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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5

Wer stirbt, stirbt sich selbst.

Das einzig Gute an dieser unangenehmen Wahrheit ist, daß man sie nur an andern bestätigt sehen kann.

Madame Lieschen hatte sich überhaupt nicht vorstellen können, wie die Tage ohne Karoline weitergehen sollten.

Bis sie eines Tages bestürzt bemerken mußte, daß dichter Efeu das Grab umspann und eisiger Winterwind darüber hinfegte.

Wo waren die Tage geblieben? Sie waren rascher gelaufen als alle andern.

Tante Karolines kleiner Haushalt war von selbst zerfallen, als man daran zu rühren begann. Das wenige, das noch einigermaßen zusammenhing, hatte Mariechen nach Dresden genommen.

Madame Lieschen hatte sich darüber gewundert. Zumal das reiche Mariechen kinderlos war. Aber sie hatte zur Antwort bekommen, daß noch niemand auf der Welt zuviel besessen hätte.

Das mochte wohl richtig sein.

Nun war die Zigarettenfabrik schon im Schwung ...

Ein großes Paket an die Zwillinge war der Beweis dafür gewesen. Die Jungen pafften wie Schornsteine und lobten Fabrik und Tante.

Madame Lieschen fand, daß dieser neumodische Artikel abscheulich roch und die frischgestärkten Gardinen verdarb.

Jede Verwandtschaft hat ihre Schattenseiten.

Dagegen zeigte sich Herr Slovitzka als Freund und Nachbar. Er lud gern zu großen Braten mit guten Soßen ein und liebte es, sich zu einem reellen Sonntagskaffee anzumelden. Er erklärte, daß weder eine gehängte, noch eine ungehängte Mamsell jemals so vortrefflichen Napfkuchen zu backen verstände wie Madame Spreemann.

Komplimente sind meistens Grobheiten. Aber man nimmt sie nicht übel.

Auch am Stammtisch bei Klausings hatte Herr Slovitzka Platz und Stimme gefunden. Herr Spreemann war zufrieden, wieder einen Begleiter zu haben.

Ilka jedoch, die Kleine, war bei Spreemanns heimisch geworden wie ein Töchterchen. Die Zwillinge waren ihre Ritter. Hans besorgte ihr die Rechenaufgaben und Christian die Aufsätze.

Am liebsten saß Ilka am Fenster, der immer rührigen Madame Lieschen gegenüber, und vergnügte sich damit, die Vorbeigehenden auszulachen.

Madame Lieschen mißfiel es, daß Ilka stets mit leeren Händen dasaß.

Sie meinte, auch über eine Handarbeit hinweg könnte man alles sehen, was draußen vorginge. Das könne ihr Ilka getrost glauben. Ein künftige Frau dürfe nie müßig sein. Dann bekäme sie steife, kalte Finger, die, wenn sie einmal ein Mütterchen sein würde, nicht imstande wären, die Kinderchen zu streicheln und zu betten.

Darüber lachte Ilka, wie sie über alles lachte.

Sie sagte, ihr Papa hätte ihr versprochen, daß sie einmal eine ganz feine Dame sein würde. Sie würde niemals nötig haben, ihrem Mann die alten Strümpfe zu stopfen.

Und sie lachte über Madame Lieschens Hände hinweg, die, schon ein wenig krumm und faltig, ein großes Loch in Hansens Strumpf überbrückten und durchfädelten.

Auch Madame wollte Ilka nicht genannt werden. Das roch nach Kochtopf. Gnädige Frau würde man sie nennen müssen. In Böhmen sage ein jeder so.

»Das wär mir schenierlich«, erwiderte Madame Lieschen und sah erstaunt auf das junge Ding, das sich lächelnd in der Fensterscheibe spiegelte.

Sie nahm dem Kinde nichts übel. Oft war sie zufrieden, daß Ilka nicht wirklich ihr Töchterchen war, und manchmal bedauerte sie es. Das viele Lachen durchwärmte Winter und Haus.

Spreemann war weniger nachsichtig. Die flinken Mädchenblicke nahmen ihm die Gemütlichkeit. Er nannte Ilkas Lachen Gegacker und lutschte in ihrer Anwesenheit stets in brummigem Schweigen an seiner Bärenpfeife.

Wunderlicher aber war, daß die übermütige Ilka sofort unwirsch wurde, sobald der blonde Christian ins Zimmer trat.

Nur mit sehr kühler Gnade überließ sie ihm die Ausführung ihrer Schularbeiten, und während sie sich mit Hans aufs beste vertrug, widersprach sie Christian, sobald er seinen Mund auftat.

Als Madame Lieschen sie nach dem Grund ihres wunderlichen Betragens fragte, sagte sie achselzuckend, daß sie die Blonden nun einmal nicht leiden könne. Die erinnerten sie an saures Weißbier.

Christian, der es hörte, lachte laut auf und sagte, daß es ihm ganz ähnlich ginge. Er könne die Schwarzen nicht leiden, denn die glichen der galligen Tinte.

Madame Lieschen ermahnte beide, sich nachbarlicher auszudrücken.

Als man ins neue Jahr, kam, klirrten Frost und Schlittschuhe. Die Zwillinge kannten es nicht anders, als sich auf künstlich zu Eisbahnen erhobenen Bauplätzen auszutoben. Da zahlte man einen Groschen Eintritt und konnte sich amüsieren.

Aber Ilka rümpfte ihr kurzes, slawisches Näschen. Sie war gewohnt, nach der Rousseau-Insel im Tiergarten zu gehen, wo man zwischen Pelzen und Uniformen lief.

Einem Anlaß zum Vornehmsein soll man nicht ausweichen.

Die Zwillinge begleiteten Ilka. In kurzen Joppen von englischem Stoff und Berliner Schick. Mit Mützen und Kragen aus beinahe echtem Pelz.

Auf Ilkas Rabenhaar saß ein Hermelinkäppchen, zu dem ein weißer Muff paßte, in dem außer den runden Mädchenhänden stets eine Bonbontüte steckte. Den Transport ihrer blanken Schlittschuhe überließ Ilka ihren Begleitern.

Madame Lieschen, die außer ihren großen Jungen auch Militärmusik liebte, legte sich Filzsohlen in die breiten Stiefel und wanderte, ebenfalls mit Pelz belastet, vorsichtig übers Glatteis dem Tiergarten zu.

Auf verschneiten Wegen, dicht am Rand der gefrorenen Wasserläufe, spazierte sie langsam auf und ab. Sie freute sich an den bunten Fähnchen, beobachtete das gutgekleidete Publikum, genoß die Musik von des Königs Soldaten und roch den gemütlichen Schmalzduft backender Pfannkuchen. Breit und stolz nickte ihr frohrotes Gesicht, wenn aus der eleganten Menge zwei flotte Jünglinge grüßten, die mit verschränkten Armen übers Eis sausten, ein höheres Töchterchen zwischen sich.

Am Abend, wenn Madame Lieschen wieder vor dem großen Korb mit der auszubessernden Wäsche saß, schalt sie sich faul und vergnügungssüchtig und war ärgerlich, weil sie mitten am hellen Wochentag, die Hände müßig im Muff, bei Musik herumspaziert war.

Aber am andern Tag war sie doch wieder unterwegs.

Von ihrem Beobachtungsposten aus kannte sie nun schon manchen Eisläufer wie einen guten Bekannten.

Es machte ihr Spaß zu sehen, ob die hohe schlanke Dame, die stets mit dem roten Husarenleutnant lief, heute ihr grünes oder ihr braunes Kostüm tragen würde. Ob das junge Mädchen, das immer ganz himmbeerrot wurde, wenn sie der Herr im gefütterten Pelzjackett grüßte, vielleicht heute schon als Braut mit ihm scherzen würde.

So naschte man kleine Freudenrosinen aus dem Brotteig des Alltags. Und nicht nur hier.

Herr Slovitzka war am Schauspielhaus abonniert. Sobald ein klassisches Stück gegeben wurde, bat der liebenswürdige Nachbar Madame Spreemann, seinen Platz neben Ilka zu übernehmen.

Da hatte Madame Lieschen häufig Gelegenheit, das Schwarzseidene aus dem Schrank zu nehmen.

Vorsichtig setzte sie sich auf die roten Plüschsessel.

»Alles königlich hier, mein Kind«, sagte sie zu der zierlich geputzten Ilka.

Diese aber äugte zur Galerie hinauf, wo ihre Ritter, die Zwillinge, standen.

Manche Szene wurde zu Haus mit verteilten Rollen wiederholt. Den Monolog der Jungfrau konnte Madame Lieschen auswendig. Und am Ende des Winters sprach sie von Schiller mit der gleichen nachbarlich nahen Vertrautheit, wie von Herrn Slovitzka und dem Kaufmann an der Ecke.

Leider teilte Spreemann ihr Entzücken in keiner Weise. Er hatte keinen Sinn für Kunst. Er nannte es geschwollenes Zeug.

Umsonst sagte ihm Lieschen eines Sonntags den ganzen Monolog der Jungfrau und noch manches andere auf.

»Ihr Wiesen, die ich wässerte,
Ihr traulich stillen Täler, lebet wohl,
Johanna wird nun nicht mehr auf euch weiden,
Johanna sagt euch ewig Lebewohl.«

Tränen rollten aus Madame Lieschens Augen.

Spreemann aber zog ungerührt an seiner langen Pfeife, und als Madame Lieschen endlich atemlos war, sagte er, daß er nichts Schönes daran finden könne, wenn ein junges Mädchen die Wiesen wässere. Überhaupt: ein weibliches Wesen, das Soldat werden wollte. Sie solle Gott danken, daß sie es nicht nötig hätte.

Und damit war Spreemann bei dem angelangt, was seine eigenen Gedanken beschäftigte. Bei dem Soldatenjahr seiner Jungen.

Er hatte herausgefunden, daß man den Frieden nützen müßte, solange er da war. Je früher die Jungen in den Soldatenrock rutschten, um so schneller würden sie auch wieder heraus sein. Eine Weile lang würde es nun still bleiben müssen, nach zwei solchen siegreichen Kriegen. Sobald aber Gewehr und Säbel wieder am Nagel hingen, würde man auf das alte Firmenschild ein Co. setzen. Jawohl. Im Jahre achtzehnhundertundsiebzig, wenn die Jungen dem Gesetz nach mündig wären, sollten sie es auch im Leben sein. Wenn jung gefreit gut sein sollte, war jung selbständig zu werden gewiß noch besser. Und dann mochte das Geschäft sich dehnen, soviel es wollte. Sechs Augen sehen mehr als zwei. Sie würden genug sehen.

So schwatzte Spreemann endlich einmal seine geheimsten Gedanken aus. Statt der erloschenen Pfeife brannten zwei Herzen.

»Nun, klingt das nicht hübscher als alle Poesie?« fragte Spreemann am Schluß seiner Rede und rieb sich lächelnd die rheumatischen Hände.

»Spreemann und Co.«, sagte Lieschen im langsamen Schiller-Ton.

Der Schritt von Poesie zur Prosa ist lange nicht so weit, wie man glaubt.

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