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Berthold Auerbach: Spinoza - Kapitel 3
Quellenangabe
typeautobio
authorBerthold Auerbach
titleSpinoza
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1871
firstpub1836
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070630
projectid9897ff64
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2. Ein Freitagabend

In dem Eckzimmer des hohen Hauses mit den großen Bogenfenstern und der reichen Stukkaturarbeit, das auf dem Burgwall unweit der Synagoge stand, herrschte an jenem Abend eine ungewöhnliche Pracht und Lichtfülle. Die silberne in der Mitte des Zimmers hängende Lampe, deren seltsame Arabesken sonst mit Flor umhüllt waren, glitzerte hell im Widerschein der sieben Lichter, die kreisförmig an ihr brannten. Sie hatten der Herrlichkeiten noch gar viele zu beleuchten: die Polster der kunstreich geschnitzten Sessel hatten die werkeltägigen grauen Überzüge abgestreift und boten die Farbenpracht ihrer gold- und seidengestickten Blumen und Vögel dem Auge des Beschauers, so daß man dem bunten Teppiche, der auf dem Boden ausgebreitet lag, kaum einen Blick widmen mochte. Die glänzenden Trinkschalen und Gläser, die in gleichmäßiger Ordnung auf den Schränken standen, spiegelten das Licht in mannigfachen Strahlenbrechungen zurück. Vom Ofen her durchwürzte ein leiser Duft von Sandelholz das ziemlich geräumige Zimmer, in dessen Mitte, gerade unter der Lampe, ein runder Tisch stand. Er war mit rötlich geblümten Linnen bedeckt, die silbernen Becher und Krüge schienen einer kleinen, heitern Gesellschaft zu harren. An der Wand gegen Osten hing ein auf vergilbtem Pergament gezeichnetes Bild, und darüber standen mit goldenen Buchstaben die hebräischen Worte: »Von dieser Seite weht der Hauch des Lebens.« Ein vom Alter gebräunter Rahmen umschloß die halbverwischten Umrisse, aus denen jedoch das Bild einer alten Stadt noch erkenntlich war; darunter stand in hebräischer Sprache: »Und die übrigen Völker um euch her sollen erfahren, daß ich der Herr bin, der da bauet was zerstöret, und pflanzet was verheeret war. Ich der Herr sage es und tue es auch.« (Hes. 36, 36.) Es war die alte Gottesstadt Jerusalem, und wohl manches Auge, das längst vermodert im dunkeln Schoß der Erde, hatte in Tränen der Trauer oder mit dem Freudenblitze der Sehnsucht auf diesem vergilbten Pergamente geruht. – Sonst war kein Bild zu schauen innerhalb der vier Wände, die mit reichen Tapeten geschmückt waren. Auf der Ottomane ruhte eine jugendliche Mädchengestalt: das runde Köpfchen nachlässig auf die Rechte gestützt, deren Finger sich in den kunstlos herabwallenden schwarzen Locken verloren, lag sie unbeweglich da; vor ihr war das Gebetbuch aufgeschlagen, ihr Auge schweifte über dasselbe hinweg und starrte vor sich hin. War's Andacht, war's der Gedanke an Gott, in dem ihre Seele ruhte? war's eine holdschimmernde Erinnerung, die vor ihr auftauchte, oder sind's traumhafte Bilder der Zukunft, die sie umgaukeln und jenes engelhafte Verlangen um die Rosenlippen legen und den Pulsschlag des Herzens verdoppeln? Oder ist es jenes unbewußt selige Traumwachen, welches das Mädchen, das zur Jungfrau reift, so oft überrascht und namen- und gegenstandloses Verlangen in ihm erregt? – Sabbatliche Stille ruhte auf der ganzen märchenhaft gestalteten Umgebung. –

»Ich glaub's, daß du müd bist, Miriam, ist gar kein Wunder,« ließ sich eine näselnde Stimme vernehmen, indem sich die Tür öffnete. Miriam sprang hastig auf, strich die Haare aus der Stirn, küßte inbrünstig das Gebetbuch, legte es auf das Fenstersims, und lockerte schnell die Ottomane wieder auf.

»Nun? was ist das für ein Schreck? Meint einer es käm' eine Hex. Es ist wahr, man kann an mir erschrecken wie ich ausseh'; hab' noch nicht Zeit gehabt meine Schmutzkleider auszuziehen. Das heißt aber auch einmal geschafft.« So sprach die alte Chaje, und in der Tat, ihr ganzer Aufzug konnte zu der Bezeichnung, die sie sich selber beilegte, auffordern. Eine in Rauch gebräunte Haube bedeckte ihre grauen Haare genugsam; nur einzelne lockere spannen sich vorwitzig wie Herbstfäden über das runzlige Gesicht herab; ein Kohlenstreif auf der linken Wange bis über die Hälfte der Nase war von Miriam bemerkt worden, und Chaje war eben vor dem Spiegel damit beschäftigt, denselben abzuwischen. »Du hast ganz recht getan,« fuhr sie fort, während sie sich mit ihrer Küchenschürze abtrocknete, »du hast ganz recht, daß du dich ein bißchen niedergelegt hast. Wozu steht das Ding das ganze Jahr da und wird nicht gebraucht? Ich wollt', ich könnt' mich jetzt gerad ins Bett legen, ich wollt' gar nichts zu Nacht essen, so müd bin ich; ja, wenn man bald achtzehn Jahr in einem Dienst ist, spürt man die Strapazen, sie setzen sich nicht in die Kleider. Du wirst auch müd sein, zehnmal rauf und runter, alles selbst ausräumen, dem Fremden sein Bett zurecht gemacht, es ist keine Kleinigkeit; jetzt ist aber auch alles proper, er wird sich verwundern. Wie gut ist es, daß du den Fisch noch gekauft hast. Wein, Fisch und Fleisch, das hat der Arme unter den Armen jeden Sabbat; ohne Fisch ist kein rechter Sabbat, es steht ja auch in der Thora. Du bist eine so gute Hauswirtin, daß du bald heiraten darfst; du ladst mich doch auch zur Hochzeit? Mach nur, daß du keinen solchen kleinen Schlemiehl bekommst wie deine Rebekka. – Hast du gesehen, wie der Baruch heut wieder aussieht? Als ob er schon zehn Jahr unter dem Boden gelegen hätt'. Ich fürcht', ich fürcht', das viele Lernen kann ihm, Gott bewahre! an seiner Gesundheit schaden. Tag und Nacht nichts als Lernen und Lernen, wo soll das hinaus? Mein Bruder Abraham hat einen Sohn gehabt, der war so gescheit wie Ristotles, der hat auch zuviel gelernt, bis er sich am Ende ganz hintersinnt hat. Doch still, ich glaub' die Synagog ist schon aus, ich muß gehen, ich darf mich vor keinem ehrenhaften Judenkind sehen lassen wie ich daherkomme, sie kommen schon die Stieg herauf« – und hiemit huschte sie zur Türe hinaus.

Miriam war froh, die leidige Schwätzerin los zu sein. Ihr Vater, der Fremde, den wir auf dem Friedhofe mit Baruch im Gespräche gesehen haben, und Baruch selbst traten ein. Miriam ging ihrem Vater entgegen, neigte sich vor ihm, und dieser legte beide Hände auf das Haupt seiner Tochter und segnete sie leise mit den Worten: »Der Herr mache dich gleich den Erzmüttern Sara, Rebekka, Rahel und Lea!« Auch seinen Sohn Baruch segnete er und sprach dabei leise: »Der Herr mache dich gleich Ephraim und Menasse.« (Gen. 18, 20.) Der Vater und Baruch stimmten einen kurzen Gesang an, worin sie die Schar der Engel begrüßten, die jedesmal am Sabbat ins Haus des Juden einziehen. Der Ton des Vaters klang wehmütig, als er hierauf in üblicher Weise mit dem Sohne das Frauenlob (Spr. Sal. Kap. 31, Vers 10) »Wer ein tugendhaftes Weib gefunden« sang. Die Schönheit und der wohlgeordnete Friede des Hauses war noch wie ehedem, die Hausfrau hatte ihm Bestand gegeben, sie selber aber war ihm durch den Tod entrissen. Doppelt schmerzlich war ihr Gedenken in der Freude des Sabbats.

Der Fremde betrachtete das an der Wand hängende Bild.

»Kennst du es noch, Rodrigo?« sagte der Vater, nachdem er die leisen Gebete beendigt, »es ist ein altes Erbstück und hing einst in unserer Kellersynagoge zu Guadalajara; ich habe es mit vieler Gefahr gerettet.«

Während die beiden nun von ihren ehemaligen Zusammenkünften sprachen, standen Baruch und Miriam am anderen Ende des Zimmers.

»Du machst ja heute wieder ein entsetzlich finsteres Gesicht,« sagte Miriam und strich dem Bruder mit zarter Hand die Haare aus der Stirn; »da komm an den Spiegel.« Baruch faßte die Hand der Schwester und hielt sie fest, er sprach kein Wort und lauschte mit Miriam auf das Gespräch der Männer.

»Das ist eine Fügung Gottes, wofür ich ihm ewig danke, daß ich dich sogleich beim Vorübergehen erkannte,« sagte der Vater zu dem Fremden; »also du kennst meinen Baruch schon? Siehst du, das ist meine jüngste Tochter. Wie alt bist du jetzt, Miriam?«

»Nur ein Jahr jünger als Baruch,« antwortete das Mädchen hocherrötend.

»Närrische Antwort,« sagte der Vater. »Sie ist, glaub' ich, vierzehn Jahr alt. Ich habe noch eine ältere Tochter, Rebekka, die hier verheiratet ist.«

»Nun, meine Lieben, auch ich habe zwei Kinder,« sprach der Fremde, »meine Isabella ist ungefähr so alt als du, Miriam, mein Sohn wird jetzt zwanzig Jahre alt. Ich hoffe, wenn meine Kinder hieher kommen, ihr nehmt euch ihrer an, besonders was unsere heilige Religion betrifft, denn darin sind sie noch unerfahren. Aber hör einmal,« fuhr der Fremde fort, indem er sich mit verschränkten Armen vor Baruch hinstellte. »Wenn ich mir deinen Baruch jetzt betrachte, ist es mir unbegreiflich, daß ich ihn nicht gleich auf dem Friedhof erkannte: diese eigentümliche Bräunlichkeit der Gesichtsfarbe, diese langen, etwas finster hereingezogenen schwarzen Brauen, ganz wie du in deinen jungen Jahren, wenn du auf einen abenteuerlichen Streich sannest, auch diese Falte auf der unebenen Stirne, das bist ganz du; dagegen die gekrausten schwarzen Haare, die feingeschnittenen Lippen mit den sanften Anlagerungen um die Mundwinkel, o! wie himmlisch süß Manuela mit diesen Lippen lächelte. Ein gewisser kühner Trotz, der aus dem Angesichte spricht, alles das gibt ihm ein teilweise moriskisches Ansehen, das hat er von seiner Mutter; ach! wenn die noch lebte, was hätte sie für eine Freude, mich jetzt hier zu sehen.«

Baruch hörte die Schilderung seiner selbst unwillig und fast zitternd mit an. Als er nun gar von seiner halb moriskischen Abstammung hörte, erinnerte er sich wieder, daß Chisdai ihn in der Schule damit geneckt; er zürnte seinem Vater, der ihm noch nie etwas davon mitgeteilt hatte. Dieser merkte die Verlegenheit seines Sohnes und sagte zu dem Fremden: »Du kannst es nicht verbergen, Rodrigo, daß du ein Schüler von Silva Velasquez bist und am Hofe Philipps den Damen die Schönheiten und Häßlichkeiten anderer ausdeuten halfst. Baruch, du mußt morgen deine Zeichnungen dem Herrn vorlegen. Sei nur nicht so bang, es ist dir ja nichts geschehen.«

»Nein, nein,« sagte der Fremde, indem er dem Jüngling die Wange streichelte, »ich hoffe, wir werden gute Freunde. Hast du meinen Vetter, den gelehrten Jakob Casseres, nicht gekannt?«

»Ihn selbst nicht,« sagte Baruch, »aber sein Buch: ›Die sieben Tage der Woche bei der Weltschöpfung› kenne ich.«

Man hatte sich zu Tische gesetzt, den Segen über Wein und Brot gesprochen und den Sabbat eingeweiht.

»Es ist doch sonderbar,« sagte der Hausvater nach dem Schlußgebete, »sonst, kaum hab ich den letzten Bissen hinunter, kann ich nicht erwarten, bis ich die brennende Zigarre im Munde habe; aber am Sabbat, es ist gerade, als ob unsere Neigungen andere geworden wären, da fällt mir's gar nicht ein zu rauchen und es kostet mir gar keine Mühe, das Verbot nicht zu übertreten.« Der Fremde erwiderte nichts darauf. »Lieber Gott, jetzt bemerk' ich's erst,« fuhr der Vater fort, »du hast noch die vaterländische Sitte, den Wein mit Wasser zu vermischen. Bleib nur bei uns im nebligen Norden, hier auf dem Grunde, den man gewaltsam dem Meere abgerungen und stündlich dagegen wahren muß, wo während der Hälfte des Jahres die Erde erstarrt und des Himmels blau Gezelt stets von Wolken umlagert ist, wo du statt einer von Wohlgerüchen durchwürzten Luft Feuchtigkeit und Dünste einatmest, hier in unserer Stadt, wo kein Brunnen quillt und man das Wasser zum Trinken aus der Ferne holen muß, wo man sich allzeit gleich dem Boden vom Meere gefangen vorkommt; wo das Klima selber den Menschen so ruhig und gelassen macht, und Vorsicht und Geduld, die den Boden des Landes geschaffen haben und erhalten, auch die Haupttugenden der Menschen sind; bleibe nur hier, glaub mir, du gewöhnst dich auch an die Sitte, in dein träges und alterndes Blut lauteres Traubenblut zu gießen und es rascher rollen zu lassen. O! es ist ein liebliches und prächtiges Land unser Spanien, ein Eden, aber von Teufeln bewohnt. Jetzt, da ich bald mein müdes Haupt in den Schoß der Erde legen muß, jetzt erst fühle ich, daß hier nicht der heimische Boden ist, der mich aufnimmt.«

»Du wirst ungerecht,« entgegnete der Fremde, »nun du hier sorglos an deinem Tische sitzest und nicht fürchten darfst, dein Freund oder gar dein einen Kind könnte morgen mit reuigem Gemüte beichten, daß du insgeheim den Gott Israels verehrst, und es könnte dann die Glut des Scheiterhaufens statt wie jetzt des köstlich perlenden Weines deine alten Glieder erwärmen, nun denkst du nur noch der Freuden des Vaterlandes und vergissest des jammervollen Greueltodes, der uns überall anstarrte; uns sollten die prächtigen Kastanienwälder mit ihren dunkeln Schatten nicht zur Ruhe und die reichen Forste nicht zur fröhlichen Jagd einladen, morgen konnten jene Bäume unsere Scheiterhaufen, morgen konnten wir das gejagte Wild sein. Wahrlich, wenn ich dich so reden höre, könnte ich jenen Eiferern fast beistimmen, wenn sie die Schuld all der Qualen, die uns erreicht, dem allein beimessen, weil wir unser Vaterland zu sehr geliebt, zu vergnüglich und stolz im dort erlangten Ansehen uns gefielen.«

»Ja, ja, du hast recht,« entgegnete der Vater, »aber laß uns die Freude des Wiedersehens nicht durch trübe Betrachtungen stören; komm, trink; doch nein, Miriam hol die venetianischen Gläser dort her, laß dir von Elsje in den Keller leuchten, und bring die zwei Flaschen, die mir de Castro unlängst geschickt hat.«

»Herrlich,« sagte der Fremde, als er das Glas des neu aufgetischten Weines an den Mund gebracht hatte, »das ist ja echter Val de Pennas, wo hast du den her?«

»Wie ich dir sagte, Ramiro de Castro hat mir ihn von Hamburg aus geschickt; der Wein hat mit uns geblüht, er ist aber mit der Zeit feuriger geworden, und wir –?«

»Nun, wir haben auch gelebt; sei zufrieden. Der Wein weckt die alten längst verrauchten Geister wieder in mir; weißt du noch? Solchen Wein tranken wir an jenem Abend in der Posada neben dem Hause der Donna Ines, die dich schon seit zwei Abenden vergebens harren ließ; du schlugst auf den Tisch und schworst, sie nie wieder zu sehen, und den anderen Abend hieß es in der verschwiegenen Laube: lieber Alfonso und liebe Ines, ha! ha! ha!«

Der Vater ermahnte seinen Gastfreund leise, doch Rücksicht auf die Kinder zu nehmen; der Fremde aber achtete nicht darauf und ergötzte sich an dem vaterländischen Weine.

»Denkst du noch jener himmlischen Sommerabende,« fuhr er dann fort, »als wir auf der Almeda in Guadalajara umherschlenderten? Ich seh' dich noch, wenn um neun Uhr das Glöckchen läutete und alles wie bezaubert still stand, um ein Paternoster zu beten; ich seh' dich noch vor mir stehen, wie du deinen Hut in der Hand zusammenknitterst, deine Augen sprühten Feuer, als wolltest du die ganze Welt in Flammen setzen und nicht nur Donna Ines allein, du warst stets ein gefährlicher Caballero. Gott im Himmel!« fuhr der Fremde fort, nachdem er noch einen guten Zug Weines genommen, »mir steht noch der Angstschweiß auf der Stirne, wenn ich daran denke, wie wir einst in Toledo vor der Kirche Unserer Frau del Transito standen: siehst du, sagtest du zähneknirschend, das prachtvolle Gebäude, das war einst eine Synagoge unserer Vorfahren. Samuel Levi, der sie erbaut hat, ist am Galgen verfault, und jetzt – es ist em wahres Wunder, daß wir bei deinem übermütigen Geiste immer mit heiler Haut davongekommen sind.«

So ergingen sich die beiden Freunde in Jugenderinnerungen; in einer Stunde lebten sie noch einmal ein Leben voll Liebeslust und Jugendmut.

»Ich kann nicht begreifen,« sagte Baruch einmal, »wie man nur eine Minute glücklich sein kann in einem Lande, wo man stets Verrat und Schmach und Tod um sich her sieht.«

»Darum bist du eben noch zu jung,« sagte der Fremde. »Glaub mir, und belauscht man jeden deiner Atemzüge, es gibt Stunden, ja Tage, wo du fröhlich sein und alles vergessen kannst; und stößt man dich in Schmach, und wirft man dich und die Deinigen in den Kot – ein Allerheiligstes gibt's, wohin keine Erdenmacht reicht, es ist das eigene Bewußtsein und der trauliche Kreis der Unsrigen, der Himmel, der sich uns dort erschließt, den kann uns niemand rauben, selbst das ewige Schreckbild des Todes nicht. Alle diese Qualen sind über uns gekommen, und doch waren wir glücklich.«

»Aber der unaufhörliche Zwiespalt in der Seele? Christ vor der Welt und Jude im Herzen?«

»Das war unser Unglück, das sah ich an deinem Oheim Geronimo.«

»Warum verläßt der nicht seine finstere Klause und kommt zu uns herüber?« fragte Baruch.

»Er hat seine Klause verlassen und wir kommen zu ihm. Er ist tot. Junge, diese Leidensgeschichte hättest du mit erleben sollen, es käme dir zu gute fürs ganze Leben.«

Baruch hatte sich von seinem Sitze erhoben und leise den bei einer Todeskunde vorgeschriebenen Spruch gesagt: »Gelobt seist du Herr unser Gott, König der Welt, wahrhaftiger Richter.«

»O erzählt, ich bitt' Euch,« sprach er dann; auch Miriam rückte näher an den Tisch und vereinigte ihre Bitte mit der des Bruders.

»Es ist heute Sabbat und ich sollte nicht,« sagte der Fremde; »doch weil ihr so sehr bittet, so sei es; ist es ja sein Tod, der mir die Entschlossenheit gab, mich und die Meinen mit Gottes Hilfe aus der Lüge zu retten.«

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