Und sie streichelte liebevoll über Hansens klugen Kopf und gab ihm einen Abschiedskuß.

So war es Sommer geworden.

Auf Lieschens Balkon sproß pflichtgetreu aus allen Zigarrenkisten nutzbringendes Suppengrün.

Der unruhige Kastanienbaum trug seine Blütendolden wie Hochzeitskandelaber und brachte Schatten und Duft.

»Wie rasch man mit solchem Baum vertraut wird«, sagte Lieschen. »Rascher als mit einem Menschen.«

Sie war so recht voll freudiger Erwartung.

Annalise saß oft hier auf dem Balkon. Und die Müllersleute scheuten nicht den heißen, staubigen Weg, um sie hier zu sehen. Ihr Wohlbefinden zu bewundern und ihr weitere gute Ratschläge zu geben.

Ilka kam selten. Sie wohnte ja selbst im Freien. Und außerdem war sie oft mißgelaunt. Ihr Zustand war ihr unausstehlich. Sie kam nun um die Sommerreise. Auf Slovitzkas Drängen und in Hinsicht auf die immer steigenden Aktien schaffte ihr Hans wenigstens eine Equipage an. Da fuhr sie auf den Tiergartenkorso, kam auch Hans aus dem Geschäft abholen und fand Zerstreuung und Aufheiterung.

Diese Equipage machte die Eltern Spreemann gleichzeitig stolz wie mißtrauisch.

Allerdings sah man jetzt viele Leute im eigenen Wagen, die früher, auch sonntags, zu Fuß gegangen waren. Und Droschke fuhren sogar schon die Maurer.

Aber so viel Aufwand, noch ehe Kinder da waren. Was sollte da erst später werden. Slovitzka aber sagte, das sind Zeiten, wie sie nicht wiederkommen werden. Hans aber sei der Mann der Zeit.

Das beruhigte Lieschen sehr, denn Slovitzka verstand etwas von Geschäft und Leben.

Sie sagte zu Spreemann, daß sie auf ihre Söhne stolz sein könnten.

Aber dann kamen Tage, wo sie sich wirklich nicht um das Geldverdienen da draußen kümmerte.

Schlimm genug, daß die Herren sogar in diesen Tagen nur durch rasch laufende Boten von den erregenden Vorgängen in ihren Heimen Nachricht erhielten.

Nur weil die Reisesaison auf der Höhe war.

Lieschen aber kam in diesen Tagen und Nächten nicht zur Ruhe.

Sie fuhr in Ilkas blau ausgeschlagener Equipage vom Tiergarten nach der Kochstraße und wieder zurück, ohne die vornehme Position, in der sie sich befand, überhaupt zu bemerken. Sie stand zitternd vor Ilkas Zimmer, in das niemand hineingelassen wurde und wo die allerneuesten Ärzte über Baldrian lächelten und mit Chloroform hantierten.

Sie näherte sich auf den Fußspitzen Annalisens Schmerzenslager, an dem die Müllerin ihr größeres Anrecht in einem breiten Sessel behauptete.

Nur ihr Herz durfte helfen mit Beten und Segenswünschen.

Aber alles kommt einmal in Ordnung.

Endlich war der Abend da, wo sie Spreemann alter Großpapa nannte, ohne daß er über dieses böse Beiwort zu schelten begann, wo sie sich als doppelte Großmutter todmüde zu Bett legte.

Alles war gutgegangen. Nur Ilkas kleiner Spreemann war zu aller Verwunderung ein winziges Mädchen geworden.

Mutter Lieschen, die sich unter Neugeborenen immer nur Knaben vorgestellt hatte, war zu Tränen gerührt, als sie sah, wie zart und zierlich kleine Mädchen waren, wenn sie den schwierigen Lebenslauf begannen. Sie empfand beinahe Hochachtung vor dem eignen Geschlecht.

Das fand Spreemann übertrieben.

Er leugnete nicht die Notwendigkeit des weiblichen Geschlechts. Es hatte sozusagen zur Grundlage seines ganzen Geschäfts gehört. Aber für seine eigne Person hätte er sich mit Töchtern niemals gefreut.

Lieschen hörte aus den Worten ihrer Angehörigen stets nur das Angenehme heraus. So freute sie dies als nachträgliches Lob und sie streckte sich zufrieden im Bett aus. Zwei Nächte lang hatte sie nur für kurze Augenblicke geruht.

Spreemann aber brummelte weiter.

»Da haben sie nun eine Hochzeitsreise nach Italien gemacht«, sagte er. »Haben ein echtes Ölgemälde und sogar eine Equipage. Und was ist die Folge von allem? Ein Mädchen von noch nicht drei Kilo.«

»Dreieinhalb«, verbesserte Lieschen in eifrigem Gerechtigkeitssinn.

Spreemann aber überhörte dies.

Er lobte Annalise mit vielen Worten der Anerkennung und sagte, daß er es sich nicht ausreden ließe: Berliner Blut sei Berliner Blut.

Lieschen sagte, daß sicher etwas Wahres an seinen Worten sei.

Aber daß man sich nicht versündigen solle, denn alle konnten doch nun einmal nicht Berliner sein.

»Wohl dem, der es ist«, sagte Spreemann fest. Und damit schlief das neue Großelternpaar ein.

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