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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 17
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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11

Auch der Mutterliebe sind Schranken gesetzt.

Alle Befürchtungen wurden Wahrheit.

Kaum daß der König im Schloß war, trommelte der Befehl zur Mobilmachung durch die Straßen. Und nach vier Tagen, die man nicht gelebt hatte und doch nicht tot gewesen, war der Krieg erklärt.

Selbst daß sich Christian freute, hatte seine Richtigkeit. Er hatte Augen wie vor der Weihnachtsbescherung.

Und diesmal gab es keinen Trost. Man konnte gar nichts Besondres für den Jungen herrichten. Alles war Vorschrift. Und bei dieser Sommerhitze konnte man nicht einmal ein heimliches Stück Wurst in den Tornister schieben.

Jeden Tag konnte nun zum Abmarsch geblasen werden.

Wie heiß waren die Nächte. Man konnte nicht schlafen. Insekten surrten. Dauernd summte etwas vor den horchenden Ohren.

Immer wieder setzte sich Lieschen im Bett auf und begann zu reden.

Sie hatte immer geglaubt, daß Kriegssoldaten schmutzige Kerle, Trunkenbolde und Nichtstuer wären, aber nicht gewußt, daß man seine guten Jungen, für die man ein Leben lang genäht und geflickt, deren Schritte man täglich bewacht hatte, plötzlich vor die französischen Kanonen schicken mußte.

Immer aufs neue wiederholte sie es, daß sie dies nie für möglich gehalten hätte.

Leiden und Schweigen ist eine schwere Kunst. Auch Spreemann war sie nicht gegeben. Daher schnellte er schließlich aus den Kissen auf und rief:

»Bin ich der König? Oder der Franzosenkaiser? Oder der spanische Thron? Laß mich in Frieden! Verstanden?«

Darauf antwortete Lieschen, daß er in diesem Ton wohl mit seiner Wirtschafterin hätte reden können, aber nicht mit seiner Frau. Und damit drehte sie ihm den Rücken.

Auf Spreemann wirkte dieser Wutausbruch stets wohltuend. Er schlief bald darauf ein.

Mutter Lieschen aber fand erst Schlaf, wenn es tagte und sie die tröstliche Gewißheit hatte, daß es immer wieder hell wurde ...

Daß es außer Leberwurst noch andre Heimlichkeiten gab, die ein junger Soldat mit sich in die Schlachten tragen konnte, ahnte Mutter Lieschen nicht. Ihr praktischer Sinn hatte niemals geschwärmt. Bei Schiller kam es nicht vor. Und Romane las sie nicht. So wußte sie nichts von den kleinen Ringen und Medaillons, die man auf der Brust tragen konnte, die jedem abwägenden Goldschmied ein geringschätziges Lächeln abnötigen würden und die doch so unendlich wertvoll waren.

Christian wußte darum. Auch wenn sich nicht dieser oder jener Kamerad lächelnd auf die Brust geschlagen hätte. Er dachte sogar, daß ihm Ilka, weil sie doch eigentlich wie seine Schwester gewesen und seinem Bruder Hans so zugeneigt war, irgend etwas schicken würde, das als gute Erinnerung mitmarschieren könnte. Aber die raschen Tage vergingen in strengem Dienst, ohne daß eine solche Botschaft kam.

Doch langte ein Brief von Hans an. Er war noch vor der Kriegserklärung geschrieben, aber schon ganz voll Besorgnis um den Bruder.

In der Fremde erwacht die Vaterlandsliebe.

Hans war überzeugt davon, daß die Seinen siegen würden, wenn es zum Krieg kommen sollte. Aber es beunruhigte ihn bitter, daß sich Christian in Gefahr begeben sollte. Er, den er ohnedies im geheimen für einen Pechvogel hielt. Sein Brief war voll treuer Herzlichkeit, und zum erstenmal ließ er durchblicken, daß ihm die Trennung nicht leicht geworden.

Sonst schrieb er diesmal wenig von sich. Nur zum Schluß erwähnte er, daß er seit einigen Wochen mit Ilka korrespondiere. In englischer Sprache. Sie hatte ihm geschrieben, weil alle ihre Kameradinnen heimliche Briefe tauschten. Da aber keine bis nach London schriebe, habe sie sich Hans dazu ausgesucht. Sie schien dort sehr ladylike erzogen zu werden, very well indeed ...

Christian hatte keine Zeit, diesen Brief mehrmals zu lesen. Aber er behielt doch seinen Inhalt im Gedächtnis.

Am Tag vor dem Abmarsch stand der Müller aus Schöneberg in Spreemanns Laden.

»Wenn du einen Augenblick Zeit hättest«, sagte er zu Spreemann.

Sein Anblick wirkte nicht wohltuend auf Spreemann. Wollte er ihn daran erinnern, wie nahe jedem das Unglück wäre? Das könnte ihm ähnlich sehen.

Aber der Müller sah nicht boshaft aus, als sie sich gegenübersaßen.

»Es ist wegen der Annalise«, fing er an.

Spreemann sah erstaunt in das gelbe Gesicht, das durchfurcht war wie eine ungepflasterte Straße. Wer dachte in solchen Soldatenstunden an die Mädchen?

»Und wegen Christian«, fügte der Müller hinzu. »Sie hat ihr Herz an ihn gehangen. Sie liegt im Bett und fiebert. Wenn wir sie zusammentäten, bevor er fortzieht? Ich habe nur noch die eine. Auch der Doktor sagt, es sitzt ihr was Zehrendes im Gedärm.«

»Liebe sitzt doch nicht im Gedärm«, sagte Spreemann abweisend.

»Liebe sitzt überall, wenn sie einmal da ist«, brummte der Müller.

»Meinst du?« fragte Spreemann.

»Man hat doch auch geliebt.«

Der Müller seufzte müde.

»Du meinst deine Frau«, sagte Spreemann, »aber ...«

Er wollte sagen, daß er ihn schon in jungen Jahren oft hatte mit ihr streiten hören.

Aber der Müller machte eine abwehrende Bewegung und schüttelte den Kopf.

»Lassen wir das«, sagte er hastig. »Bleiben wir bei der Sache. Es ist doch besser, als wenn er dir eine Französin mitbringt. In den Jahren dazu ist er nun mal.«

»Wenn er nur überhaupt wiederkommt«, murmelte Spreemann.

»Sie können wohl nicht alle dortbehalten«, antwortete der Müller.

»Aber ob die Richtigen wiederkommen«, sagte Spreemann.

»Je mehr für ihn beten, um so besser«, stachelte der Müller. »Und wenn du wüßtest, was sie einmal haben wird, würdest du nicht auf dem Stuhl kleben bleiben.«

»Nun, wieviel – ungefähr?« Spreemann hob aufhorchend den Kopf.

Der Müller sagte eine Zahl.

Spreemann sprang wirklich vom Stuhl auf.

»Aber er selbst? Wird er wollen?« fragte er beunruhigt und erregt.

»Warum ist er Monate hindurch zu uns gekommen?« fragte der Müller.

Bei diesen Worten trat Christian ins Zimmer. Die Alten verstummten.

»Was ist denn?« fragte Christian.

Der Müller griff in die Tasche seines langen Rockes und gab ihm ein rotversiegeltes Päckchen.

»Von der Annalise«, sagte er.

Christian ging ins Nebenzimmer und öffnete es.

Viele vorsichtige Hüllen bargen ein kleines Medaillon. Es war mit Rosenblättern gepolstert, auf denen ein Vergißmeinnicht blaute.

Christian drehte es mehrmals herum und roch daran. Dann erst fiel ihm ein, was es bedeutete. Also auch an ihn dachte ein Mädchen. So würde er doch nicht leer zum Tor hinausziehen. Die gute Annalise.

Überschwang wogte in der stillen, schwülen Juliluft, die der Trommelwirbel beständig aufreizte und erschütterte.

Auch die einfachen Herzen schlugen unnatürlich schnell.

Es waren nicht viel umständliche Worte nötig, bis Christian den Müller heftig umarmte und ewige Treue schwor. Obwohl er nach Spreemanns Meinung wieder einmal gar nicht zugehört hatte, als die große Zahl genannt wurde. Madame Lieschen, die wie ein gejagtes Huhn von einem zum andern flatterte, war gewohnt, daß die Männer immer recht haben. Sie hatte auch nicht viel Zeit zum Widerspruch. Es blies noch früher zum Abschied, als man geglaubt. Noch am selben Abend.

So zog der blonde Christian als Bräutigam in den Krieg. Ein Los, das er mit manchem Kameraden teilte.

Aber es gab gewiß nicht viele, die von ihrer Braut noch nichts geküßt hatten als das feuchte Stachelgesicht ihres Papas.

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