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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 25
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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6

Man schläft im eignen Bett ein, man wacht im eignen Bett auf und befindet sich doch nicht mehr auf dem gleichen Punkt im Weltenraum. Denn ohne Ruhe wandert unsere Erde. Gleich, ob wir schlafen oder wachen.

Früher würde Madame Lieschen gesagt haben, daß solche Gedanken zu dem wissenschaftlichen Kram gehörten, den sie nicht verstehe und der sie nichts anginge.

Aber heute packte sie selbst die Ahnung eines Zusammenhanges zwischen Wechsel und Beständigkeit.

Es war ihr eignes altes Bett, in dem sie sich schlaftrunken aufrichtete, der Morgenschein fiel durch dieselben sauberen Mullgardinen, an denen sie jeden kleinen Stopfer kannte.

Aber draußen plätscherte nicht der Marktbrunnen, und kein Milchwagen holperte übers Pflaster. Es war still. Nur der fremde Kastanienbaum neigte und verbeugte sich vor dem scharfen Morgenwind.

Ein Wunder, daß Lieschen trotzdem zur gewohnten Stunde erwacht war. Was sie doppelt zu schätzen wußte, denn sie hatte abscheulich geträumt.

Sie rieb sich die Augen und war zufrieden, Spreemann im gewohnten, friedlichen Schlummer zu sehen. Sein leises, pustendes Schnarchen zu hören, dessen Melodie sie schon gekannt hatte, als sie noch seinen Schlummer nur durch das Schlüsselloch bewachen durfte.

Ruhig und friedlich ging sein Atem, als läge er unter dem Dach am Dönhoffplatz.

Er merkte nichts von dem Quietschen des Kastanienbaumes, der immer stärker ächzte und stöhnte, weil ihm der Herbstwind die Blätter ausriß.

Er hatte es wohl die ganze Nacht so getrieben und damit Lieschens schweren Traum verursacht, der ihr noch lähmend in den Gliedern und als bitterer Geschmack im Munde saß.

Sie war zweispännig in den Himmel gefahren. Gleich am Eingang hatte die Frau Kreisrätin gestanden, neben ihr der alte Herr Jung mit einer großen Taube auf einem Ohr. Und hinter ihr die Fädelfrieda, die der Ankommenden die Zunge herausstreckte.

Aber als sie die Droschke nun bezahlen wollte, hatte sie kein Geld in der Tasche. Sie suchte und suchte vergebens. Die alten Bekannten grinsten höhnisch. Ihr wurde siedend heiß. Sie konnte sich auf einmal nicht mehr besinnen, ob sie noch das kleine Waisenmädchen oder die reiche Frau Spreemann war. Zwei Taler forderte der Kutscher und knallte unentwegt mit der Peitsche. Sie fand dies einen horrenden Preis für eine einfache Fahrt mit nur einer Person. Er lachte laut auf und sagte, daß der Weg weit genug gewesen wäre. Aber sie fand die beiden Taler nicht. Und hätte sie gewiß nie gefunden, wenn sie nicht auf einmal aufgewacht wäre und nun wieder im eignen Bett saß.

Was einem im Traum alles passieren kann.

Sie sah noch deutlich das ungebührliche Benehmen der Fädelfrieda, dieser neidischen Nähmamsell.

Vielleicht war nur sie schuld an dem ganzen gottlosen Geträume.

Wie scheinheilig sie gestern gesagt hatte, daß sie dem neuen Kaufhause alles Glück wünsche, obschon in der Bibel stehe, daß, wer sich erhöht, erniedrigt werden sollte.

Lieschen hatte getan, als ob sie gar nichts gehört hätte. Aber gefallen hatte ihr das Gerede nicht. Nicht nur, daß sie den Bibelworten von jeher Gewicht gegeben, sie hatte selber oft genug recht ähnliche Gedanken gehabt. Dieses Gar-so-hochhinaus von Hans beunruhigte sie längst. Schaufenster nach Schaufenster, Schritt für Schritt. Aber gleich zwei Stockwerke höher zu springen schien ihr vermessen.

Doch da man sie nur auslachte, wenn sie dergleichen vorbringen wollte, behielt sie dies alles für sich.

Schließlich mußten es die Jungen und auch Klaus, der doch mit allem einverstanden war, wohl besser wissen als sie.

Das neue Klavier fiel ihr ein und die neuen Möbel. Sie war neugierig, alles bei Tageslicht zu sehen. Wenn das Dienstmädchen nur nicht mit einem harten Lappen über die glatte Politur wischen würde.

Rasch war sie aus dem Bett, und als ihr freundliches Runzelgesicht wieder aus dem tiefen Waschbecken auftauchte, waren alle bösen Träume fortgespült.

Als Spreemann aus seinem sanften Altmännerschlaf erwachte, fand er den Kaffeetisch genauso gedeckt wie immer. Alles stand auf dem weißen Tuch in derselben Ordnung und im gleichen Abstand von seiner großen Kaffeetasse, die, mit dem breiten Goldrand, den Rosen und dem kleinen Erker für den Bart, der damit vorm Naßwerden geschützt wurde, auch immer noch die alte war. Nur das Gold war seit einigen Jahren etwas verblaßt. Vielleicht nur aus Anpassungsvermögen. Denn auch der Bart, der sich morgens und nachmittags dagegendrückte, versilberte mehr und mehr.

Alles stand am Platz. Aber Spreemann frühstückte nicht mit der gewohnten pedantischen Ruhe, sondern mit der Uhr in der Hand. Er wollte nicht die nächste Pferdebahn versäumen, die in längeren Abständen am Hause vorüber kam. Wichtig eilte er fort, als ihr Klingeln näher kam, und als er mit der Zeitung vor Augen der Stadt zufuhr, fühlte er sich als junger, moderner Mann.

Das mußte man der neuen Zeit lassen, sie verjüngte. Sie zeigte jedem, daß man mit sechzig noch nicht alt war.

Im Hause wie im Geschäft vervollkommnete man sich.

Lieschen sammelte schon Zigarrenkisten, in die sie im Frühjahr Petersilie säen würde. Und die Müllerleute brachten ihr schon in kleinen Tüten den Samen dazu. Sie kamen jetzt öfters, um hier auf halbem Wege mit Annalise zusammenzutreffen. Lieschen war es recht, denn bei dem naßkalten Herbstwetter wagte sie sich nicht viel hinaus. Und sie vermißte den Markt sehr. Die Pferdebahn kam zu selten, um eine wirkliche Zerstreuung zu sein.

»Da hatte man vom Fenster das ganze Leben vor sich«, sagte sie zu der Müllerin.

Und als die Zeit der Gänse kam und sie sich von Annalise diese prachtvollen, nahrhaften Vögel einkaufen lassen mußte, weil ein Schneesturm sie nicht bis in die Stadt kommen ließ, saß sie gramvoll am Fenster, starrte auf den kahlen Kastanienbaum und sagte:

»Keiner ahnt, was ich entbehre.«

Annalise und Ilka fanden das drollig. Und auch als sie es den jungen Ehemännern erzählten, wurde über Mutters großen Kummer gelacht.

Hans, der in allem eine Gelegenheit zur Verfeinerung herausfand, schlug vor, daß man der Mutter eine Gesellschafterin mieten solle, die ihr auf Stunden vorlas. Zum Beispiel »Kinder der Welt«, von Heyse, das Ilka jetzt in drei Prachtbänden mit Goldschnitt auf dem Sofa liegend las.

Aber Mutter Lieschen wehrte sich energisch gegen diesen vornehmen englischen Ersatz für ihren Gänsemarkt.

»Laßt nur gut sein, Kinder. Wenn ich lesen will, habe ich Schiller und die Zeitung. Alte Leute können nicht mehr umlernen«, sagte sie.

Und dann sah sie sieh erschreckt im Zimmer um, ob auch Spreemann sie nicht gehört hatte. Denn sie waren ja noch nicht alt, sondern in den besten Jahren. Zu dumm, daß sie es immer wieder vergaß.

Mein Gedächtnis ist nicht mehr so wie früher, entschuldigte sie sich bei sich selbst. Und merkte nicht, daß sie damit einen neuen Verstoß gegen Spreemanns Machtbefehl begangen.

Glücklicherweise beachtete Spreemann sie gar nicht. Er sprach mit Christian über das Geschäft und rauchte flott, wenn auch sich öfter räuspernd, eine Zigarette.

Aber auch ohne Romane sollte Lieschen schließlich Trost und Zerstreuung finden. Auf den natürlichen Wegen, auf denen sie zu Hause war.

Sowohl Annalise wie Ilka glaubten sicher zu sein, daß es auch fernerhin Kompagnons für das neue wachsende Kaufhaus geben würde.

Diese frohe Neuigkeit gab Lieschens Händen, Gedanken und ihrem Herzen genug zu schaffen. Sie nähte und häkelte, dachte sich schöne Knabennamen aus, war überzeugt davon, daß diese Enkelkinder Hoflieferanten werden würden, und paßte genau auf, daß sich auch nicht eine kleine Masche in den Wickelbändern verzog, die für so feine Herren bestimmt waren.

Sie bedauerte Spreemann und auch die künftigen jungen Väter, daß sie Seife, Stiefel und das neue Konfektionslager im Kopf hatten, statt auf Lieschens und der Frauen hübsche Gedanken eingehen zu können.

»Was verstehen die Männer vom Leben? Nichts«, sagte sie mehr als einmal zu ihren Schwiegertöchtern. Und fügte hinzu, daß sie dieser Wahrheit die Ehre geben müsse, so lieb sie ihren Mann und ihre Söhne habe.

Trotzdem war sie auf das neue Kaufhaus sehr neugierig. Und je näher seine Eröffnung rückte, um so mehr verloren sich auch ihre schwarzen Bedenken.

Als sie am Tag vor der Einweihung auf ihrem Kalender las, daß Neid und Dummheit die Feinde alles Vorwärtsstrebenden sind, war sie vollkommen beruhigt. Sie hatte nun eine Erklärung für die Redensarten der Fädelfrieda. Sie ließ sich nun nicht mehr in Schrecken versetzen. Wie ein Kunstkenner vor einem Gemälde, saß sie stundenlang vor der großen Ankündigung in der Zeitung, die ein ganzes Blatt von oben bis unten füllte. Es sah wunderschön aus, dieses Spreemann & Co. in ganz großen, dicken und schwarzen Buchstaben. Es mußte selbst bei Hofe auffallen, sobald der Lakai die Zeitung auf goldenem Teller hereinbringen würde.

Sie sah ihr Spiegelbild in der blanken Politur des sorgsam verschlossenen Pianos, gegen das sie das prächtige Zeitungsblatt aufgestellt hatte, und fühlte deutlich den starken und rechtmäßigen Zusammenhang zwischen sich, dem Lakaien mit goldenem Teller, dem König und der ganzen Stadt Berlin.

Spreemann & Co., wovon jeder jetzt sprach, waren ihr eigener Mann und ihre eigenen Kinder.

Als die Müllerin kam, sagte sie ihr das laut und deutlich. Sie lehnte das Zeitungsblatt gegen die hohe Kaffeekanne und fügte hinzu, daß sie nicht stolz sei, aber die Wahrheit nicht hinter das Licht stellen wolle.

»Ehre, wem Ehre gebührt«, sagte die Müllerin.

Und erinnerte daran, daß auch sie zur Verwandtschaft gehöre.

Sie bewunderte das schwarze Seidenkleid, das Lieschen morgen anziehen sollte und das an Hals und Ärmeln mit echten Brüsseler Spitzen verziert war.

Hans hatte sie aus England mitgebracht.

»Nur schade, daß sie nicht alle wissen werden, wie teuer so etwas ist«, sagte die Müllerin. »Auf Schmucksachen versteht man sich leichter. Ich werde meine ein und einen halben Meter lange Kette aus zusammengeschmiedeten Napoleons umhängen.«

»Tu das«, sagte Lieschen kurz und bürstete den Sammetkragen von Spreemanns schwarzem Gehrock energisch aus. Trotzdem ihre beiden neuen Mädchen, die sie nicht mehr Madame, sondern gnädige Frau nannten, dies schon zweimal hatten besorgen müssen.

»Sie ist sehr schwer. Später bekommt sie Annalise einmal. Ich werde sie der ganzen Länge nach umhängen«, sprach die Müllerin ernst und nachdenklich weiter.

»Tu das«, wiederholte Lieschen freundlich.

Sie bedauerte diese arme Frau, die trotz jener langen goldenen Kette morgen so wenig wie heute die Mutter dieser großen Firma sein würde. Sie tat ihr leid. Denn Lieschen war nicht hartherzig.

Aber auch schmerzliche Gedanken können wohltun ...

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