Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alice Berend >

Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/berend/spreeman/spreeman.xml
typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090617
projectid9f237800
Schließen

Navigation:

5

Wieder schob das tägliche Teil der Pflichterfüllung Lieschen durchs Zickzack des Lebens.

Sobald es feststand, daß man das alte Heim verlassen mußte, hatte sie auch schon zu kramen und zu räumen begonnen.

Niemand weiß, wieviel er besitzt, ehe er es einpacken muß.

Immer wieder mußten neue Kisten aus dem Lagerraum von Spreemann & Co. heraufgeschafft werden.

Trotzdem ließ sich Mutter Lieschen von niemandem helfen. Die Männer hatten ohnedies genug zu tun. Schon hämmerten unten die Maurer. Schon roch es nach Kalk und Mörtel. Die Schwiegertöchter aber hatten mit dem Aufbau der eigenen jungen Heime zu schaffen.

Wenn sie auf einen Augenblick heraufgesprungen kamen, weil sie in dem Laden nach den neuen Ehemännern geguckt hatten, dann sahen sie mit neugierig verwunderten Augen auf den aufgestapelten Krimskrams.

»Ach, wieviel altmodisches, unnötiges Zeug«, sagte Ilka, die sich sehr elegant und mit einem frauenhaften Kapotthut auf den hübschen Locken in dem vollgefüllten Zimmer herumdrehte.

Sie mochte nicht unrecht haben. Denn Madame Lieschen hatte nie etwas fortgeworfen. Sie war der Ansicht, daß man alles wieder irgendwo oder -wann im Leben gebrauchen konnte.

Alle Dinge sind eben das, wofür wir sie ansehen. Was der eine Kram schilt, kann dem andern kostbar Gut bedeuten.

Was Ilka dort in der Hand hielt, schien wirklich nur ein Fetzen schwarzer, zerschlissener Seide zu sein.

Ilka konnte nicht wissen, daß sie hier ein Stück des Schwerseidnen berührte, das Madame Lieschen bei der Taufe ihrer Zwillinge geschmückt hatte. Und das, als das Kleid als solches nicht mehr taugte, in eine Schürze für Tante Karoline umgewandelt worden war. Die diese bis zu ihrer letzten Erkrankung mit schonender Vorsicht getragen.

Auch der altväterliche Fußschemel, an den Ilka mit der Lackspitze ihres Slovitzkastiefels feinster Ausführung tippte, schien recht entbehrlich zu sein. Sicher knabberte schon der Holzwurm drinnen. Selbst Annalise, die längst nicht so leicht mit Menschen und Dingen umsprang wie Ilka, war durchaus dieser Meinung.

Was wußten die lachenden jungen Frauen von dem Tag, an dem ein kleiner jüdischer Heilgehilfe dem Herrn Spreemann in den kleinen Zeh schnitt, der dort auf jenem Schemel geruht hatte.

Aber davon sagte Madame Lieschen kein Wort.

Im Gegenteil. Sie sagte:

»Ihr mögt recht haben, liebe Kinder.«

Und nur mit leiser Entschuldigung fügte sie hinzu, daß der Mensch, wenn er alt wird, an seinem Kram hängt. Und daß auch sie dies, will's Gott, einmal erleben würden.

Und sie füllte zwei Gläser mit Obstwein, stellte den Teller mit selbstgebackenen Aniskuchen auf den Tisch und nahm es nicht übel, wenn sie bald wieder die angenippten Gläser forttragen, die Kuchenkrümel abfegen konnte und wieder allein war. Allein mit ihren Schätzen. Und doch nicht einsam.

Erinnerung ist eine große Zauberin. Aus einer alten Schleife läßt sie Augen lächeln, die längst geschlossen. Ein vermodertes Rosenblatt blüht unter ihrem Hauch wieder auf, es duftet und ruft Stunden zurück, die längst dem Nichts verfallen.

Madame Lieschen schnürte, faltete, schichtete Bündel und Ballen, bückte, beugte und wunderte sich, wieviel sie doch, alles zusammengenommen, erlebt hatte.

Wenn ihr das jemand früher erzählt hätte, sie würde gelacht und es nicht geglaubt haben.

Bei den Mahlzeiten versuchte sie auch Spreemann in diese Reminiszenzen zu verstricken. Aber er hatte keinen Sinn dafür. Er, im Gegenteil, war nur mit der Zukunft beschäftigt. Mit morgen, übermorgen, in einem Monat, in zwei, in drei.

In zwölf Wochen sollte das neue Geschäftshaus eröffnet werden. Eine ganze Reihe von Gasflammen sollte die neue Fensterfront auch von außen beleuchten.

»Wenn du wüßtest«, sagte Spreemann aus seinem schweigenden Kauen heraus.

Und im stillen fügte er hinzu:

»Was die Jungen alles mit mir vorhaben.«

Aber er hütete sich, es laut zu sagen.

Im Hause wenigstens wollte er seine Machtstellung behalten.

Lieschen mußte es als große Gnade ansehen, daß sie den Umzug aus eigenen Kräften leiten durfte.

Aber Lieschen hatte sich über so vieles zu verwundern, daß sie auch über dieses Warum der raschen Wirklichkeit nicht weiter nachgrübelte.

Ebenso wie sie über die nicht geahnte Reichhaltigkeit der Schübe und Schränke überrascht gewesen, mußte sie nun staunen, wie rasch sich die Zimmer leerten.

Wieder zeigte es sich, daß äußerer Besitz viel schneller schwindet als innerer.

Kaum, daß die großen handfesten Kerle die Treppen hinaufgestampft waren und an den Möbeln zu rücken anfingen, waren die Stuben auch schon leer. Nur der Fuselatem der schweißtriefenden Träger, Streu und Staub drehten sich zwischen den Wänden. Zwischen den Fenstern und Tapeten, wo ein Leben lang kein Staubkörnchen geduldet worden.

Aber die Räume sahen jetzt noch einmal so groß aus. Wie wenn sie zeigen wollten, daß auch sie mit ihren höhern Zwecken zu wachsen verstanden. Daß sie sich auch als stattliche Geschäftshallen zu benehmen wissen werden.

Madame Lieschen bemerkte es mit einem raschen, erstaunten Blick. Viel Zeit hatte sie nicht dazu. Alles in Berlin vergrößerte sich, aber die Minuten waren kürzer geworden.

Lieschen seufzte. Nicht ungern hätte sie ihren alten Klaus heraufrufen lassen, um das Wachstum der leeren Wohnung bewundernd zu besprechen und manches wieder wachzurufen, was sich zwischen diesen Wänden abgespielt. Wo man nun nichts zurückließ als ein paar rostige Nägel.

Aber die Zeiten langsamer Behaglichkeit schienen ein für allemal vorbei.

Das Gestampf neuer Schritte brachte Lieschen schnell wieder in Bewegung und Tätigkeit. Die Maurer zogen schon mit ihren klecksenden Werkzeuggeräten in die Küche ein. Wo auf dem kalten Herd die guten Lampen und die große Vase aus Berliner Porzellan in Sicherheit gebracht waren. Eilig stürzte Lieschen zu ihrer Rettung davon.

Und bald saß sie mit ihnen in der Droschke. Auf dem Bock neben dem Kutscher hockte das Dienstmädchen, die letzten Besen als hochgehaltenes Banner zwischen die Knie geklemmt. Alles bereit zur Abfahrt.

Man hatte stets auf die alten Berliner Droschken gescholten. Die Jungen sagten, man hätte den Pferden nie ansehen können, ob sie liefen oder stünden. Möglich, daß sie zwischen diesen beiden Tätigkeiten keinen großen Unterschied gemacht hatten. Dafür waren sie brave Gäule, die niemanden in Lebensgefahr brachten.

Dieses neumodische Pferd zog so rasch an, daß es Lieschen glühend heiß vor Schreck wurde. Ihr Kapotthütchen rutschte aufs linke Ohr, die Lampen klirrten, die Vase zitterte, die Besen schwankten, und Lieschen hatte so viel zu halten, zu fassen und zu umkrampfen, daß sie erst weit unten in der Leipziger Straße bemerkte, daß sie ihr altes Heim für immer verlassen.

Keine Zeit zum Nachdenken zu haben spart manche Träne.

Daher hätte Vater Spreemann gar nicht in die entferntesten Lagerräume zu fliehen brauchen, sobald man die Droschke heranpfiff. Aber er fürchtete den Abschied. Er war fest überzeugt davon, daß sich Lieschen von der Jungfrau von Orleans anstecken lassen würde. Daß sie sich ein Beispiel nehmen würde an jenem tränenreichen Lebewohl der bewässerten Wiesen, das sie noch immer auswendig konnte.

Er war nicht wenig froh, als Hans ihn endlich in seinem Versteck aufstöberte, um ihm vergnügt zu erzählen, daß Mamachen so besorgt um zwei lange Lampen und eine dicke Vase gewesen, daß sie ganz vergessen hatte, sich zu verabschieden.

Er wurde ganz gerührt vor Freude.

»Gott gebe, daß sie gesund und heil mit all dem zerbrechlichen Zeug anlangt«, sagte er. »Sie ist eine tüchtige Frau.«

Es war Tischzeit. Sowohl Hans wie Christian baten ihn, mit nach Haus zu kommen.

Lieschen hatte schon am Morgen jede Einladung abgeschlagen. Sie sagte, daß sie heute nicht ruhig genug wäre, um sich an einen gedeckten Tisch zu setzen. Sie wollte in Ordnung kommen.

Und zwar ohne Hilfe.

Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Denn nicht nur die alte Seidenschürze und der wurmstichige Fußschemel waren sorgfältig eingepackt worden, auch manches andere von der Zeit Zermürbte sollte auch unter dem neumodischen Dach wohlbehütet ein neues, gesichertes Obdach finden.

Alte Leute haben ihre Grillen.

Auch Spreemann nahm keine der Einladungen an.

Er ging nicht gern zu den Söhnen. Er hatte sich noch nicht an diese neue Situation gewöhnt. Er fand es dumm, daß er neben seinen eignen Zwillingen sitzen sollte, ohne das Recht auf Befehle zu haben. Daß er stillschweigend essen sollte, was ihm die jungen Dinger von Schwiegertöchtern vorzusetzen beliebten.

Darum dankte er und ging in die nahe Weinstube.

Man bediente ihn, wie es einem Manne zukommt, der im Begriff ist, sich um ein ganzes Stockwerk zu erhöhen.

Spreemann war müde von dem guten Mahl und dem gediegenen Wein, als er wieder über den Platz nach Hause schritt. Ein Viertelstündchen auf dem Sofa würde guttun. Da sah er die kahlen, geöffneten Fenster. Er war nicht mehr zu Haus hier. Irgendwo draußen vor den Toren würde er heute nacht schlafen.

Einen Augenblick lang erinnerte er sich eines müden Jungen, der auf der Landstraße laufen mußte, ohne zu wissen, wo er heute nacht seinen Strohsack zur Ruhe finden würde. So wie einem plötzlich einige Sätze aus einer alten, vergilbten Geschichte einfallen, zuckten diese Gedanken unter seinem seidenen Hutfutter hindurch ins Straßengewühl. Da verschwanden sie.

Vor dem Laden stand schon der Baumeister, der Herrn Spreemann zu einem Gang durch die Wohnung aufforderte. Denn die Arbeiten mußten sofort in Angriff genommen werden.

Als ob wir gestorben sind, mußte Spreemann denken, als er das ausgeräumte Schlafzimmer betrat, wo seine Schritte widerhallten. Er dachte gewiß nicht gern etwas Unangenehmes, aber dieser üble Gedanke ließ ihn nicht los.

»Jetzt erst bekommt man einen richtigen Begriff von der Sache«, sagte der Baumeister zufrieden. »Daraus werden wir ein paar ganz konkurrenzlose Geschäftsräume zaubern, Herr Spreemann.«

Und er schwang die Papierrolle in seiner Rechten wie einen Zauberstab durch das ausgestorbene Zimmer.

Spreemann lächelte sein höfliches Geschäftslächeln, wenn der Baumeister vor ihm stand. Von der Seite warf er ihm böse Blicke zu. Das war auch einer, der nicht geruht hatte, bis die Mauern um die Stadt zerhackt waren, der nicht ruhen würde, bis man ganz Berlin auf den Kopf gestellt hatte.

Aber das waren Privatgedanken. Dem Baumeister gegenüber war man Geschäftsmann. Er lächelte ...

Indessen werkelte und schaffte Mutter Lieschen zwischen frischen, fleckenlosen Tapeten.

Die neue Wohnung lag vor dem Potsdamer Tor, kurz hinter der Brücke. Wenn Lieschens geschäftige Blicke ungewollt durchs Fenster fuhren, zuckte sie jedesmal erstaunt zusammen. Da war kein Dönhoffplatz zu sehen, sondern ein fremder Hausgiebel neben einem Kastanienbaum. Kurios, daß man hier draußen in Berlin sein sollte.

Aber sie hatte zu tun, zu tun.

Der gute Klaus sollte heute abend das Wundern lernen.

Die brave Annalise, die ein Huhn brachte, das in Reis und Brühe ruhte, wurde sobald als möglich wieder fortgeschickt.

»Heute abend sollt ihr alle kommen und staunen«, sagte Lieschen eifrig und ein wenig atemlos vom beständigen Bücken.

Annalise mußte nur rasch noch den hübschen Balkon bewundern und den kleinen Garten, auf den er hinausführte. Hier wie dort hätte man sofort Petersilie, Schnittlauch, Radieschen und sogar auch Blumen pflanzen können, wenn es nicht gerade zum Winter gegangen wäre. Aber im nächsten Frühjahr würde man damit beginnen.

Annalise bekam schon einen Teil der Ernte versprochen, aber einstweilen mußte sie gehen.

Lieschen begleitete sie bis auf die Treppe hinaus und rief ihr noch tausend Grüße für Christian nach. Da klirrte drinnen ein Glas, und mit einem Aufschrei stürzte sie zurück in die Wohnung.

Die Gardinen und die neuen Kronleuchter für das Gas hingen bereits. Das gab dem Ganzen schon ein gemütliches Ansehen.

Mit geheimnisvollem Lächeln füllte Lieschen aufs neue ihre Schränke. Ein kleiner Schuh – es war der erste, den Hans getragen – oder war es der von Christian? – klemmte sich immer wieder ein, hinderte das Schließen des Schubes und verursachte einen kleinen, unnützen Zeitverlust.

Als man gerade in diesem Augenblick die Klingel zog, schrak Lieschen zusammen wie eine ertappte Sünderin.

Es war die Fädelfrieda. Neugierde und die nicht zu tadelnde Hoffnung auf einen kleinen Nebenverdienst hatten sie hergeführt. Sie bot ihre Hilfe an und begann sogleich zuzugreifen, indem sie ein dickes Leinenpaket in den Arm nahm und dem Wäscheschrank zutrug.

Lieschens Rücken schmerzte schon reichlich. So erteilte sie schweigend die Erlaubnis dazu.

Die Fädelfrieda hielt Umschau.

In der Küche konnte sie kaum das starre Lächeln bewundernder Höflichkeit aufrechterhalten.

Hier war alles so niedlich und lecker wie für ein junges Ehefrauchen.

Und zu diesen rechnete die Fädelfrieda auch solche, die sich eventuell erst um die Fünfzig herum zur Ehe entschließen würden.

Bei den Sprüngen unsrer Träume kommt es auf den Zeitraum einiger Jahre nicht an.

»Hübsch, nicht wahr?« fragte Lieschen in argloser Freude.

Die Fädelfrieda bejahte es und sagte, wenn Spreemanns erst eine Equipage hätten, würde es auch gar nicht mehr so weit sein. Jetzt wäre es ja noch eine kleine Landpartie, aber gewiß sehr gesund.

Dann häufte und band sie wieder Wäsche zusammen, wobei sie beständig schwatzte.

»Der Krieg war mein Unglück«, sagte sie. »Jetzt will der lumpigste Berliner etwas Besonderes vorstellen. Jeder dünkt sich fein genug für ein eignes Piano und eine Nähmaschine. Kommt man nach Arbeit fragen, heißt es, daß man selber eine Maschine hat. Gut, sage ich, nähen Sie sich Ihre Wäsche selbst, aber eins weiß ich, Neuigkeiten erfahren Sie dadurch nicht. Hab' ich nicht recht?« fragte sie und holte endlich Atem. Der Tropfen von ihrer Nase fiel wie ein schweres, abschließendes Siegel nieder.

Lieschen brummte ohnedies der Kopf. Was gingen sie die Pianos und neuen Nähmaschinen an. Sie wollte jetzt die kräftig gebürsteten roten Sammetmöbel auf drei Zimmer verteilen, um Spreemann zu überraschen. Der Abend war nicht mehr weit.

Aber sie sollte selbst überrascht werden.

Auf der Treppe knackte und polterte es.

»Wie wenn ein Sarg kommt«, sagte die Fädelfrieda und lachte, als hätte sie etwas Reizendes gesagt.

Man brachte ein Klavier. Aus poliertem Nußbaum mit gelben Messingleuchtern, wie es jetzt das Allerneueste war. Und dahinter kam eine dazugehörige Salongarnitur. Alles prima Mode und Qualität.

Lieschen schwor, daß dies alles ein Irrtum sein müsse. Die Träger aber versicherten, daß alles seine Richtigkeit habe. Und sie im Auftrage der jungen Herren Spreemann handelten. Sie rollten den Teppich auf und gruppierten alles in wenigen Augenblicken.

Und nun fuhren draußen schon Droschken vor, und bald war die ganze Familie vereint. Zwischen den neuen Salonmöbeln.

Lieschen umarmte Söhne und Schwiegertöchter mit ihren von der Arbeit steifen Armen, bedankte sich unaufhörlich und sagte zu Hans, daß das Klavier aber wirklich eine Verschwendung sei, denn sie kenne doch keine Note noch Taste.

Hans aber sagte, daß ein Klavier jetzt zum guten Ton gehöre, daß man vielleicht Geschäftsfreunde zu bewirten haben werde und daß das alles für den Senior von Spreemann & Co. notwendig sei.

»Nun«, sagte Madame Lieschen, »da müßt ihr euch wenigstens alle fotografieren lassen, damit ich etwas auf das Klavier zu stellen habe. Und es nicht ganz unnötig dasteht.«

Und sie bedankte sich wieder.

Ilka brachte nach altem Berliner Brauch Brot und Salz. Aber das Brot war Kuchen und das Salz Zucker. Das war die Erfindung des neuen Konditors.

Lieschen fand dies sehr poetisch. Nur meinte sie, daß für alte Zähne natürliches Brot gesünder sei.

Aber sie schnitt den Kuchen gleich an, goß Ungarwein ein und bot ihren guten Kindern immer wieder an. Auch die Fädelfrieda bekam ein großes Stück in die Morgenzeitung gewickelt, womit sie sich zufrieden auf den Weg machte.

Lieschen war schon sehr müde, als Herr Slovitzka noch kam und zwei Kupferstiche brachte, die grüne und die silberne Hochzeit, von Knaus.

Diese Bilder gefielen besonders Spreemann senior.

»Das ist doch mal was Hübsches«, sagte er und setzte sich nachdenklich davor.

Trotzdem Lieschen und er niemals zusammen getanzt hatten, auf dem Bilde sich aber sogar das Silberpaar noch zu einem Tänzchen anschickte, fand er eine große Ähnlichkeit zwischen den Knausschen Gestalten und sich.

Als er hörte, daß der Urheber der Bilder in Berlin lebte, sagte er:

»Der Mann muß oft über den Dönhoffplatz gekommen sein, ich bin fest überzeugt davon.«

Endlich erinnerte man sich, daß Mutter Lieschen sehr müde sein mußte. Man ging. Man hatte es nun nicht mehr so nah zueinander.

Christian und Annalise wohnten in der Stadt, nahe bei der Jerusalemer Kirche. Annalise hörte so gern Glockengeläut, und da sie draußen auf dem Lande groß geworden, hatte sie sich sehr gewünscht, nun recht in die Stadt hineinzukommen.

Man will mit der Ehe eben gern etwas erreichen, was man vorher vermißte ...

Hans und Ilka aber wohnten noch weiter draußen als Vater und Mutter. Ihre Wohnung lag, wo einstmals Moritzhof gewesen. Hans hatte eine Badestube für Ilka einrichten lassen, in der sie jeden Morgen ein laues Bad nahm.

Ein Umstand, den Spreemann jedesmal spöttisch erwähnte, sobald er mit Ilka zusammentraf.

»Ich bin überzeugt, unsere alte, ehrwürdige Kaiserin würde sich da nicht hineinsetzen«, hatte er gesagt, als er zum erstenmal die neue Wohnung seines Sohnes besichtigte.

Auch jetzt konnte er sich beim Abschied, trotzdem er über die Geschenke zufrieden und gerührt war, nicht enthalten, Ilka zu ermahnen, sich nicht im Morgenbade zu erkälten.

Man hörte Ilka noch auf der Treppe lachen.

Dann schlug die Haustür zu. Die wartenden Droschken rüttelten fort, und das alte Ehepaar begab sich zur ersten Ruhe unter dem fremden, neuen Dach.

Es war merkwürdig still. Man hörte den fremden Kastanienbaum rauschen.

Madame Lieschen mußte an Grab und Kirchhof denken.

Sie war sehr müde. Und das Herz schlug wieder schwer und langsam.

Sie dachte an die neuen Möbel. An das stumme, blanke Klavier. An die viele Arbeit, die sie hinter sich hatte.

»Eigentlich hat das alles nur Sinn, wenn man jung ist und das Leben noch vor sich hat«, sagte sie zu Spreemann, den sie im andern Bett wußte.

»Unsinn«, sagte er. »Wir sind noch nicht alt. Sechzig Jahre sind kein Alter. Daß du mich den Jungen nicht etwa als alt hinstellst. Ich verbitte mir das. Wir sind in den rüstigsten Jahren.«

Lieschen wunderte sich, daß Spreemann so viele Worte um eine einfache Sache machte. Ihr war es gewiß recht, noch nicht alt zu sein und noch eine Strecke vor sich zu haben.

Die Kinder sollten die große Ausgabe für die neuen Möbel doch nicht ganz umsonst gemacht haben ...

Der Kastanienbaum rauschte.

Sie gähnte.

Sie war eingeschlafen.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.