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Berthold Auerbach: Spinoza - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobio
authorBerthold Auerbach
titleSpinoza
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1871
firstpub1836
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070630
projectid9897ff64
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7. Der Friedenstraktat

Der rechtschaffene Mynheer Dodimus de Vries trug das Datum vom 24. Oktober 1648 mit gewissenhafter Frakturschrift in sein Hauptbuch ein und schrieb darunter, wie viel Wolle, Safran und Ingwer heute angekommen, und wie viel Käse, Zucker und Tee er heute abgesendet. Der Tee Nachmittags war köstlich und Mynheer de Vries sagte seiner Frau Eheliebsten, daß er von dieser Sorte noch 7 ½ Zentner auf dem Lager habe, die jeden Tag mehr wert werden, denn der berühmte Dr. Beverocius habe eine Schrift geschrieben, worin er deutlich zeige, daß der Tee ein Heilmittel gegen alle Krankheiten sei und die Ostindische Kompanie lasse diese Schrift auf ihre Kosten drucken und verbreiten. Hierauf schlief er sanft ein und lächelte im Traum wie ein Kind, und doch ahnte er nichts von der zarten Überraschung, die ihm Mevrouw de Vries bereitete: aus Tulpenzwiebeln von der herrlichsten Sorte und der verschiedensten Größe und Gattung, die sie aus ihrem Garten eingeheimst hatte, baute sie eine Pyramide auf dem Schreibpulte, dem Schlafenden gerade gegenüber, und als der Glückliche erwachte, traf sein erster Blick das sinnreiche Gebäude. Er drückte seine dicke Ehehälfte an sein hocherfreutes Herz und ging heiter und wohlgemut in das Kontor. Es war ein glücklicher Tag, ein Tag wie alle anderen, nur mit der Extrafreude der Tulpenzwiebelpyramide. Was konnte die Welt noch Ungewöhnliches bringen?

Drei prächtig gekleidete Herolde jagten in raschem Trab und mit schmetternden Trompeten durch die Straßen Amsterdams unaufhaltsam dem Rathause zu. Der Hammer ruhte plötzlich in der Schmiede, das Weberschiffchen hing am Webstuhl, der Handelsbeflissene spritzte seine Feder aus, der Wechsler rückte sich die Brille auf der Nase zurecht, verschloß seine schwarze Kiste schnell und zog noch zweimal am Hängschlosse, um gewiß zu sein, daß es auch recht schließe; unser Mynheer de Vries legte bedächtiglich das Löschpapier auf das soeben beschriebene Blatt, schlug das Hauptbuch zu und verschloß es in das Pult; dann brachte ihm Mevrouw Perücke und Stock.

»Mein Täubchen, hast du mir's nicht angesehen? Mir hat's den ganzen Tag geahnt, daß etwas Wichtiges in der Welt vorgehen muß,« so sprach Mynheer de Vries und er nahm seinen Sohn Simon an die Hand und ging nach dem Rathause, um zu erfahren, was ihm geahnt hatte.

Nicht so ruhig ging es in den Häusern der Ratsmänner her, da mußte alles Hände und Füße in Bewegung setzen, um den Ratsherrnornat herbeizuholen und die stattliche Person des Hausherrn damit zu bekleiden; nichts wollte in der Eile recht passen und der gestrenge Ratsherr schalt über die Unordnung der Hausfrau und suchte noch auf dem Wege alles so gut als möglich seiner Würde gemäß zurecht zu legen. Er bedurfte seines ganzen Ansehens, um durch die Menge, die sich dort versammelt hatte, den Weg nach dem Eingange des Rathauses zu finden. Handwerker, die Schürze noch umgebunden und die nervigen nackten Arme übereinandergeschlagen, Kontoristen, die Feder hinterm Ohr und Tinte an den Fingern, Lastträger, die ihre Last neben sich gelegt und sich darauf gesetzt hatten, Soldaten, Müßiggänger, Weiber und Kinder, alles stand bunt durcheinander und teilte seine Mutmaßungen über die Ankömmlinge mit. Ein vornehmer Pflastertreter lobte den leichten Trab der Pferde und die seine Arbeit an den Wämsern der Herolde: die säßen wie angegossen und seien gewiß in Madrid oder Paris gemacht, hier zu Lande sei die Kultur noch weit zurück, kein Amsterdamer Schneider verstünde einem Wams solch einen genialen Schnitt zu geben. Ein Höckerweib bewunderte mit ihrer Nachbarin an den Herolden die reiche Goldstickerei und die Breite und Farbenpracht der Bänder, und ein Kaufmannslehrling bemerkte seinem Kameraden, das seien solche Utrechter Bänder, wovon sie viel auf dem Lager hätten und die sie mit fünfundzwanzig Prozent Nutzen zu vierundeinhalb Stüber die Elle verkaufen. An der rechten Ecke des Rathauses hatte sich eine lange hagere Gestalt aufgepflanzt, die Beine nachlässig übereinandergeschlagen, ein Liedchen vor sich hinpfeifend.

»Gut daß du da bist, Flyns,« riefen mehrere Lastträger, »du kannst uns gewiß Auskunft darüber geben, was die goldenen Vögel, die da hereingeflogen sind, im Schnabel stecken haben; du hast doch heut schon mehr als zehn Ratsherrnköpfen das Kinn geputzt, du mußt wissen, was in den vereinigten Staaten vorgeht. Haben wir wieder eine Silberflotte gerapft, oder gibt's sonst was? Ei der Teufel, du machst ja ein Gesicht wie ein Mynheer draußen am Hafen, wenn er hört, daß ihm ein Schiff versoffen ist.« So riefen alle durcheinander, und der Bartkünstler wollte sich aufmachen, um mit stolzer Miene ihrer Zudringlichkeit zu entgehen.

»Holla, halt, so geht's nicht,« riefen alle; »gelt, draußen in der Feuerkugel beim vollen Glas Genever, da weißt du immer alles so gut und noch besser als der Großpensionarius selber, da kannst du uns gut alles vorschwatzen; jetzt, Bruder, jetzt zeig's, wenn du was weißt, und wer dann noch einmal sagt: du lügst, dem wollen wir sein Fell gerben, daß ihm Hören und Sehen vergehen soll.« Ihre geballten Fäuste zeigten, daß sie wirklich gesonnen waren, ihren Worten Kraft zu geben. Flyns aber antwortete noch immer nicht und suchte aus der ihm öffentlich nicht genehmen Umgebung herauszukommen.

»Laßt ihn gehen,« sagte einer, »der Bartkratzer hat uns alle immer über den Löffel barbiert; warum war' er denn da, wenn er etwas mehr wüßt' als wir? Er muß eben auch warten, bis uns von da droben herunter was zugeworfen wird.«

»Ha, ha!« lachten alle, »gelt, du weißt auch nichts, du mußt auch warten!«

»Ich warte nur,« sagte Flyns, »um mich daran zu gaudieren, wie ihr mit Wind in den Ohren abziehen könnt; ihr Heringsseelen meint, man wird euch brühwarm die Neuigkeiten um eure Schandmäuler streichen? Ja, prosit die Mahlzeit, das sind keine Sachen für euch Strohlümmel; geht, wenn ich nicht meinen eigenen Wert kennte, müßt' ich mich selbst verachten, daß ich mich mit euch so gemein gemacht hab'; das kommt dabei raus, wenn man zu gut ist und das Ansehen seines Standes nicht immer vor Augen hat; ihr habt mich gesehen.«

»Nein, nein, so war's nicht gemeint, du darfst nicht bös von uns gehen,« riefen alle, »und wenn der kleine Rattenfänger da noch ein Wort gegen dich sagt, so wollen wir ihm seine Schnauze verklopfen, daß sie aufschwillt wie ein Wollsack, dem man den Reif abnimmt. Sei jetzt nicht bös und erzähl uns, du weißt's gewiß.«

Der Gefeierte nahm wieder seine frühere vornehm nachlässige Stellung ein und begann: »Wißt ihr noch, was ich gesagt hab', als wir gestern abend beim Nachhausegehen weit gegen Osten feurige Kriegsscharen am Himmel fechten sahen? Nun werdet ihr bald sehen, was darauf erfolgt. Mir ist die Sache nicht aus dem Sinn gekommen. Wie ich heut früh zu dem reichen van Kampen, der bei der Oude Kerke wohnt, komme, um ihn zu bedienen, macht der ein Gesicht wie die Katz wenn's donnert; der ist immer zäh und ist nichts von ihm herauszukriegen, ich leg' aber mein' Sach' fein an und erfahre von ihm, ohne daß er's weiß, daß der Krieg jetzt erst recht angeht. Mit dem Spanier, mit dem sind wir längst fertig, der kann nicht mehr mucksen; aber Brüder! Ihr werdet die Augen aufreißen vor Staunen, man wird mit Menschenköpfen ein ganzes Land pflastern können. Der Türk, hab' ich's nicht schon lang gesagt, der ruht nicht, der möcht' Österreich gern eine Schlappe beibringen? Aber seht einmal an, dort hat sich der pausbackige Seilerobermeister Reuwerz auf ein Faß gestellt und plappert den Maulaffen, die umher stehen, wieder was vor; es ist nicht mehr zum Aushalten mit dem Pack; seitdem der Seilergeselle Michel Ruyter ein tapferer Seeheld geworden, glaubt jeder, der aus Werg ein Tauseil zusammentroddeln kann, in ihm steck' auch so etwas von einem Admiral; jeder Lehrbursch, der am Haspel dreht, meint, die hundert Kriegsschiffe und die hundert Kauffahrteischiffe, die wir täglich können in See gehen lassen, verdanken wir ihm allein, und so ein Kerlchen, das noch nicht trocken hinter den Ohren ist, gackst auch schon von Freiheit und Recht. Aber es müßt' lein Gott im Himmel sein, wenn es nicht wieder einmal auch anders ginge, dann gelten Leute von Stand und Bildung wieder was; mein Vater war erster Kammerdiener –«

»Ei, wärmst du wieder die alte Geschichte auf? Die haben wir schon hundertmal gehört und haben dir immer gesagt, wir wollen nichts wissen von einer Herrschaft der Oranien; Statthalter mögen sie sein, da haben mir nichts dagegen, aber bei ihrer Herrschaft könnten wir verhungern, und jetzt haben wir vollauf zu essen, wenn wir nur die Hände nicht in den Schoß legen.« So sprach Maessen Blutzaufer, der das Wort für seine Kameraden führte, und ehe sich's der Bartkünstler versah, war er von seiner Zuhörerschaft verlassen.

»Hoch leben die vereinigten Staaten!« rief einer aus der Menge, und wie von einem elektrischen Schlage berührt, riefen alle Versammelten unaufhörlich: »Hoch leben die vereinigten Staaten!« daß von dem mächtigen Rufe die Scheiben an den Häusern klirrten. Als wieder Stille eingetreten war, drängte sich alles um den sprechenden Seilerobermeister.

»Brüder!« rief er, »Gehorsam ist die erste Pflicht des braven Bürgers, Gehorsam gegen das Gesetz und Achtung und Vertrauen gegen die Obrigkeit, die wir nicht mehr von fremden Tyrannen erhalten, sondern die wir aus unserer Mitte wählen. Ich habe viele von euch darüber murren hören, daß man freie Bürger der Republik hier unten warten läßt, während sie droben bei verschlossenen Türen die Staatsgeheimnisse, die uns alle, einen so gut wie den anderen angehen, für sich behalten. Ihr alle wißt, Brüder, ich liebe die Freiheit so gut als einer, ich würde meinem eigenen Sohn ohne Bedenken meinen besten Strick um den Hals hängen, wenn ich erführe, daß er ein Verräter an der Freiheit geworden ist oder werden will; ich hasse das Herrengeschmeiß, das besser sein möchte als wir, wie ich den Gottseibeiuns hasse. Drum dürft ihr mir's glauben, daß ich's ehrlich meine, wenn ich euch ermahne, ruhig zu sein. Es kann Fälle geben, wo die Väter der Republik es für besser erachten, die Nachrichten nicht gleich in alle Winde auszuposaunen. Gesteht selbst, können nicht auch Verräter unter uns sein?«

»Nieder mit den Verrätern! hoch lebe die Freiheit!« brauste der begeisterte Ruf der ganzen Menge auf.

»Drum, Brüder,« fuhr der Redner fort, »mag kommen was da will, Krieg oder Friede, zu Wasser oder zu Land, wir haben das Heft in Händen und wollen's uns nicht entwinden lassen, mir haben uns die Freiheit erkämpft, wir können sie auch schirmen.«

Der Ruf: »Hoch lebe Hooft! hoch leben die Generalstaaten!« unterbrach den Redner, denn oben auf dem Balkone des Rathauses erschien der alte Drost Hooft und mit ihm die Ratsherren, so viele der Balkon fassen konnte. Andächtige Stille herrschte, als der Drost gedankt hatte und darauf begann: »Brüder! Ein kleiner Zufall hat es verhindert, euch alsbald die Nachricht mitzuteilen, die eines jeden Herz mit Freude und Dank gegen Gott erfüllen muß. Gestern endlich ist den dreißigjährigen Kriegesschrecken und den siebenjährigen Friedensunterhandlungen ein Ziel gesetzt worden. Ehrenvolle und gedeihliche Punkte für die vereinigten Staaten sind in den Traktat, den alle Mächte Europas beschworen haben, aufgenommen worden. Vor allem hat Spanien mit der Bekräftigung von ganz Europa die vollkommene Unabhängigkeit unserer Republik anerkannt. Es ist das ein Ehrenpunkt und weiter nichts, denn mir haben nicht gewartet, bis man uns die Freiheit geschenkt hat, wir haben sie uns errungen mit Hilfe Gottes und unserer guten Sache. Unsere rechtmäßigen Eroberungen in Brabant, Flandern und dem Limburgischen, das Recht, die Scheide nach unserem Gutdünken zu schließen, und noch andere Vorteile sind uns verblieben. Freuet euch und danket Gott, denn er ist's, der die Menschen bestimmte, endlich das Schwert in der Scheide ruhen zu lassen, daß Friede sei zwischen Christ und Christ; betet zu ihm, daß er den Frieden erhalte. Liebet Gott, schirmet die Freiheit.«

»Hoch lebe die Freiheit!« ertönte unaufhörlich der Ruf der sich zerstreuenden Menge durch alle Straßen, bis er endlich durch das Geläute der Glocken, welche die Friedensbotschaft in alle Lüfte verkünden sollten, abgelöst und übertönt wurde.

Es war ein herrlicher, herzerhebender Anblick, das Leben eines Volkes zu betrachten, wie es nur aus dem Bewußtsein einer glücklich errungenen und froh empfundenen Freiheit emporsprossen konnte. Zwar vermochte manches Gemüt noch lange nicht sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß endlich Friede sei, wie der lange von einer Last Gedrückte noch immer ihre Schwere auf sich ruhen glaubt, auch wenn er längst davon befreit ist.

Die Frommgläubigen waren die ersten, die sich dem neuen Stand der Dinge mit Zuversicht Hingaben, denn sie hatten's ja deutlich gefunden in den Weissagungen Daniels und in der Offenbarung Johannis, daß dieses Jahr, dessen Zahlen geteilt und zusammengerechnet die heiligen Zwölf und Sieben ergeben, sein werde ein Jahr des Friedens und der Gottseligkeit, und sie gingen heim und riefen ihre Kinder und ihr Hausgesinde und sprachen: »Betet und tuet Buße, denn das tausendjährige Reich, das Reich des Herrn ist gekommen, und in Erfüllung gehen alle die Verheißungen, und einziehen wird der Herr in seiner Pracht.« Die aber nicht so gläubigen Sinnes waren, vertrauten auf die sieben Siegel und die Unterschriften der europäischen Mächte und waren damit zufrieden.

Als Mynheer de Vries nach Hause ging, sagte er zu seinem Sohne Simon: »Hast du recht achtgegeben? So etwas wirst du, will's Gott, in deinem Leben nicht mehr erfahren,« und ein Fernstehender hätte weder aus Miene noch aus Gang erraten, daß Mynheer de Vries seinem Sohne bei dieser Gelegenheit das höchste Gut der Bürgerfreiheit erklärte. Er tat das mit so bedachtsamer Ruhe und so ohne irgend eine äußere Erregung, daß sich darin jene unverwüstliche Ausdauer der Niederländer bekundete, die selbst wo die Leidenschaft waltet, doch auch den Nationalbegriff, das makkelyk (gemächlich), gern festhielt. Zu Hause sank Mynheer Dodimus freudetrunken an die Brust seiner Eheliebsten. »Siehst du, Täubchen,« sagte er, auf die Tulpenzwiebeln deutend, »die können in friedlichem Boden wachsen, und mein Tee ist um ein Drittel im Preis gestiegen, denn die Soldaten, die jetzt heimkehren, haben lange keinen Tee getrunken und werden sich nun gütlich daran tun.« Still und ruhig setzte er sich an den Tisch und suchte die außerordentliche Gemütsbewegung, die ihn heute überrascht hatte, dadurch auszugleichen, daß er am Abend ein halbes Glas über sein regelmäßiges Quantum trank, bei Tische kein Wort sprach und, noch ehe der Tee kam, sanft einschlief.

Es ist gut, daß das Haus des de Vries weit weg von der Schenke »zur Feuerkugel« ist. Das Schreien und Jubeln, das von dorther ertönte, hätte den Guten gewiß aus seinem Schlummer geweckt. Dort saß der ganze Troß von Lastträgern und tat sich gütlich beim Genever, Das liebliche »Het daghet uyt den Osten« hatten sie bis zum Ende gesungen, und Maessen Blutzaufer hatte soeben das »Wilhelmus van Nassawe« angestimmt, als er durch ein furchtbares Gebrülle unterbrochen wurde. »Holla! da kömmt Judas der Erzschelm, der falsche Prophet, steiniget ihn, kreuziget ihn, ersäuft ihn!« so riefen alle durcheinander, denn eben trat Flyns ein. »Jetzt gib Antwort, warum hast du uns heute morgen so angelogen?« rief einer. Flyns stand ruhig da und lächelte vornehm. Sein Vater war nicht umsonst erster Kammerdiener des Prinzen Moritz von Nassau gewesen, er hatte diplomatisches Geschick genug auf ihn vererbt. Er ließ die Zechbrüder austoben. »Seid ihr fertig?« fragte er dann ruhig. »Ihr versteht doch gar keinen Spaß, ihr wollt' euch nur auch einmal blau anlaufen lassen.«

»Aber das ist niederträchtig und hundsföttisch von dir,« rief der Kleine.

»Kusch dich, du Rattenfänger,« erwiderte Flyns: »bellst du noch ein einziges Mal, so zerreib' ich dir deine krummen Knochen zu Mehl und verkaufe sie als Rattengift.«

»Still, still, keine Händel, es muß überall Friede sein, reicht euch die Hände!« so riefen alle, und Flyns setzte sich zu seinen Freunden.

»So, jetzt da bleiben wir sitzen,« sagte Maessen Blutzaufer; »zehn Pferd' sollen mich nicht vom Platz bringen. Und wenn der Kaiser von Japan käme, angetan wie der drinnen im Ostindienhaus, und tat' sagen: Da trag mir das Goldkistchen zwei Häuser weit, du kriegst tausend Stüber von mir; ich tät' sagen: Kaiser! tu mir Bescheid, aber heut kann ich dir nicht dienen, setz dich her zu uns, wir sind auch Kaiser, grad so gut als du. Und wenn der Großpensionarius selber schickt, so darfst du heut nicht mehr vom Fleck, Flyns, es soll keinem Bart heut mehr was zuleid geschehen, auch die Barte sollen Friede haben.«

»Ihr freut euch jetzt alle mit dem Frieden,« sagte Flyns, »und wißt nicht einmal, was das Kind für einen Namen hat.«

»Nun, wie heißt es denn?«

»Der ewige Friede.«

»Vivat! Es lebe der ewige Friede!« so riefen alle und leerten dann ihre Gläser bis auf den Grund. Flyns prophezeite jetzt die Wiederkehr des lustigen Lebens von Jakob von Artevelde aus Gent und erzählte, wie der es in vergangenen Zeiten durch weise Anordnungen und Handelsverbindungen dahin gebracht hatte, daß man nur zwei Tage in der Woche zu arbeiten brauchte und die übrigen müßig in der Schenke sitzen konnte. Das war ein schmackhafter Köder, und jeder hatte seine eigenen Phantasien, wie er sich ihn herrichtete. Nur Maessen Blutzaufer wollte nichts davon wissen und behauptete: es sei weniger gottlos, gar keinen Sonntag zu haben, als fünf in der Woche.

Die lustige Gesellschaft zechte bis spät in die Nacht und taumelte dann unter Gesang und Jauchzen nach Haus.

Überall war Freude und Jubel, in Kirchen und Tavernen wie im traulichen Kreise der Familien, denn Friede war über der ganzen Christenheit, Friede in den Religionen, Friede im Himmel und auf Erden.

Nur auf dem Burgwall trauerte eine Seele um den entschwundenen Frieden, der ihr durch keinen Traktat irdischer Mächte mehr zugesichert werden konnte, denn der himmlische Bund, das Gesetz Mosis, lag vor ihr zerrissen. Dort im Bibliothekzimmer der Schule »Gesetzeskrone« saß Baruch Spinoza einsam, und vor ihm aufgeschlagen war Ebn Esras Kommentar über die fünf Bücher Moses, dessen Studium ihm sein Lehrer der Dunkelheit und Schwierigkeit wegen mißraten hatte. Zwei Stellen waren es, deren Enträtselung ihn lange beschäftigte. Bei der Geschichte vom »Haderwasser« (4. B. M. 20), das aus einem Felsen hervorbeschworen wurde, war angemerkt: »Die mir richtig scheinende Erklärung will ich hier nur andeuten. Wisse, daß wenn der Teil das All kennt, er dasselbe umfaßt und in ihm Wunder tun kann.« Die Schriftstelle 4. B. M. 18: »Ich kann nicht übergehen das Wort des Herrn« hatte er erklärt: »Das Geschöpf kann das Werk des Schöpfers oder sein Gesetz nicht ändern: das Mysterium ist: ein Teil kann den anderen Teil nicht ändern, sondern nur das Gesetz des Alls kann das des Teils ändern. Ich kann dieses Mysterium nicht weiter enthüllen, denn es ist tief: allerdings hat die Eselin gesprochen. Wenn du das Geheimnis von den Engeln Abrahams und Jakobs begriffen hast, wirst du auch hier die Wahrheit einsehen.« Die Stelle, wo es heißt: »wenn du verstehest das Geheimnis der zwölf ec.« verstand Baruch leichter. Ein verwandter Geist zog ihn hier an, er erkannte dessen Behutsamkeit und geflissentliche Verschleierung, und kühn und frei stellte sich ihm das Ergebnis, daß die selbständige Vernunft und der überlieferte Glaube nur durch beiderseitigen Zwang versöhnt werden können. Es war ihm klar dargetan, daß die heilige Schrift nicht nach ihrem ganzen Inhalte von gottbeseelten Männern geschrieben war, die Glorie war verschwunden, das Ganze war Menschenwerk – wie konnten sonst spätere profane Hände in die heiligen Schriftzüge Gottes hineinklecksen? Wer hat die Bibel verfaßt, wer sie überarbeitet? Darf man eine Antwort auf diese Frage heischen, und wer kann sie geben? Wer? – Baruch las die Kommentarstelle zu 1. B. M. 12, 6, die der kluge Spanier mit den Worten schließt: »Und wer hier das Mysterium eingesehen hat, der schweige,« »Ja, ich will schweigen,« sagte Baruch zu sich. Zu tiefem Nachdenken erregte ihn eine andere Darlegung Ebn Esras, daß es nur eine Substanz gebe und diese sei Gott, und Gott sei die erste Kategorie von den zehn Kategorien des Aristoteles, wie die Zahl eins die Wurzel aller Zahlen, und wunderbar war die Erklärung zu dem schwerverständlichen Verse Hiob 23, 13: »Er (Gott) ist im einen, wer kann ihm entgegnen?« Das Wörtchen »im«, erklärt Ebn Esra, scheint hier überflüssig, ist es aber in der Tat nicht; ich kann das nicht erklären, denn hierin liegt ein großes Geheimnis.

Was sollen diese rätselhaften Hinweise? Warum aber an einem Worte, an einer Partikel deuten und suchen, wenn diese nicht mehr ist, als oft mangelhafte und unklare Ausdrucksweise eines Menschen?

Baruch schlug schnell das Buch zu und blätterte in einem anderen, denn er hörte Tritte sich dem Bibliothekzimmer nahen.

Chisdai Astruk und Ephraim Cardoso traten ein. Chisdai reichte Baruch freundlich die stets feuchte, krebsrote Hand und schielte dabei in das Buch, um zu sehen, was er treibe. Chisdai hatte eine ziemlich lange Figur mit etwas gebückter Haltung; seine langen schwarzen Augenbrauen, deren Enden weit in die Stirne hineinliefen, zog er stets zusammen, so daß sich die Haare borstenartig emporsträubten; die nicht unschöne gewölbte Stirne war fast ganz von den unordentlich herabhängenden kohlschwarzen Haaren bedeckt, der Ausdruck der braunen Augen war wegen der zwei großen runden Brillengläser nicht erkennbar. Diese Brille hatte ihre besondere Bedeutung, denn die jüdischen, wie die christlichen Orthodoxen verpönten das Tragen derselben als unstatthafte Neuerungssucht. Welchen Grund die christlichen hiebei hatten, können wir nicht angeben; die jüdischen hatten wahrscheinlich keinen anderen als: weil Josua und Caleb keine Brillen getragen und doch alles genau gesehen hatten. Während sich nun Chisdai bei den Orthodoxen stets mit seiner Kurzsichtigkeit entschuldigte, war es ihm dennoch lieb, durch die Annahme dieser Neuerung von den Aufgeklärteren, deren Zahl in der Amsterdamer Gemeinde nicht gering war, als junger Mann von zeitgemäßer Bildung angesehen zu werden. In der Hitze des Gesprächs war er stets bemüht, dieses bedeutsame Instrument in seiner rechten Stelle zu erhalten, denn seine Nase schien in der Tat nicht für dieses okzidentalische Kunsterzeugnis geschaffen; es rückte immer bis zu dem Höcker herab, von wo sich die Nase bis zur Spitze schnabelförmig abbog. Der ziemlich breite Mund lächelte stets nur halb, denn Chisdai war immer eingedenk, daß die Talmudisten verordnen: kein frommer Jude dürfe aus voller Seele lachen, solange die heilige Stadt Jerusalem verwüstet liegt, damit erfüllt werde, was geschrieben steht (Pf. 126, 1. 2): »– Wenn der Herr die Gefangenen Zions zurückführt, dann erfüllt Lachen unseren Mund.« Einen sonderbaren Kontrast in dem durch beständige Grimassen verzerrten Gesichte Chisdais bildete das schöngeformte runde Kinn, dessen lange Haare sich zu färben begannen, denn Chisdai war vier Jahre älter als Baruch. Er ließ sich den Bart nie scheren. Außer an den gewöhnlichen Fasttagen fastete er noch jeden Montag und Donnerstag und tauchte sich jeden Freitag mittag neunmal in frischem Quellwasser unter, was jedoch die Unsauberkeit seiner Erscheinung nicht beeinträchtigte. Wo er ging oder stand, summte er unaufhörlich einen Abschnitt aus der Mischnah oder eine Synagogenmelodie vor sich hin, und wenn er saß, bewegte er seine übereinandergeschlagenen Beine wie in gichtischem Zucken. – Als Chisdai sich gesetzt hatte, sagte er zu Baruch: »Gerade recht, daß wir dich treffen, du sollst Schiedsrichter sein zwischen mir und Ephraim, aber versprich, daß du nicht wie sonst halbe Antworten geben und verschlossen sein willst; ich weiß auch gar nicht, was du dabei hast. Sind wir nicht Brüder?«

»Was verschließe ich denn?« fragte Baruch.

»Ich will das jetzt nicht ausmachen, sparen wir's auf ein andermal. Damit du ganz unparteiisch bist, will ich dir nicht sagen, wer von uns dieser oder jener Ansicht ist. Also frei heraus: glaubst du an das Dasein von Engeln?«

»Das ist wieder eine sonderbare Frage,« antwortete Baruch.

»Nun meinetwegen anders,« fuhr jener fort, »müssen wir an das Dasein von Engeln glauben?«

»Das ist dieselbe Frage; aber sind wir nicht Juden? Müssen wir nicht alles glauben, was hier steht in der Bibel und in der schönen Reihe von Büchern dort hinter den Drahtgittern?«

»Was steht denn aber in der Bibel von den Engeln?«

»Das weißt du so gut als ich,« antwortete Baruch.

»Was ist denn aber nach der Bibel das Wesen der Engel? Sind sie körperlich oder unkörperlich?«

»Da hast du eine Musterkarte von Ansichten,« antwortete Baruch, »und kannst nach Belieben auswählen: Abraham, Hagar und Loth, Isaak, Abimelech und Jakob sind Engel erschienen: der erste hat ihnen ein frischgeschlachtetes Kalb und frischen Kuchen vorgesetzt, mit Jakob hat einer die ganze Nacht hindurch einen Zweikampf gehabt und ihm zuletzt den rechten Schenkel verrenkt, und deshalb dürfen wir ja noch heutzutage das Hinterteil von einem geschlachteten Tiere nicht essen. Hast du da nicht Engel genug? Verlangst du noch körperlichere, geh weiter: Bileam ist ein Engel erschienen und die Eselin hat ihn zuerst gesehen, Josua erschien ein Engel mit gezücktem Schwerte, Simsons Mutter ist zweimal ein Engel erschienen, worauf sie das gottlose Riesenkind gebar. Samuel, David, überall erschienen Engel. Willst du einen ganzen Hofstaat von Engeln? Gleich im ersten Kapitel des Hesekiel ist große Parade. Ich hörte einmal den verstorbenen Akosta sagen, die Hofengel seien weit glücklicher gewesen als alle jetzigen Hofkavaliere, denn sie hätten in der Tat vier Flügel und vier Hände, und was noch das beste ist, auch vier Gesichter gehabt: ein Menschen-, ein Löwen-, ein Ochsen- und ein Adlergesicht, und wo sie hingingen, gingen sie geradeaus, wenn sie einem beliebigen Gesichte folgten. Willst du unkörperliche Engel? Es steht ja auch geschrieben (Ps. 104, 4): Er macht die Winde zu seinen Engeln.«

»Glaubst du auch nicht an böse Engel?« fragte Chisdai.

»Glaubst du, und wieder glaubst du! Was steht geschrieben, mußt du fragen, und so viel ich von unserer Bibel weiß, steht von einem Satan oder einem Teufel, wie ihn die Christen haben, nichts darin. Die Geschichte mit Hiob ist auch nach dem Talmud bloß Dichtung. Vor Gott ist alles gut, nur uns Menschen erscheint manches böse; darum heißt es auch bei dem herrlichen Jesaias (45, 6. 7): »Ich der Herr bin, und nichts ist außer mir, ich bilde das Licht und schaffe die Finsternis, mache Frieden und schaffe das Böse.«

»Könnte es aber nicht doch böse Engel geben?«

»Nein, das unterscheidende Merkmal eines Engels ist ja, daß er bloßes Werkzeug Gottes ohne freien Willen ist: Satan soll nun ein gefallener Engel sein, der sich gegen Gott empört hat, das konnte er aber ja nie, wenn sich nicht Gott gegen sich selber empörte.«

»Im Midrasch findet sich die Entstehung der bösen Engel auf schöne Weise erklärt,« sagte Ephraim, der bisher still zugehört hatte: »Jedesmal, wenn ein Engel auf der Erde sichtbar erscheinen will, muß er eine Elementarkraft an sich saugen, und keiner darf länger als sieben Tage auf der Erde bleiben. Einst überschritten mehrere diese Frist, und sie hatten durch ihren längeren Aufenthalt so viel Elementarkraft an sich gesogen, daß sie, hiedurch beschwert, sich nicht mehr zum Himmel aufschwingen konnten, und so entstanden die Teufel, wie auch 1. Buch Mos. 6, 2 angedeutet ist.«

»Das mag recht schön sein,« sagte Baruch, »aber wahr? Wie könnte ein Engel sein Gesetz überschreiten?«

»Also glaubst du nicht an das Dasein von bösen Engeln?« fiel Chisdai ein.

»Kommst du wieder mit deinem: glaubst du,« antwortete Baruch jähzornig, »ich weiß so gut als du, daß das tägliche Kadischgebet in der Synagoge deshalb in chaldäischer Sprache gebetet wird, weil die bösen Engel dieses Idiom nicht verstehen und also bei Gott keine Gegensprache wider dasselbe einlegen können: ich weiß so gut als du, daß durch das Schopharblasen Eine Art Hifthorn, auf dem keine Melodie, sondern nur bald Tremolo, bald ganze und geteilte Noten geblasen werden. Vielleicht überlieferte Feldsignale. am Neujahrstage der Satan wirr gemacht und dadurch ein gutes Jahr für Israel erreicht werden soll.«

Ephraim erklärte nun seine dem großen Gelehrten Maimonides entnommene Ansicht, der die Engelerscheinungen für bloße prophetische Gesichte erklärte.

»Das grenzt an Ketzerei! Das ist verwerflich!« schrie Chisdai.

»Einverstanden,« stimmte Baruch bei mit seltsamem Lächeln. »Es ist lächerliches und eitles Geschwätz, wenn Maimonides seine eigenen Erdichtungen aus der Schrift herausquälen und die übernatürlichen Offenbarungen als Traumgesichte deuten will. Das ist Halbheit. Er hat den Mut nicht zu sagen: so lehrt die Schrift und so lehrt die Vernunft.«

Baruch hielt inne, er erkannte noch, wie weit er sich hatte hinreißen lassen. Er las noch in einem Buche und verließ bald das Zimmer.

»Da geht er hin,« fagte Chisdai zu Ephraim, »der will ein zweiter Akosta werden.«

»Du hast's auch so spitzig darauf angelegt, ihn zu bösen Reden zu verleiten,« entgegnete Ephraim, »laß ihn seines Weges ziehen.«

»Nein,« sagte Chisdai, und fuhr mit den Worten des Talmud fort: »In Religionssachen ist jeder Israelit einer Bürge für den anderen. Auf mir, auf dir und auf uns allen liegt die Schuld der Sünden, die der begeht.« Er verließ summend das Zimmer.

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