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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 22
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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3

Je näher der Mensch dem Abend des Lebens rückt, um so weniger Schlaf braucht er. Die Zeit vor dem Dunkelwerden ist die geschäftigste.

Es war noch still in der Wohnung, noch sonntagfriedlich auf Platz und Straße, als sich Klaus und Lieschen schon wieder gegenübersaßen und die frische Morgenluft lobten.

Ehe noch der erste Milchwagen mit den blanken Blechkannen und dem kläffenden Köter über das Pflaster geholpert kam, hatte Spreemann Madame Lieschen den ganzen unsinnigen Plan ihrer Jungen auseinandergesetzt.

Es war sonst nicht seine Gewohnheit, mit Lieschen Geschäftliches zu bereden. Erstens verstanden Frauen nichts davon. Der Einblick in Reihen von sehr vielstelligen Zahlen konnte der für sie notwendigen Sparsamkeit hinderlich sein. Und außerdem mußte es doch noch einen kleinen Unterschied zwischen Mann und Frau geben. Aber wenn man sich allein fühlt, ist man nicht wählerisch. Man ist zufrieden, ein williges Ohr zu finden, das einen anhört. Vielleicht sogar versteht.

Madame Lieschen hatte die Augen in einer Bunzlauer Schüssel, in die sie Schoten pellte. Spreemanns Vertrauen ehrte sie, und sie achtete darauf, daß die Hülsen beim Aufspringen möglichst wenig knallten. Sie hörte genau zu.

»Das kommt davon, wenn man mit seinen Kindern zu hoch hinaus will«, sagte Spreemann am Schluß des Berichts. »Aber du mußtest ja den Jungen nach London lassen. Hier in Berlin wäre ein Sohn anständiger Leute nicht auf solche Gedanken gekommen. Davon bin ich überzeugt.«

Lieschen schwieg und pellte.

»Schon der Gedanke, uns aus unserm Heim jagen zu wollen, ist doch unerhört. Hier, wo wir gelebt und gespart haben, ehe von diesen Jungen überhaupt eine Ahnung da war.«

Er sah scharf und ärgerlich auf Lieschen.

Zum erstenmal im Leben, wo ihre Tränen ihm wohlgetan hätten, blieb sie in aller Ruhe sitzen. Als ob sie auf beiden Ohren taub sei. Dazu war man nun dreiundzwanzig Jahre verheiratet.

»Hier, wo Tante Karoline aus und ein gegangen, wo die Jungen zur Welt kamen, während ich unsre Vaterstadt verteidigen ging, hier, wo noch der selige Herr Hirschhorn mir die Hühneraugen schnitt, hier, wo uns der Laubfrosch gestorben.«

Er suchte aufgeregt in allen Ecken seiner Erinnerung nach neuen Geschossen auf Lieschens Tränendrüsen.

Jetzt tat sie wenigstens den Mund auf.

»Das sehe ich nicht ein«, sagte sie friedlich. »Die neuen Wohnungen haben alle hübsche Balkönchen, wo man in Zigarrenkisten Radieschen und Schnittlauch pflanzen, im Sommer selber drauf sitzen und im Winter das Pökelfleisch hinausstellen kann. Sie haben reizende, helle Küchen und manche sogar Badestuben. Denke nur an Kreisrats Wohnung am Halleschen Tor.«

»Badestube«, schnaufte Spreemann. »Eigene Badestube. Ich weiß nicht, woher euch dieser Hochmutsteufel zwackt. Als ich mein Geschäft gründete, lief man nach den Linden, um zu sehen, wie die Wanne für den König aus dem Hotel de Rome ins Schloß hinübergebracht wurde. Aber meine Herren Söhne müssen eine eigene Badewanne haben. Natürlich.«

Lieschen sagte, daß er sich nicht aufregen sollte und vor allen Dingen sein Geschäftliches bedenken müsse. Das bliebe doch die Hauptsache.

»Ich wundere mich nur, daß du nicht lachst über diesen ganzen Einfall!« rief Spreemann. »Oder wenigstens weinst. Einen kleinen Begriff vom Geschäft mußt du doch auch bekommen haben in all den Jahren. In der ganzen Stadt gibt es doch nichts Ähnliches.«

»Mir gefällt immer gerade, was kein andrer hat«, sagte Lieschen einfach. »Und dann – du kannst doch nicht behaupten wollen, daß unsere eignen Jungen dumm sind oder nicht klug im Kopf. Und außerdem, wenn Hans sagt, daß es in London schon so etwas gäbe, dann gibt es eben doch so etwas.«

Spreemann bereute seinen Fehler. Mit Frauen war nicht von Geschäften zu reden. Er hatte es vorher gewußt. Und doch nicht danach gehandelt.

Er sagte es Lieschen geradeheraus und verlangte wütend nach dem Frühstück. Zu etwas mußten die Weiber doch taugen.

Lieschen nahm eilig die Schotenhülsen in die Schürze und die Schüssel in den Arm.

»Wenn's so ganz was Besonderes ist – nachher setzen sie dir vielleicht gar ein Denkmal«, sagte sie. In Gedanken versunken ging sie hinaus ...

Bald darauf setzte das Mädchen angenehm duftenden Kaffee und dampfende Milch auf den fleckenlosen Frühstückstisch, den die Morgensonne mit beweglichen Kringeln schmückte. Auf einen dieser Sonnenringe legte das Mädchen bescheiden einen Brief.

»Herr Slovitzka hat dies geschickt«, sagte sie und ging eilig hinaus.

Spreemann griff hastig nach dem großen Kuvert.

War sein Freund zu fein geworden, um mit ihm zu reden? War er etwa mitten im Sommer Hoflieferant geworden? Das war etwas, wonach Slovitzka strebte, wie ein König nach der Krone. Obwohl ihm Spreemann oft genug erklärt hatte, daß man bei Hof doch Zeit genug habe, um Stiefel nach Maß zu tragen, und seine Gummischuhe gar nicht brauchte, da man sogar bei gutem Wetter Equipage fuhr.

Auf dem großen Kuvert war der Slovitzka-Stiefel abgebildet. Ebenso am Kopf des Briefbogens, den Spreemann jetzt auseinanderfaltete. Spreemann kannte den Stiefel, denn er verdiente fünfzig Prozent an ihm. Daher hielt er sich nicht weiter bei ihm auf und begann zu lesen.

Er konnte sich nicht gleich in den Inhalt hineinfinden. Nur merkte er sofort, daß der Brief nicht das enthielt, was er befürchtet hatte.

Von einer Rangerhöhung verriet dieses Schreiben nichts.

Herr Slovitzka teilte dem geehrten Herrn Spreemann mit, daß er zwar nicht Berliner sei, aber trotzdem seine Tochter Ilka nicht vor der Wohnungstür küssen lasse. Weder auf der Vorder- noch auf der Hintertreppe. Und wenn der betreffende Delinquent nicht umgehend im gebügelten Frack und Zylinder die rückständige Erlaubnis dazu für Zeit und Ewigkeit von dem betreffenden Papa Schuhfabrikant en gros und en détail nachzusuchen käme, würde man die Sache den Gerichten übergeben.

Dies reibt Ihnen unter die Nase Ihr achtungsvoller Josef Slovitzka, lautete der Schluß dieses nachbarlichen Schreibens.

Delinquent ist ein Schimpfwort, und außerdem hat man an mich hochachtungsvoll zu schreiben, war das erste, was Spreemann aus der Fülle seiner Erregung aufsprang. Und gleichzeitig kühlte ihn wie ein erfrischender Lufthauch der Gedanke, daß sich sein Freund Slovitzka tüchtig geärgert haben mußte. Dieser Böhme!

Lieschen kam herein, goß sich Milch und Kaffee ein und begann Semmel in die große Blumentasse zu brocken.

Das Kuvert mit dem Stiefel schob sie achtlos beiseite. Trotz des morgendlichen Gesprächs hatte sie sich noch nicht daran gewöhnt, Geschäftliches zu beachten.

»Was verstehst du unter Delinquent«? fragte Spreemann.

»Verbrecher«, sagte Lieschen freudig. »Ist wieder was passiert?«

Ihre lebhaften Augen suchten nach der Zeitung.

»Da lies«, sagte Spreemann und reichte ihr den Brief. Lieschen holte neugierig die Brille aus dem Schlüsselkorb und las.

»Das versteh ich nicht«, sagte sie erregt. »Kann ein Mensch in dieser Weise schreiben, der noch gestern Kalbsbraten bei uns aß?«

»Vorgestern«, verbesserte Spreemann ärgerlich.

»Und wenn auch«, erwiderte Madame Lieschen.

Da kamen Hans und Christian ins Zimmer. Starker Tabakduft ging von beiden aus.

»In meiner Jugend roch man am Morgen nach Seife«, sagte Spreemann, dessen Ärger nun langsam nach oben stieg.

»Das ist jetzt Nebensache«, sagte Lieschen. »Zeig doch vor allen Dingen den Brief.«

Sie wandte sich an Hans.

»Der Slovitzka nennt dich Delinquent oder so etwas, weil du Ilka schon vor der Tür guten Tag gesagt hast.«

»Wozu brauchst du sie auch zu küssen, man kann sich doch auch so begrüßen«, brummte Spreemann, »nichts wie Ärger hat man.«

Die ganze Gegend um Hansens wohlgepflegten Bart herum wurde feuerrot.

Er las den Brief und rief:

»Das muß sofort erledigt werden!«

Und eilte hinaus.

»Um Gottes willen«, schrie Madame Lieschen »schlag ihn nicht tot! Beherrsche dich!«

Sie rannte ihm nach, aber sie wußte nicht, ob er ihre Worte noch gehört hatte. Er zog schon oben die Klingel.

Auch Spreemann war aufgesprungen. Er war ärgerlich auf Hans gewesen. Aber, um Gottes willen, passieren durfte dem Jungen nichts.

»Willst du ihm nicht nachspringen!« schrie er zu Christian. »Er kann vielleicht einen Soldaten gebrauchen!«

Aber Christian sagte ruhig:

»Dazu bin ich nicht nötig, lieber Papa«, und sah dabei trotz seines Bartes so dumm-traurig aus wie früher, wenn ihm Hans alle bunten Murmeln abgewonnen hatte.

Man hörte oben erregte Schritte. Laute Worte. Jetzt einen dumpfen Fall.

»Er hat ihn erschlagen!« schrie Madame Lieschen. Ihr sauberes Morgenhäubchen saß auf einem Ohr.

Schon jagten eilige Schritte die Treppe herunter.

Alle Türen standen ohnedies offen.

Im nächsten Augenblick standen Hans und Ilka im Zimmer.

»Da ist sie!« rief Hans, sehr rot und glücklich.

»Meine Braut, eure Tochter!«

Weinend fiel Ilka Mutter Lieschen um den Hals, während die Tassen klirrten, weil jetzt Slovitzka hereingestampft kam.

Er strahlte vor Zufriedenheit. Freundlich klopfte er Spreemann auf die Schulter und sagte:

»Ich nehme die Sache nicht weiter übel, alter Freund. Der Junge hat eben Vorschuß genommen. Unter Geschäftsfreunden schließlich kein Unglück.«

Er lachte dröhnend auf.

»Alle Stühle hat das Mädchen vor Freude umgerissen. Aber die beiden sind auch wie geschaffen füreinander.«

»Na, bekomme ich auch von dir einen Kuß?« sagte jetzt Ilka, die übermütig vor Christian stand.

»Ich verzichte«, sagte Christian steif.

»Annalise führt wohl Buch über dein Herz und deine Küsse?« neckte Ilka. »Ich stehl ihr einen weg.«

Und sie küßte Christian.

Alle lachten, zufrieden, dem schnellen Atem einen Schwung geben zu können.

»Die Hauptsache ist, daß niemand tot ist«, stammelte Lieschen erregt zu Spreemann, der noch gar nichts gesagt hatte. »Und eine gute Partie ist sie auch«, flüsterte sie leiser.

»Du hast ganz recht, das muß vor allen Dingen besprochen werden«, fuhr Spreemann auf. »Ganz zum Narren halten lasse ich mich doch nicht.«

Und Slovitzka und Spreemann verschwanden in der guten Stube.

»Zuerst möchte ich für andere vorkommende Fälle bemerken, daß ich im schriftlichen Verkehr auf das Wort hochachtungsvoll Anspruch mache«, sagte Spreemann gemessen, ehe sie sich setzten.

»Selbstverständlich«, sagte Slovitzka. »Wir sind doch nun sozusagen sogar verwandt. Aber kommen wir zum Wesentlichen.«

»Wieviel also?« sagte Spreemann. Im Geschäftlichen liebte er keine Umschweife.

»Die Sache ist die, daß ich eine Seifenfabrik gründen will. Auf Aktien. Man nennt mich da Direktor – und außerdem Seife – die höchsten Herrschaften können Seife brauchen – daher bin ich also geneigt, den Slovitzkastiefel ...«

Spreemann unterbrach.

»Alle Achtung vor Ihrem Fabrikat. Es ist nicht schlechter als die meiste Fabrikware. Aber eine Mitgift ist es nicht.«

In diesem Augenblick kam Hans ins Zimmer.

»Meine lieben Papas, ich möchte dabeisein«, sagte er ruhig und schob einen Stuhl zwischen sie.

Slovitzka meinte, daß Väter solche Angelegenheiten lieber unter sich abmachten.

Dies weckte Spreemanns Mißtrauen. Er bat seinen Sohn, zu bleiben.

»Das einfachste ist, ich sage, was ich wünsche«, sagte Hans ruhig, »uns liegt daran, das Haus hier zu erwerben. Ich weiß, daß es für dreißigtausend Taler zu haben ist ...«

Mit derselben Fertigkeit, gegen die gestern Spreemann vergeblich gekämpft, widerstand er jetzt dem zweiten Papa.

Slovitzka wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dummerweise hatte er seiner Wirtschafterin schon die bevorstehende Verlobung angedeutet. Gewiß war sie mit dem Marktkorb und dieser Nachricht schon von Haus zu Haus gezischt. Auch sonst hatte er schon diesem und jenem Andeutungen gemacht. Sonst wäre er längst aufgestanden. Dreißigtausend Taler!

Er sagte, daß man für diese Summe drei Frauen hundert Jahre hindurch ernähren und kleiden könne. Selbst wenn man nur einen Prozentsatz von viereinhalb annehmen würde.

Hans machte seine weiteren Vorschläge. Die Stiefel würde man auch ferner führen. Auch die neue Seife mit Beteiligung. Von dem vergrößerten Geschäftshaus sprach er, als säße man schon drin.

Einigkeit macht stark. Schweigen ist Gold.

Spreemann widersprach nicht. Spreemann schwieg.

Man wird dem eigenen Sohn nicht das Geschäft verderben. Jedes Wort von seiner Seite wäre zuviel gewesen.

Aber er siedete, wie wenn er in der prallen Julisonne säße und nicht in einem Zimmer, wo sogar die Vorhänge zugezogen waren.

Immer häufiger strichen die türkischen Tücher über die heißen Stirnen, wo Jahrzehnte einliniert waren.

Hans hatte nur einmal mit dem großen Gelbseidenen die glatte Bahn über seinen scharfen Augen betupft.

Das war, als er gesagt hatte, daß es Ilka gut haben sollte.

Der Kaffeetisch war längst abgeräumt. Christian war nach Schöneberg gegangen. Ilka war hinaufgesprungen, um sich schön zu machen. Wie freu ich mich auf den Ring, hatte sie gesagt, als sie Mutter Lieschen rasch noch einmal umarmte, ehe sie die Treppe zurücksprang.

Und immer noch verhandelte man dort in der guten Stube.

Mutter Lieschen eilte mit dem Staubtuch von einem Zimmer ins andere. Was lange währt, wird gut. Aber, was gar zu lange brät, wird nicht gar.

Endlich ging die Tür.

»Also morgen kommt es in die Zeitung. Beide Familiennamen fett gedruckt«, sagte Slovitzka.

»Ihr seht aus, als hättet ihr eine weite Landpartie gemacht«, sagte Lieschen und sah forschend in Spreemanns Gesicht.

»Wir übernehmen Ilka und das Haus hier«, flüsterte er ihr hastig zu. »Durchaus günstiger Abschluß.«

»Ich sage ja, der Junge ist nicht dumm«, hauchte Lieschen zurück.

Es war ein Tag, wo man nie allein war. Wo nie einer allein sprach, sondern immer mehrere durcheinander. Wo man eigentlich erst abends im Bett begriff, was vorgegangen war.

»Merkwürdig ist die Wirklichkeit«, sagte Lieschen. »Man denkt doch bei Verlobung immer an Flieder und Nachtigallenschlag. Und bei Christian war Annalise nicht einmal selber da – und heute, die Angst mit dem Delinquenten. Und wenn ich weiter zurückdenke, bei uns selber ...«

Spreemann unterbrach sie. Er wollte Ruhe haben. Er brauchte heute kein Schlafmittel.

»Eine Verlobung ist doch eine ganz normale Sache. Ich weiß nicht, warum es dabei besonders unnatürlich zugehen soll«, brummte er. Legte sich auf die Seite und schlief ein.

Und Lieschen blieb nichts anderes übrig, als die natürlichen Dinge natürlich zu nehmen.

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