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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 14
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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8

Alle Unruhe des Herzens übertönt man am besten mit Arbeit. Madame Lieschen hatte blindlings nach diesem Trost gegriffen.

Sie war von Vorbereitungen so reichlich in Anspruch genommen, daß sie ganz vergaß, wie tief das Meer, wie lang der Weg, wie neblig London. Dagegen hatte sie die Ellenanzahl von Hansens Körperlänge und Weite in allen Einzelheiten genau im Kopf. Denn man nähte, säumte, stickte und strickte unermüdlich.

Frieda, die Nähmamsell, saß vom Frühstück bis zur Dämmerstunde mit krummem Rücken, am Fenster. Sie war zusammen mit Madame Lieschen im Waisenhaus groß geworden. Aber dann war ihr Lebensweg abgebogen. Sie hatte sich auch einen Mann gewünscht. Aber es hatte beim Wünschen bleiben müssen. Man sagt, daß ein einziger Tropfen Unglück ein Faß voll Güte aufwiegt. Solch ein einziger Tropfen hing beständig unter Friedas Nase. Sommer und Winter, Herbst und Frühling. Er hatte schon da gehangen, als sie im Waisenhaus über dem Suppennapf das Tischgebet sprach.

Kein Mann war über diesen Tropfen hinweggekommen. Wenigstens nicht, als es noch Zeit war. Jetzt allerdings hatte sie einen Witwer zum Nachbar, der sieben Kinder besaß und der es mit Kleinigkeiten nicht mehr genau nahm. Er wollte sie heiraten. Aber nun war es zu spät. Jetzt wollte sie Ruhe haben.

Sie nähte in allen Häusern. Hörte und sah vieles und wußte von jedem Menschen, was er unter dem Rock trug.

Für Hans und Christian hatte sie schon die ersten Hemdchen mit nähen helfen. Damals, als man noch nicht wußte, wie der kleine Körper, für den Nadel und Faden schon liefen, gestaltet sein würde. Geschweige denn, daß man geahnt hätte, daß zwei sich Bett und Windeln teilen sollten.

Als sie jetzt geduldig die lange Hemdennaht kappte und stichelte, wollte sie gar nicht glauben, daß diese Zeiten schon so weit zurücklagen, wie die Länge der Hemden behauptete.

»Kinder sind der beste Kalender«, sagte sie zu Lieschen, die nähend neben ihr saß. »Du kannst bald Großmama sein.«

Ihre Gedanken beschäftigten sich immer noch gern mit Heirat und Liebe. Und das Nähen der Wäsche ging Hand in Hand mit diesen Gefühlen.

Madame Lieschen lächelte, Sie wollte der Mamsell Frieda gerade auseinandersetzen, daß ihre Söhne nichts im Sinn hätten, was ihr zu solcher Stellung Anlaß geben könnte, als Ilka ins Zimmer geschwirrt kam.

Sie hatte eine Notenmappe unterm Arm und wollte nur auf dem Weg zur Klavierstunde einen Augenblick hereinsehen.

Mamsell Frieda nähte weiter. Sie wußte, daß sie Ilka den Spitznamen Fädelfrieda verdankte. Den auch die Jungen sofort übernommen hatten.

Ilka äugte, ob der Tropfen an Fädelfriedas Nase hing. Richtig, er war an seinem Platz.

Frieda fühlte die beobachtenden Blicke. Sie sah auf und fragte, ob Fräulein Ilka nicht ein wenig mitfädeln wolle. Hans wäre doch ihr Freund.

Sie war mit den Hauptnähten fertig und hielt das neue Beweisstück ihres Fleißes in ganzer Länge in die Höhe.

Ilka quietschte auf. Lachend sagte sie, daß sie doch nicht für Hans die Hemden nähen könne. Dann beugte sie sich nieder, klappte kichernd das neue Wäschestück auf die andere Seite, schrie auf, wie wenn sie etwas Entsetzliches zu sehen bekommen hätte, und lief lachend aus dem Zimmer.

Die Fädelfrieda war rot geworden. Sie drehte ihre Arbeit ärgerlich nach allen Seiten herum. Sie hatte jeden Stich daran gemacht und wußte genau, daß nichts Unschickliches zu sehen war.

»Sie ist so übermütig, wie sie hübsch ist«, sagte Madame Lieschen nach einer Weile.

»Du solltest acht geben, daß du sie nicht als Schwiegertochter bekommst«, antwortete Frieda.

»Wer denkt daran«, sagte Madame Lieschen. »Wie Geschwister sind sie zusammen.«

Sie lächelte, daß Frieda noch immer das gleiche Gedankenspiel trieb.

»Hans ist schlau«, sagte Frieda. »Aber Christian ist ein Lamm.«

Madame Lieschens Lächeln schwand.

»Christian ist ein Soldat«, sagte sie. Und in dem festen Ton der Madame fügte sie hinzu, daß man in der nächsten Woche Uniformhemden für ihn zu nähen habe.

Es war dunkel geworden. Die Fädelfrieda stand auf und wickelte ihr Abendbrot, die Butterschnitten mit Leberwurst, in die Morgenzeitung. Damit trug sie zwei Genüsse auf einmal nach Haus. Beim Schein ihrer Lampe aß und las sie dann gleichzeitig und freute sich, daß es überall in der Welt Unglück gab.

In diesen Abendstunden war sie, wie sie selbst erklärte: »Ihr eigener Herr, wie eine Madame.«

Nachdem sie fort war, öffnete Madame Lieschen beide Fenster und lüftete das Zimmer.

Aber die Worte über Ilka als Schwiegertochter blieben zwischen den Wänden.

Madame Lieschen wurde geradezu verlegen, als Herr Slovitzka unvermutet hereintrat, ehe er zum Abendbrot ging. Er kam aus der Fabrik und war guter Laune. Er wollte wissen, ob Spreemann später zu Klausing käme. Da er ein tüchtiger Mann war, liebte er keine Umwege. Daher fragte er gleich die Madame, ob der Herr Gatte wohl des Abends ausgehen würde.

Er sah die neue Wäsche, und man kam wieder auf das Reisen zu sprechen.

Ganz von ungefähr sagte Madame Lieschen, daß heutzutage auch junge Mädchen reisen könnten. Zu ihrem eigensten Vorteil. Denn es gäbe Pensionate, wo sie unter bester Aufsicht alles lernten, was eine junge Dame fürs Leben nötig habe. Die neuen Zeitschriften waren voll von solchen Adressen. Sie wundere sich eigentlich, daß Herr Slovitzka, der doch für alles Neue wäre, noch nie für Ilka an dergleichen gedacht.

Herr Slovitzka riß die Augen auf.

Aber schon im nächsten Augenblick sagte er, daß er natürlich schon mehr als häufig diesen Gedanken erwogen hätte.

Er gehörte zu denen, die sich immer schon alles gedacht hatten, was ihnen erzählt wurde. Man muß die andern nicht eingebildet machen. Sein Geschäftsprinzip war: immer selber derjenige, welcher. Wahrheit aber war, daß er sich schon oft genug überlegt hatte, wie sich Ilka die Zeit zwischen Schule und Hochzeit vertreiben sollte.

Bewerber würden sich bald genug einstellen. Denn eine gutgehende Schuhfabrik im Hintergrund war eine liebenswürdige Eigenschaft für ein Mädchen. Aber der erste beste sollte Ilka nicht einfangen. Eigentlich hatte man alles, was man brauchte, hier im Haus. Denn Spreemanns Hans war ganz nach seinem Herzen. Gesund und gescheit. Aber man mußte abwarten, wie alles kommen würde. Nur keine übereilten Abschlüsse ...

Madame Lieschen, die inzwischen viele Vorzüge solcher Anstalten hervorgehoben, erfuhr, daß sie mit ihren Worten einen lang gehegten Plan ihres Nachbarn ans Licht gezogen hatte. Es war merkwürdig und wirklich hübsch, wie selbst ihre Gedanken nachbarlich übereinstimmten.

Schon am nächsten Sonntag war es eine längst beschlossene Sache, daß Ilka in ein Pensionat nach Dresden kommen würde.

Auch sie selbst war sehr zufrieden darüber. Es tat ihr nur leid, daß man in Dresden deutsch sprach. So hatte Hans immer noch etwas vor ihr voraus.

Dem blonden Herrn Christian aber würde es wohl imponieren müssen, wenn man ihm aus einer kofferbeladenen Droschke Lebewohl winken würde.

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