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Berthold Auerbach: Spinoza - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobio
authorBerthold Auerbach
titleSpinoza
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1871
firstpub1836
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070630
projectid9897ff64
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8. Der Kabbalist

Es war in der Abenddämmerung, Baruch und Miriam saßen nebeneinander, die alte Chaje erzählte eine wundersame Geschichte. »Wißt ihr auch schon, unsere Schabbesmagd, die alte Elsje, hat heute nacht einen greulichen Tod genommen? Mir wird's grün und gelb vor den Augen, wenn ich daran denke, was die uns hätt' antun können, und ich bin stundenlang draußen am Herd bei ihr gesessen. Vor Zeiten, ja, da hat man weit mehr Wunder gehört; meine Mutter hat mir oft erzählt, es hat in Warschau in der Synagoge einmal gebrannt und das Feuer hat schon zu den Fenstern herausgeschlagen, aber der Rabbiner, der war ein großer Baal-Schem, der hat ein Pergament, worauf er verborgene Namen geschrieben hatte, hineingeworfen und die Flamme war aus, wie man ein Licht ausbläst. Nun Gott sei Dank, daß auch in unseren Tagen noch fromme Männer aufstehen, die die Schedim bändigen können.«

»Du erzählst wieder so, daß kein Mensch weiß, was du willst,« sagte Miriam, und Chaje erwiderte: »Ich hab' die ganze Geschichte in der Metzge von der schwarzen Gudul gehört, ihre Schwester ist ja bei dem frommen Rabbi Isaak Aboab in Dienst. Des Rabbi Aboabs Sara, was war das ein liebes Kind! Ich hab' immer Angst gehabt, sie möcht' einmal beschrieen werden; jetzt wird's bald ein Jahr, da bekommt sie plötzlich ein Gesicht, kohlschwarz, und statt daß man sonst lauter goldene Reden von ihr gehört, hat sie von da an stets geschrieen und Reden ausgestoßen, wie man sie, so lange die Welt steht, von keinem fünfzehnjährigen Mädchen gehört hat; dabei zuckte sie immer mit den Händen wie eins, das die Gicht hat. Es hat's jeder gesagt, die ist beschrieen worden und es ist ein Sched in sie gefahren. Da hat kein Doktor und kein Apotheker helfen können. Rabbi Isaak hat ganze Nächte hindurch gebetet und geweint, daß sich der Stein in der Wand hätt' erbarmen mögen. Seitdem ihm das Unglück widerfahren ist, hat er von einem Sabbat bis zum anderen gefastet, und nur jede Nacht hat er eine Suppe und ein paar Feigen gegessen. Gestern in der Abenddämmerung ist er in das Mikwe gegangen und hat sich neunmal untergetaucht, und als er heimgekommen ist, hat er sein Sargniß (Sterbehemd) angezogen, hat sich seinen Stuhl aus der Synagoge holen lassen und hat seine Tochter hineingesetzt, vier Mann haben sie herausgetragen und in den Stuhl hineinbinden müssen, so hat sich der Sched dagegen gewehrt. Als alle Leute fort waren, hat er an allen Türen und Fenstern im ganzen Haus den Psalm 130 angeheftet und hat jedem im Hause eingeschärft, daß heut die ganze Nacht kein Mensch ins Haus hereingelassen werden darf; mag einer bitten und betteln wie er will, es soll sich niemand unterstehen, eine Tür oder ein Fenster aufzumachen, wenn er nicht, Gott bewahre! gleich tot sein will. Darauf hat er lauter heilige Bücher rings um den Stuhl angehäuft so hoch als die Sara war, dann hat er ein blankes schattenloses Schlachtmesser genommen und hat die Sara neunmal damit bekreist; der Sara, die ganz laut geröchelt hat, legt er ein mit heiligen Zeichen beschriebenes Pergament auf die Herzgrube, und an die linke Seite des Stuhls hat er das Schlachtmesser gestellt. Als dies alles geschehen war, öffnete er die in der Ecke stehende heilige Lade, nahm die Thora in den linken Arm und öffnete mit der anderen Hand ein Fenster. Dann legte er schnell die Thora auf den Tisch, auf dem sechs schwarze Wachskerzen gebrannt haben, und wie er die Thora auseinanderrollte, beugte er sich darüber hin, warf sich auf die Kniee und rief den Namen Gottes und aller Engel an, daß es alle, die es gehört haben, am ganzen Körper eiskalt überlaufen hat. Dann hat er das Schophar genommen und damit geblasen wie am Neujahrstag, daß man gemeint hat, der Messias kommt. Kaum hat's zwölf Uhr geschlagen, da klopft's an die Tür, als ob hundert Mann Hellebardiere mit Kolben daran schlügen. ›Macht – macht auf, ich bitt' euch, macht auf – seid barmherzig, ich muß sterben – macht auf, ich bin's, die Elsje ist's – macht auf.‹ So ruft es draußen mit kläglicher Stimme und der Sched in der Sara fangt wieder an zu schreien, daß man es zehn Häuser weit hat hören können. Niemand hat's gewagt aufzumachen. Rabbi Aboab hat immerfort gebetet und geschrieen, Gott und alle Engel angerufen, daß ihm schier die Stimme ausgegangen ist. Endlich ist es draußen still geworden, auch die Sara war still, und als man nach ihr sieht, lauft ihr kohlschwarze Brühe wie Tinte aus dem rechten Ohr heraus und auf dem Schlachtmesser, das früher ganz rein war, war ein Blutstropfen mitten darin. Gott sei gelobt! sagt Rabbi Aboab, mein Kind ist gerettet. Man bringt die Sara zu Bett und heute morgen steht sie auf frisch und gesund und so schön wie noch nie: sie weiß gar nichts von allem, sondern meint, sie habe lang, lang geschlafen. Die Elsje ist gestern nacht um zwölf Uhr mit Schaum vor dem Mund nach Haus gekommen und wie sie die Klinke ihrer Stubentüre in die Hand nimmt, fällt sie tot nieder. – Ihr dürft mir alles glauben, die Schwester der schwarzen Gudul hat durch das Schlüsselloch dem Rabbi Aboab alles zugesehen. Gott ist groß, daß er auch noch solche Männer unter uns aufstehen läßt; aber sagt nur, Kinder, wer hätte das je geglaubt, daß die Elsje so eine verfluchte Hexe war? Wer weiß, wie viel Kinder sie umgebracht hat; und der Undank noch dazu: sie hätte ja verhungern müssen, wenn sie nicht ein paar Stüber bei den Juden als Schabbesmagd verdient hätte; wie manchen guten Bissen habe ich ihr zugeschanzt. Ich fürchte mich, wenn ich nur zwei Minuten allein in der Küche bin, ich mein' immer, die Elsje müsse als schwarze Katze das Kamin herunterkriechen, oder gar als Hex' mit feurigen Augen und Schlangen auf dem Kopf und einen Besenstiel in ihrer mageren Hand, brr! ich blieb' tot.« – Plötzlich tat es einen fürchterlichen Plumps oben an der Decke des Zimmers, so daß das ganze Haus erzitterte, Jammern und fernes Wehklagen ward vernommen; die Alte schrie: »Schema Israel!« Miriam faßte bebend die Hand ihres Bruders, alle waren still und horchten auf das ferne Wehklagen.

»Kommt, zündet ein Licht an,« sagte Baruch aufstehend, »wir müssen sehen, was das war.« Chaje steckte mit zitternder Hand ein Licht in die Laterne und Baruch mußte auf ihr dringendes Verlangen seine Thephillin in die Hand nehmen, damit kein Böser Gewalt über sie hätte. Miriam ging auch mit, denn sie fürchtete sich, in der Stube allein zu bleiben, und selbst Baruch konnte sich eines leisen Grauens nicht erwehren, als er die Treppe nach dem Speicher mit hinanstieg. Oben angekommen, sah man einen Kasten, der schon lange auf drei Füßen gewackelt, umgestürzt daliegen.

»Also das war's?« sagte Baruch lachend, da hinkte eine schwarze Katze hinter dem Kasten hervor und wischte rasch zum Dachfenster hinaus: »O, über unsere Sünden! die Elsje!« schrie die Chaje und ließ vor Schreck die Laterne fallen. Die drei standen im Finstern und machten sich schnell von dem Orte, wo es nicht geheuer war; Chaje und Miriam hielten sich an dem Rockzipfel Baruchs und so stolperten sie die Treppe hinab.

Baruch sah den geringfügigen Vorfall in seinem Hause für das an, was er war, aber die rätselhafte Geisterbannung Rabbi Aboabs befestigte in ihm den Vorsatz, alles aufzubieten, um in die Geheimlehre einzudringen. Die Kabbala, von der man immer nur erstaunt und mit leisen Worten sprach, enthielt vielleicht die Lösung aller Fragen und Zweifel; die Eingeweihten bildeten vielleicht eine Gemeinde von Wissenden.

Des anderen Mittags, es war am Donnerstag, ging er zu Rabbi Aboab. Es war ein Mann in den sogenannten besten Jahren, von hoher und umfangreicher Gestalt. Das viele Fasten hatte ihm wenig zugesetzt, denn er sah wohlgenährt aus; das runde Gesicht mit den vollen roten Wangen und dem schwarzen bis auf die Brust herabfallenden Barte war schön zu nennen und nur durch eine große Warze über dem linken Auge entstellt, die, wenn er redete, besonders aber, wenn er lachte, lustig hüpfte. Baruch wurde freundlich empfangen, doch als er seinen Wunsch vorbrachte, sagte der Rabbi rundweg: »Nein, das geht nicht; weißt du nicht, daß Rabbi Salomo ben Adereth bei Androhung des Banns verboten hat, jemand vor dem fünfundzwanzigsten Jahre in die Kabbala einzuführen?« Baruch bat dringend. »Weißt du auch,« fuhr jener fort, »daß, wenn du, Gott bewahre! nur die leiseste weltliche Absicht bei dem Studium der Kabbala hast, wenn nur je ein fremder Gedanke sich dabei in dir regt, dein eigenes Leben und das Leben all der Deinigen in namenloser Gefahr schwebt? Kannst du dir's getrauen, dich solchem auszusetzen? Willst du?«

»Ich will,« antwortete Baruch mit fester Stimme. Ohne ein Wort zu reden, erfaßte der Rabbi die linke Hand Baruchs und folgte mit geschärften Blicken den feinen Lineamenten derselben, dann rückte er ihm den Hut aus der Stirne und betrachtete eine Weile die Züge seines Gesichts. Nachdenklich durchschritt er hierauf mehrmals das Zimmer; Strenge und Milde, alles wendete er an, um Baruch von seinem Vorhaben abzubringen. Baruch war fast zu Tränen gerührt, aber wenn auch mit zitternder Stimme, wiederholte er doch seinen festen Vorsatz, ohne zu wanken. »Nun, es sei,« sagte der Rabbi endlich, »ich fürchte, du begibst dich allein in die Gefahr und kommst darin um; drum will ich dein Führer sein. Gott wird mich leiten auf dem Wege der Wahrheit. Komm heute nach dem Nachtgebete zu mir.«

Der Synagogendiener Elasar Merimon konnte seine Verwunderung nicht unterdrücken, als er den Jüngling mit dem Rabbi nach dem Mikwe kommen sah. »Schalom Alechem, Rabbi Baruch,« sagte er und grinste dabei neugierig. Der Rabbi befahl ihm, niemand etwas von der Anwesenheit Baruchs zu sagen und sich jetzt zu entfernen, da er heute seiner nicht bedürfe. Er nahm ihm Schlüssel und Laterne ab und öffnete das turmähnliche Gebäude. Der matte Schein der Laterne erhellte die schwärzlich kahlen Wände und die hölzernen Bänke rings an denselben nur spärlich; in der Mitte des runden Gemaches war ein brunnenartiges tiefes Loch, das war das Bad. Der Rabbi murmelte leise ein Gebet vor sich hin und entkleidete sich sorgfältig, indem er die Vorschriften, die das »Buch der Schamhaftigkeit« hierüber aufstellt, genau beobachtete. Er hatte sich noch nicht völlig entkleidet, als er die Laterne ergriff und mit schnellen Schritten die dreißig steinernen Stufen des Bades hinabsprang: »Aus der Enge ruf' ich zu Gott, er erhört mich in der Weite, Gott!« so rief er aus voller Kraft und seine Stimme dröhnte geisterhaft aus dem Brunnen. Baruch schauerte zusammen, da er hörte, wie hier in stiller Nacht aus den Tiefen der Erde eine Seele um Erlösung und Erhebung zu Gott flehte. Der Rabbi stellte die Laterne auf die unterste Stufe des Bades und stürzte sich plätschernd in das Wasser. Auf dieses Zeichen legte sich Baruch über die Brüstung des Brunnens, und neunmal, so oft der Rabbi sein Haupt aus dem Wasser emporreckte und sich wieder ganz untertauchte, rief er sein »koscher« (rein) hinab in das erleuchtete Gewölbe. Der Rabbi kam halb angekleidet und mit bedecktem Haupte wieder herauf; sein langer Bart triefte noch, die zusammengeballten Haare gaben dem sonst so freundlichen Gesichte ein wildes Aussehen. Er gab Baruch ein kleines Buch, worin ein Gebet stand; bei Todesgefahr durften die vielen Namen der Engel, die darin vorkamen, nicht mit Mund und Zunge ausgesprochen, sondern nur im Geiste gedacht werden. Baruch zitterte vor Angst, als er in die dunkle Grube hinabstieg, seine Kniee wankten, aber er faßte Mut und stürzte sich behende in das Wasser. Der Rabbi versah nun den gleichen Dienst, den Baruch bei ihm geübt hatte; auch er rief neunmal das Wort der Reinigung hinab in den Brunnen.

Ohne ein Wort zu reden verließen sie das Mikwe. Als sie auf die Straße kamen, die von der hellen Scheibe des Mondes erleuchtet war, blieb Rabbi Aboab plötzlich stehen, schüttelte wiederholt den Kopf und blickte stets nach dem langen Schatten, der ihm seine Bewegungen nachahmte. Dann sprach er mit himmelwärts gekehrtem Blicke den sonst nur beim Erwachen üblichen Spruch: »Ich danke dir, lebendiger und ewiger König, daß du durch deine wahrhafte und große Gnade mir meine Seele wiedergegeben.« Baruch wagte es nicht, nach dem Grunde dieser Vorgänge zu fragen, und wahrscheinlich hätte ihm auch Rabbi Aboab noch nicht gesagt, daß die Kabbala lehrt: wer in der »Nacht des Zeichens« seinen vollen Schatten im Mondschein sieht, der stirbt in diesem Jahre nicht. Rabbi Isaak Loria hatte in dieser Nacht seinen kopflosen Schatten gesehen, und er starb den Tag vorher, ehe das Jahr um war.

Rabbi Aboab war sehr heiterer Laune als Baruch mit ihm zu Nacht speiste. Der Novize hütete sich, auch nur mit einem Blicke nach der schönen Sara zu sehen, aus welcher der böse Geist ausgetrieben war, und die nun, während sie die Speisen auftrug, mit schüchternen Blicken auf den blassen Jüngling schaute, dessen Ruhm in der ganzen Gemeinde so groß war.

Rabbi Aboab tafelte sehr lange, und erst spät in der Nacht ging er mit Baruch in sein Studierzimmer, nahm die Thora aus der heiligen Lade und rollte die Stelle auf, wo die Zehn Gebote standen. Baruch mußte die rechte Hand darauf legen und also sprechen: »Ich rufe dich an, Gott, Allmächtiger, Verborgener, der du die Geheimnisse deines Wesens gegeben hast an Adam, Henoch, Abraham und Moses, die sie überlieferten bis auf heute. Laß über mich kommen deinen heiligen Geist und leite mich, daß ich nicht strauchle auf dem Wege, den ich wandeln will; und wenn ich je frevelte und sündigte gegen deine Geheimnisse, so mögen mich überfallen alle die Schrecken, daß ich erbebe vor meinem eigenen Schatten, meine Zunge möge verdorren, meine Eingeweide vertrocknen, mein Augenlicht erlöschen, mein Atem sei Gift, daß er töte alle meine Lieben, denen ich mich nahe, Gras wachse vor der Tür meines väterlichen Hauses, weil sie niemand mehr betritt, und wie ich verloren bin hier, so mögen über mich kommen alle Qualen des Gehinom dort in der Unendlichkeit. Drum, o Herr! leite mich, daß ich ruhe unter dem Schatten deiner Flügel und mich werde an dem Glanze deiner Herrlichkeit. Amen! Amen!«

Ein Schauer durchströmte sein ganzes Wesen, seine Lippen erbleichten, als er diese Worte gesprochen hatte, und noch während er sie sprach, hatte eine Stimme im Innern ihm zugerufen: »Wehe! du hast gefrevelt, da du es wagtest, hier einzudringen; kehr' um.« Es gab hier aber keine Umkehr mehr, das Furchtbarste war geschehen, und der Rabbi war von diesem Tage an zutraulicher gegen seinen Schüler. – Sie setzten sich an den Tisch und nun begann die Lehre; der mystische Grund, warum die heilige Schrift mit dem Buchstaben Beth beginne, ward enthüllt; jeder Buchstabe und jeder Punkt, jede Stellung und jede Versetzung derselben enthielt eine tiefe Bedeutung. Als Beweis, daß eine Geheimlehre in den Worten der Bibel liegen müsse, wurde angeführt, daß die heilige Schrift ja viele unwesentliche Dinge erzähle, wie z. B. 1. B. M. 19, 11, daß Rahel von Jakob geküßt worden sei, wie (4. B. M. 7) die namentliche Aufzählung der gleichen Beisteuer, die die zwölf Stammfürsten zum Bau der Stiftshütte gegeben und dergleichen mehr. Alles dies hatte eine geheime Deutung.

Man hatte sich in diese Erörterung vertieft, als der Vielklang des Glockenspiels von der Zuyderkerk die anbrechende Mitternachtsstunde verkündete. Der Rabbi stand auf, zog seine Schuhe aus, streute sich Asche auf das Haupt und setzte sich an dem Türpfosten (dort, wo in einer kleinen Nische ein Pergament mit dem Schema steht) auf den Boden; er verhüllte sein Angesicht und unter Tränen sprach er das alphabetische Sündenbekenntnis, mit wehklagender Stimme sang er den Psalm 137: »An den Bächen Babylons, dort saßen wir und weinten, da wir Zions gedachten. – Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, so möge meine rechte Hand mein vergessen. Meine Zunge klebe mir am Gaumen, so ich nicht dein gedenke, so ich nicht Jerusalem auf das Haupt meiner Freude setze.« Die Klagelieder Jeremiä sprach er in derselben Lage; hierauf richtete er sich empor mit den Worten: »Erhebe dich aus dem Staube, auf! Gefangene Jerusalem, schüttle von dir die Fesseln deines Halses, gefangene Tochter Zions (Jes. 52, 2). Auf deine Mauern, o Jerusalem, stell' ich Wächter den ganzen Tag und die ganze Nacht, nie sollen sie rasten, die des Herrn gedenken; ihr sollt nicht still sein. Ihr sollt ihm nicht Stille lassen, bis er gründet und bis er setzet Jerusalem zum Ruhme der Erden« (Jes. 62, 6).

Baruch tat dem Rabbi alles nach, nur kannte er noch nicht die geheime Bedeutung, die jedes dieser Worte, jede Betonung und jede Miene hatte. Lehrer und Schüler setzten sich wieder an den Tisch, zogen die Schuhe an und studierten bis zum anderen Morgen, da es Zeit war in die Synagoge zu gehen. So pflegten sie jeden Donnerstag die Nacht zu durchwachen. –

Baruch durchforschte das Buch »Geheimnisse Gottes«, dessen Verfasser Adam, und das »Buch der Schöpfung«, dessen Verfasser der Erzvater Abraham sein soll. Nicht nur seine ganze Seele, auch seinen ganzen Körper erregte er bei diesem Studium; unaufhörlich schaukelte und bäumte er sich, denn die Kabbala lehrt: wie es überhaupt nichts in der höhern Welt gibt, dessen Abbild nicht im Mikrokosmos ist, so entspricht den 248 Geboten der jüdischen Religion eine gleiche Anzahl von Gliedern im menschlichen Körper, und alle diese müssen geweiht und tätig sein bei dem heiligen Studium. Baruch kannte die Namen und Tätigkeiten aller Engel und wußte die Formeln, welche sie dem Menschen dienstbar machen; aber alles dies sowie die Lösung der chemischen und magischen Probleme hatte weniger Interesse für ihn. Das »Verborgene alles Verborgenen« war es, über das er unaufhörlich nachsann, und hier lehrt die Kabbala, daß alles physische und geistige Leben nur ein Abbild des Urbildes im Himmel sei und eine Kette von Wesen und Tätigkeiten bis zu Gott hinaufreiche. Das ist die Himmelsleiter, die Gott dem Erzvater Jakob (1, B. M. 28, 12) im Traume zeigte; daran die Kräfte der geschaffenen Welt als Engel, je nach ihrer geistigen Befreiung oder materiellen Beschwerung auf und nieder steigen; die Stufenleiter aller Wesenheiten steht auf der Erde und reicht bis in den Himmel, dort ist das himmlische Jerusalem, dort der Tempel, dem der auf der Erde nachgebildet, dort alles im Geiste, was hier auf Erden an die Materie gebunden ist. Aus dem hebräischen Wort Ruagh (Seele) wird durch Zahlen, die die Buchstaben angeben, bewiesen, daß dieselben ebensoviel wie die verschiedenen hebräischen Worte für Gott bedeuten, die Seele also ein Teil Gottes sei. Das hebräische Wort für Messias hat gleich viel an Zahlengehalt wie das hebräische Wort für Schlange, in deren Gestalt der Satan Eva verleitet hat; der Messias wird demnach der Schlange den Kopf zertreten, Sünde und Tod von der Erde vertilgen. Dem Adam auf Erden entspricht ein dreifacher Adam im Himmel; das wird aus den dreifach veränderten Ausdrücken bei der Schöpfung des Urvaters (1. B. M. 1, 27) abgeleitet, das Urbild des irdischen Adam ist der Adam Cadmon im Himmel, das Ebenbild Gottes und dessen erstgeborener Sohn. Es gibt vier Welten, die je nach ihrer näheren oder entfernteren Emanation aus Gott geistiger oder materieller sind. Zweck der Weltschöpfung ist aber das Gesetz, nur um der Offenbarung willen ist die Welt geschaffen; denn nach eigentümlicher Wortabteilung heißt es (Jerem. 33, 25): »So spricht Gott: wäre mein Bund nicht, Tag und Nacht und die Gesetze des Himmels und der Erde hätte ich nicht festgestellt.«

Was ist aller Siegesruhm, was alle Macht der herrschenden Völker gegen solchen unmittelbaren Geistesverkehr?

Rabbi Aboab benutzte das von ihm aus dem Spanischen ins Hebräische übersetzte Buch Eriras als Leitfaden zur mündlichen Lehre, die nach Wort und Begriff der Kabbala immerdar ungeschrieben bleiben und sich nur von Geist zu Geist vererben sollte.

Hier endlich boten sich Baruch höhere Handhaben, an denen er sich aufschwingen konnte. Er bestrebte sich stets den innern Kern von den possierlichen und abenteuerlich gestalteten Äußerlichkeiten zu trennen; aber mit Schmerz mußte er finden, daß gerade diese den Hauptteil bildeten, ja daß jene allgemeinen Ideen selbst, wo es gilt herabzusteigen in die wirkliche Welt und die Rätsel der Völker- und Menschengeschicke zu lösen, nicht mehr ausreichen, und man zu den abenteuerlichen Annahmen von Seelenwanderung und Dämonenherrschaft greifen muß, wodurch die Natur und ihre Gesetze sich in Unvernunft und Anarchie auflösen. – Der Rabbi hatte seine Freude an dem eifrigen Schüler, nur bemerkte er ihm oft, daß, wenn man in die wahren Tiefen der praktischen Kabbala eindringen wolle, man alle sinnlichen Gelüste, die eine Schöpfung des Satans seien, von sich abtun müsse. »Am sechsten Schöpfungstage,« setzte er hinzu, »ist das Weib und mit ihr alle sinnlich böse Neigung erschaffen worden; darum lehren die Rabbinen, daß man im Alter von dreimal sechs Jahren heiraten soll. Ihr habt jetzt gerade dieses Alter erreicht.« Es unterliegt keinem Zweifel, die Absichten und das Streben des Rabbi waren über alles Irdische erhaben; dies mochte ihn gleichwohl nicht verhindern, an eine Verbindung Baruchs mit seiner Sara zu denken. Der junge Kabbalist merkte aber nichts, selbst da nicht, als ihn der Rabbi einst absichtlich mit der schönen Sara allein ließ.

Der Rabbi belehrte einst seinen Schüler, daß auch Jesus von Nazareth in der Sekte der Essäer in die Kabbala eingeweiht worden sei. Der Rabbi ahnte nicht, was er damit veranlaßte.

Schon oft war Baruch in der Bibliothek seines Lehrers Nigritius von einem Buche in schwarzem Einband fast unwiderstehlich angezogen worden, aber eine innere Scheu hielt ihn zurück. Und jetzt stieg wieder in ihm die Frage auf: warum soll mitten im freien Felde der Erkenntnis ein Baum voll prangender füßnährender Früchte stehen, den gerade du nicht berühren darfst? Wer hat ein Recht, wenn doch die verbotene Frucht nicht todbringend ist, zu sagen: du darfst sie in dich aufnehmen, und du nicht? Verborgen vor jedem fremden Augeimagte es Baruch das Buch aufzuschlagen.

Er las das Neue Testament.

Noch zitterten seine Hände, als sie das Buch hielten. Das war die Macht der Gewohnheit, der ein solches Beginnen als Abfall erschien. Und doch ließ er nicht davon ab. Eine stille Macht erhob sich in ihm. Er fand keinen neuen Aufschluß über die Kabbala, aber anderes, Unerwartetes. Eine neue Bibel las er jetzt, und nicht wie ein Kind dem Fingerzeige eines Lehrers folgend, sondern zum ersten Male und sogleich mit freiem Auge und unbefangenen, selbständigen Geistes. Das wirkte zunächst auf die Auffassung der ihm bisher allein Heiligen Schrift zurück. Muß nicht auch diese als Gegenstand freier Betrachtung angesehen werden? Ist es nicht möglich, auch das Gewohnte, mit bestimmten Deutungen Aufgenommene wieder neu und in seinem einfachen Inhalte zu erfassen?

Über die Wunder ging er leicht hinweg. Auch die Gleichnisreden mit ihren vielfachen talmudischen Anlehnungen drangen nicht tief ein. Er hatte auf dem rabbinischen Gebiete zu oft erfahren, wie gern innere Halbheit, die nichts als Unfertigkeit des Gedankens, und äußere Halbheit, die nichts als Mutlosigkeit ist, sich solcher Verhüllungen bedient. Und heißt es nicht, daß Christus selbst seinen Jüngern allein die Wahrheit unverhüllt gegeben? Ist es nicht möglich, den Menschen den reinen Gedanken zu lehren? Ist die Kindwerdung als Rückkehr zu dem unmittelbar eingeborenen Naturwalten einziges Heilmittel für eine durch äußere Dogmen verwirrte, pharisäisch verdorbene Zeit? Muß nicht auch die Mannwerdung als Entfaltung und Zeitigung des auf erkannten Naturgesetzen beruhenden Denkens Heilmittel werden? Bietet jene allein einen festen Halt, weil sich in ihr die Anordnung der Natur unvermittelt darstellt? Muß die natürliche Ordnung sich nicht auch durch die Erkenntnis aufbauen lassen?

Ist das Kindwerden der Willenskraft nicht oft unmöglich, die männliche Denkentwicklung aber eine notwendig und selbständig zu erreichende Aufgabe? Muß nicht der talmudische Satz seine Geltung haben: Alles wird von Gott gegeben, nur nicht die Gottesfurcht? Ist Gerechtigkeit, die sich durch freies Denken erringen läßt, nicht fester und höher als Liebe? Welches ist der reine, unverhüllte Gedanke, den »Christus ohne Gleichnis seinen Jüngern insonderheit gelehrt« (Markus 4, 34) und der nicht ausdrücklich in den Evangelien dargelegt wird? ...

Es läßt sich nicht bestimmen, wie viel von anerzogenem Widerspruchsgeiste sich in diesen Fragen bei dem jungen Denker regte. Er suchte sich davon frei zu machen, und hocherhaben stand ihm als neue Offenbarung, daß nirgends gesagt ist: Gott sei Christo erschienen und habe mit ihm durch eine Stimme, durch Zeichen und dergleichen geredet, wie im Alten Testament; sondern er habe sich unmittelbar in Christo den Aposteln offenbart. Es war keine Offenbarung von Angesicht zu Angesicht, wie bei Moses, nicht von einem außerhalb stehenden Wesen, sondern von innen heraus.

Baruch kannte die Dogmen nur dürftig, die man in den Kirchen an die hier gegebenen Lebensereignisse und Weisheitslehren anknüpfte. Als das Höchste, was Christus von sich gesagt hat, steht da: daß er ein Tempel Gottes sei, und Johannes sagt, um dies eindringlicher auszudrücken: das Wort ward Fleisch; denn in Christo unmittelbar hat sich Gott am meisten offenbart.

Baruch fühlte sich wundersam, ja gewissermaßen verwandtschaftlich angezogen vom Leben und der Lehre des Gekreuzigten. Gerade weil er aus einem Lebenskreise kam, der nichts davon kennen wollte und fort und fort von den Bekennern Christi gemartert wurde, gerade weil er nicht befangen war von irgend einer Kirchensatzung, strebte er um so freier nach der lautern Gerechtigkeit und er lernte sie üben, einer durch viele Jahrhunderte und weite Länder sich ausbreitenden Erscheinung gegenüber, deren äußere Gestaltung ihm selbst fremd bleiben sollte.

Wie viel scheinbar sich ausschließende und einander auflösende Elemente fördern das jugendliche Wachstum! Und wie der Frühlingswind den jungen Baum hin- und herzerrt, senkt er seine Wurzeln tiefer in das nährende Erdreich und erweckt ihn zu frischer Triebkraft. Und wie in der äußern Natur, dringt auch vieles in die Seele ein, was nicht alsbald im Wachstum als äußerlich erkennbare Erscheinung heraustritt; es harrt seiner Zeit, die es entwickelt und reift.

Aus der Bibliothek des Magisters hinweg mußte sich Baruch wieder in das Studium der Kabbala vertiefen, und er tat das mit offenbarer Begierde. Die geheimnisvollen Verhüllungen lockten ihn immer wieder, daß er hier eine Lösung der Rätsel finde, die ihn beunruhigten; aber das Unbegriffene wurde hier nur durch neue Unbegreiflichkeiten ersetzt. Manchmal tauchte ein Wegweiser wie ein Irrlicht in der Dunkelheit auf, versank aber auch bald wieder ohne Spur und ohne Zusammenhang.

Baruch sehnte sich danach, von dem Joche befreit zu werden, das er sich durch pflichtmäßigen Besuch bei dem Rabbi auferlegt hatte. Es geschah ohne sein Zutun.

Als eine jüdische Kolonie nach Nordbrasilien abging, schloß sich Rabbi Isaak Aboab ihr an.

Auf dem Meere, so wird berichtet, sammelten sich Delphine und Seeungeheuer um das Schiff, in welchem Rabbi Aboab war. Alles war in Todesangst, nur Rabbi Aboab blieb ruhig. »Seht, in diese sind die Seelen der Gottlosen gefahren. Seid ruhig!« rief er mit mächtiger Stimme hinaus in die Fluten, »geduldet euch, noch müßt ihr harren, denn noch ist die Zeit nicht gekommen, wo ich euch erlösen kann.« Er warf ein Pergament hinab in das Wasser, und alsbald verschwanden die Ungetüme.

Die schöne Sara hatte dieses große Wunder ihres Vaters, das die Sage weithin verbreitete, nicht mehr erlebt. Sie hatte viel Tränen vergossen, als sie von Baruch Abschied nahm; sie liebte ihn still und heiß. Sie starb auf der Überfahrt. Als die Auswanderer in Nordbrasilien an das Land stiegen, war ihr erstes, in dem neu gewonnenen Erdreich ein Grab zu graben, in das sie den jungfräulichen Leib der Tochter des Kabbalisten versenkten. Bei ihrem Begräbnisse wurde nach geheimnisvoller kabbalistischer Anordnung das Schophar geblasen, wohl als Vorzeichen der einst bei der Auferstehung der Toten erschallenden Posaunen. In dem Lande, das noch nie der Fuß eines Juden betreten, ertönte alsbald der Posaunenton aus Kanaan, der zurück zu alten Zeiten und hinaus ans Ende alles Erdenlebens rief....

Wenige Tage, nachdem Rabbi Aboab ausgewandert war, ging Baruch um die gewohnte Stunde nach dem Hause des Magisters Nigritius. Frau Gertrui Ufmsand, die Hauswirtin, trat ihm entgegen mit der Kunde, daß der Magister heute morgen in seinem Lehnstuhle tot gefunden worden sei, seine Lampe hatte noch gebrannt.

Baruch ging hinauf und schaute noch einmal in das erstarrte Antlitz des Lehrers, eine kindliche Milde war in den Zügen des Verstorbenen festgebannt, sein Lieblingsbuch Cicero de finibus bonorum et malorum lag vor ihm aufgeschlagen.

So waren nun dem Jüngling auf einmal die Führer entrissen, die ihn leiten sollten zum Empfange der Schätze, die die Menschen vor ihm errungen hatten. Wie viel Tausende erben ohne Mühe und auf geebnetem Wege die geistigen Erträgnisse der Vorzeit und sind glücklich in deren Besitze, und immer aufs neue mußte Baruch danach trachten und konnte sich des Erworbenen doch nicht vollauf freuen.

In jugendlicher Selbstanklage deuchte ihn der Verlust der Führer gerechte Strafe für die Sünde, weil er im stillen widerspenstig gegen ihre gepriesenen Ergebnisse war. Konnte er aber anders?

Hatte ihn das Schicksal berufen, gleichsam ein erster Mensch zu sein, unbelastet von den Errungenschaften der Vorfahren, unbeirrt von ihren Fingerzeigen, aus der Tiefe des eigenen Lebens, aus der Erkenntnis der Menschennatur und ihrer Gesetze das Heil zu schöpfen? Muß jeder, dem eine Offenbarung des Ewigen werden soll, sich zurückziehen aus der verwirrenden Menschengemeinschaft in die lebensberaubte Wüste, in die Einsamkeit, wo er allein auf Erden ist, wo nur die Pulsschläge seines Herzens ihm die Zeit messen?

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