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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 20
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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Dritter Teil

1

So war Berlin eine Kaiserstadt geworden. Viele Sommerabende lang hatte es festlich erleuchtet, wie ein Stern unter Sternen, geruht.

Aber man bleibt, was man ist, wie man auch benannt werden mag. Die Berliner erinnerten sich bald, daß ihre Lieblingsbeschäftigung die Arbeit sei. Es fiel ihnen wieder ein, daß der frohe, liebe Mitbürger auch ein Konkurrent sein kann.

Man besann sich auf sich selbst.

Slovitzka machte eine große Bestellung in neuem Stiefelfutter. In verschiedenen Qualitäten. Doch Seide wie Baumwolle sollten einen breiten, schwarzweißroten Bortenrand haben.

Er war nicht der einzige, der es mit diesen Farben zu etwas zu bringen hoffte.

Auch Spreemann verhehlte sich nicht, daß mit dieser Neuigkeit ein Geschäft zu machen sei. Aber er wartete mit allen neuen Entschlüssen auf Hansens Heimkehr. Ohne Zweifel war Hans ein Weltmann geworden. Der den Anforderungen einer Kaiserstadt gewachsen sein würde. Auch zu Christians glücklicher Rückkehr hatte er eine Depesche geschickt.

Auch sonst stand Spreemann nicht mehr auf einem Bein, wie er sich in seiner Freude zu Lieschen ausdrückte.

Dieser Krieg, der die ganze Welt verändert zu haben schien, hatte auch an Christian sein Wunder getan. In den langen Wochen der Sorge und Angst hatte man ihn sich immer als das scheue Milchbärtchen der Kinderjahre vorgestellt. Da war es beinahe schwer, sich an den wetterfesten Kerl zu gewöhnen, dessen Männlichkeit nicht nur im neuen Bart zu stecken schien. Man hörte seinen Tritt im Haus. Man merkte auch im Schuhwarenlager, daß er in andern Lagern nicht nur das Gehorchen, sondern das Befehlen gelernt hatte.

Wie vor einem Jahr, als er davonmarschieren sollte, setzte sich Madame Lieschen immer wieder auf, in den warmen, dämmrigen Sommernächten.

Denn da war etwas, wovon man im Hellen nicht reden konnte. Obwohl man es immer vor Augen hatte. Auch wenn man allein war.

Zwei Finger von Christians Rechter waren in Frankreich geblieben.

Er selber scherzte darüber. Er sagte, daß die Hand eines Berliners auch noch mit drei Fingern eine Bärenpranke bliebe. Das hätte er schon in manchen Gefechten bewiesen.

So würde ihn das kleine Manko auch im Lebenskampf nicht hindern. Davon war Vater Spreemann überzeugt.

Aber Mutter Lieschen kam nicht so leicht darüber weg. Sie erinnerte immer wieder daran, daß sie ihren Jungen mit zehn reizenden kleinen Fingern geboren. Und daß es von Gott selber angeordnet sei, daß der Mensch zehn Finger habe. Fünf an jeder Hand.

Spreemann sagte, daß sie überhaupt nicht verdiene, daß Christian zurückgekommen sei. Er rief ihr die kalten Winternächte zurück, wo sie wachgelegen hatten und Gott auf Knien gedankt hätten, wenn überhaupt nur ein Fingernagel von dem Jungen zurückgekommen wäre.

Er schalt über die Kleinlichkeit der Frauen, die über zwei verlorene Finger jammerten, wenn ein ganzer Mann heil zurückkam. Und nannte sie gleichzeitig maßlos anspruchsvoll. Denn der Mensch muß maßhalten können mit seinen Wünschen; wo sollte das sonst hinaus.

Madame Lieschen antwortete endlich, daß sie ihr Leben lang nicht verschwenderisch gewesen.

So geriet man allmählich in den gesunden Widerspruch, der nötig war, um diesen Gesprächen endlich ein Ende zu machen und beiden die wohlverdiente Ruhe zu verschaffen.

Aber am nächsten Abend saß man wieder auf. Und begann sich in alter Eintracht den neuen Meinungsverschiedenheiten zu nähern.

Spreemann bewunderte die Sicherheit, mit der dieser sonnenverbrannte Blondbart nicht nur mit den gefährlichen Schießwaffen umging, sondern auch mit jungen, lachenden Damen. Wie pfiffig parierte er die Spötteleien Ilkas, die so groß und schlank zurückgekehrt war und sich zu drehen und zieren gelernt hatte wie das vornehmste Fräulein. Und wie ruhig und zigarettenrauchend ließ er sich von Annalise anschmachten.

Da man sich gern selbst als das Maß aller Dinge nimmt, sagte Spreemann bewundernd, daß er wirklich nicht wisse, woher der Junge das habe.

Madame Lieschen schob nachdenklich an dem Nachthäubchen aus Spitzen und meinte dann, daß er das wohl in Paris gelernt haben werde. Wo doch die Amour zu Hause sein sollte.

Spreemann ärgerte sich, daß er darauf nicht selber gekommen und sagte brummig, daß hier von Amouren gar nicht die Rede sei. Ilka wäre dem Jungen wie eine Schwester, und Annaliese werde seine künftige Frau. Was schwätzte sie also von Amouren.

Madame Lieschen antwortete, daß sich Eheleute nicht jedes Wort auf die Waagschale legen sollten. Amour und Heirat hätten doch große Ähnlichkeit miteinander, und sie habe damit nichts Böses sagen wollen.

Auch Sanftmut kann eine Waffe sein.

Madame Lieschen wollte keinesfalls, daß Spreemann jetzt schon wütend wurde und einschlief. Denn auch über Hans hatte sie mit ihm zu reden. Sie wollte wissen, ob ein englischer Herr, Gentleman nannte man das wohl, Gefallen an Erdbeerbowle finden würde. Und ob man ihn in dem breit gestreiften oder im klein gewürfelten Kleid zu bewillkommnen habe.

Sie sollte erreichen, was sie wollte. Erst das Kleingewürfelte wurde Spreemann zum Schlafmittel. Er schalt es ein wandelndes Schachbrett. Lieschen antwortete, daß sie nicht gewußt habe, daß Spreemann Schachbretter führe.

Und nun ergab sich alles Weitere von selbst.

Auf dem Weg zum Bahnhof aber trug Madame Lieschen doch das Kleingewürfelte unter dem schwarzseidenen Umhang.

Schließlich war auch eine Frau ein Mensch, und man konnte wohl auch einmal seinen Willen durchsetzen.

Charakterstärke lohnt sich.

Lieschen hatte den Triumph, daß die Müllerin den Stoff dreimal befühlte und die Elle auf fünf Groschen teurer taxierte, als er je gekostet hatte. Nicht einmal vor drei Jahren, als ihn Spreemarin als Modeartikel geführt hatte ...

Blau blitzte der Himmel über dem Bahnsteig.

Christian und Annalise wanderten Arm in Arm, neben den blanken, glatten Linien, deren Ende nicht zu sehen war. Das Gefühl der Ferne brachte sie einander näher.

Die Müllerin zählte die Sonnenblumen, die das Wärterhäuschen umzäunten.

Madame betrachtete die leeren Wagen auf einem Nebengleise. Sie stellte es sich vor, wie es sein mußte, wenn man darin fuhr. Zwischen Leuten, die man nicht bei Namen kannte, an fremden Feldern und Häusern vorbei. Ein rechter Unsinn schien ihr das. Und noch weniger begriff sie, warum dies sonderbare Vergnügen in der ersten Klasse dreimal soviel kostete wie in der vierten, wenn man doch nicht früher ankam als die weniger Zahlenden.

Sie ging zur Müllerin, um ihr diese Betrachtung zugute kommen zu lassen. Denn die beiden Väter besprachen Geschäftliches. Das sah sie an ihren ruhigen, zufriedenen Mienen.

Sie irrte sich nicht. Der Müller erzählte, daß man seine Wiesen in eine Aktiengesellschaft umwandeln wollte. Aber da hatte man sich an den falschen Ochsen gewandt. Er wußte selber, wo das Futter wuchs. Berliner Boden war jetzt um nichts schlechter als französischer Wein. Je länger er lagerte, um so wertvoller würde er werden. Wenn man es auch selbst nicht erleben wird. Vor seinen Enkeln sollte man einmal katzbuckeln.

Und da es nicht seine Art war, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nur in der Einbildung existierten, kam er jetzt auf das Brautpaar zu sprechen. Er riet zu einer baldigen Hochzeit.

Da schwenkte Madame Lieschen den Sonnenschirm und schrie, daß sie ein Wölkchen am Horizont sehe. Alle eilten zu ihr. Aber niemand konnte etwas Sonderliches entdecken. Nichts regte oder bewegte sich zwischen dem blauen Himmel und den grünen Wiesen.

Alles andre wäre auch unnatürlich gewesen. Denn der Zug hatte erst in zehn Minuten zu kommen. Man war pünktlich in Preußen. Gewiß. Aber nicht voreilig.

Madame Lieschen blieb unbeirrt auf ihrem Platz. Sie hielt den Sonnenschirm waagrecht und winkbereit und sagte, daß sie nicht begreife, was die andern für einen Horizont hätten. Sie sähe etwas.

Recht zu bekommen ist nur eine Sache der Ausdauer.

Schließlich sahen alle etwas. Nicht nur ein Wölkchen, sondern einen schwarzen Punkt, der geschwind zu einer laufenden Lokomotive anwuchs. Nun hörte man Räder und roch Rauch. Der Bahnwärter läutete feierlich die Glocke.

Lieschen und Spreemann begannen planlos hin und her zu laufen.

Christian und Annalise blieben eingehenkelt stehen.

Die Müllerin, die sehr stolz auf ihren Schwiegersohn war, sagte:

»Wie anders bei Christian. Ihm der Kaiser und Bismarck voran. Und hier die rauchige Poltermaschine.«

»Jeder Wind mahlt anders«, knurrte der Müller.

Inzwischen war der Zug herangerollt.

Aus einem Wagen jener ersten Klasse, über die Madame Lieschen eben noch ihre eigensten Gedanken gehabt, winkte ein eleganter Herr mit einem großen Taschentuch aus Seide.

Diese großen Formate werden nur in Prima-Qualität angefertigt, fuhr es freudig durch Spreemanns Kopf. Obwohl es sich hier nicht um seine eigene Branche handelte.

Hans hatte sich vorgenommen, mit der ganzen kühlen Ruhe des Briten aus dem Wagen zu steigen und seine Berliner Familie mit einer englischen Redewendung formvollendet zu begrüßen.

Aber das deutsche Herz machte ihm durch dieses vornehme Programm einen Querstrich.

Als seine guten Augen die einzelnen Gestalten der Wartenden unterscheiden konnten, schrie er ganz einfach:

»Mutter, Mutter!«

Und in den englisch gepflegten Bart kollerten jene ganz gewöhnlichen Salztropfen, die der ärmste Mensch jeder Nationalität kostenlos zur Verfügung hat.

Aber es ging auch so. Man küßte und umarmte ihn trotzdem in stolzester Freude. Und er war auch so vornehm genug.

Schon am Ausgang des Bahnhofs bemerkte Mutter Lieschen den karierten Reisemantel. Das große, prächtige Fernglas, das im hellgelben Futteral am gleichfarbigen Lederriemen an seiner Seite hing.

»Deine Augen sind doch nicht schlechter geworden, mein Junge?« fragte sie besorgt. »Daß du ein so großes Augenglas brauchst?«

Hans beruhigte sie. Das Glas gehöre zum modernen Reisekomfort. Mit der Beschaffenheit der Augen hätte es gar nichts zu tun.

»Es macht sich aber gut an dir«, sagte Madame Lieschen und strich mit dem Zeigefinger über das glatte, angenehme Leder.

»Ich dachte, du hast dir einen Futtertrog umgeschnallt«, sagte der Müller und erklärte seiner Frau mit einem gelinden Puff des Ellenbogens, daß er einen Witz gemacht hatte. Sie gehorchte und lachte. Aber sonst niemand.

Man war nicht unzufrieden, daß sich die Müllersleute nun verabschiedeten, und stieg in eine Droschke.

So zu vieren war man wie geschaffen für einen Wagen, sagte Spreemann.

»Aber eigentlich gehört das Annalischen schon zu uns«, sagte Madame Lieschen. Und sie begann Annalise einige Straßen lang zu loben.

Hans und Christian beobachteten sich schweigend, prüfend. So wie sie als Kinder neue Bekanntschaften begonnen hatten.

»Wie geht es denn bei Slovitzkas?« fragte Hans. »Ich dachte eigentlich, daß sie auch zur Bahn kommen würden.«

Madame Lieschen belehrte ihn, daß zwischen Freundschaft und Verwandtschaft ein kleiner Unterschied sei.

»Ilka ist sehr schön geworden«, sagte Christian.

Spreemann sah nur stumm auf diese beiden breitschultrigen Kerle.

Und Co., dachte er.

Er mußte sich mitten auf der Fahrt eine Zigarre anzünden, um ruhiger zu werden.

Man schwenkte nun um den Dönhoffplatz.

Madame Lieschens Augen streiften die Fenster der Häuserfronten. Vielleicht bemerkte man, wer da heimkehrte. Es konnte keinem schaden, jemanden im modernsten Reisekomfort zu sehen. Zum Glück war es Sonnabend, wo viele die Scheiben putzten.

Auch bei Slovitzkas war jemand am Fenster. Lieschens Augen waren nicht mehr scharf genug, um zu erkennen, wer es war.

Hans sprang aus dem Wagen und lief ins Haus.

Madame Lieschen konnte nicht mehr so eilen wie früher. Aber sie erklomm die Treppen doch schneller als je. Denn sie wollte dabeisein, wenn Hans die Rosengirlande entdeckte, die sie um den alten Eßtisch gewunden, wo die duftende Bowle und der braungoldne Napfkuchen harrten.

Aber das Zimmer war leer. Hans war eine Treppe höher gelaufen.

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