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Spitzbube über Spitzbube

Heinrich Federer: Spitzbube über Spitzbube - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSpitzbube über Spitzbube
authorHeinrich Federer
firstpub1921
year1921
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleSpitzbube über Spitzbube
pages1-255
created20040929
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Heinrich Federer

Spitzbube über Spitzbube

Heinrich Federer: Spitzbube über Spitzbube

1

Ums Jahr 1482 waren in der groben und wildwüchsigen Schweiz zwei Bäume so hoch über alles Gefilde gewachsen, daß man sie weitum im Ausland mit Respekt bemerkte und eifersüchtig von ihrem Schirm und Schatten zu profitieren suchte.

Das eine Gewächs hieß eidgenössische Rauflust und Prügelfestigkeit. Diese Bauern von Unterwalden und diese Kleinbürger von Zürich und Luzern hatten einige flotte Notkriege ausgefochten und dabei mit fröhlichem Grausen erkannt, daß das Kriegen und Siegen gar nicht schwer, ja ihnen sozusagen angeboren sei, und balgten sich nun mit den Zeptern des halben Erdteils herum. Und wie sie sich daheim belustigten, einen Ballen Zwillich mit einem Arm im Rad um den Kopf zu schwingen oder an je einem Horn zwei widerspenstige Stiere in frommen Schritt und Gleichtakt zu zwingen, so warfen sie Burgunder, Schwaben und Österreicher gleich bündelweise über den Haufen, gar nicht zu reden von den zierlich gebauten welschen Menschen des Herzogs Lodovico Maria Sforza zu Mailand, deren ein stämmiger Entlebucher gleich ein ganzes Schock auf sich genommen hätte. Diese Fäuste und breiten Füße der Eidgenossen fingen an in Europa immer lauter Musik zu machen. Man konnte sie nicht mehr überhören. Und da alle Welt Kriegskonzert und jeder Fürst sein besonderes gab, so wollte auch jeder diese rohe und gefährliche Schweizermusik, statt gegen sich heranlärmen zu lassen, schleunigst ins eigene Orchester aufnehmen und gegen die Hausfeinde ins Tempo bringen. Man lief sich fast die Sohlen nach Bern und Zürich ab, um so berühmte Kerle zu kaufen. Bald sah man denn auch die langen Schweizergesichter unter allen Fahnen stehen, roten und weißen, schmutzigen und reinen, und wiederholt drohte das Unheil, daß die süße Milch und das bittere Blut der Eidgenossenschaft sich auf fernen, so unendlich gleichgültigen Fluren gegeneinander verspritzte.

Aber neben diesem unheimlichen Schweizergewächs, das so gefährlich über alle Grenzen hinauswucherte, war tief im Dunkel einer Bergschlucht, auf engem Platz, ein anderer Baum hochgediehen, fromm, stark und überhäuptig wie eine Eiche, rauschend von tapfern Gebeten, singend in süßester Mystik, kühlend, schützend, wegweisend und von der Wurzel bis zum Zacken gutes, gesundes Holz.

Das war der Einsiedler Niklaus von Flüe, ehedem Bauer und Amtsmann in Obwalden, jetzt in schmaler Klause über ein viel weiteres Reich amtierend: die Geheimnisse Gottes und die Seelen seines Volkes.

Vor seinem so lieben schwarzen Auge und seinem bärtigen Munde bogen sich Hirte und Schultheiß. Seitdem er gar vor einem Jahr den Selbstmord des Vaterlandes noch in der letzten Minute verhindert hatte, indem er wie ein Erzengel Michael mit der Lanze und zugleich wie ein Erzengel Gabriel mit der Lilie zwischen die rasenden Brüder getreten war, stieg sein Ansehen ins Unermeßliche. Sein Ja wog eine Tagsatzung, sein Nein ein Heer auf. Aber weise, wie dieser Pfiffikus Gottes war, sagte er selten ein steiles Ja oder ein allen Mut entwurzelndes Nein, sondern lieber jenes gnädige Zwischenwort, das den Menschen Schritt für Schritt und ohne ihm erst die Knochen zu brechen, zu einer viel reineren Zustimmung oder Absage führt, als wenn sie ertrotzt und erbettelt wäre. Unter den Tannen seiner Einsiedelei wimmelte es denn auch von Pilgern. Plumpfüßig wie das böse Gewissen stiegen sie oft die Melchaaschlucht hinunter. Aber als wären ihre Schaftstiefel Flügel geworden, schwebten sie hernach federleicht den Abhang empor.

Und wie der Bruder klar in jede Heimlichkeit der Pilgerseele sah, so lag auch die Seele der ganzen kunterbunten Schweiz vor ihm aufgeschlagen wie nicht von ferne einem Politiker jener Tage. Er erkannte ihr Braves und Unartiges genau, wußte, woher es sprang und wohin es mündete und was für ein Stecken dieser großen Pilgerin not tat. Zwar hatte auch er in jungen Tagen an einem Eroberungszug und selbst an einem Bürgerkrieg mitgefochten. Aber seine Obrigkeit hatte ihn unter dem Gehorsam zitiert und dem Milchbart keine Untersuchung über Recht und Unrecht der Kampagne gestattet. Hernach ward Niklaus immer mißtrauischer in Sachen des Säbels und Schießpulvers, und als dann gar das Söldnerfieber aufblühte und seine Mitgesellen immer ärger in allen Herrenländern herumteufelten, da ließ er sehr deutlich hören, wie widermenschlich und widergöttlich ihm solche europäischen Prahlhansereien vorkämen, zumal da sie mit schmierigen Krämerbatzen vorbezahlt wären. Und wirklich, es geschah ein kleiner Stillstand im Reislaufen.

Die Fürstlichkeiten, welche zu ihren Kriegen Soldaten wie laufendes Wasser brauchten, versuchten darum vorerst diesen Waldbruder zu gewinnen, bevor sie ihre Werber ins Land beorderten. Standen sie mit dem Heiligen gut, dann verlief, so dünkte sie, auch das übrige unheilige Geschäft ohne Gefährde. So schickte denn der Ludwig von Frankreich mit der ungeheuren Sichelnase einen Ballen Lyonerseide für einen Rauchmantel und zwei Kaseln her. Erzherzog Sigismund mit der langen, schleichenden Fuchsnase gab zehn Pfund ungarisches Wachs für Meßkerzen. Aber der Moro von Mailand, dem ein ganz gewöhnliches Stulpnäschen durchs dunkelgelbe Gesicht hüpfte, spedierte zwei Ballen Comerseide und zwanzig Pfund Wachs, und dieses Wachs aus dem honigblütigen Sizilien duftete in die saure Wildnis Bruder Klausens, als wäre es von den Locken und Schwingen eines Cherubims getropft.

Der struppe Einsiedler roch und roch daran und freute sich, daß noch so gute Dinge auf Erden gediehen. Dann brach er die Siegel und ließ sich die Briefe vorlesen. Und sein scharfes Ohr, das den Buchfink vom Bergfink sofort unterschied, hörte aus den drei Sprachen und Sprüchen nur immer die gleiche schlaue Dummheit heraus:

»Schwer ist es, Fürst zu sein. Unser landesväterliches Herz quält im Innern die heilige Sorge für den Untertan, aber von außen der verruchteste Feind. Da rufen wir denn unsern Gott und seine großen Vasallen zur Hilfe. Ihr, heiliger Mann, seid einer der vordersten. Betet also für unsre Gerechtsame und haltet ihr ein bißchen den Daumen. Im übrigen wissen wir wohl, daß hienieden alles eitel Plunder ist und nichts von Bestand bleibet als für die nackte Seele zu sorgen . . . Beinebens etwas Seide und Wachs . . . und Silber für dreißig heilige Messen und eine gute Meinung . . .«

Der Franzose machte noch ein graziöses Kompliment auf die Bravour suisse, der Österreicher versprach weiteres Wachs nach der Oktoberernte in Ungarn; der Mailänder hingegen fügte das Bild des heiligen Ambrosius und drei Fäden von der wahrhaftigen Kutte Sankt Franzisci, » del Vostro vero Confratello«, hinzu.

Indem zupfte sich Niklaus am langen Bart, wehrte ab, wo das Lob gar zu dick floß, lächelte maliziös, verbeugte sich endlich höflich vor den Gesandten und bot ihnen eine Schale Erdbeeren und frische Ziegenmilch von seinem Mesmer Hensli. Doch süßer noch als diese Gaben schien seine Stimme zu schmecken, da er anhob:

Er danke Hochdero Herrschaften ungemein. Schwer sei es glaublich, ein Fürst, aber . . . zu ihrem Troste gesagt . . . noch schwerer, Untertan und somit zweier Herren Knecht zu sein. Doch Gott sei barmherzig und lasse gebückte und steife Rücken durchs schmale Pförtlein schlupfen. Er wolle für ihre Herren beten, daß Gott sie gesund und zufrieden erhalte. Denn ein zufriedener Herr sei wie eine unbewölkte Sonne und mache auch helle und zufriedene Knechte. Gottes Segen über Freund und Feind! Hangen wir doch alle wie Bettelkinder an den Ärmeln des Weltvaters, sind mithin Brüder vor dem schönen blauen Himmel und Brüder auf der gemeinsamen soliden Erdendiele, die solche Beeren . . . esset sie doch fertig, Ambassadore! . . . und solches Wachs und solche Seide wachsen läßt. Wie werden diese Kerzen zu Ostern brennen, und wie wird diese rote Seide in den Pfingstmessen lachen und leuchten! Zu gut meinen es eure Gnädigen mit dem geringen Waldbruder. Was geb ich dafür, ich Habenichts und Vermagenichts? Vergelt es ihnen denn einmal der liebe Gott mit dem Seiden und Kerzenglanz der Ewigkeit . . .

Dann begleitete der sechs Schuh hohe, gewaltige Waldmensch die Boten zur Zelle hinaus, und nun auf dem Heimweg erst merkten die Diplomaten, daß sie zwar süße Beeren und Worte genossen, aber nichts als einen säuerlichen Schmack davon auf der Zunge behalten hatten. Was Teufels hatte der heilige Fuchs darein gemischt? Und was brächten sie nun ihren Herren heim?

Wieder kamen Geschenke: Olivenöl, Samttücher, Leuchter, ein Fäßlein puren Meßweines, Wappenfensterchen, Silberkännchen, Medaillen mit den drei Fürstennasen, Teppiche, Leinen, Altarbilder, Stipendien, ein Knieschemel, ein Siegelring, kurz alles Erdenkliche, was fromme Einfalt bestechen könnte. Niklaus legte es munter zum andern, dankte behutsam und empfahl die Seelen der Wohltäter dem Herren, von dem alles Gute komme und zu dem alles Gute zurückkehre. Er segnete und betete und lächelte dazu wie ein Schelm, und nicht ein Körnchen Politik entschlüpfte ihm.

Damit war den Regenten schlecht gedient. Sie schalten ihre Boten Kinds- und Kalbsköpfe, probierten es mit einem andern Schläuling, einem andern Geschenk und einem andern Stil. Umsonst, die braune Kutte nahm, dankte, segnete und blieb steif und ungerührt wie irgendeine Tanne ihrer Wildnis.

Wie lästig war das! Besonders Lodovico Moro, der doppelkinnige, dickhalsige Sforza, mit der Stulpnase, dem langen, falschen Haarpelz und den kühlen Augen ärgerte sich über die Schlappe ausnehmend. Er ließ zwar seine zeremoniöse Haltung nicht außer acht, aber lief nervös durch die vielen Gänge und Zimmer des Sforzakastells, gab dem Pagen Arrigo Borghesino, der sich in einer Turmecke stürmisch mit einem Fräulein küßte, eine gesalbte Ohrfeige, rührte kaum mehr seine geliebten Eiernudeln an und vergaß seine Tagesordnung so sehr, daß Prinz Galeazzo Giovanni Sforza, für welch bleiches Waisenbüblein er mehr als vormundlich regierte, am zweiten Nachmittag zu ihm ins Kabinett sprang und mit verzogenem Mund und allzu langer, lutschender Zunge klagte: »Ohm, warum kommst du gestern und heut nicht zur Zeit mit mir spielen? Da hab ich nun Kegel und Kugeln mitgebracht; beginnen wir gleich alla Tedesca

»Ja, gerade recht, alla Tedesca,« dachte der Regent, den Zeigefinger, um Luft zu bekommen, zwischen Kropf und Kragensaum steckend, » alla Tedesca, wo ich immer der Verlierende bin, weil der Gewaltskegel in der Mitte einfach nicht umfallen will, und wenn ich noch so scharf ziele.«

»Ohm, leg das Käpplein auf und spiel,« bat klagend der elfjährige Prinz und wischte die schöne lange Perücke des Moro mit allen Papieren zur Seite, um sein Zwergspiel rücksichtslos über den Schreibtisch aufzustellen. Der Vizeherzog deckte mechanisch den von dreißig Jahren Hof und Sonne schon fast kahlen Schädel mit der Samtmütze, sprang aus dem Lehnstuhl auf und ging wie eine Katze so behend und leise das Zimmer auf und ab. Deutsche Kegel! Schweizerkegel, summte es ihm böse durch den Kopf . . . Schwieriges Spiel . . .!

»Herr Lodovico!« rief da eine singend-schöne Stimme, und rasch löste sich ein Jüngling im Pagenrock vom Türpfosten, wo er mit angelernter Unbeweglichkeit gestanden und auf Bestellung gewartet hatte. »Wenn es beliebt, ich will gerne mit Seiner Hoheit Kegel spielen . . .«

Ein langer, knochiger Bursche stand da und ließ einen ungeheuern Schwall von kupferrotem Haar auf die Achseln fallen, während es kurz gestutzt in die niedrige Stirne hing. Unaufhörlich warf er die überstürzenden Locken rechts und links hinter die Ohren, rosenrote, lange, weiche Ohren, die ihm besonders lieb und wichtig schienen. Eine schöne, gerade Nase lief beinahe mit der Spitze in den Mund hinein. All dies rötliche Wesen übers Gesicht, dazu mit den zwei kleinen braunen Augen, in denen es wie von Gold flockte und die auch wie von einer steten Entzündung rot umrändert waren, gab dem Jüngling einen Anstrich von Fieber, Leidenschaft und arger Schelmerei. Aber der Unterkiefer stand mit breiter Lippe vor und machte, daß beim Sprechen oder Lachen die untern Eckzähne wie bei einem Eber herausragten. Dadurch erhielt die elegante Natur des Gesellen etwas Derbes, beinahe Rohes; aber man fühlte zugleich, daß dieser Junge nicht bloß herumflattern, sondern sich wohl auch auf etwas eine Weile verbeißen könne. Er schien kein Italiener zu sein. Sein Gang hatte eher etwas vom nordischen Hund als von der südlichen Katze, und so süß seine Stimme auch klang, gab sie doch dem Italienischen jene rauhen Kehllaute und jenen auf und ab singenden Jodel, die dem Welschen sogleich die deutsche Lippe, und zwar die schwerere der Gebirgsleute verraten.

Jetzt aber glänzte er mit seinem roten Wams, den roten Seidenschuhen und den rotflockenden Augen wie die bare Spitzbübigkeit.

Lodovico Moro betrachtete den heißen Menschen mit unwirscher Miene. »Dieser Mädchenfresser!« brummte er ohne viel Ernst und bewegte unmerklich die Hand: »spielt denn!«

Gleich ging das Rollen und Kegelstürzen und ein fast unhöfisches Lustigsein an. Der Jüngling kegelte großartig und blitzte dabei Witz auf Witz los, so daß der bleiche Galeazzo, da er nicht laut lachen darf, weil er kränklich und weil er Herzog ist, wenigstens den Mund weit aufsperrte und dabei immer zu spät mit den Spitzenhändchen die verdorbenen Zähne deckte. Und der Page läßt das Herrchen nicht verlieren, vielmehr will er es lehren, wie man das Zentrum beschleicht und den Hauptkegel ganz allein aus dem Kranze fällt. Der Moro hört die Späße. Sie riechen nach Schnee, Kühen, Schweizergrobheit. Was Wunder, dieser Arrigo Borghesino ist ja wirklich ein Unterwaldner, ein Landammannssohn zwar, des verschmitzten Heinrich Bürglers Bub, aber eben doch Küherblut.

Unterwalden! Eija, dort haust doch wohl auch der Bruderklaus, der verdammte Hauptkegel selber.

Prinz Galeazzo versuchte jetzt den Trick ins Zentrum allein. Lodovico Moro aber stand vor dem Pagen still und forschte:

»Der Reverendo, sagtest du nicht, er siedle in einem Walde eurer Berge?«

Heinz Bürgler begriff nicht.

»Euern sogenannten Heiligen meine ich doch; was treibt er denn die ganze Zeit?«

»Ah, der Bruderklaus . . . beten und fasten . . . und . . . Durchlaucht, was weiß ich,« lachte der junge Weltmensch.

»Hast du ihn einmal von Auge gesehen?«

»Öfter, Don Lodovico. Mein Vater hat mich ganz klein mehrmals zu ihm mitgenommen. Wir sind Vettern. Ranft heißt die Schlucht . . . Wild und kühl ist es da, und dunkel. Ein Schneewasser rinnt Sommer und Winter zwischen den Abhängen, und man hört nur immer dieses Rauschen . . .« Etwas Frisches und Kühnes wehte bei diesem heimatlichen Schildern dem Burschen übers Gesicht.

»Ach was, Arrigo, ich bring's nicht fertig,« zürnte der Knabe weinerlich und ließ die Zunge töricht über die Unterlippe hängen.

»Mit Verlaub, Durchlaucht,« entschuldigte der Bürgler höflich gegen den Moro und nahm die Kugel. Welch eine gescheite Miene er jetzt bekam! Weich bog er den Knöchel und ließ die Kugel langsam und in schräger Zielung aus der Hand rollen, nicht ohne ihr im letzten Moment noch eine rasche schwirrende Bewegung um die eigene Achse zu versetzen. So schleifte der hölzerne Ball gemächlich links am Vorderkegel vorbei, streifte rechts den Hintermann, ward abgestoßen und traf nun mit stumpfer Kraft den Häuptling im Ries in die Rippen. Diese Kugel atmete, dachte, handelte wie ein Mensch.

Lodovico Moro neigte sich vor, blähte die kleinen Nasenlöcher vor Eifer und machte im Geiste jeden Muskelgriff mit. Wahrhaftig, da liegt er, der Bruderklaus, und von seinem eigenen Landsmann gefällt. Der Regent versuchte das Kunststück auch, indem er den kleinen, steifen Körper unglaublich verrenkte und kaum noch mit den Zehenspitzen den Boden berührte. Doch wie er sich auch mühte, er warf nur Breschen ins Ries und sah im Zentrum den Waldbruder gewaltig stehen, die Kutte schütteln und ihn auslachen.

»Wir können das nicht, Giovanni,« sagte er sich selbst verspottend zum Prinzen. »Wir sind zu wenig schlau.«

»O wenn Ihre Herrlichkeit es übten, mit so seinen Fingern . . .«

Ein unbestimmbarer Blick des Moro hieß den Pagen schweigen.

»Nein, nein, das kann nur ein Unterwaldner,« entschied er. »Geht jetzt reiten, Hoheit, daß Blut in Eure Lippen kommt! Mit dem Kegelmeister da habe ich noch ein Wörtlein zu reden. Und lass' die Lazara heute ein bißchen im Trab gehen, Carino,« fügte er zärtlicher hinzu, als er den schmalen Jungen mit der schönen, dunkeln Müdigkeit in den Augen zur Türe geleitete. »Im Trabe, Altezza. So im Allerweltsschritt geht uns noch alles Mailand kaput.«

Als wäre er allein, ging er dann langsam zum Tische, warf sich mit geübtem Schwung die Perücke über die Glatze und trat ins Fenster. Beinahe geringschätzig sah er zu, wie unten im Hofe eine gutmütige, fette Stute gesattelt und der Prinz vom Stallmeister mehr emporgehoben als gestützt wurde. Heinz Bürgler beobachtete genau, wie ein dunkles Lächeln der Genugtuung über das fette gelbe Gesicht des Regenten huschte, und er verstand diese Freude sehr gut. Das Büblein, welches nicht einmal allein auf einen geduldigen Gaul steigen kann, wird seinen Vormund niemals vom hohen Staatsroß herunterreißen. – Jetzt beugte der Regent sich vor und rief: »Meister Armando, seht doch, die Bügel hängen zu tief.«

Armando senkte ehrerbietig die Augen, zog die Schnalle ein Riemenloch höher und küßte den kleinen Schuh des Fürsten. Dann trat er drei Schritte zurück, klatschte in die Hände und schrie feierlich: »Vorwärts, Lazara . . .! Viel Vergnügen, Altezza!«

Der Knabe, dessen Wangen sich von der geringen Mühe schon gerötet hatten, dankte mit einem hübschen Blick zum Fenster empor und ritt dann, von zwei Höflingen gefolgt, aufrecht und elegant gegen das Parktor.

»Er reitet nicht übel, wenn er einmal oben sitzt. Aber oben sitzen kommt zuerst,« lispelte der Moro. Dann warf er die Perücke wieder auf den Tisch und prüfte schweigend mit seinen kühlen Tintenklecksäuglein den Borghesino über die ganze lange Figur. Dieser stand frei da und rührte kein Lid.

»Was hast du eigentlich mit den Mädchen?« fragte der Regent plötzlich mit merkwürdig stiller Stimme. »Bist du krank, Arrigo?«

Bürgler verfärbte sich leicht; aber die Augen lachten unvermindert.

»Der Landammann, dein Vater, brachte dich hierher, weil du schon daheim unter den Zöpfen übel gewirtschaftet hast. Auf den Knien bat er mich, dich streng zu halten . . .«

»Es ist nicht ganz so, Hoheit, darf ich reden . . .?«

»Und Sitte und Anstand zu lehren . . .«

»Euer Gnaden, gönnet mir ein Wort!«

»Und nun richtest du mir hier das gleiche Unheil an. Immer wieder laufen Klagen ein. Und dabei ist es dir mit niemand ernst. Du liebst, glaub ich, meine Hoffräulein, wie du meine Brötchen issest. Gegessen, vergessen . . .« Beinahe mußte der Prediger selbst lachen.

»Warum sind sie auch alle so hübsch!« stotterte der Angeklagte mit süßer Melodie und lächelte freundlich.

»Sonst prahlt ihr Germanen doch laut genug mit eurer Treue,« spottete der Moro. »Ver . . . giß . . . main . . . nigt . . .! Und scheltet uns Südländer Katzen. Aber mich dünkt, im Lande, wo siebenmal im Jahr der Schnee schmilzt, geht es auch mit der Liebe so.«

»Oh, so oft,« sträubte sich der fröhliche Jüngling, . . . »siebenmal . . . Hoheit . . .?« und er griff ans rechte Ohr und rollte es zärtlich zusammen.

»Laß das! . . . Wie steht es nun mit dieser neuen Zopferei?« fragte Moro milder, sein Lieblingswort trecciatura wiederholend. »Was neckst du das Fräulein di Baranghi für nichts und wieder nichts? Es heißt, sie schaue keinem andern Burschen mehr ins Gesicht, lerne Petrarca auswendig, schreibe dir zwanzig Zettel im Tage, schweige, wenn man sie frage, aber rede laut mit sich selber, kurz, sei wie verhext.«

Heinz hörte mit leuchtenden Augen zu, nicht wie einer, dem man seine Sünden, sondern seine Tugenden aufzählt.

»So verrückst du den dummen Weibsen den Kopf. Die wievielte ist es schon?«

»Diesmal ist es Ernst, Hoheit. So fühlte ich noch nie,« sagte der Bürgler mit seiner schönsten Stimme. »Wir haben uns alles erzählt . . . wir haben geschworen . . . es ist . . . kurz und gut,« beschloß er fest, »wir wollen heiraten, ich und die Peppina.«

»Was Peppina? Rede anständig vor deinem Herrn!«

»Verzeihung, ich wollte sagen die Pepp . . . Giuseppa di Baranghi,« buchstabierte er mühsam zusammen. »Es ist alles in Ordnung. Wir halten Hochzeit, sobald Euer Gnaden erlauben.«

»Und das di, das di Baranghi, Signorino!« fragte der Moro kalt.

Jetzt streckte sich der schlanke Mensch sonderbar hoch. »Hoheit,« sagte er so tapfer, daß man die Zähne hörte, »mein Vater ist Landammann . . .«

Lodovico Moro wollte die Hand leichthin schwenken: »Bah, euer Landammanno . . .!« Aber der Jüngling hatte etwas so Bestimmtes und Selbstbewußtes, daß er sie wieder zurück ins Wams schob.

»Und wir Bürgler führen ein altes Schwert. Wir dienten schon in Italien unter Federigo, dem Secondo, von dem Ihr gerühmt habt, er sei mehr Italiener gewesen als alle Mailänder von heute zusammen . . .«

So eifrig und mannestüchtig stand der Unterwaldner vor ihm und stellte die untern Zähne so spitzig vor, daß der Vizeherzog ein Gefühl von Anerkennung nicht unterdrücken konnte. Jawohl, das war der Unterkiefer des Vaters. Wie wertvoll war ihm schon der zähe Alte, wie viel wichtiger mochte ihm dereinst dieser Sohn ennet den Alpen werden. Soll man ihn nicht mit mailändischem Blut festkitten?

»Du hast recht, mein Junge, du darfst dir eine noble Hochzeiterin erlauben,« lenkte er ein und pustete vor Hitze. »Aber sag, wie soll ich dir glauben? Jene Obwaldnerin, weswegen der Landammann dich hierher geflüchtet hat . . .«

»Herzogliche Gnaden, das eben wollt ich Euch vorhin erklären. Das war vor Jahren, ich war kaum gefirmt und noch ein halbes Kind . . . Und sie war hübsch . . .« zauderte er; »wisset, nicht auf Eure kolossale italienische Art, auf Obwaldnerart, leiser, blond, so etwas von Milch und unserm gelben Honig und . . . es ist schwer zu sagen . . .«

»Wie reif das Jüngelchen redet,« dachte hingegen der Moro.

»Es brennt nicht so scharf und tut nicht so . . . so weh . . . Es ist warm und grün wie unsre Stubenöfen im Winter und geht auch so langsam und wohlig in die Seele . . . Ach, Vossignoria, es war das erste liebe Jüngferchen, dieses Seppeli . . .«

»Oho, das scheint mir ein fataler Name zu sein.«

»Ich hätte sie gewiß geheiratet,« erzählte Heinz mit deutlicher Rührung. »Aber sie war das sechste oder siebente Kind eines Bergbauern, ohne Geld und Rang. Hingegen mein Vater ist der oberste im Land und reich. Und ich war ein Büebli . . . Und doch meint' ich zu verbluten, als man mich wegriß . . .«

»Sieben Tag' hast du geschmollt, dann kamen unsre Peppe und Seppe,« lachte nun laut der Regent, »und diese Litanei wird noch lange nicht fertig gebetet sein.«

»Mit der Peppina di Baranghi, ich schwör's,« gelobte Arrigo mit feuchten, aber lustigen Augen . . . »Etwas Lieberes, Schöneres, Größeres gibt es nicht!«

Der vom raschen Leben und Lieben schon ganz abgespülte Moro betrachtete den feierlichen Tunichtgut eine Weile, als zweifle er noch. Nun ergriff er seine Hand und begann mit väterlichem Tone:

»Gut, werde allendlich ein Mann! Bei uns ist man es mit siebzehn Jahren. Du zählst bald zwanzig. Heirate!«

Dem Heinz Bürgler musizierten die Ohren. Er wollte die Hand des Sforza küssen.

»Lass', lass' . . . ich werde mit den Baranghi reden. Ist alles, wie du sagst, und dein Vater mit uns einverstanden, so soll es eine flinke Heirat geben. Aber dann nicht mehr Damenbrett spielen! Bewährst du dich, so helf ich dir voran. Den Pagen hängen wir jetzt an den Nagel. Du hast ja schon euer Offizierspatent. Ich gebe dir das Brevet zum Hauptmann in der hiesigen Besatzung dazu. Aber,« redete Sforza so ruhig, als lese er ein Papier ab, »vorher will ich eine Probe haben, daß du reif zum Weiben und Kommandieren bist.«

»Alles, Herzog, alles,« versprach und lachte und fieberte der rothaarige Bengel.

»So pass' gut auf, ich rede jetzt zu einem Manne,« betonte Lodovico scharf. »Ich brauche Eidgenossen. Venedig rüstet, in Paris zählt der kleine dreizehnjährige Krüppeldelphin die Tage, bis sein Alter stirbt. Dann will er über die Alpen, der Lotterbub, nach Neapel oder nach Mailand, es gehör' ihm beides. Und der Arciduca Sighismondo schneidet uns ein braves Gesicht und intriguiert im Rücken auf Tod und Leben. Auf den Heiligen Vater, Gott sei's geklagt, ist kein Verlaß. Heute stehn wir und werden durch ganz Italia beneidet. Aber morgen? Diese Erde ist eine Schaukel; nichts hält, ich altere . . .«

Heinz Bürgler schüttelte höflich den Kopf. Das Erzählte da wußte er alles aus dem Hofgeschwätz, und es interessierte ihn einstweilen, bis es zum Reiten und Fechten kam, nicht gar tief. Aber ihn wunderte, welche Aufgabe ihm da nun zufiele.

»Und der Herzog ist noch ein Kind, wie du ja vorhin beim Kegeln gesehen hast. Wie elend hat er geworfen! Noch schlimmer als ich, oder nicht?« fragte Lodovico mit spöttischem Tone. »Aber du bist jedesmal so schlau und so sicher ins Zentrum . . . sagen wir in die Urschweiz, in den Ranft, zum großen Klaus . . .«

»Was . . . wer . . . Bruderklaus?« stammelte Heinz ungläubig.

»Zum großen Klaus gelangt, daß ich dir kurz und streng befehle: gehe und gewinne mir deinen heiligen Vetter nun nicht mehr im Spiel, nein, in Tat und Wahrheit . . .! Er muß mir Soldaten geben.«

»Wann? Sogleich?« rief Heinz Bürgler begeistert, und die Sohlen brannten ihn schon. Heimat, stille Berge, Wald und Ewigwasser, Alpenwind, Kuhschellen, der Vater, die braunen Häuser im Berggras und unter alten Nußbäumen der milde Sarnersee, das viele Kapellengeläute ringsum, die Gespanen, der Schwinget, die Nidel und die weiß bezopften jodelnden Jungfern um den Kessel . . . mit dem, o mit dem will er seine Peppina gerne verdienen. Da ist die Arbeit fast so schön als der Lohn . . .

»Wir sind genau unterrichtet, daß Sighismondo in nächster Zeit euern Heiligen vexieren will. Da gilt es vorzukommen. Du belauerst den Österreicher, gräbst ihm den Boden ab, führst ihn irre, kurz, verdirbst ihm auf jede Art das Spiel. Was du so fein noch eben auf dem glatten Brett da getrieben hast, noch viel feiner soll's dir auf dem eigenen Boden geraten, wo du jeden Rank und Winkel kennst . . . Wie, eure Helden haben doch die Österreicher zur Tür hinausgeworfen! Wollt ihr sie zu den Fenstern wieder hereinlassen . . . Die Geßleri und Landenborghi?«

»Niemals,« jubelte Heinz in einem ehrlichen Schwindel von Stolz und Glück. Wie paßte ihm das Abenteuer! So ein Versteckensspiel voll Witz und Klugheit, ernst und doch lachend. Und immer das kleine, grüne, obstselige Obwalden dabei, das man sogar im goldenen Mailand nie recht vergessen kann. Und freilich auch der Bruderklaus . . . Doch das ist Nebensache.

Lodovico verfiel in den alten Kanzleiton: »Ich statte dich morgen mit dem Nötigen aus. Fürs erste ist es genug, den Sighismondo beim Bruderklaus auszustechen. Ich gebe dir auch Briefe an den Vater mit. Seine Erfahrung muß dir für das Weitere beistehen. Tu' das Mögliche! Unmögliches lass' ich dich nicht entgelten . . .«

Der Jüngling strahlte den trockenen Fürsten an wie ein junger Stern. O ich bin hell genug dazu, schien er zu sagen. Lasset mich lieber allein machen. Ich bring's schon fertig.

»Geh jetzt und überleg dir alles. Nach der Cena komm und erzähle mir deine Schlauheiten. Zeig mir, wie du kegeln willst.«

In einem Nebel von Seligkeit, worin der kleine kahle Herzog, die gelben Vorhänge, Tisch und Kegel und Diele zerrannen, taumelte der Jüngling zur Türe, um sogleich zur Geliebten zu laufen, sie vor allen Hofleuten auf Mund und Augen zu küssen und feierlich zu verkünden: wir sind verlobt; da, Bräutchen, nimm meinen Ring!

Da schlug ihm jemand leicht auf den Arm. Er wandte sich. Der Herzog stand hinter ihm. Heinz meinte, der Moro lächle, das Zimmer, das Schloß, ganz Mailand lächle ihn an. Er sah in dieser Verzauberung nicht, daß der Sforza sich in sein erhitztes Antlitz halb mit Neid, halb mit Trauer vertiefte. Aber sehr scharf und hart hörte er dann befehlen:

»Capitano Borghese, wir haben im Kastell genug eheliche Zwitter und Lumpe, verstanden! Ihr geht nach Obwalden. Da gebiet ich, daß Ihr jene Tochter aufsuchet und prüfet, ob alles erloschen und Asche geworden ist . . . Jene Sepha . . . Jene Seppinella meine ich . . . die einst . . . Signor Arrigo . . . die . . .«

»Gnädiger Herr,« konnte der Junge bloß stammeln. Wie wenig kennst du mich, hätte er gerne beigefügt; wie gar nicht kennt ihr mich alle. Ich bin nicht falsch, bin wie Feuer so treu. Solange ich bin, brenne ich. Und so ist Peppina. Wir brennen zusammen, unser Leben ist nichts als Feuer. Etwas anderes kennen wir nicht . . . Aber probiert nicht zu löschen! Lasset uns brennen!

Indem er in den Gang hinauslief und nichts als Schneegipfel, Erzherzoge, Tannen, Altarkerzen, Brautkränze, küssende Lippen und hohe Patente wild um einen Eremitenbart tanzen sah, sang und klang ihm doch sehr deutlich durch allen Rausch das Ihr, Ihr Signore Arrigo nach. Ihr! Er war also ein Mann!

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