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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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10

Auf den neuen Stiefeln und Gummischuhen rannte die Zeit noch schneller als sonst davon.

Schon wieder war es Frühjahr, und an den Bäumen steckte das erste Grün. Die Hälfte des Dienstjahres war glücklich vorbei.

Spreemann fühlte nichts von seinen sechzig Jahren. Sein Geschäft, seine Söhne, sein Heim erfüllten ihn mit Kraft und Stolz.

Und auch seine Vaterstadt.

Am zweiten Ostertag war er mit Lieschen in den Zoologischen Garten gefahren, den man aufs großstädtischste umgewandelt hatte. Mit der neuen Pferdebahn war man für lumpige fünfundzwanzig Pfennig beinahe eine Stunde durch Berlin gerollt. Bis man schon auf die Straße hinaus das Kreischen der ausländischen Papageien hörte.

Spreemann hatte den schwarzen Bären, der genau wie seiner auf dem Pfeifenkopf aussah, mit Brot gefüttert. Und als der Bär auf einen Baumstamm kletterte, klopfte er mit seinem Stock gegen die Gitterstäbe, daß Lieschen angst und bange wurde. Im Raubtierhaus aber hatte er, gegen ein gutes Trinkgeld an den Wärter, dem abessinischen Löwen eigenhändig einen blutigen Fetzen Pferdefleisch in den aufgerissenen Rachen geschleudert.

Lieschen hatte aufgekreischt und wollte seinen wuchtig erhobenen Arm zurückhalten.

Angstvoll schrie sie, daß Spreemann heute nicht wiederzuerkennen sei.

Er konnte es nicht leugnen. Die Pracht dieses Gartens hatte ihn in Erregung versetzt. Mochten sie von London und Paris soviel erzählen, wie sie wollten. Berlin blieb Berlin.

Pfingsten kam näher. Weiße Kleiderstoffe bauschten sich duftig. Ausgeschnittene Schuhe wurden probiert und paßten. Hans schrieb kluge Briefe, die sein Fußfassen in der Fremde verrieten. Er würde nicht ohne Kenntnisse heimkehren.

Christian war während der ganzen Spargelzeit zu Feldübungen fortgewesen. Aber nun war er wieder da, konnte die Stiefelabteilung kontrollieren und die erste Himbeergrütze mitessen. So konnte doch wenigstens einer der Jungen an den gewohnten Genüssen des Sommers teilnehmen.

Denn Sommer war es. Warmer, sonniger Sommer. Die Rosen waren bald nicht teurer als Mohrrüben.

Da machte Slovitzka eines Tages seinen Freund Spreemann auf die Leitartikel der Zeitungen aufmerksam.

Madame Lieschen las nur die lokalen Unglücksfälle. So ahnte sie noch nichts, als Spreemann schon etwas spürte, das er um keinen Preis der Welt hätte aussprechen mögen.

Doch ging er wieder an den Stammtisch. Hier hörte man von nichts anderem als von dem, was kommen würde.

Der Lehrer war nun weißbärtig und pensioniert. Aber sein Eifer war jung geblieben. Genau wie vor zweiundzwanzig Jahren schnaufte er Begeisterung und Feuer. Nur daß es ihn heute mehr anstrengte als damals. Daß ihm manchmal der Atem ausging, und daß er nicht mehr rauchte, sondern schnupfte.

»Wir erleben Geschichte, meine Herren!« schrie er. »Bedenken Sie das. Endlich wird abgerechnet werden. Meinem Herrgott danke ich, daß ich's erleben darf.«

Spreemann sagte, daß sich das sehr schön anhöre und noch besser lesen würde. Aber ein alter Mann sollte gescheit genug sein, um auch an Leute zu denken, deren Kinder Soldaten wären.

»Beneidenswert sind diese Leute!« schrie der Lehrer und steckte eine volle Prise Tabak in die Nase. »Stolz müssen sie sein. Schickt nicht der König selbst seinen Sohn ins Feld?«

Er nieste so stark, daß Spreemann beleidigt sein Weißbierglas fortzog. Eine Antwort versagte er sich.

Dagegen stimmte Freund Slovitzka aufs heftigste bei.

Man möchte immer das sein, was man nicht ist.

Der Schuhfabrikant fürchtete beständig, daß man ihn als Böhmen und nicht als Berliner ansah. Denn Spreemann sagte bei jedem Streitpunkt:

»Sie sind leider kein Berliner, mein Freund. Das ist das einzige, was Ihnen fehlt.«

Slovitzka aber wollte beweisen, daß jeder, der sein Geld in Berlin verdiene und versteure, Berliner sei.

So bekräftigte er jetzt des Lehrers feurige Worte und versuchte eifrig, mit dem Überschwang des Graubarts Schritt zu halten. Ilka war kein Soldat, und im übrigen hing kein Kriegsbeschluß davon ab, was man hier sprach.

Spreemann folgte nicht weiter den hitzigen Reden.

Er zog an seiner Pfeife und rechnete sich aus, daß dieser übrigens schon recht kahle Bismarck nur sieben Jahre jünger, der graubärtige König aber mehr als zehn Jahre älter sei als er selbst. Er begriff nicht, daß Herren in diesem Alter nicht ein Bedürfnis nach Ruhe empfanden. Daß sie sich nicht mit den beiden siegreichen Kriegen begnügten, die schon ausgefochten. Es konnte doch auch einmal schiefgehen.

Etwas von diesen Betrachtungen teilte er dem Lehrer mit, als sich dieser unter erschöpftem Ächzen mit einem schwarzweißkarierten Tuch die Stirn trocknete.

Aber kaum daß er Spreemanns Worte in sich aufgenommen, war er schon wieder bei Kräften.

»Wir siegen, mein Lieber!« schrie er. »Seien Sie unbesorgt. Haben Sie gehört, was Bismarck geantwortet hat, als ihn der König fragte, was wir mit den Franzosen machen sollen? – Wir wollen Sechsundsechzig mit ihnen spielen, Majestät, hat er gesagt. Und das werden wir auch. Es wird ein Tag kommen, wo man diesem Bismarck in jedem Dorf ein Denkmal setzen wird.«

Spreemann stand auf.

Er sagte, daß des Lehrers Benehmen krankhaft sei, und ging rasch davon.

Er mußte nach Hause eilen. Das Weißbier bekam ihm nicht mehr. Oder waren es die unvernünftigen Reden, die man beim Trinken mit hinunterschlucken mußte?

Als er hastig die Wohnungstür aufschloß und als erstes beim Gestank und Geflacker des Schwefelholzes einen Soldatenmantel sah, wurde ihm auch nicht wohler. Im Gegenteil, das Grimmen in seinen Eingeweiden verschärfte sich. Keine Freude ist ewig.

Am andern Morgen ging Madame Lieschen früh auf den Markt, um wohlfeil ein zartes Hühnchen zu kaufen. Spreemanns unruhiger Magen sollte rasch kuriert werden. Jetzt, wo es Him-, Erd-, Stachel- und Johannisbeeren gab, mußte der Mensch gesund sein. Denn schließlich lebt man nur einmal.

Mit einem Napf voll Erdbeeren, die den Soldaten Christian erfreuen sollten, betrat sie heiter das Speisezimmer, wo sie Klaus beim Frühstück wußte.

Er aber sah nicht einmal hoch, noch wendete er auch nur den Kopf nach ihr, als sie eintrat. Durch die Brille und mit dem Zeigefinger las er auf dem Vorderblatt der Zeitung. Also nicht einmal auf der Seite, wo sein eigener Name gedruckt war.

Daher meinte Lieschen, daß ihm wohl nichts passiert wäre, wenn er ihr guten Morgen gesagt hätte.

Sie machte ein beleidigtes Gesicht und riet ihm, die Zeitung nicht zu verschlingen. Papier sei gewiß nicht leicht zu verdauen. Da blickte er auf. Er sah wie mehlbestaubt aus und sagte:

»Es wird Krieg, Mutter. Mit den Franzosen.«

Der Napf mit den Erdbeeren schlug auf den Teppich. Lieschen kniete rasch nieder und begann mit dem Staubtuch, das ihr immer am Schürzenband hing, den Boden zu reiben. Aber der Fleck blieb. Ihre Hände waren heut ungeschickt.

Spreemann störte sie nicht. Er war zufrieden, daß sie etwas zu tun hatte und da unten war. So hatte es noch Zeit mit den Tränen.

Aber als Lieschen wieder aufstand, hatte sie ganz trockene Augen. Was Spreemann da eben gesagt hatte, war viel zu furchtbar, als daß sie darüber hätte weinen können.

Obgleich sie es noch nicht glaubte, noch lange nicht glauben würde.

»Wer sagt es denn?« fragte sie.

»Es steht in der Zeitung«, sagte Spreemann.

Madame Lieschen atmete erleichtert auf und sagte, dann sei es noch nicht so schlimm, denn es wäre nicht alles wahr, was in der Zeitung stände.

»Alles nicht, aber manches doch«, antwortete Spreemann traurig.

Madame Lieschen erinnerte ihn daran, wie Slovitzka neulich im Inserat den neuen Osterstiefel angepriesen, obwohl man doch den gleichen Stiefel verkaufte wie zu Weihnachten.

Spreemann schwieg. Um so besser, wenn sie es noch nicht glaubte. Nur nicht weinen.

Nach einer Weile nachdenklichen Schweigens sagte Madame Lieschen, daß doch auch Christian eine Ahnung davon haben müsse, wenn es wahr wäre. Schließlich würden es wohl zuerst die Soldaten wissen, wenn es Krieg gäbe.

»Vielleicht weiß er es auch«, sagte Spreemann. »Du weißt, seit die Jungen groß sind, haben sie ihre Heimlichkeiten vor uns.«

»Aber er sah froh aus, besonders froh, als er fortging«, widersprach Lieschen.

»Er freut sich vielleicht. Viele freuen sich«, sagte Spreemann leise.

»Das müssen ja Unmenschen sein!« rief Madame Lieschen. Eine leichte Röte stieg in ihr fahles Gesicht.

Spreemann stand schwerfällig auf.

»Ich muß ins Geschäft«, sagte er. »Was nützt das Reden, wir müssen abwarten.«

»Warum denn eigentlich?« fragte Madame Lieschen, die sich nicht vom Platz rührte.

Spreemann sah sie fragend an. Dann fiel ihm ein, was sie meinte.

»Eigentlich wegen Spanien«, sagte er, schon auf dem Weg zur Tür.

»Wieso Spanien?« fragte Lieschen.

»Du kannst es alles in der Zeitung lesen«, entgegnete Spreemann und war draußen.

Die Zeitung zu lesen hatte aber Madame Lieschen jetzt keine Zeit. Das Hühnchen mußte in Angriff genommen werden und manches andre. Jeder Tag will seine Arbeit. Ohne weiter zu fragen, wie einem dabei zumute ist.

Beim Schaffen, Bücken und Bewegen wurde es Madame Lieschen wieder freier ums Herz. Es war so herrliches Juliwetter. Die neugeputzten Fensterscheiben blinkten und blitzten im warmen Sonnenglanz.

Sie band rasch den Türkenschal um und machte einen kleinen Abstecher in den Laden. Alle Verkäufer hatten zu tun. Der Geruch der Stiefel war ihr immer noch etwas Neues. Spreemann stand zwischen den Hausdienern im Warenlager und notierte. Er rauchte nicht und sah müde aus.

Lieschen zog ihn beiseite.

»Etwas Neues?« stieß er hervor.

»Ich wollte dir nur sagen«, flüsterte sie, »daß ich nicht mehr daran glaube. Der König ist doch wie sonst in seinem Badeort. Er wäre nicht gereist, wenn sein Geschäft flau ginge.«

Da schrie man draußen ein Extrablatt aus:

Der König kehre in einer Stunde aus Ems zurück.

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