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Berthold Auerbach: Spinoza - Kapitel 25
Quellenangabe
typeautobio
authorBerthold Auerbach
titleSpinoza
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1871
firstpub1836
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070630
projectid9897ff64
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24. Der Bann

Eine zahllose Menschenmenge lagerte sich an den Straßen, faltete die Hände und betete zum Herrn, daß er beschützen möge den Zug ihres Befreiers. Voraus zog der kaiserliche Herold mit dem Reichsadler, ihm folgte der Kämpfer für Gottes Wort, geleitet von Reisigen in blinkendem Stahle und schmucker Waffenzier. Und als er hinzog in die Reichsversammlung, da kletterten seine Verehrer auf die Dächer, füllten die Straßen und Fenster, denn glücklich pries sich jeder, dessen Auge ihn geschaut; und als er mutig und mannhaft den Kampf gefochten, wurde er im Triumphe nach Hause getragen, eine Stimme ward vernommen, die da rief: »Selig sind die Hände, die dich tragen.« So zog im Jahre 1521 Martin Luther gen Worms: der tapfere Kämpfer für die Freiheit des göttlichen Worts.

Schwer ist's, den Kampf gegen Gewalt und Gewohnheit in sich zu bestehen und schmerzlich, ihn nach außen zu vollführen; aber die Tausende teilnehmender Blicke sammeln sich gleichsam wie eine Glorie um das Haupt des Kämpfers und erheben seine Kraft zur Kraft von Tausenden; und sieht er sich selber untergehen, er hat den Gruß der zahllosen Herzen empfunden, in denen sein Gedanke fortlebt.

Wie anders ist es, sich zum sieglosen Kampfe in stummer Verborgenheit rüsten.

Im Jahre 1657 wanderte Benedikt Spinoza einsam nach der Synagoge »Jakobshaus« zu Amsterdam, von niemand geleitet, von niemand begrüßt; scheu wich das Volk zurück, das ihn kannte, ihn, den standhaftesten Kämpfer für die Freiheit des göttlichen Gedankens. Er hatte der Welt kein altes geschriebenes Gesetz aufs neue zu erobern, er schien sie berauben zu wollen ihres festen Hortes; denn er wollte nichts als das alte gute Recht des freien Denkens.

In der Synagoge saßen die zehn Richter auf ihren Stühlen, den Vorsitz hatte Rabbi Isaak Aboab, neben ihm saß Rabbi Saul Morteira. Spinoza mußte vier Schritte entfernt von ihnen wegstehen. Rabbi Isaak Aboab erhob sich und sprach: »Mit der Hilfe Gottes! Wir sind hier versammelt, um über dich, Baruch ben Binjamin Spinoza, Urteil und recht zu sprechen. Schwöre uns im Namen des allmächtigen Gottes, daß du uns nichts leugnen noch verhehlen, und daß du dich fügen wollest dem Ausspruche, den der Herr durch unseren Mund dir verkünden wird.«

»Trug kenne ich nicht und Lüge ist mir fern,« erwiderte Spinoza, »ich werde mich eurem Urteil fügen, wenn ihr über mich erkennet nach dem göttlichen Wort, und nicht nach den Eingebungen eures Herzens und nach den Satzungen der Rabbinen.«

Ein Gemurmel entstand unter dem Synedrium, man konnte aber vernehmen, wie es fast allgemein ausgesprochen wurde, daß der Angeklagte durch diese Weigerung, ihre Gerichtsbarkeit unbedingt anzuerkennen, ohne weitere Verhandlung mit dem höchsten Grade des Bannes belegt werden müßte. Rabbi Saul Morteira bat um Stille: »Laßt sehen,« sagte er, »wie weit die Verruchtheit seines Herzens geht. Sag an, Frecher: hast du nicht durch Genuß verbotener Speisen und Getränke gegen Gott gesündigt, und durch Arbeit den Sabbat entweiht? Hast du nicht dich der Genossenschaft des Glaubens entzogen und den heiligen Namen Gottes und sein Gesetz gelästert? Und geschrieben steht: wer heimlich den Namen Gottes entweiht, den wird öffentlich die Strafe treffen.«

Eine Pause entstand, Spinoza heftete den Blick zur Erde, jetzt sah er auf und entgegnete mit ruhiger Stimme: »Ich kann nicht Wunder und Zeichen tun und die Natur um mich her zu Beistand und Zeugnis anrufen, in mir allein muß ich die Kraft erweisen, die vom Dasein Gottes in jedem Menschenherzen zeugt. Daß ich hier stehe, euch gegenüber, von euch angeklagt, die ihr auf andere Weise gottgefällig zu leben glaubt; daß ich nicht wanke und nichts in mir mich anklagt, nehmt's als Zeichen meiner Liebe zu Gott, die ich als das höchste Gut erkenne. Ich verteidige mich nur wegen der Anklage auf Sabbatschändung, weil diese als ein Fehl gegen das heilige Gesetz Gottes in der Natur erscheinen kann. Wohl ist's dem gedrückten Menschen förderlich, daß er von sieben einen Tag sich zur Ruhe setze, und weise ist's, denn des Menschen Würde besteht in jeglicher Art in freier Lenkung seiner Kräfte; wer gibt euch aber das Recht, ihn zu strafen wegen der Sünde, die er gegen sich selber begeht?«

Die Versammelten erhoben sich alle von ihren Stühlen und riefen durcheinander, man dürfe solche Gotteslästerungen nicht länger mit anhören; aber Rabbi Isaak Aboab sprach: »Laßt ihn reden. Aus jedem Worte, das er spricht, ringelt sich ein Sched empor, die sich alle an seine Seele klammern werden in seiner leiblichen Not, und wenn er den Tod des Sünders stirbt, werden sie sich an ihn hängen und ihn hinabzerren in den Pfuhl der Hölle. Wir sind verpflichtet, seine ganze Schuld zu hören. Tretet vor und redet ihr Zeugen.«

Chisdai und Ephraim traten vor, jener stolz den Blick erhebend, dieser scheu ihn niederschlagend.

»Er hat vor unseren Ohren Gott und die Propheten gelästert, die Engel geleugnet und die Wunder verspottet; daß er also getan, schwöre ich vor dem Angesichte des ewigen Gottes.«

»Auch ich beschwöre, daß Chisdai die Wahrheit gesprochen,« sagte Ephraim mit leiser Stimme.

»Was antwortest du darauf?« fragte Morteira, und Spinoza erwiderte: »Ich habe die Propheten nicht gelästert, ja ich verehre sie mehr als die, welche die falsche Glorie der Unfehlbarkeit um ihre Häupter sammeln, sie der göttlichen Majestät ihrer menschlichen Größe berauben und sie zu Götzen erniedrigen. Gehet hinaus und sehet: stand die Sonne still in Gideon? Ich hätte die Engel geleugnet! Hat nicht schon Rabbi Joseph Albo öffentlich ausgesprochen, daß der Glaube an das Dasein der Engel unwesentlich und unnötig sei? Ich hätte die Wunder verspottet! Was klagt ihr mich an? Schlaget die Stelle auf, wo Bileams Eselin spricht, und sehet, was Ebn Esra dort sagt. Ich hätte Gott gelästert – ich habe Mitleid mit dir, der du nicht weißt, daß keines Menschen Denkens der den ihm inwohnenden Gesetzen folgt, aus ihm entweichen kann.«

»Hast du nicht gesagt,« fuhr Chisdai auf, »weh mir! daß ich es nachsprechen muß – Hast du nicht gesagt, daß in der heiligen Schrift viele unvollkommene und falsche Ideen von dem Wesen Gottes sich finden?«

»Ich glaube Gott mehr damit zu verehren als ihr. Wird Gott in der Bibel nicht ›groß‹ genannt, und gibt's eine Größe ohne begrenzte Ausdehnung im Raume? Wahr ist's, die Bibel kann nur aus sich selber erklärt werden, sie trägt den Grund ihrer Wahrheiten nur in sich, sie will nicht an den Denkgesetzen gemessen sein, diese aber auch nicht meistern; die Vernunft, die uns von Gott gegeben und somit nicht minder eine göttliche ist, kann und muß die Idee Gottes aus sich selber schöpfen, und in sich selbst finden, was zur Erlangung eines gottseligen Lebenswandels gehört. Die Bibel selber erkennt dieses heilige Recht unserer Vernunft an, indem sie einen gottseligen Lebenswandel auch in den Männern, die vor der Offenbarung auf Sinai gelebt, anerkennt, und indem es sogar von der Wahrheit, die in der Gesetzgebung Mosis als zeitliche Erscheinung heraustrat, heißt: »Sie ist nicht im Himmel, daß man sagen könnte, wer will für uns in den Himmel steigen, sie holen und uns verkünden, auf daß wir danach handeln. Denn das Wort liegt dir sehr nahe: in deinem Munde und in deinem Herzen, auf daß du danach handelst.« (5. B. M. 30, 12.) In unserer Vernunft, auf der Höhe des reinen göttlichen Gedankens, hier ist Sinai. Ich will euch offen und getreu meine Ansichten über die höheren Dinge auseinandersetzen, widerleget ihr mich aus der Vernunft, so will ich mich vor euch beugen.«

»Du hast dich auf die heilige Schrift berufen,« rief Morteira. »Wehe! daß deine Zunge nicht zu Asche verbrannte, da du es wagtest, ihre heiligen Worte auf sie zu laden; was willst du mit deinem Baal der Vernunft?«

»So zerschmettert ihn, wenn ihr könnt,« erwiderte Spinoza.

Rabbi Isaak Aboab hatte bis jetzt ruhig der Verhandlung zugehört, jetzt rief er, sich erhebend: »Das Maß ist voll, ihr alle seid mit mir einverstanden, daß dieser Epikuräer die höchsten Strafen des Gehinoms verdient hat.«

Alle Anwesenden antworteten mit einem vernehmlichen Amen und Aboab fuhr fort: »Nun so frage ich dich, Baruch ben Binjamin Spinoza: willst du deine gotteslästerlichen Reden widerrufen und dich der Buße unterwerfen, die deshalb über dich verhängt wird, oder willst du, daß der höchste Fluch des Bannes über dich herabbeschworen werde?«

»Widerleget mich aus der Vernunft und ich widerrufe. Ihr wollt mich nicht hören, ich werde euch in der Schrift antworten. Hier in der abgeschiedenen Synagoge könnt ihr mich nicht hören, und wollt nicht die Wahrheit an ihrer Folgerichtigkeit prüfen; ich spreche meine Gedanken hinaus in alle Welt, wohin kein Bann reicht. Ich habe mich nur eurem Gerichte gestellt, um euch zu zeigen, daß ich keiner Genossenschaft entgegentrete, die in ihrem Glauben die Wahrheit zu besitzen meint; aber die Freiheit des Denkens hat ihr heiliges, unverletzliches Gebiet. Wollt ihr mich, wie ihr mich hier aufgenommen, nun auch ausstoßen – ein neuer Tag wird anbrechen –«

»Lügenprophet, verstumme!« donnerte Rabbi Aboab, »ich frage dich zum zweiten, ich frage dich zum dritten Male: willst du widerrufen?«

Eine Sekunde herrschte Totenstille in der Halle; da erhob Spinoza seinen Blick, und mit fester Stimme antwortete er: »Ich kann nicht; aber auch ihr könnt nicht anders, und ich fluche euch nicht.«

Rabbi Isaak Aboab zerriß seinen Mantel, und Rabbi Saul Morteira nahm das Schophar, das verhüllt vor ihm lag, stieß dreimal in dasselbe, daß der Schall noch lange von allen Enden des Gewölbes widertönte; die heilige Lade wurde geöffnet, alle Anwesenden erhoben sich und Rabbi Isaak Aboab las aus einem Pergamente:

»In des Herrn der Herren Namen,
Seist du, Baruch, Sohn Binjamins,
In den großen Bann getan.
Seist im Bann der beiden Rechte,
Himmlischen wie irdischen:
Seist im Bann der Heil'gen droben,
Seist im Bann der Seraphim,
Seist im Bann der Ophanim.
Ausgeschlossen von Gemeinden,
Von den großen und den kleinen.
Auf dich große schwere Plagen,
Krankheit schmerz- und greuelvoll;
Drachenhöhle sei dein Haus,
Und dein Stern erlösche droben.
Ärger sei und Greu'l den Menschen,
Und dein Aas der Schlangen Futter;
Feind' und Hassern sei ein Labsal,
Und die Hab', die du besitzest,
Fremden werde sie zu teil.

Vor den Türen deiner Feinde
Müssen deine Kinder winseln,
Und ob deines Lebens Martern
Späte Enkel sich entsetzen.
Sei verflucht von allen Geistern.

Michael und Gabriel,
Raphael und Mescharthel.
Sei verflucht vom großen Gotte
Von den siebzig Geisternamen,
Untertan dem großen König
Mit dem großen Siegel Zartok.
Fahr' zur Höll' wie Korahs Rotte,
Und mit Zittern und mit Beben
Gehe dir die Seele aus.
Gottes Grimm ertöte dich,
Hingewürgt wie Achitophel
In der Schlinge deiner Plane.
Gechsis Aussatz sei der deine,
Und vom Fall erheb dich nimmer.
Wo Israels Gräber liegen
Werde dir kein Grab gegraben.
Hingegeben an die Fremden
Sei dein Weib; in deiner Todesstunde
Mögen andre sie entweihn. –
Dieser Bann und diese Flüche
Über Baruch, Sohn Binjamins.
Aber über ganz Israel
Und auf mir ruh' Gottes Frieden
Und sein Segen ewiglich.«

Hierauf nahm der Rabbi die Thora aus der heiligen Lade, rollte sie auf, und las (5. B. M. 30, 19 etc.): »Und wer die Worte dieses Fluches höret und segnet sich in seinem Herzen und spräche: Friede wird mir sein, denn ich wandle nach dem Gutdünken meines Herzens, auf daß der Trunkene mit dem Durstigen dahinfahre. Da wird der Herr dem nicht gnädig sein; sondern dann wird entbrennen der Zorn Gottes und sein Eifer über solchen Mann, und es wird auf ihm ruhen all der Fluch, der in diesem Buche geschrieben ist, und der Herr wird seinen Namen austilgen unter dem Himmel.« Die Thora wurde in die heilige Lade zurückgebracht, abermals wurde das Schophar geblasen, und alle Anwesenden sprachen gegen Spinoza gewendet: Verflucht sei dein Eingang und verflucht sei dein Ausgang.« Alle spieen aus und wichen vier Schritte von ihm zurück, als er sich in ungebeugter Haltung aus der Synagoge begab.

Sollte dieser Ausgang aus dem gewohnten Heiligtum der Eingang zu einem neuen werden, oder sollte er nie mehr einen Tempel von Stein betreten und auch äußerlich darstellen, daß der freie Mensch der Tempel Gottes ist?

Vor der Synagoge traf er Oldenburg, Meyer und Vries, die seiner harrten; sie hatten von dem Vorgange gehört und warteten hier, um ihn gegen jede Mißhandlung der Rabbinen zu schützen. Noch nie hatten die Freunde das Antlitz Spinozas so flammend gesehen als eben jetzt. Lautlos gingen sie mit ihm und Oldenburg faßte seine Hand und hielt sie fest.

Als Spinoza vor seinem elterlichen Hause vorüberging, hörte er das Wehklagen seiner Schwestern; er wußte, daß sie ihn jetzt beweinten, schmerzlicher als einen Gestorbenen.

Jetzt, da er sich nicht mehr freiwillig dessen begab, sondern da es ihm entrissen wurde, jetzt fühlte er doppelt, was es heißt: eine Jugend mit all dem Trauten und Heimischen, das sie in sich birgt, die tausend Fäden der Erinnerung abzuschneiden und so das Leben zu zerstücken, das sich nicht mehr im Zusammenhange mit der Vergangenheit erhält.

Das traurigste Bewußtsein bei der unwiederbringlichen Lösung einer innigen Lebensbeziehung liegt darin, daß beiderseits ein Stück Leben ausgelöscht und vertilgt ist, dessen unwillkürliche Wiedererweckung oft mit gespenstischem Schreck erfüllt und ins Vergessen flüchten heißt ...

»Und die drei Freunde saßen bei ihm und redeten nichts mit ihm, denn sie sahen, daß sein Schmerz sehr groß war.« So heißt es bei Hiob. Auch hier saßen drei Freunde und sie redeten nichts, denn sie sahen, daß der Schmerz sehr groß war. Oldenburg legte still die Hand auf die Schulter Spinozas, als könnte er ihn damit schützen und ihm seine Kraft leihen. Er ahnte, was das Herz des Freundes bewegen mochte, denn wenn auch längst ausgeschieden aus der Genossenschaft der Synagoge, mußte er doch diesen herben Bruch wie einen endlich eintretenden Todesfall empfinden; erwartete, erkannte man ihn auch längst: wenn der starre Tod endlich entschieden hat, ist der Schmerz doch ein neuer, ganz anderer.

Kein Laut wurde vernommen. Nur einmal sprach Oldenburg leise und mit abwehrender Bewegung ein paar Worte zu Meyer, als dieser ihm etwas ins Ohr geraunt hatte; denn Meyer war versucht, den ganzen Vorgang als kaum der Rede wert oder gar als lächerlich darzustellen.

Spinoza saß in sich versunken da und hatte Stirn und Augen mit der Hand bedeckt. Die Freunde schauten stumm auf ihn, harrend, welches das erste Wort sein wird, das er spricht.

Endlich schaute er auf und als antwortete er auf einen Zuruf, sagte er: »Nein, nein, sie sollen mich nicht zwingen, daß ich in Bitterkeit, in Haß und Ungerechtigkeit ihnen gegenüber stehe. Auch dieser Fluch ist noch Liebe. Sie wollen Keinen lassen, sie wollen ihn schrecken und strafen, der sich von ihrer Gemeinschaft lossagt. Und diese entsetzlich ausgeklügelten Verwünschungen! Hat der Lobpreis seine festen Formeln, so muß sie auch der Fluch haben. Sie können meine Gedanken nicht bekehren. Handle ich aus Widerstreit mit ihnen, so bin nicht ich es mehr, der lebt und handelt. Nein, ich will aus mir leben, nicht die Welt soll Herr sein.«

»Die Welt?« konnte sich Meyer nicht enthalten zu entgegnen. »Was ist ein Häuflein Rabbinen in einer abgeschiedenen Synagoge inmitten der Welt? Sie schicken dich ins Exil, in eine Welt, die viel schöner und größer ist als die, daraus sie dich verbannen.«

»Du magst recht haben, aber bedenke, daß ich dort die tiefsten Erweckungen empfangen in Lust und Leid. Es gab eine Zeit, wo Ehre und Unehre dort, mir Ehre und Unehre der ganzen Welt war. Doch, es ist vorbei.«

»Jetzt, Freund!« rief Oldenburg, »gehst du auch in die wirkliche Welt, in die weite, große, und du gehst mit mir. Ich muß in wenigen Tagen Amsterdam verlassen.«

»Du? Und gerade jetzt?«

»Ich bin im Auftrage meiner Vaterstadt als Gesandter nach London berufen. Komm mit.«

»Was sollte ich dort mit dir?«

»Es bereitet sich in London die Gründung einer großen Gesellschaft für Wissenschaft, ich bin zum Mitglied ernannt, und du sollst an meiner Seite darin wirken.«

Mit lockenden hellen Farben entwarf nun Oldenburg ein Bild des großen Weltlebens: Ehre, Ruhm, Freude und Genuß winkten mit ungekanntem Reize und das Antlitz Spinozas wurde plötzlich heller und größer. Er sah sich mitten hinein versetzt in die großen treibenden Gewalten, und dazwischen spielte ein Bild wonniger Häuslichkeit, darin Olympia waltete. Auch Meyer und de Vries redeten zu. Es bedurfte ihrer Worte kaum, denn solche Reden, wie er jetzt von außen hörte, sprachen sich Spinoza in seinem Innern. Er faßte bebend die Hand Oldenburgs, aber plötzlich hielt er inne, und »Verzeiht! Ich muß jetzt allein sein,« sagte er.

Er war allein und in ihm kämpfte es.

»Aber warum sprachen die Freunde kein Wort von Olympia? Ist es Täuschung, daß ich eine gewisse Scheu, eine gewisse Fremdheit an den Freunden bemerken wollte?

Zu ihr, zu ihr, unter ihrem Auge vor allem muß das neue Dasein erstehen.«

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