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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 15
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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9

Alles ist notwendig. Kleine Nadelstiche geben Nähte. Kurze Augenblicke Stunden.

Die Fädelfrieda hatte Arbeit im Überfluß. Nach den Soldatenhemden kamen die Tändelschürzen und Mädchenröcke. Ihre Finger sollten flink sein wie ihre Gedanken. Eiliger von Tag zu Tag. Denn mit immer wachsender Geschwindigkeit näherte sich die Abschiedsstunde. In einem Knäuel von Koffern und Tüchern, blinkenden Schlüsseln, Glanzschuhen und Tränen, schützenden Schirmen, Ratschlägen und Riemen sauste der Reisetag heran. Bis er wirklich da war. Fenster und Türen waren offen, kalte Zugluft zog durchs Haus, bis schwerfällig sich Droschkenräder langsam in Bewegung setzten und doch so schnell fortgerollt waren, daß man's kaum glauben konnte.

Am Morgen war Hans gereist. Am Nachmittag Herr Slovitzka mit Ilka. Denn er meinte, daß man Aufregung nicht in Portionen teilen sollte.

Auf einmal war's still geworden. Drinnen in den Zimmern, wie draußen in den Zweigen. Man fröstelte. Nie hatte man so früh zu heizen begonnen wie dieses Jahr.

Einige Abende lang zog nicht einmal Tabakrauch durch Spreemanns Wohnung. Weder Vater noch Sohn hatten Lust zum Rauchen.

Als Herr Slovitzka zurückkehrte in seine stumm gewordene Wohnung und auch beim Nachbarn hereinguckte, sah er mit Genugtuung, daß Madame Lieschen rotgeweinte Augen hatte. Mochte sie fühlen, was es heißen will, sein Kind zu entbehren.

Obwohl er mit Ilkas Reise nur seinen eigensten Plan ausgeführt hatte, wurde er ärgerlich, sobald er Madame Lieschens Stimme hörte.

Aber er war hart gegen sich. Er verschaffte sich oft diesen Ärger. Denn die Abende waren lang.

Am Tage entbehrte er nichts. Da hatte er jetzt reichlich zu tun. Er verfertigte in seiner Fabrik am Spreeufer zum erstenmal die echten russischen Gummischuhe. Das war eine große Sache und konnte bei dem feuchten Herbstwetter ein Geschäft werden. Aber wenn man nach Fabrikschluß noch weiterkalkulierte, während man aß oder rauchte, wollte man doch zwischendurch ein einfaches Wort wechseln können.

Er hatte auch Spreemanns manches zu erzählen, was sie anging. Denn er hatte in Dresden Spreemanns Verwandtschaft, Frau Mariechen und den russischen Gatten, besucht. Er hatte Ilka dort eingeführt.

Frau Mariechen war sehr fein und freundlich gewesen. Und als sie die Größe von Herrn Slovitzkas Fabrik erfahren, hatte sie geklingelt, dem herzueilenden Mädchen befohlen, den Tisch noch einmal abzuräumen und echt russische Tassen mit Goldrand bringen lassen. Sie hatte einen echten Samowar und einen echten Dackelhund, der »Großfürst« hieß und Kinderstelle bei ihr vertrat.

»Ja, es geht vornehm bei Ihren Verwandten zu. Frau Mariechen ist eine Weltdame«, schloß Herr Slovitzka seinen Bericht. Den russischen Gatten hatte er nicht kennengelernt, da er sich gerade auf Reisen befand. Aber nach Herrn Slovitzkas Meinung konnte man unbesehen die größte Hochachtung vor ihm haben.

Klaus und Lieschen wunderten sich eigentlich, daß Mariechen eine Weltdame genannt wurde. Und in den echtrussischen Tassen glaubten sie das alte Teeservice von Tante Karoline wiederzuerkennen. Aber sie schwiegen. Seine Familie muß man hochhalten.

Zumal sich in diesen Tagen auch ihr Respekt vor sich selbst beträchtlich erhöht hatte.

Christian steckte im bunten Waffenrock und sah ganz wie ein Leutnant aus. Wenn man jetzt aus dem Geschäft nach Haus kam und die Wohnungstür aufschloß, hingen am Garderobenständer des Königs Kleider.

Christian wohnte zu Haus, und in seinen freien Stunden half er dem Vater im Laden. Ruhig und freundlich wie immer. Das Schwert an der Seite, schwang er die Elle. Die Damen, die er bediente, fühlten sich hochgeehrt.

Es war viel zu tun. Die Wintersaison setzte kräftig ein. Und mit einem Glücksschlag für Spreemann. Der Konkurrenz war ein grasgrüner Tarlatan untergelaufen, der seinen hübschen Trägerinnen gesundheitliche Schäden verursacht hatte, weil er mit Arsen gefärbt war.

Was dem einen Gift ist, kann dem andern heilsam sein. Die grüne Angelegenheit brachte dem soliden Herrn Spreemann viele verlorene Kunden zurück. Man drängte sich wieder einmal in seinem Laden, wo Christians blanke Knöpfe wie Gold funkelten.

Spreemann lächelte wieder ungehemmt.

Denn auch über Hans konnte er beruhigt sein. Zwei nette Briefe waren von ihm da. Er hatte die weite Reise gut überstanden und die feuchte Straße, auf der es keine Balken gibt, glücklich hinter sich.

Er schrieb von vielem Lärm und großem Verkehr, von Hammelfleisch mit Pfefferminzsauce, von Schiffen und Themsebrücken, von prima Baumwolle und Mull, und daß eine fremde Sprache im Lande selber ganz andere wäre als in der Grammatik. Trotzdem kam in dem umfangreichen Schreiben schon zweimal All right und einmal sogar Goddam vor. Aber zum Schluß war wieder viel von dem Haus am Dönhoffplatz und allen seinen Insassen die Rede.

»Er hat uns noch nicht vergessen«, sagte Madame Lieschen bescheiden und gerührt. Und zog eilig ihr Taschentuch aus dem Schlüsselkorb.

Sie weinte auf jeden Fall.

Ohne doch zu ahnen, wieviel Tapferkeit der Brief verschwieg.

Die wenigen Salztropfen zwischen dem Kontinent und der britischen Insel hatten ihrem Hans recht übel mitgespielt. Es hatte Augenblicke gegeben, wo ihm die ganze Königin des Handels und aller Profit der Welt zum Halse herauswuchsen. Und selbst jetzt auf dem festen Lande, zwischen dem Hammelfleisch, dem Nebel und der fremden Sprache, war ihm recht angst und fremd zumute. Aber so etwas schrieb man nicht.

Man braucht nicht Soldat zu sein, um Schlachten zu schlagen ...

Als Christian ins Zimmer kam, um sich des Bruders Brief zu holen, den er allein für sich lesen wollte, versiegten Mutter Lieschens Tränen. Ihr blonder Junge sah zu hübsch aus in seiner Uniform. So richtig forsch und adrett.

Sie wußte, wenn sie nun in die Küche ging, saß da ein andrer preußischer Soldat, der Kartoffeln schälte oder mit einem Säbel Holz spaltete. Das war Christians braver Bursche. Der in Pommern zu Haus war und dem die Augen vor Heimweh übergingen, sobald er eine Gans sah. Und der sich, weil es oft Bratgans gab, unendlich wohl fühlte bei Spreemanns.

Alles dies schrieb Madame Lieschen nach London.

In der Zeit, wo sie sonst für Hans genäht und geflickt hatte, malte sie nun lange Briefe an ihn. Sie erzählte, wie fürstlich es jetzt bei seinen Eltern zuginge. Sie riet ihm, vorsichtig zu sein in der Fremde. Sich nicht im Wagengedränge die Nase zu putzen, wodurch ein Hiesiger sogar neulich an der Kreuzung von Post- und Königstraße verunglückt sei. Sie bat ihn, nicht geschwind durch den Nebel zu laufen, er würde schon immer noch zurechtkommen. Sie erinnerte an die dicken Wollstrümpfe und gab ihm noch mannigfache Ratschläge, von denen sie annahm, daß sie in der ganzen Welt die gleiche Gültigkeit haben mußten. Diese Briefe trug sie selbst fort. Vor dem Briefkasten las sie noch einmal jeden Buchstaben der langen, fremdländischen Adresse nach, die sie nicht im Zusammenhang aussprechen konnte. Zögernd schob sie das Schreiben endlich durch den Kastenspalt. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und prüfte mit zugekniffenen Augen, ob der Brief auch nicht etwa hängengeblieben. Wenn sie sich überzeugt hatte, daß alles in Ordnung war, blieb sie noch eine Weile vor dem Kasten stehen, dachte, daß es doch wunderbar sei, daß das, was in diesem dunklen Loch lag, über Meer und Land bis zu Hans gelangen sollte, und ging endlich weiter. Schon nach einigen Schritten waren ihr eine Menge Dinge eingefallen, die sie noch hätte schreiben sollen. Und so waren ihre Gedanken schon bei dem nächsten Brief.

Spreemann klemmte auf diese vielen Bogen stets einen kurzen Gruß an. Manchmal fügte er auch eine geschäftliche Frage hinzu. Er war aber sehr zufrieden, daß Lieschen den Jungen alles wissen ließ, was hier vorging. Nur über Geschäftliches zu reden verbot er ihr.

Er hatte Pläne, über die er noch nicht debattiert haben wollte.

Eigentlich war es Herrn Slovitzkas Einfall. Aber Ideen greifen von einem zum andern wie ansteckende Krankheiten. Wenn sie zum Ausbruch kommen, kann man nicht sagen, wer sie zuerst gehabt.

So wußte man also nicht, wer zuerst den Gedanken gehabt hatte, daß Spreemann seinem Stoffgeschäft ein Schuhwarenlager angliedern sollte. Ein viertes Schaufenster würde angebaut werden, in dem nichts andres zu sehen sein sollte als der echte Slovitzkastiefel. Und das zu Weihnachten.

Zuerst quälten Spreemann viele Bedenken. Er schätzte seinen Nachbar sehr. Aber er war nicht sicher, ob sich seine Fabrikate mit dem Spreemannschen Grundsatz: reell und billig, vertragen würden. Denn Spreemann führte immer noch solideste Ware und gab dem eigenen Vorteil nur dann und wann einen kleinen Stoß mit der Elle.

Da aber beim Schuhwerk der Profit eines vergessenen Zentimeters nur ein Hühnerauge war, mußte das glückliche Gedeihen des Freundes, das er ihm von Herzen gönnte, in der Qualität seiner Waren zu suchen sein.

Herr Slovitzka sagte, daß er seinen Freund weder drängen noch überreden wollte. Es würde ihm nur in die Seele schneiden, vollkommen Fremden diese eminente Hebung des Berliner Geschäftslebens zu überlassen. Der fertige, immer bereite Stiefel war das Zeichen der neuen, geschwinder laufenden Zeit. Der schwerfällige Maßstiefel, auf den man tagelang warten mußte, gehöre der Vergangenheit an. Wohl dem, der dies wußte.

Außerdem konnte man dem Geschäft in Spreemanns Falle einen doppelten Boden geben. Slovitzka würde das Futter für die Stiefel bei Spreemann beziehen.

Da schlug sein Freund zwei Fliegen mit einer Klappe. Das war einleuchtend. Und – Neues mit Neuem verbindend, würde man versuchen, ein wenig Reklame in den Zeitungen zu machen. Auf Slovitzkas Kosten. Man könnte zum Beispiel eine Anzeige aufsetzen: Der echte Slovitzkastiefel – nur bei Spreemann am Dönhoffplatz. Da würde Spreemann seinen Namen jeden Morgen gedruckt neben der Kaffeetasse liegen haben. Er konnte ihn schwarz auf weiß an Hans schicken. Man würde auch in London begreifen müssen, daß Berlin kein Posemuckel war.

Das alles klang nicht übel. Den letzten Anstoß zum Sieg aber gab der Soldat.

Christian, der selbst beim Zusammenfalten der schwersten Popelinseide mit seinen Gedanken woanders schien, zeigte für dieses neue Projekt das lebhafteste Interesse. Er war überzeugt davon, daß die nahe Verbindung mit Ilkas Vater glückbringend sein würde. Den Gedanken des Inserats fand er ausgezeichnet.

Slovitzka – Spreemann. – Es würde Aufsehen erregen. Wie eine Verlobungsanzeige.

Er wollte mit größter Freude die neue Abteilung leiten. Er würde Herrn Slovitzka zeigen, was zu leisten er imstande wäre.

Spreemann überlegte. Er sagte sich, daß das übergenaue Maßnehmen, das Christian sich wohl niemals abgewöhnen würde, hier sehr am Platze sein könnte.

Sein Eifer für die neue Sache war auch zu berechnen. Merkwürdig genug, daß sich der verträumte Junge gerade für Stiefel interessierte.

Auch Madame Lieschen unterstützte den neuen Plan. Sie war für jede Vergrößerung, die nach außen, nach dem Platz hinaus, nach den Leuten, ging.

So wagte es Spreemann.

Am Tage, wo der Weihnachtsmarkt eröffnet wurde, ging auch der Vorhang vor dem neuen Schaufenster in die Höhe.

Liebe und Freundschaft bewegen die Welt ...

Der Slovitzkastiefel wurde der Weihnachtsstiefel. Er paßte auf jeden Berliner Fuß.

Es war erstaunlich, was Christian in den wenigen Stunden, die er vom Militärdienst erübrigte, auf seinem neuen Posten leistete.

Nach Schöneberg kam er gar nicht mehr. Dazu fehlte die Zeit.

Aber am Goldenen Sonntag kam die Müllerfamilie nach Berlin.

Sie gingen zuerst durch den ganzen Laden, befühlten das neue, rote Sammetsofa, wo man die Stiefel probierte. Und kamen dann in die Wohnung zum Kaffeetrinken.

Man sprach von Hans. Madame Lieschen las seine Briefe vor. In demselben feierlichen Ton, mit dem sie einmal im Waisenhaus die Bibel vorgelesen.

Die Müllerin mußte daher auch, genau wie in der Kirche, fortwährend gähnen. Der Müller bearbeitete nachdenklich seine Nase, und als Lieschen fertig war, sagte er zu seiner Frau:

»Hammelfleisch könntest du doch auch einmal machen, Alte. Mit kleinen Pilzen herum.«

Madame Lieschen faltete den Brief zusammen und dachte, daß es nichts Herzloseres gäbe als nahe Verwandte.

Dabei fiel ihr der Brief von Ilka ein, der heute gekommen war und viel von Mariechen enthielt.

Die Müllerleute hatten nichts dagegen, wenn sie ihn vorlas. Es konnte nichts schaden, wenn man ein wenig erfuhr, was draußen in der Welt vorging.

Ilka schrieb, daß der Dackel »Großfürst« verlorengegangen sei und daß Frau Mariechen für den dicken Hund volle hundert Mark Belohnung ausgesetzt habe. Alle Leute in Dresden suchten jetzt nach dem Dackel. Und es waren so viele Menschen mit Dackeln gekommen, daß die Polizei vor der Haustür Ordnung halten mußte. Unter den vielen Hunden war der »Großfürst« nicht herauszufinden. Frau Mariechen hatte Fieber und weinte Tag und Nacht, weil Gott alle Dackel gleichgemacht.

Die Müllerin nahm den lieben Herrgott in Schutz.

Sie meinte, daß es schließlich seine Sache sei und er Hunden nicht solche Wichtigkeit beilegte, wie es Mariechen tat.

Der Müller lachte boshaft.

Er sagte, daß er sich freue, daß sich Mariechen so veredelt habe und gar nicht mehr geizig sei. Für den Grabstein ihrer Mutter wollte sie durchaus nicht mehr als fünfzig Mark anwenden. Wie erfreulich, daß sie nun für ihren dicken Dackel einen Hunderter spendieren wolle.

Die Müllerin warf Madame Lieschen einen Blick zu.

So war es nun. Da hatte sie ein Beispiel.

Madame Lieschen nickte ihr verständnisvoll zu und bot dem Müller einen magenstärkenden Kümmel an.

Annalise hatte stumm und gleichgültig zwischen den alten Leuten gesessen. Sie hatte gehofft, daß Christian am Sonntag Zeit haben würde. Aber kaum, daß man ein wenig zu sprechen angefangen, war der Laden wieder voll von Menschen. Für Christian schien es nichts andres mehr auf der Welt zu geben als diesen Slovitzkastiefel.

Nur bei Ilkas Schreiben war sie ein wenig aufmerksamer geworden. Vor allen Dingen zum Schluß des Briefes. Denn der dicke Dackel war ihr völlig gleich.

Richtig, da kamen viele Grüße für Christian. Gerade als man schon dachte, daß das Geschreibsel glücklich zu Ende sei.

Auch hier zeigte sich Christians und Annalisens Sympathie. Er hatte ebenfalls nur auf diese Schlußworte gewartet, als er den Brief durchflog. Auch ihm war der dicke Dackel völlig gleich.

Aber was den einen froh macht, grämt den andern.

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