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Spreemann & Co

Alice Berend: Spreemann & Co - Kapitel 10
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typefiction
authorAlice Berend
titleSpreemann & Co
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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4

Mütter sind rascher als Kinder.

Erst am Beerdigungstag stand Mariechen an der Mutter Bett. Sechzehn Jahre hindurch hatte immer etwas anderes ihr ersehntes Kommen verhindert. Nun war sie da.

Sie war eine starke, schwere Dame geworden, mit breitem, vollem Gesicht und dreifachem Kinn. Tante Karoline hatte von ihr stets wie von einem kleinen Kind gesprochen. Unwillkürlich hatten sich die andern angewöhnt, in gleicher Weise an Mariechen zu denken. So befremdete ihr stattlicher Anblick. Man brachte kein »Du« zustande, und auch Mariechen redete die Verwandten mit »Sie« an. Es war gut, daß man hauptsächlich zusammen weinte. Denn Lieschen wußte gar nichts mit dieser Dame aus dem Ausland zu sprechen.

Als sie gesagt hatte, daß sie niemals in ihr das magere Mariechen wiedererkannt hätte, entgegnete die Weitgereiste, daß man alte Zeiten ebenso ruhen lassen müsse wie die Toten.

Sie war selbstbewußt und bestimmt. Man merkte, daß sie ihr gutes Auskommen hatte.

Das verriet sich nicht allein, wenn sie sprach. Auch wenn sie gähnte, bekam man Beweise dafür.

»Sieh nur, diese Goldplomben«, flüsterte Lieschen bewundernd und gab Spreemann einen heimlichen Ellenbogenstoß, als Mariechen den Mund, in Reisemüdigkeit, weit auseinandersperrte.

Ja, wenn Tante Karoline das hätte sehen können.

Lieschen schluchzte ins Taschentuch.

Sie hätte viele Grüße und Bestellungen von Tante Karoline auszurichten gehabt.

Zum Beispiel, daß Mariechen in dem großen kalten Rußland das ganze Jahr hindurch wollene Untersachen tragen müsse und doppelte Strümpfe und dicke Stiefel ... Warme Füße, warmes Herz.

Aber Lieschen wagte es dieser feinen Dame nicht zu sagen.

Außerdem wollte Mariechen gar nicht nach Rußland zurück. Was Tante Karoline so heiß gewünscht hatte, wurde Wahrheit. Mariechen kehrte heim ins Vaterland. Ihr Gatte, Alexander, den Tante Karoline gesundgepflegt, aber dessen Namen sie stets mit dem gleichen feindseligen scharfen Akzent betont hatte wie den des großen Räubers Napoleon, wollte in Dresden eine Zigarettenfabrik gründen. Es gab dort schon zwei von dieser Art, die gut florierten.

»Diese neumodischen Glimmstielchen«, sagte Spreemann verächtlich.

»Wächst denn in Dresden so viel Tabak?« fragte Lieschen. Weil sie sich wunderte, daß etwas florierte, was nicht in Berlin war.

Mariechen überlegte einen Augenblick lang und schneuzte sich ins tränenfeuchte Taschentuch. Dann sagte sie, daß sie das nicht wisse. Aber in Rußland, wo es so viele derartige Fabriken gäbe, wachse wohl auch keiner. Wahrscheinlich hätte der Tabakwuchs gar nichts mit solchen Unternehmungen zu tun.

Leider wurde diese wirtschaftliche Debatte nicht weitergeführt. Denn man hatte sie in der breiten Kutsche begonnen, in der man Tante Karolines Sarg folgte.

Tante Karoline, die seit ihrem Hochzeitsstrauß keine Blume mehr erhalten hatte, denn von da an hatte man ihr lieber Praktisches gebracht, fuhr unter einer Last von frischen Sommerblumen ihren letzen, staubigen Weg.

Nicht nur, weil Rosen jetzt so billig waren. Die Verwandten hatten der Dame aus dem Ausland zeigen wollen, daß man auch in Berlin nicht darbte ...

Als die Familie Spreemann von dieser kummervollen und glühend heißen Landtour heimkehrte und die von Staub und Tränen gebeizten Augen zu kühlen versuchte, meldete das Mädchen, daß der Herr von oben heruntergestiegen sei und wartend in der guten Stube sitze.

Die Gedanken der Familie waren noch weltabgewandt. Weilten noch bei Predigt und Grab. Daher zuckte man bei dieser Nachricht beunruhigt zusammen.

Erst nach einiger Überlegung sagte man sich, daß der Herr von oben nichts Unnatürliches sein könne, sondern daß es sich um den neuen Nachbarn handeln müsse.

Daß man Besuche abschlagen könne, die schon in der guten Stube sitzen, wußten Spreemanns nicht. In den ganz feinen Manieren waren sie noch ungeübt.

So trockneten sie die feuchten Augen so gut es gehn wollte und begaben sich alle vier in die Stube. Allen voran der Hausherr.

Aus dem bequemen Armstuhl erhob sich ein großer, breiter Herr mit schwarzgewichstem, langem Schnurrbart. Er stellte sich vor als Josef Slovitzka, Schuhwaren en gros. Neben ihm machte ein junges Mädchen, das kein Kind mehr war, aber auch noch keine junge Dame, einen zierlichen Knicks nach dem andern vor Herrn und Madame Spreemann.

»Mein Töchterchen Ilka«, sagte Herr Slovitzka.

Spreemann erklärte nun auch die Seinen, indem er ihre Namen aufrief und dabei mit dem Zeigefinger auf die Betreffenden zeigte.

Nach mancher Verbeugung und vielem Händeschütteln saß man sich endlich gegenüber.

Herr Slovitzka sagte, wenn man miteinander das gleiche Dach teile, müsse man sich auch kennenlernen und Freundschaft halten.

Herr Spreemann erwiderte, daß das schon seine Richtigkeit habe, nur müsse der Herr entschuldigen, wenn er heute sehr störe, weil sie gerade von einem Begräbnis zurückkämen und recht traurig gestimmt wären.

Herr Slovitzka verbeugte sich in seinem Sessel und sagte, daß ihm dies außerordentlich leid täte. Aber dieses peinliche Zusammentreffen sei der beste Beweis für die Notwendigkeit seines Hierseins. Da wohne man unter demselben Dache, ohne derartiges voneinander zu wissen.

Dann fragte er, wie alt der Herr Onkel gewesen wäre.

Spreemann sagte, daß es sich in diesem Falle um eine Tante handle und daß sie siebzig Jahre gewesen.

»Nun, sehen Sie«, sagte Josef Slovitzka zufrieden. Wie wenn er zu einem kulanten Geschäftsabschluß gratulierte. »Das ist ja ein hohes Alter. Was will man mehr.«

Dann sagte er, daß, wenn die Toten begraben wären, der Trost ins Herz kehre. Er spräche aus Erfahrung. Denn er hatte seine geliebte Gattin verloren, als Ilka, sein Kind, kaum ein Jahr alt war.

Alle sahen auf Ilka. Sie lächelte und begann an dem buschigen Ende ihres dicken, schwarzen Zopfes zu kauen, das eine große Seidenschleife schmückte.

Herr Slovitzka erzählte weiter. Er teilte mit, daß er aus Böhmen sei und nach Berlin gekommen wäre, weil man ihm sagte, daß das Geld hier auf der Straße läge. Auf der Straße hätte er's allerdings nicht gefunden. Aber immerhin ...

Herr Slovitzka machte eine Pause und zog seine bunte Weste stramm, über die sich eine breite goldene Uhrkette zog, an der neben Ilkas ersten Zähnen ein goldener Stiefel und eine große Korallenhand hingen.

Madame Lieschen zermarterte sich den Kopf, um etwas herauszufinden, was zur Unterhaltung beitragen half. Aber sie konnte immer nur denken, daß es Sonntag wäre, wie immer, daß man guten, starken Kaffee trinken werde, aber daß Tante Karoline bei diesem schönen Sommerwetter unter der Erde lag.

Und so störte sie das nette Beisammensein immer aufs neue durch ruckweises Schluchzen.

Plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie sagte, wenn Herr Slovitzka ohne Gemahlin sei, hätte er gewiß eine Wirtschafterin. Und sie fragte, ob er zufrieden mit ihr wäre.

Guter Wille hilft oft weiter als alle Weisheit.

Madame Lieschen hätte ihrem Nachbar keine angenehmere Frage stellen können als diese.

Er lachte dröhnend auf, bat aber sofort darauf um Entschuldigung, daß er die Trauerstimmung gestört habe. Aber die verehrte Madame Spreemann hatte mit ihrer Frage seinen kitzligsten Punkt berührt. Er hatte Wirtschafterinnen gehabt, soviel, wie Ilka Jahre zählte. Ohne abergläubisch zu sein, wäre er nun bei der Zahl dreizehn angelangt. Wenn ihm die Herrschaften ihren Gegenbesuch machen würden, worauf er bald rechnete, sollten sie sie alle zu sehen bekommen. Er habe sie alle aufgehängt. Bis auf die letzte natürlich, die einstweilen noch in Küche und Haushalt waltete.

Als er sah, daß Madame Lieschen erschreckt zusammenfuhr, lächelte er wieder schallend laut und erklärte zu aller Beruhigung, daß er sie leider nicht lebendig aufgehängt hätte. Sein Musterzeichner hatte ihm von jeder, die ihn verließ, ein getreues Konterfei anfertigen müssen, das nach ihrem Fortgang die Wand zu schmücken hatte. Wenn er schlecht gelaunt sei, brauche er sich nur zwischen diese Bilder zu setzen. Das Gefühl, alle diese Weibspersonen wieder los zu sein, stimme ihn sofort unbändig heiter.

»Was es alles gibt«, sagte Spreemann.

Herr Slovitzka fragte, ob Herr Spreemann so jung gefreit habe, daß er in dieser Beziehung ganz ohne Erfahrung sei.

Herr Spreemann sagte, daß er schon ein Vierziger gewesen, als er es mit der Ehe probierte.

Darüber war Herr Slovitzka sehr erfreut.

Er meinte, da würden sie manche gemeinsame Erinnerung miteinander auszutauschen haben.

Schwer und richtig begann er sich nun über sein Pech mit den Wirtschaftsmamsellen auszubreiten, das er mit vielen Beispielen zu erläutern suchte.

Madame Lieschen pochte mit ihrem Schuh heimlich an Spreemanns Füße, daß er nur nicht verrate, daß auch sie einmal solche Mamsell gewesen.

Aber Spreemann hatte sein verschwiegenes Geschäftslächeln auf dem tränenrauhen Gesicht und klopfte beruhigend zurück.

Die junge Ilka sprach gar nichts. Sie lächelte nur zu dem schwarzen Hans und dem blonden Christian hinüber, deren verweinte Gesichter schon rot wie Liebesäpfel waren.

»Und alle wollen sie geheiratet sein. In jedem Bouillonauge schwimmt ein heimlicher Trauring!« rief Herr Slovitzka jetzt und wollte vor Lachen über seinen gelungenen Vergleich platzen. Alle Erinnerung an die Trauerstimmung war ihm abhanden gekommen.

Lieschen tippte wieder warnend an Spreemanns Füße. Nur nichts verraten.

Wer selbst erzählt, amüsiert sich stets am besten in der Gesellschaft!

Aber Herr Slovitzka war gewohnt, den Leuten aufs Schuhwerk zu sehen. So mußte ihm schließlich Madame Lieschens Gebaren doch auffallen.

Er riß erstaunt die Augen auf. Für Verliebtheit konnte er es bei der Ehrbarkeit und auch bei den Jahren seiner Wirte nicht nehmen. Spott konnte es auch nicht sein. Denn sie sahen ganz ernsthaft aus. Jedenfalls war es ein sonderbares Benehmen für Leute, die eben von einer Beerdigung kamen.

Aber alles wissen zu wollen macht Kopfschmerzen. Er hatte sich immerhin ganz nett unterhalten. So stand er denn auf, auch Ilka sprang vom Stuhl, und unter der Versicherung vieler guter Sachen versprach man sich ein baldiges Wiedersehen und schied.

Die Gedanken der Familie Spreemann konnten wieder zu Tante Karoline zurückkehren, und das Mädchen durfte endlich die kühle Kirschsuppe mit den kleinen Zuckermakronen auf den Tisch setzen.

Man löffelte. Durch die Spalten der grünen Jalousie surrte der warme Sommersonntag. Man fühlte sich behaglich, obwohl man es wirklich nicht wollte und sich ehrlich mühte, an Tante Karoline zu denken.

Aber man hatte noch die laute Stimme des neuen Nachbarn im Ohr.

»Das Töchterchen hat eigentlich gar nichts gesprochen«, sagte Spreemann und schlürfte den süffigen Kirschsaft vom Löffel.

»Das scheint mir auch so«, bestätigte Madame Lieschen.

»Sie ist aber reizend«, sagten da Hans und Christian ganz zu gleicher Zeit, wie ein gut geübter Kirchenchor.

Darauf entstand eine Pause. So daß die Worte sich noch lange über dem Tisch drehten und die von Fliegenpuscheln beschützte Lampe umsummten.

Oben aber saß Ilka auf dem Küchentisch neben der noch nicht gehängten Mamsell.

Sie naschte mit spitzen Fingern rote Beeren aus einer vollen Obstschüssel und sagte:

»Der Blonde bei Spreemanns ist süß, Mamsellchen.''

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