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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 18
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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12

Man wußte, daß die Soldaten fort waren, und hörte doch immer noch Trommelwirbel. Man glühte in der sonnengelben Helle und wußte doch nicht mehr, daß es Sommer war.

Langsam schwelten die Tage dahin.

Die Stille der Stuben rief Madame Lieschen die Mamsellenzeit wach.

Während sie mit übertriebener Gewissenhaftigkeit Fliegenpuschel schnitt, dachte sie nach, was sie denn damals so viel zu tun gehabt hatte. Die Tage hatten kaum ausgereicht für die Arbeit. Und sie hatte doch nur für Spreemann zu sorgen gehabt. Der ein fremder Mann für sie gewesen.

Das Zimmer der Jungen war allerdings in jener Zeit ein Schrankzimmer gewesen. In den Ecken standen die Plättbretter, die leeren Flaschen, die Leiter, der Lappenkasten und die Flickwäsche. Es hatte dort immer etwas zu kramen gegeben. Jetzt mied sie diesen Raum. Sie wußte, daß die beiden leeren Betten in tadelloser Ordnung standen.

Sonst hatte sie um diese Zeit vollauf mit dem Einkochen der Früchte zu tun gehabt. Die Gläser blinkten blank und breit. Aber man hat nicht immer Lust, so weit im voraus zu denken.

Bei den Mahlzeiten fielen jetzt ebensowenig Worte wie damals, wo Spreemann noch allein bei Tische saß. Man kaute schweigend und langsam.

Und wenn einer etwas sagte, so war es meist die gleiche Frage:

»Ob er schon am Rhein ist?«

Und immer antwortete der andre:

»Das ist wohl kaum möglich.«

Einmal sagte Madame Lieschen, die jetzt wieder viel in der Jungfrau von Orleans las:

»Wenn sie ihn nun als Gefangenen fortschleppen?«

Da brauste Spreemann auf.

»Sobald du den Mund öffnest, sagst du etwas Unangenehmes!« rief er. Und ließ die Butterschnitte, die er sich sorgfältig mit Käse belegt hatte, unberührt liegen.

Lieschen ertrug schweigend den ungerechten Tadel. Und als sie ihm nach einer Weile freundlich den Lehnstuhl ans Fenster schob, setzte sich Spreemann auch mit gnädigem Nicken hinein.

Sie wußten ganz genau umeinander Bescheid. Jeder von ihnen fühlte, wer allein von allen Menschen mit ihm fühlen konnte.

Das merkten sie, wenn sich Herr Slovitzka bei ihnen einfand und sich den schweren Napfkuchen in den Kaffee tauchte.

»Man muß die Sache nicht so tragisch nehmen«, sagte er und saugte die Feuchtigkeit aus seinem Schnurrbart, der immer schwarz blieb. »Wenn die Sache gut abläuft, was jeder hoffen muß, wird es ein kolossales Geschäft.«

Und dann erzählte er, daß er Ilka noch in Dresden lasse, bis die Zeiten wieder ruhiger wären. Hier versäumte sie nichts.

Spreemanns fanden, daß ihr Nachbar in letzter Zeit nur an sich selbst dachte. Aber die andern waren nicht besser. In den Wirtshäusern wurde getanzt. Wenn man am Fenster saß, hörte man Lärm und Lachen. Und selbst vor den Litfaßsäulen mit den Kriegsdepeschen kicherten die Mädchen.

Nein, Klaus und Lieschen dachten nicht nur an sich. Daher vergaßen sie, daß auch sie sich bisher nur wenig um die großen Geschicke der Welt bekümmert.

Aber nun waren sie in die Speichen des Zeitenrades gekommen. Schonungslos wurden sie mitgedreht.

Spreemanns Pfeife ging aus dabei. Madame Lieschens Strickzeug setzte Rost an.

Sie zupfte Scharpie, las Zeitungen oder fuhr mit dem Zeigefinger auf der Landkarte spazieren. Trotzdem ihr auch das nicht die Lage der Dinge klarmachte.

Aber als es August wurde, ohne daß an der deutschen Grenze etwas vom Feindesheer zu sehen war, hoffte sie, daß es sich die Franzosen anders überlegt, daß sie Angst bekommen hätten.

»Paß auf, es wird nichts«, sagte sie zu Spreemann.

Dieser tippte nur schweigend in die Fülle der schwarzen Zeitungsreihen, wo es von Schwadronen, Bataillonen und Regimentern wimmelte.

Da stand zwischen viel Unverständlichem, daß sich die Heere der französischen Grenze zu bewegten. Die Deutschen hatten keine Lust mehr zu warten.

Nur wenige Tage später schwoll die Nachricht von der ersten Schlacht durch die Straßen. Der ersten Schlacht und des ersten Sieges.

Obwohl aller Anfang schwer ist, hatte man sofort mit einem Sieg angefangen. Spreemann, erklärte Lieschen freudestrahlend, was das bedeutete.

Nun brachte jeder Tag eine andre Neuigkeit.

Schlachten, Gefechte, Siege.

Immer Siege.

Aber die drei gewaltigsten Siegestage hatten neununddreißigtausend Söhne gekostet ...

»Nun ist er einen Monat fort«, berechnete Madame Lieschen.

Hans telegrafierte, ob Nachricht von Christian da sei?

Madame Lieschen drehte das Telegramm oftmals herum und sagte, daß Hans ein feiner Herr geworden sein müsse. Sie hätte sich nicht träumen lassen, daß sie einmal einen Sohn haben würde, der Depeschen schickte wie der König.

»Wenn doch Christian einmal telegrafierte. Er ist zu sparsam«, schalt Spreemann, der bis heute noch keinen Pfennig zuviel ausgegeben.

Sie sprachen stets, als ob auch nicht die geringste Gefahr für Christian bestände. Man muß sich nicht selbst das Unglück ins Haus schwatzen.

Ihre Handlungsweise bewährte sich.

Eines sonnigen Tages kam ein Brief von Christian.

Die gleichen langsamen, großen Buchstaben, die er schon in seine Schulhefte gemalt.

Aber was schrieb er?

Spreemann glitzerte es vor den Augen. Er schimpfte auf die Brille und gab Lieschen das Schreiben zum Vorlesen.

Dieses begann: »Geliebte Eltern.«

Aber da blendete sie das starke Sonnenlicht. Sie meinte, daß auch sie wahrscheinlich schon lange eine Brille nötig hätte.

»Frauen taugen doch zu nichts«, brummte Spreemann.

Der Brief schwankte wieder von einer Hand in die andre. Mit festem, hartem Ton, laut und rasch, wie wenn er eine Geschäftsorder diktierte, begann er dann endlich zu lesen:

»Geliebte Eltern. Wie anders scheint alles hier draußen. Das Leben gilt nichts und doch alles. Noch bin ich heil und gesund. Das wundert mich selbst. Einmal trug ich die Fahne. Die war schon vieren aus der Hand geschossen. Das weiße Tuch ums schwarze Kreuz war rot von Blut. Ganz durchlöchert und so schwarz, weiß und rot sah sie wie eine fremde Fahne aus. Aber ich hielt sie hoch, wie wenn das Tuch bei Vater gekauft wäre. Bleibt nur gesund, ich will es auch versuchen. Grüßt Hans und Ilka. Und die Schöneberger. Und Berlin und den Dönhoffplatz. Euer Christian.«

»Na, siehst du«, sagte Spreemann. »Ich hab' es ja immer gesagt.«

Er stand auf und ging ins Geschäft zurück.

Nun aber nahm Madame Lieschen erst richtig den Brief zur Hand ...

Am Sonntag kamen die Schöneberger, um den Brief zu lesen. Annalise, im hellblauen Kleid, ein schwarzes Sammetband um den Hals, sah recht wie eine Braut aus. Sie hätte wohl gern den Brief mit sich genommen. Aber Mutter Lieschen hatte ihn gleich wieder fortgeschlossen.

Hans bekam eine genaue Abschrift. Und damit gingen wieder einige Tage auf angenehme Weise vorbei.

Es war September geworden, als Lieschen den Brief vorsichtig davontrug. Sie wollte ihn der Hauptpost anvertrauen. In diesen Zeiten mußte man vorsichtig sein.

Sie war seit einiger Zeit etwas unsicher auf den Füßen. Aber plötzlich kam es ihr vor, als ob ganz Berlin zu wackeln begann. Erschreckt blieb sie stehen und überlegte, ob der Fehler an ihr oder am Pflaster liege.

Da war es, als ob ganz Berlin aufschrie!

Ehe sich's Lieschen versah, hatte sie ein alter Herr am Arm gepackt.

»Wir haben gesiegt, Madamchen. Ein König hat einen Kaiser gefangen!« schrie er.

Und dann, weiß Gott, es war Wahrheit, küßte er ihre Hutzelbacken, wie wenn sie das schönste junge Mädchen gewesen wäre. Gewiß, er war auch kein Jüngling mehr. Aber sein Geschmack war verwunderlich.

Aber als Lieschen wieder allein stand und sich umsah, lagen sich

überall Leute in den Armen. Man weinte und lachte und küßte sich. Sie konnten doch nicht alle miteinander verwandt sein?

Krampfhaft hielt Madame Lieschen ihren Brief fest und setzte sich weiter in Bewegung. Sie dankte Gott, als sie ihn glücklich abgeschickt hatte und endlich durchs Gedränge hindurch wieder den Dönhoffplatz sah.

Spreemann stand vor dem Laden.

»Wo bist du denn?« schrie er. »Wir siegen, wir fangen einen Kaiser, und du treibst dich in den Straßen herum.«

Aber bald begann er anders zu reden.

»Unser Sohn ist dabei, Mutter«, schrie er. »Wir haben mitgeschafft. Wir haben nicht unnütz gelebt. Paß auf, was jetzt alles kommen wird. Du solltest hören, was der Lehrer sagt. Was er alles prophezeit. Er ist kein Dummkopf. Nein, das ist er nicht. Er hat recht, der Mensch. Du solltest einmal mit an den Stammtisch kommen. Hier, lies die Depesche von dem König an die Königin. Lies! Lies! Lies!«

Madame Lieschen sah ihn ängstlich an. Was schwatzte er da? Sie sollte mit an den Stammtisch kommen?

Sollte er am Ende ...?

Sie eilte an das Schränkchen, wo der Kirschlikör stand, den Spreemann in letzter Zeit ein wenig liebgewonnen.

Aber es fehlte kein Tropfen. Es war also alles Natur.

Das Unbegreifliche ist nicht aus der Welt zu schaffen.

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