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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 19
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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13

Begeisterung ist ein Festkleid. Im Alltag nutzt sie sich bald ab.

Auch Spreemanns Überschwang dämpfte sich, als es sich herausstellte, daß der Friede noch weit im Felde lag.

Der Lehrer sagte, daß man erst nach Paris hineinmarschieren müsse. Man mußte deutlicher zeigen, wer man seit 1814 geworden war.

Das Leben ist eine große Geduldsprobe.

Aber als die Bäume kahl wurden, kam doch wieder ein Brief von Christian. Er war nur kurz. Christian schrieb nicht, daß er gesund wäre, sondern nur, daß er dies von den Eltern hoffe, daß er die Türme von Paris sehen könne, das sie umzingelt hielten, und daß er nach Hause denke.

Die Buchstaben standen nicht so glatt in Reih und Glied wie eine preußische Schwadron.

»Er hat gewiß auf dem Tornister geschrieben«, sagte Spreemann und sah lauernd zu Lieschen.

»Wenn du meinst«, erwiderte sie. »Nur, daß er gar nichts von seiner Gesundheit meldet.«

Spreemann sagte barsch, daß ein Soldat nicht immer an seine Gesundheit denken könne.

Das leuchtete Lieschen ein. Man glaubt so gern, was man hofft.

Aber sie konnte es nicht ändern, daß ihre Beine immer müder wurden. Oder war es ihr Herz? Als die Tage immer kürzer, kälter und dunkler wurden, war sie oft nicht imstande, das Bett zu verlassen.

»Woran hängt's denn noch?« fragte sie matt, wenn Spreemann die Zeitung studierte.

Er berichtete, daß die Franzosen Heere sammelten, sogar aus Algerien.

»Aus Afrika?« fragte Lieschen.

Spreemann nickte.

»Mohren?« fragte sie weiter.

»Ich glaube«, sagte Spreemann leise.

»Gegen schwarze Mohren mein blonder Junge?«

Sie legte sich müde zurück.

»Die Farbe ist doch ganz Nebensache dabei«, brummte Spreemann. »Das ist bei uns Deutschen ganz egal. Wir siegen auf jeden Fall. Verstanden?«

Er ging rasch aus dem Zimmer.

Aber nach einer Weile kam er wieder herein. Wie versehentlich strich er über Lieschens Hand, während er sagte:

»Du kannst beruhigt sein. Ob Mohren oder nicht. Ich habe etwas getan, was Christian zugute kommen wird.«

Und er teilte ihr mit, daß er die Reservekasse für eventuelle Enkelkinder zur Errichtung eines Lazaretts gegeben.

Das hatte ihm den Trost gebracht, den er nun an Lieschen weitergab.

Er hatte, wie wir alle, gelernt, daß wir nach Gottes Ebenbilde geschaffen sind. So mußte er überzeugt davon sein, daß auch dort oben ein Hauptbuch über Gut und Böse geführt wurde.

Weiter gingen die Tage. Großes geschah. Ein neues Deutsches Reich war gezimmert worden. Ihr König trug eine Kaiserkrone. Paris kapitulierte. Und so war also Christian in dieser Weltstadt.

Ein Sohn in London, der andre in Paris. Man war in Zusammenhang mit der ganzen großen Erdkugel.

Madame Lieschen konnte nicht begreifen, daß man noch immer nicht Friede machte. Daß man wegen einer Lappalie von fünf Milliarden ihren Christian noch immer nicht heimkehren ließ.

*

Einmal entscheidet sich alles. Plötzlich war es wirklich Friede. Ein Präliminarfriede, in Frankreich unterzeichnet.

Madame Lieschen war nicht mehr bettlägerig, wenn sie auch das lange Fremdwort vor Friede noch beunruhigte. Das war kein solider deutscher Friede, auf den Verlaß war.

Aber die Tage wurden nun heller und länger. Der Schnee war geschmolzen, und die Luft war leichter zu atmen.

Ostern fuhr man nach Schöneberg. Man sah die ersten Primeln und Veilchen und sprach schon ein wenig von Hochzeit.

Annalise hatte einen großen Kasten voll schöner, selbstgenähter Wäsche, und Madame Lieschen nahm Stück für Stück in die Hand.

Und als es Mai wurde, bekam Mutter Lieschen einen neuen Wunsch erfüllt. Der solide deutsche Friede war da. In Frankfurt am Main, das auf der Karte kaum zwei Finger breit von Berlin entfernt lag, war er unterzeichnet worden. Im Gasthof zum Schwan. Das klang heimatlich und glaubwürdig.

Nun waren die Truppen auf dem Heimweg.

Ihr Einzug rückte näher von Stunde zu Stunde.

Madame Lieschen hatte großes Reinemachen. Und nicht sie allein. Überall putzte und seifte ein jeder sein Stück Berlin. Es sah aus, wie wenn die ganze Spreestadt Hochzeit halten sollte.

Man war im Rosenmonat. Aber in diesem Jahre waren die Rosen nicht so wohlfeil wie Möhren. Blumen waren hoch im Preise, denn es war eine Nachfrage nach Rosen und Kornblumen, als wenn die Blumen Leckerbissen wären wie die Teltower Rübchen.

Alle Hände, die monatelang Scharpie gezupft hatten, flochten nun Girlanden.

Der Müller aus Schöneberg kam und meldete, daß Annalise zum Einzug einen Korb voll Kornblumen bringen würde.

Herr Slovitzka wollte, daß man ein Fenster mieten sollte. Unter den Linden oder in der Königgrätzer Straße. Oder Tribünenplätze am Brandenburger Tor. An solchem Tage konnte man schon einige Goldstücke springen lassen. Madame Lieschen antwortete, daß dazu ihre Augen nicht mehr gut genug waren. Sie mußte dicht am Straßenrand stehen, wenn sie etwas erkennen sollte.

Herr Slovitzka meinte, daß ihre Füße das nicht aushalten würden.

Madame Lieschen antwortete, daß sie ihre Füße tragen würden, bis der letzte Soldat vorbeimarschiert wäre.

Und diesmal war Spreemann vollständig ihrer Meinung.

»Unser Sohn ist unter den Soldaten, und wir wollen unter den Berlinern sein.«

Mochte er, der Böhme, wieder einmal zu merken bekommen, daß er überhaupt nichts mit dieser Sache zu tun hatte ...

Ohne Wolke blaute der Himmel über der festlichen Stadt. Wie Zugvögel dem Frühling, zog man in dichten Schwärmen den Feststraßen zu. Heute schob sich kein gleichgültig Unbeteiligter durchs Gedränge. Wo einer aufblickte, traf er Augen, die ihn verstanden.

Unter den blühenden Linden, zwischen Girlanden, Wimpeln und Fahnen, dicht an der Bordschwelle, hinter den Schutzleuten, stand Madame Lieschen neben Spreemann. Ihm zur Seite reckten die Schöneberger die Hälse. Zwischen sich hatten sie den Korb mit Kornblumen.

Elf Monate hatte man gewartet, aber diese letzten Stunden hier waren die längsten.

Es war ein Tag für Slovitzka. Obwohl er nichts mit dem Ganzen zu tun hatte. Heute stand sich mancher die Hacken schief.

Die Sonne brannte.

Die Soldaten würden einen tüchtigen Durst mitbringen. Aber man hatte auch überall für Erfrischungsstationen gesorgt. Ob ihnen das Weißbier noch schmecken würde? Nachdem sie den Champagner an der Quelle gekostet?

Plötzlich verstummte alles Geschwätz. Kanonenschüsse. Glockengeläut. In der Ferne Pferdegetrappel und Hurrageschrei.

»Wenn er nun nicht dabei ist, Klaus?« murmelte Madame Lieschen.

Spreemann hatte es wohl nicht gehört; er antwortete nicht.

Nun bogen die ersten Reiter durchs Brandenburger Tor. Man hörte Kinderstimmen deutlich die Wacht am Rhein singen. Mancher andre sang mit. Grell blendete die Sonne auf die Helme und Waffen. Vielleicht kam es daher, daß aller Augen überliefen.

Aber nicht nur Tränen fielen. Durch den Sonnenglanz stürzten ohne Unterlaß alle Blumen des Sommers und Kränze aus Eichenlaub und Lorbeer nieder.

Lieschen klammerte sich an Spreemann. Das dröhnende Jubelgeschrei, das näher und näher brauste, schien sie umreißen zu wollen.

Jetzt waren sie vor ihr. Bismarck, Moltke und Roon. Mit der Degenspitze fing Bismarck die Kränze auf. Und ein Jauchzen, stärker noch als alle die eisernen Glockenstimmen der Stadt, schwoll zu ihm auf.

Ganz nahe waren Lieschen die drei berühmten Männer. Aber sie vergaß, darüber stolz zu sein. Ihre Blicke, irrten suchend zwischen den gewöhnlichen, verstaubten Soldaten umher.

Jetzt kam der Kaiser. Der als König ausgezogen war und als Kaiser heimkehrte.

Spreemann wunderte sich, daß des greisen Herrschers Augen feucht waren. Er hatte doch seinen tapferen Sohn gesund und sicher neben sich. Und sogar sein Enkelkind. Ernsthaft ritt er auf seinem zebrafarbenen Pferd zwischen Vater und Großvater.

»Ja, nun hat er's schwarz auf weiß, daß er ein Kaiser werden soll«, scherzte jemand in der Menge. Viele lachten. Viele Rosen und Kornblumen umflogen den Kaiser der Enkelkinder.

Die Kaiserin, Prinzessinnen und Fürsten kamen vorüber. Und endlich nur Soldaten und Soldaten.

Zwischen die fleckenlosen Freudenwimpel reckten sich die blutigen, zerfetzten Kriegsfahnen. Tapfer getragene und furchtlos erbeutete.

Hinter Lieschen zählte jemand mit lauter Stimme die erbeuteten Fahnen. Er war schon über die Zahl fünfzig hinausgekommen.

»Hundertundsieben müssen es sein«, sagte stolz ein Dicker, der heftig schwitzte. Er schien ebenso genau wie Spreemann die Zeitungen gelesen zu haben.

»Wenn all der Staub Mehl wäre«, sagte der Müller.

Aber Spreemann dachte im Augenblick nicht an Geschäft und Gewinn. Die Menge um sie herum begann sich schon ein wenig zu lockern. Man stand jetzt über sechs Stunden hier.

Lieschen sah nur starr in die Soldaten.

»Man kann sie schwer voneinander trennen«, sagte Spreemann.

»Weil man sie nicht kennt«, antwortete Lieschen, ohne die Augen von den Vorbeimarschierenden abzuwenden. »Ihn werd' ich schon erkennen.«

Da begann sie zu zittern.

»Nicht fallen, Mutter«, sagte Spreemann erschreckt.

Aber da war auch ihm, als ob das Pflaster plötzlich Wellen schlüge.

Christians Regiment marschierte vorbei.

Reihe nach Reihe, in Schritt und Tritt.

»Mutter«, stöhnte Spreemann, und statt sie zu stützen, lehnte er sich schwer an Lieschen.

Beinah wäre er umgestürzt. Lieschen hatte den Platz verlassen. Sie drängte vor und gab dem ersten Schutzmann einen Puff, daß er beiseite flog. Sie schonte auch den nächsten nicht, und schon war sie zwischen den Soldaten und Waffen. Jetzt war sie einem Mann mit blondem Vollbart um den Hals geflogen.

Alles lachte, klatschte Bravo, und man jauchzte wie zu Anfang, als die hohen Herrschaften vorbeikamen.

Gedanken von plötzlichem Wahnsinn, Mannstollheit und andre gräßliche Zeitungsberichte zuckten durch Spreemanns schmerzenden Kopf.

Aber der Blondbart hob die alte Frau hoch in die Luft, küßte sie und trug sie trotz seines Gewehrs auf den Armen mit sich.

Er drehte sich noch einmal zurück und winkte. Annalise warf blindlings Kornblumen, dann war alles in den Staubwolken verschwunden ...

Viele Gescheite behaupten, daß Mutterliebe blind ist. Wie gut, daß Ausnahmen ihnen manchmal diese Regel bestätigen.

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