Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alice Berend >

Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/berend/spreeman/spreeman.xml
typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090617
projectid9f237800
Schließen

Navigation:

2

Kein Mensch kennt den andern. Aber das behagliche Familienleben vertuscht diese Grausamkeit. Man hat sich immer vor Augen, kennt alle Angewohnheiten seines Nächsten, wie kann man sich da fremd sein?

Aber wenn einer zurückkehrt, der sich eine Zeitlang aus dem glatten Kreise verloren hatte, schreckt eine Ahnung der Wirklichkeit die friedlichen Hausmenschen auf.

Der andre kommt ihnen fremd vor. Und nicht er allein. Alle scheinen plötzlich verändert. Man bewegt sich steif und förmlich. Wie mit lahmen Zungen und Händen.

Bis der gutmütige Alltag Mitleid hat und alles wieder glattpoliert.

Wozu oft nur eine ganze Kleinigkeit gehört. Eine bestimmte Art zu niesen, der persönliche Rhythmus eines Verdauungsschluckers können das befreiende Lachen auslösen und die alte, sichere Gemütlichkeit wiederherstellen.

Durch diese wenig behaglichen Klippen segelten jetzt Spreemanns.

Man war beim Empfangsschmaus und bot sich mit starrem Lächeln immer wieder die guten Speisen an. Man sprach aufs eifrigste vom großen London, vom neuen Deutschen Reich oder vom Rauch der Eisenbahnen, statt von Spreemann und Co., von Annalise und Ilka. Man redete umständlich von den fünf französischen Milliarden, statt von Christians zwei verlorenen Fingern. Man war höflich miteinander, wie wenn man bei besonders vornehmen Leuten zu Gast wäre und nicht um den alten Eßstubentisch säße, wo jede Schramme eine Geschichte erzählte.

Bis die wohlgeratene Himbeergrütze endlich Erlösung brachte.

In dem gleichen Augenblick, wo sie auf den Tisch gesetzt wurde, hoben beide bärtigen Zwillinge ihren Teller hoch und sagten ebenso gleichzeitig:

»Mir zuerst, Mutter.«

Ein befreiendes Lachen schallte über den Tisch. Die Fliegenpuschel unter der Lampe begannen zu schwingen.

»Sie sind noch die alten«, sagte Spreemann und hielt nun auch seinen Teller ohne lange Umstände dem austeilenden Lieschen entgegen.

»Da ist jedes Himbeerchen eigenhändig gepreßt«, sagte Madame Lieschen, nun endlich wieder die richtigen Worte findend.

Und als sie zu essen begannen, fragte sie, was denn Himbeer eigentlich auf englisch heiße, oder ob man so etwas Schönes dort gar nicht hätte.

Hans sagte, daß man dergleichen in Hülle und Fülle dort habe.

»Und wie heißt's?« fragte Madame Lieschen.

Hans räusperte sich.

»Total entfallen im Augenblick«, murmelte er.

»Was nicht zur Branche gehört, behält man natürlich schwer«, sagte Spreemann entschuldigend.

Madame Lieschen meinte, daß es überhaupt nicht zu begreifen sei, warum es so viel verschiedenes Kauderwelsch in der Welt gäbe. Schließlich säße der Mund doch bei allen Leuten an der gleichen Stelle.

Spreemann befühlte jetzt den Stoff von Hansens Anzug und fragte, was er dafür gezahlt habe.

Hans nannte den Preis. Spreemann fand ihn hoch. Um den Vater von der Erstklassigkeit des Gewebes zu überzeugen, zog Hans geschwind den Rock von den Schultern. Nun kam das Gespräch ins richtige Fahrwasser.

Kaffee und Kirschlikör, nach gewohnter, vorzüglicher Art, spülten den letzten Rest der Entfremdung davon.

Als Lieschen bemerkte, daß es wieder menschlich zuging, holte sie, als die Krümel des guten Mahles abgefegt waren, ihren vollen Flickkorb und setzte sich behaglich vor den Nähtisch.

Spreemann & Co. blieben auf ihren Plätzen, rauchten und näherten sich mit immer rascheren Atemzügen dem Eigentlichen, was sie einander zu sagen hatten.

Lieschen lauschte dem Stimmenterzett, als sei sie bei Bilse im Konzertsaal. Auf die einzelnen Worte hörte sie nicht. Mochten sie ihren geschäftlichen Kram unter sich abwickeln.

Lächelnd fädelte sie ein. Arglos stopfte sie an alten Schäden, während das Schicksal Neues spann.

»Die Hauptsache ist jetzt: vergrößern, lieber Papa«, sagte Hans, nachdem er des Vaters Zigarre abgelehnt und sich eine andre angezündet hatte, die er einem breiten Silberetui entnommen.

Spreemann sagte, daß er das schon getan und erinnerte an den Slovitzka-Stiefel.

»All right, lieber Vater, das ist ein kleiner Anfang. Aber nichts weiter.«

»Wie?«

Spreemann drehte sich ganz zu Hans herum.

Dieser parierte ruhig die scharfen Blicke, die unter den buschigen Brauen drohten. Das viele Silber, das sich in seiner Abwesenheit an des Vaters Kopf geschlichen, übersah er. Denn er dachte an Gold.

In dem klaren, gemessenen Tonfall, den er in den Kontors der Londoner City gelernt, sprach er, ohne sich unterbrechen zu lassen. Man mußte zuvörderst das obere Stockwerk hinzunehmen. Diese Wohnung hier, wo sie saßen, Up and Down, mußte einem gehören. Pelze, Wäsche, Strümpfe mußten geführt werden. Nach und nach alles, was zum Standard des Lebens gehört. Wohlfeil, aber fashionable Ware. Es hieß nicht nur vorwärtskommen, sondern the first zu sein!

»Fürst? Wieso?« fragte Spreemann.

»Die Ersten zu sein«, übersetzte Hans und fuhr unbeirrt fort.

»Es lag auf der Hand, daß auch Berlin nun nichts weiter denken und wollen werde, als: Make money.«

»Was ist nun das wieder?« fragte Spreemann beunruhigt.

»Geld machen«, sagte Hans fest und deutlich und gab seiner Zigarre neues Feuer.

Spreemanns Gesicht hellte sich auf bei diesen Worten, die ihm verständlich waren.

»Wir wollen doch mehr deutsch sprechen, mein Junge«, sagte er.

Und wie um zu zeigen, daß auch die eigne Sprache reiche Schätze berge, ergriff er nun selbst das Wort.

Er sagte, daß er selbstverständlich nichts dagegen habe, soviel Geld zu verdienen als möglich. Daß er natürlich gewillt sei, die gute Konjunktur nach Kräften auszunutzen. Aber was Hans da eben vorgeschlagen hatte – eine Vermischung der verschiedensten soliden Branchen – erregte in ihm Übelkeit wie ein ekler Brei.

Er versuchte zu lachen. So wie er zu den Witzen der Reisenden lachte, die den scharfen Handel milder erscheinen ließen, ohne etwas daran zu ändern.

Hans blieb ernst wie ein Engländer.

»Well, my dear«, sagte er. »Ich nehme dir das durchaus nicht übel. Aber es kommt mehr darauf an, daß du die Sache zugibst, lieber Papa, als daß sie dir gefällt. Denn über kurz oder lang wirst du dich doch vom Geschäft zurückziehen wollen.«

Spreemann zuckte zusammen. Er schlug sich an die Stirn, als hätte ihn eine Mücke gestochen.

»Ich? Wer hat das gesagt?« stieß er hervor.

Hans zuckte die Achseln und stieß den Rauch in wohlgelungenen Kreisen durch die stille Ruhe.

Spreemann sah zu Christian, seinem Blonden. Gab er dem andern da nicht eine Ohrfeige? Mitten ins Gesicht? Aber Christian blickte mit wachsamer Ruhe vor sich hin. Wie ein Bernhardiner, der im gleichen Augenblick, wo man pfeift, alle Schwerfälligkeit abschütteln und aufspringen würde.

Hans war des Vaters Blicken gefolgt und sagte:

»Christian ist vollkommen meiner Ansicht.«

»Ja«, sagte Christian, »ein ganzes Haus voll bunter Schaufenster, mit vielem Licht, das weit über den Platz fällt, gefüllt mit Waren, gedrängt voll Käufer, wenn man das erreichen könnte. Das wäre eine fabelhafte Sache. Im Augenblick, als es Hans mir sagte, hatte ich schon die verschiedensten Pläne. Die Anordnung – die Einteilung könntet ihr vollkommen mir überlassen ... Ich sehe alles deutlich vor Augen – es müßte mit der Zeit etwas von einem Schloß, von einem Palast haben.«

Spreemann dachte an Tante Karoline. Sie hatte nicht einmal mehr die Wasserleitung erlebt. Aber sie hatte doch einmal gesagt, daß Christian etwas von einem Künstler habe.

Weiß Gott, dies Gefasel da hatte wirklich etwas Abnormes, Anomales – man genierte sich ordentlich.

Er zog an seiner Zigarre. Sie war ausgegangen. Diese verdammten Glimmstengel. Bei der Pfeife hatte man wenigstens Zeit zum Nachdenken. Aber diese neumodischen Artikel. Alles im Eiltempo. Ohne Verlaß.

Lieschen merkte, daß die Musik eine Pause machte. Lächelnd stand sie auf.

»Ausgeplaudert, neue Firma?« sagte sie, kam an den Tisch und strich den drei Männern liebevoll über das Haar. Erst dem Blonden, dann dem Braunen und zuletzt dem Grauen.

»Papa wird müde sein«, sagte Hans und stand auf.

»Du wohl auch«, sagte Mutter Lieschen, »du hast seit gestern ein tüchtiges Stückchen Weg hinter dir.«

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab jedem Jungen einen Kuß.

Türen klappten. Es wurde still in der Wohnung.

Leise, auf Filzsohlen, schlüpfte Lieschen noch einmal in die Küche. Sie sah nach, ob der Gashahn geschlossen. Dann stellte sie die übriggebliebenen Speisen noch in frisches, kühlendes Wasser. Denn es war ein heißer Abend.

Aber je weiter im Sommer, je näher dem Herbst. Es ging schon alles in Ordnung vor sich.

Als sie mit dem Leuchter in der Hand am Zimmer der Jungen vorüberging, hörte sie ihre Stimmen. Sie mußte sich zusammennehmen, um die Kinder nicht durch Husten zu erschrecken. Denn der Korridor war gefüllt mit Tabaksqualm. Nun wußte man doch wenigstens wieder, daß man Söhne hatte.

Müde und glücklich ging sie zur Ruhe.

»Nun, Alter«, flüsterte sie durchs Zimmerdunkel, »bist du froh, daß wir ihn wieder da haben, den Großen? Stattlich ist er geworden, das muß uns auch der Neid lassen. Stattlich. Alle beide. Einer wie der andre. Und was Christians Hand betrifft – du hast recht es sieht auch so sehr gut aus. Es ist alles nur Gewohnheit.«

Sie gähnte.

Spreemann antwortete nichts.

Beides war Lieschen recht.

Zufrieden schlummerte sie ein.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.