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Berthold Auerbach: Spinoza - Kapitel 23
Quellenangabe
typeautobio
authorBerthold Auerbach
titleSpinoza
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1871
firstpub1836
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070630
projectid9897ff64
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22. Besonderheiten

Kerkering hatte die Hand Olympias erfaßt und bat Cäcilien in scherzendem Tone, bei ihm Gevatter zu stehen, wenn er katholisch werde; er ließ die Hand nicht los als Spinoza eintrat, so sehr sich auch Olympia sträubte. Der Eintretende sah ganz verwundert drein. Olympia errötete; sie putzte indes schnell das Licht, faßte sich während der kurzen Dunkelheit wieder ganz und hielt Spinoza eine Strafpredigt über sein langes Ausbleiben. »Es ist mir unbegreiflich,« sagte sie, »wie ein Mann in Ihren Jahren sich so in seine Zelle einmauern mag. Frau Gertrui hat mir erzählt, daß Sie in den letzten zehn Tagen nicht die Treppe herabgekommen seien, und daß sie anderthalb Pfund Öl bei Ihren nächtlichen Studien verbraucht hätten. Sie könnten ohne Entsagung Klosterbruder oder Einsiedler werden; es ist schade, daß Sie nicht katholisch sind.«

»Ich bedaure es ebenfalls; den alten Menschen ausziehen, das geht leicht, aber den altneuen anziehen, ist gar schwer.«

Olympia schwieg, Kerkering sah verdutzt darein, er strengte alle seine Geisteskräfte an und konnte doch nicht recht begreifen, was hinter den Worten stecke.

»Es ist ärgerlich,« begann Olympia wieder, »daß wir Frauenzimmer ewig in den Laufbändern stecken und nie frei hantieren dürfen. Ich kann die Lust gar nicht unterdrücken, einmal das Zimmer zu sehen, das Ihnen die ganze Welt entbehrlich macht; nehmen Sie sich in acht, ich hab's mit der Gertrui schon abgekartet: nächstens, wenn Sie einmal nicht zu Hause sind, komm' ich und durchstöbere alles, ich muß doch das Arkanum finden, das Sie so in sich abschließt. Sie müssen etwas Besonderes haben; Tag für Tag Glas schleifen und studieren, studieren und Glas schleifen, immer allein, und nicht einmal eine Orgel oder eine Laute bei sich, das hält kein Mensch aus. Aber ich komme schon hinter das Geheimnis.«

»Diesmal ist die Reihe an mir,« erwiderte Spinoza, »Ihnen einen sechsten Sinn abzusprechen. Wenn Sie auch alles durchsuchen, einen Genossen übersehen Sie gewiß, dessen Inneres für mich erglüht, und dessen warmen Atem ich mit Wollust einsauge. Leider ist dieser treue Genosse eben auch hinfällig und zerbrechlich, wie alles Irdische.«

»O Sie emphatischer gottloser Raucher! An Ihrer Stelle würde ich mir aber doch das Rauchen abgewöhnen, es ist ja offenbar ein nur künstlich gemachtes, ein imaginäres Vergnügen.«

»Nächst der Musik kann nichts unseren ermüdeten Geist wieder so erfrischen, als ein Pfeifchen echt amerikanischen Krautes; wie in der Musik die Tonwellen, so sind es hier die Rauchwellen, die uns umfluten und all das Zerknitterte in uns wieder ausglätten. Wenn ich so leicht und geräuschlos einen vollen Zug aus der Pfeife tue, das ätherische Getränk eine Weile im Munde wiege, und es dann in einem leisen Strahl ausströmen lasse – das schmeichelt und kost mit Gaumen und Lippen, wie eine sanfte Melodie mit dem Ohre. Sie kennen gewiß auch den leidigen Einfluß jenes naßkalten, grau in grau sich malenden Wetters: jenes, ich möchte sagen, hornhautige Gefühl der Unbehaglichkeit, das sich dann über unser ganzes Wesen lagert, verscheuche ich am besten dadurch, daß ich mich in Tabakswolken hülle. Ich mache mich unabhängig vom Einfluß des Wetters, und wenn ich dem flüchtigen Spiele der Rauchstreifchen zusehe, gewinnt mein Geist an Expansivkraft, ich fühle mich so wonnig ruhig und abgeklärt.«

»Herrlich,« rief Olympia, »nun sehe ich Sie doch auch einmal enthusiasmiert.«

»Ich muß es werden, um Ihnen den Wert eines Dinges begreiflich zu machen, das Sie doch nicht selber erproben können.«

»Es ist jammerschade, daß Sie meinen Oheim Bonifazius nicht gekannt haben.«

»Laß doch die Toten in Ruhe,« sagte Cäcilie, die am Fenster sitzend in einem Buche las, »was willst du immer von dem seligen Oheim?«

»Es schadet nichts, wenn man ihm im anderen Leben ein bißchen Unruhe macht, er hat in diesem Leben zu viel Ruhe gehabt und war deshalb immer unwohl.«

Cäcilie antwortete nichts, aber im weiteren Verlaufe des Gesprächs entfernte sie sich unbemerkt in das Nebenzimmer.

»War Ihr Herr Oheim auch ein Priester des vestalischen Tabaksfeuers?« fragte Spinoza.

»Ich erinnere mich noch ganz genau einer Predigt, die er vor fünf Jahren in der Kirche zu St. Johann gehalten hat. Er war ein feuriger Eiferer gegen den Tabak in beiderlei Form: sie haben Nasen und riechen nicht – rief er mit dem Psalmisten von der Kanzel herab – sie haben Mäuler und schmecken nicht.«

»Reden nicht, sagt David,« berichtigte Spinoza, aber Olympia fuhr ungestört fort: »Sie opfern ihren Leib dem Moloch und dem Baal. Da räuchert ein jeder vom frühen Morgen seine Kalbs- und Ochsen- und Schafszunge, und aus seinem Maulschlot steigt der Dampf empor gleichwie der Duft eines Götzenopfers. Drum ist ihre Zunge lahm, wenn sie ein Ave-Maria beten sollen. Allstündlich kauen sie die Blätter von der Sündenpflanze, als ob es Himmelsmanna wäre, die da schmeckt wie Koriander in Honigseim; und über eine Weile pökeln sie ihre Nasen mit dem verruchten Kraut, das Beelzebub gesäet hat, drum können sie nicht mehr den lieblichen Weihrauchduft der Kirchen kosten. Wehe! Wehe über das Babel, über das Sodom und Gomorrha! Aber einst werden sie ihren gerechten Lohn finden, sie selber werden sein eine Beute der Flamme und werden lustig dampfen in der Hölle, dann wird sein Heulen und Zähneklappern! und die ihre Nasen gepökelt, werden eingesalzen zu dem Leviathan und den anderen Ungetieren in der Tiefe des Abgrunds. Der Herr bewahre euch vor solcher Strafe, Amen!«

»Brav!« rief Spinoza, »das Pathos steht Ihnen vortrefflich; Sie sind ja eine lebendige Bibelkonkordanz.«

»Danke schönstens,« sagte Olympia schelmisch. »Sind Sie auch mit mir der Ansicht, daß die Priester deshalb so gegen das Tabakschnupfen eifern, weil sie Ankyra fürchten?«

»Nicht ganz, denn ich glaube, daß man noch lange dieselben Dinge von den Kanzeln herab predigen wird, während die Domines selber zwischen jeder ihrer salbungsvollen Phrasen eine Prise Tabak aus der goldenen Dose nehmen, die auf der Brustwehr der Kanzel neben ihnen steht. Mein Peter Blyning sagte immer, wenn er Morgens nüchtern eine Prise nahm: das sei sein geistliches Frühstück.«

»Mir fällt etwas ein,« sagte Olympia, »kennen Sie die horrible Schrift des weisen Königs Salomo?«

»Ich kenne die Schriften Salomos alle, ich will doch aber nicht hoffen, daß Sie den ›Prediger‹ oder gar ›das Hohelied‹ horribel nennen, und es wie die alten Kirchenlehrer gern aus dem Kanon streichen wollten?«

»O nein, ich meine etwas ganz anderes; meinen Salomo lassen die Presbyterianer jetzt gewiß zur Strafe für seinen Prophetischen Eifer in der Hölle rauchen und braten; der wird Gesichter schneiden! Ich bin im Augenblicke wieder bei Ihnen, meine Herren.« Sie nahm das Licht vom Tische und ging trällernd fort.

»Ein wunderbar rätselhaftes Mädchen!« sagte Kerkering, als er im Finstern bei Spinoza saß, »sie ist so gelehrt, daß sie zehn Professoren in die Tasche steckt. Wenn ich sie so reden höre, komme ich mir – so – ich weiß nicht wie vor; ich schweig' dann lieber ganz still, und möcht' nur, daß sie immerfort spräche. Ich kann ihr die Stränge nicht halten, Sie sind der Mann für sie.«

»Sind Sie auch der Ansicht?« entgegnete Spinoza, und hier im Dunkeln ging dem Kerkering ein Licht auf.

»Das Volk, das im Finstern wandelt, sah ein großes Licht; wie steht mir das Pathos, Herr von Spinoza?« sagte Olympia mit einem großen Buche unter dem Arm eintretend. – »Ich bitte um Entschuldigung, ich bemerkte nicht, daß Cäcilie weggegangen war, sonst hätte ich Sie nicht im Dunkeln gelassen.«

»Mit Ihnen erscheint uns ein doppeltes Licht,« sagte Kerkering, vielleicht wollte er hiemit auch Spinoza seinen eben erhaltenen Aufschluß andeuten. Olympia dankte, und das Buch aufschlagend sagte sie: »Ich bilde mir etwas darauf ein, doch noch Ihre Lehrerin sein zu können. So wissen Sie denn, daß König Jakob I. von England der weise Salomo genannt wurde; hier ist seine horrible kanonische Schrift: De peccato mortali fumandi Nicotianam. Sind Sie zum Tode bereit, Herr von Spinoza?«

Sie las nun einige Stellen in dem Buche.

»Wenn das der fromme König geahnt hätte,« sagte Olympia, »daß heute ein Mann namens Oliver Cromwell über England herrschen wird, der die Bibel im Degenkorb trägt und doch den ganzen Tag die Todsünde des Zigarrenrauchens begeht! Es ist mir indes angenehm, daß ich doch endlich auch Ihre Liebhaberei erfahren habe.«

»Die kennen Sie schon länger,« erwiderte Spinoza, und Kerkering nickte, die Lippen aufeinander pressend, seinen Vermutungen Beifall zu.

»Sie tun der Musik schwer unrecht,« sagte Olympia, »wenn Sie sie mit Ihrer Liebhaberei vergleichen. Auch Ihr Cartesius erkannte, daß uns in der Musik ein schwer zu ergründendes Rätselreich gegeben ist; sein Buch compendium musices zog mich sehr an. Aber die Schöpfung der Musik und ihre Wirkung läßt sich nicht mit Zahlen einfangen und belegen. Und doch hat die Musik wieder Ähnlichkeit mit der Mathematik. Daß der Mensch die Zahl schuf, die in der Welt nicht da ist und die er nur bildete, und daß er die Musik schuf, zu der in der gegebenen Welt kein Anhalt da war –«

»Die Töne, die wir hören?«

»Die liegen weit ab. Daß der Mensch ein ganzes Reich unermeßlicher Empfindungen in Tönen schuf und bildete, das macht die Musik zu einem Wunder des Menschengeistes nicht minder als die Mathematik.«

»Die Musik bewegt sich in einem durch feste Begriffe unbestimmbaren Gebiete,« bemerkte Spinoza.

»Ach wie frostig klingt das. Wenn ich, die Augen schließend, gute Musik höre, kann ich mich am besten auf mich selbst besinnen, und Menschen und Verhältnisse und was sonst verworren, steht klar vor mir. Fassen Sie in einer Harmonie die Darstellung einer endlosen Reihe verbundener und sich bekämpfender Seelen auf, die eine klagt, seufzt und grollt, die andere jubelt, jauchzt, schmachtet und stürmt; bald vereinigen sie sich, und in unendlicher Mannigfaltigkeit sprechen sie alle denselben Gedanken aus, dann verstummen sie, die eine erwacht wieder, erhebt sich und stirbt leise und selig, eine Rotte macht sich wieder zusammen, tobt und braust, die anderen eilen herbei, die tote wird auferweckt, bis endlich der Friede über alle kömmt.«

»So sinnreich auch Ihre Deutung ist,« nahm Spinoza das Wort, »so bestätigt sie mir doch wieder, daß die Musik die Kunst der Affekte ist, und zwar bewegt sie sich in den Affekten als Elementen ohne eigentliches Objekt: Zorn und Schmerz und Freude, Haß und Liebe zeigen sich als elementarische Affekte ohne faßbare Gegenständlichkeit. Ich will solches Versenken nicht verwerfen, aber ich habe genug zu tun, die Affekte, die mir standhalten, zu erkennen und vielleicht dadurch zu bewältigen.«

»Und ich sage Ihnen,« erhob sich Olympia, »Ihre ganze Philosophie ist eine Philosophie der Musik. O, könnte ich's nur recht dartun, wie ich's fasse. Sie haben mir einst erklärt, wie die friedliche Menschengemeinschaft darauf beruht, daß jeglicher von seinem Naturrechte, nach dem man alles darf, was man kann, um der Gegenseitigkeit willen etwas abgeben muß, daß dadurch die Selbsterhaltung zur Erhaltung anderer wird. Sehen sie, das ist das Gesetz der musikalischen Harmonie. Ein Ton, für sich allein gestimmt, wäre ein ganz anderer scharf bestimmter; soll er aber übergehen in die Harmonie, muß er etwas von seinem Naturrechte abgeben, dann fließen die Töne zum Wohlklang ineinander, und einer erhält und erhebt sich und den anderen.«

Spinoza sah leuchtenden Auges auf Olympia. Wie wahrte sie seine Aussprüche und suchte sie in ihrem Denkkreise einzubürgern. Er hatte nicht Zeit, dem Gedanken nachzugehen, wie diese Darlegung auch auf ihr persönliches Verhältnis sich ausdehnen ließe, denn in seltsamer Abschweifung fuhr Olympia nach einer Pause fort: »Ich kann mich darüber ärgern, man hat in Ihrer Kunst so außerordentliche Fortschritte gemacht, man kann die Sterne dem Gesichtssinn ganz nahe bringen; warum hat man nicht auch Instrumente zur Verstärkung unseres Gehörsinns? Wie herrlich wäre es, wenn wir den himmlischen Sphärenklang, den Dante so göttlich schön beschreibt, vernehmen könnten.«

»Wenn man auch annimmt, daß sich die Sterne in rhythmischem Tone bewegen, so könnte es unserer Erkenntnis doch wenig nützen, sie zu hören.«

»Erkenntnis, zieht denn alles dahin? ist das Vergnügen an sich nicht auch wünschenswert? Sie müssen mir zugestehen, daß es keine regelmäßige Bewegung gibt ohne rhythmischen Ton; ich bin dadurch zu gar barocken Ansichten gekommen, die ich Ihnen mitteile, wenn Sie mir versprechen, mich nicht auslachen zu wollen.«

»Ich verspreche das, denn ich bin gierig, zu hören, was Ihnen gar so barock vorkommt.«

»Vor einem halben Jahre hat mir mein Vater erzählt, daß ein englischer Arzt, namens William Harvey, den Kreislauf des Blutes und seine Gesetze bestimmt habe; ich bin nun überzeugt, daß, so wie die Bewegung unseres Herzens einen Ton von sich gibt, den wir vernehmen können, so auch das Blut, das durch unsere Adern rollt, einen Ton von sich gibt, den wir aber nur höchst selten vernehmen. In gesunden Tagen sind wir buchstäblich eine vollkommene Harmonie, in kranken eine gestörte, verletzte. Ich sagte meinem Vater, daß, wenn uns die Ohren gellen, das gewiß ein Ton sei, der sich verstärkt losgerissen habe aus der sich bewegenden Harmonie; mein Vater behauptet: das sei akustische Täuschung, wenn wir so etwas zu hören meinen, aber ich kann mich nicht mit der Ansicht vereinigen. Sehen Sie, es liegt auch eine tiefe Wahrheit darin, wenn man sagt, daß man das Gras wolle wachsen hören; in der ganzen Natur ist eine gesetzmäßige Säftebewegung, und überall wo Bewegung, ist Ton und Klang. In den Sternen, im Innern der Erde und auf der Oberfläche ist ein ewiges Brausen, Tönen und Klingen. Musik ist die Seele des Alls, Musik ist unsere Seele; alles ist eine millionenstimmige Harmonie, und das den Menschen gegebene Wort ist ihre göttlichste Offenbarung.«

Das Antlitz Olympias wurde immer sonniger, und Spinoza sagte jetzt: »Sie sehen, ich lache nicht, es freut mich, daß Sie die Ansichten Ihres Vaters, an welche Sie so nahe streiften, glücklich umgangen sind. Ich will mir indes nicht so schnell ein Urteil über Ihre Ansichten erlauben.«

»Warum müssen denn der Menschen Neigungen zu den Dingen so verschieden sein, daß mir uns so schwer verständigen können?« fragte Olympia, und Spinoza erwiderte: »Damit wir nur in Sachen der klaren Erkenntnis einander zu überzeugen suchen; wo diese aufhört, beginnt die Verketzerungssucht. Sie haben in sich gewiß recht in Ihrer Auffassung der Musik und in der Liebe zu ihr, aber die Musik ist zugleich auch ein Beispiel, wie im Gebiete des Glaubens, der Phantasie, mit einem Worte, wo keine feste Bestimmung durch Denkbeweise hinreicht, sich leicht ein Fanatismus, eine Verketzerungssucht geltend macht. Man wird da immer leidenschaftlich, wo man eine gewisse Unmacht fühlt, man will zuletzt zu etwas äußerlich gewaltsam zwingen, was doch nur ein inneres Recht und eine innere Pflicht ist. Lassen Sie sich jetzt nicht verleiten, mich für einen musikalischen Ketzer zu halten und mich aus Ihrem Heiligtume zu verbannen.«

Kerkering nahm diese letzte Wendung rasch auf und bat Olympia, sich an ihre Orgel zu setzen; auch Spinoza äußerte den gleichen Wunsch, und es war eine Beruhigung und Erfrischung der im Denken bewegten Geister, den Tönen zu lauschen, die jetzt Olympia bald stürmend bald besänftigend aus der Orgel erklingen ließ.

Es war spät in der Nacht, als sich Spinoza und Kerkering entfernten. –

Es ließen sich wohl die Besonderheiten im Wesen der beiden Liebenden dahin deuten, daß Olympia in musikalisch schwelgerischer Versenkung sich ungebunden den Affekten hingab und darin die Freiheit des unbefangenen Seins empfand, während gerade die Aufgabe des Philosophen darin bestand, und die Natur Spinozas vorherrschend dahin neigte, unbeirrt von der stürmenden Gewalt der Affekte, nicht diese betäubende Kraft gelten zu lassen, sondern das stetige zu Grunde liegende ruhige Gesetz zu erkennen und inmitten aller Bestürmungen den Gleichmut zu bewahren, der ihm allein als Freiheit galt.

Eine äußerlich unscheinbare Eigenheit, die sich aber doch auf eine tiefere Naturanlage zurückführen ließe, darf man wohl auch darin erkennen, daß Olympia oft und oft mit den Augen zwinkerte, während Spinoza den Blick lange anhaltend offen hielt wie ein Kind.

Noch ist nicht ergründet, in welchem Bezuge solche Erscheinungen zur ganzen Tätigkeit und Bewegung des Denkens stehen. Darf man bei Olympia und Spinoza die Wahrnehmung darin finden, daß jene eine musikalische, in Anklängen momentan belebte, dieser eine stetige spekulative, oder wie es Oldenburg nannte, eine plastische Natur war?

Diese Verschiedenheit ihrer Naturen bildete immer wieder eine Anziehungskraft und Ergänzung. Ob im stetigen Gemeinleben diese Gegensätze sich allzeit so friedlich ausgleichen ließen, oder ob es in der Aufgabe des zu allgemeinem und unabhängigem Denken Berufenen liege, abgetrennt von jeder immerhin beengenden Gemeinschaft nur dem reinen Gedanken zu leben; diese Fragen wurden vorerst zurückgedrängt, denn Spinoza hatte in anderer Weise zu zeigen, inwieweit er bereits die Affekte beherrschte.

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