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Berthold Auerbach: Spinoza - Kapitel 28
Quellenangabe
typeautobio
authorBerthold Auerbach
titleSpinoza
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1871
firstpub1836
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070630
projectid9897ff64
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Epilog

Es war in einer Nacht, da sah er eine große Erscheinung; ein Mann trat vor ihn hin, der war wunderbar und fremd anzuschauen. Sein Haupt war bedeckt mit einem breiten Hute, dessen Farbe war gelb wie die Farbe der Gerste unter der Sichel, und die Haare seines Hauptes waren weiß und bedeckten seine Schultern, auf seiner Stirn war ein Zeichen von Blut, seine Augen lagen verborgen in den Höhlen, umwachsen von struppigen Haaren; zwei Furchen zogen sich von dort bis an die Enden des Mundes – in ihnen strömten vordem seine Tränen, nun aber waren sie leer, denn ihr Quell war versiegt; seine bleichen Lippen waren umwachsen von Haaren, die reichten bis an den Gürtel; ein hären Hemde schlotterte um den mageren Leib, und seine Füße waren nackt und zerfetzt: an der rechten Seite hing eine Tasche, dort war auch das Kleid bedeckt mit einem Fleck von der Farbe seines Hutes; auf dem Herzen trug er in einer eisernen Kapsel eine kleine Rolle, befestigt an einer Schnur, die um seinen Hals hing und einen tiefen Einschnitt in sein Fleisch machte; in der Rechten hielt er einen Stock, der weit über den Kopf hinausreichte.

Und der Mann beugte sich nieder über ihn, küßte ihn auf die Stirn und sprach: »Kennst du mich wohl, du mein Sohn, an dem ich Wohlgefallen finde? Schon mehr denn sechzehnhundertmal sah ich die Sonne ihren Kreislauf vollenden, seit dem Tage, da das Wehe über mein Haupt gekommen. Ich stand unter meiner Tür und hatte mein Kind auf dem Arme, da brachten sie den Jesus, Sohn des Joseph und der Maria von Nazareth, der sich unsern Messias nannte; ich haßte ihn, denn wir liebten den Boden und er wies uns an seinen Himmel; wir wollten ein Schwert und er lehrte uns das fremde Joch lieben: er war unser Messias nicht. Als er nun an der Schwelle meines Hauses ausruhen wollte, da trat ich ihn mit dem Fuße und stieß ihn weg; er aber sprach: Komm mit mir, dein Fuß, der mich getreten, soll keine Ruhe finden, bis zu dem Tage, da ich wiederkehren und mein Reich auf Erden gründen werde. Das Kind entfiel meinen Händen, ich folgte ihm, ich sah ihn den Kreuzestod sterben; ich sah mein Haus, sah meine Kinder nicht mehr, sie wurden zerstreut wie Spreu von dem Winde oder wurden vom Schwerte gefressen. Unstet und flüchtig wie Kain wanderte ich durch Wald und Feld, über Ströme und Berge; die Blume verschloß ihren Kelch vor meinem Auge, das Gras seufzte, wenn mein Fuß sich ihm nahte; die Vögel verstummten in den Lüften, und der ausgehungerte Löwe, der brüllend herbeikam, wich scheu zurück, wenn er mich erblickte. Doch die wilden Tiere, sie waren noch barmherzig und liebevoll, so ich die ansah, die meines Geschlechtes sind. Ich wanderte durch Städte und Länder: sie tränkten mich mit Wermut und sättigten mich mit Galle, sie gossen Gift in meine Wunden und betteten mich auf Dornen; und wenn ich mein Haupt ruhig niederlegen wollte, machten sie den Boden unter mir erzittern, und wenn ich meine Klagen erheben wollte, verstopften sie mir den Mund mit feurigen Kohlen. An jedem Orte, dahin ich meine Schritte förderte, faßten sie mich bei den Haaren, sammelten Holz auf einen Haufen und schleuderten mich in die Flamme; aber Jehovah, der Gott Israels, dessen ewiges Gesetz ich auf dem Herzen trage, sendete seinen Engel. Und ob auch die Flammen ihre gierigen Zungen nach mir ausstreckten, Er errettete mich; und ob sie auch in Strömen mein Blut vergossen, Er erhob mich und belebte mich neu; und ob sie auch in dunkle Nacht mich hüllten, sein Licht leuchtete und Helle ward um mich her; und ob sie auch in Grabesduft und Moder mich versenkten, sein Odem wehete und neues Leben haucht' er mir ein. Oft frug ich ihn: wann wird es enden, o Herr! wann wirst du dich mein erbarmen, wann mich wieder freundlich aufnehmen vor deinem Angesichte? Wann wirst du Balsam gießen in meine Wunden, wann lindern meine Qualen, wann mich Ruhe finden lassen? Wann wirst du Haß in Liebe wandeln, daß ich aufhöre zu sein ein Greuel und das Ziel des Spottes allen Nationen? Was soll mir ein ewiges Sterben ohne Tod, ein ewiger Tod ohne Leben? Siehe, Geschlecht auf Geschlecht sah ich aufgehen und verwelken wie das Gras des Feldes, Königreiche sah ich erstehen und in Staub zerfliegen vor dem Hauche deines Mundes. Alles verwest und gebiert sich neu, nur ich allein hänge wie der Tropfen am Eimer, der im Winde zittert und doch nicht fallen mag. Wo des Eises Bande die Erde ewig gefesselt halten, dort stand ich, und Arabiens heißer Sand brannte mir an der Sohle; und nirgends, nirgends ein Land, wo ich säen und ernten, wo ich ein Grab finden kann. Jerusalem, die herrliche, liegt in Trümmern, wann wirst du sie auferbauen? wann uns zurückführen? Siehe, ich spreche zum Morgen: o daß es Abend, und zum Abend: o daß es Morgen würde. Siehe, der Kummer ist mein Genosse, Schmach und Elend sind meine Gespielen, ich habe sie lieb gewonnen; gib mir Tränen, Tränen gib mir, daß ich weinen kann ob meines Drangsals; willst du es nicht, zieh deine Hand ab von mir, laß meine Feinde treffen das Herz meiner Seele, laß mich sterben, sterben laß mich. – Siehe, ich habe mich in Haß gehüllet, laß mich Rache erleben an meinen Feinden, zehnfach wälze auf ihr Haupt, was sie über mich gesendet; sprich zu dem Donner, daß er sie erzittern mache, befiehl dem Blitz, daß er ihr Mark fresse, oder gib mir ein Schwert, ein Schwert gib mir, daß ich mich bade in ihrem Blute – –

Oder soll sie kommen die Zeit, da Lieb und Treue sich begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen, Wahrheit aus der Erde sproßt, Gerechtigkeit vom Himmel schaut?

Siehe, mein Sohn, das war meine Klage, das war mein Verzweifeln, das war mein Hoffen. Du bist gekommen zu werden ein Erlöser der Menschheit, auch mich wirst du erlösen. Die deines Stammes sind, sie haben dich verstoßen, sie haben dir nach dem Leben getrachtet; die nicht deines Stammes sind, sie haben dich betrogen, sie haben dir deine süßesten Gefühle vergällt; du kennest keinen Groll, du lohnest ihnen mit der Wahrheit.«

Die Erscheinung beugte sich nochmals über den Schlafenden und küßte ihn; es war ein Kuß des sterbenden Ahasverus, der auf sich trug das Schicksal Israels, welches Jesus Christus an das Kreuz geschlagen.


Spinoza zog hin nach Rhynsburg und von da nach Voorburg und dem Haag und schrieb den theologischpolitischen Traktat und die Ethik.

Einsam und abgeschieden verbrachte er fortan sein Dasein.

Die fünf Bücher der Ethik erschienen erst nach seinem Tode.

Am Sonntag den 21. Februar 1677 starb er, im Alter von vierundvierzig Jahren.

Es erstand kein Denker wieder wie Spinoza, der so im Ewigen gelebt.

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