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Berthold Auerbach: Spinoza - Kapitel 19
Quellenangabe
typeautobio
authorBerthold Auerbach
titleSpinoza
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1871
firstpub1836
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070630
projectid9897ff64
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18. Küssen und Sterben

Cäcilie betete im offenen Nebenzimmer vor ihrem Kruzifix, Spinoza saß schweigend bei Olympia, ihre Hand ruhte neben der seinen, er wagte es nicht, sie zu fassen; still träumend und nachdenklich sahen die Liebenden einander an.

»Wenn ich so bis zu den höchsten himmlischen Seelengenüssen mich erhebe,« sagte Olympia, »so kenne ich nichts mehr als Sehnsucht nach dem Tode, jetzt, so hinweggetragen über alle kleinen Mühseligkeiten, jetzt möchte ich sterben, dem Höchsten nahe und innewohnend möchte ich in ihm aufgelöst werden.«

»Ehedem, als ich der religiösen Verzückungen noch fähig war, beschlich mich auch oft solche Sehnsucht nach dem Tode,« erwiderte Spinoza. »Man könnte vielleicht eine Deutung dieser Empfindung in der talmudischen Sage finden, daß Moses durch einen Kuß gestorben sei, indem Gott der Herr durch einen Kuß seine Seele wieder in sich zurückhauchte.«

Olympia war betroffen von dieser seltsamen Wendung. War dieser Geist immerdar versenkt in seine Forschungen oder wollte er mit solchem Hinweise einen heißen Wunsch seines Herzens verhüllen und doch wieder darlegen? Sonst war der Austausch ihrer Gedanken leicht von statten gegangen; jetzt saßen sie stumm da und wußten einander nichts zu sagen. Olympia sang noch auf den Wunsch Spinozas jenes Volkslied, bei dem er sie zum ersten Male überrascht hatte; den Schlußreim:

Ihr seid meine rechte Frauen
Mit keiner andern laß ich mich trauen,

sang sie mit so schmelzender Innigkeit, sie ließ die Töne der Orgel, mit denen sie ihren Gesang begleitete, so sanft ausklingend verhauchen, daß Spinoza die Ruhe, die sonst durch ihren Gesang über sein gärendes Innere gekommen war, schmerzlich vermißte; es ward ihm schwer, nicht an ihren Busen zu sinken und den sangesreichen Quell ihrer Lieder nicht mit einem Kusse zu versiegeln. Er mochte sich selbst nicht länger trauen, nahm seinen Hut und ging. Olympia ergriff das Licht und leuchtete ihm voran die Treppe hinab, sie sprachen keine Silbe; drunten reichte ihr Spinoza die Hand, sie legte ihren Lockenkopf sanft an seine Brust, er umschlang sie, ihr Herz pochte heftig an seiner Hand. »Liebe Olympia,« sagte er, »ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, lieben Sie mich nicht, ich bin es nicht wert.«

»Ich muß dich lieben,« sagte sie; »gebiete meinem Herzen, daß es zu schlagen aufhört; ich kann dich nicht lassen –« ihre Stimme zitterte, er drückte sie inniger an seine Brust, mit einem innigen Kusse hielten sie sich fest umschlungen. Er riß sich los aus ihrer Umarmung und stürmte fort; Olympia sprang trällernd die Treppe hinan und rief in munterem Tone: »Gute Nacht, Herr von Spinoza.«

Da stand er nun vor dem Hause, die Türe war hinter ihm zugeschlossen. In schwer aufatmender Müdigkeit wandelten sorgenvolle Ehepaare, die den Feierabend bei einer »Wandeling« in freier Luft genießen wollten, Liebende lustwandelten in raschem Schritt und unter lebendiger Wechselrede, Matrosen schlenderten heran und johlten und sangen lustig das holländische Volkslied:

»Nach Osterland will ich fahren,
Da wohnt mein süßes Lieb;
Über Berg' und über Tale,
Schier über die Heide,
Da wohnt mein süßes Lieb.

»Die Sonn' ist untergegangen;
Die Sterne blinken so klar;
Ich weiß, daß ich mit dem Liebchen,
Schier über die Heide,
In einem Baumgarten war.

»Der Garten ist geschlossen,
Und es kann niemand hinein,
Als nur die Nachtigallen,
Schier über die Heide,
Die fliegen von oben hinein.

»Man soll der Nachtigall binden
Den Kopf an die Füße um,
Damit sie nicht kann erzählen,
Schier über die Heide,
Was zwei süße Liebende tun.«

»›Und habt ihr mich auch gebunden.
Mein Herz ist nicht minder gesund;
So kann ich doch noch schwatzen,
Schier über die Heide,
Von zwei süßen Liebchen, todwund.‹«

Es war ein buntes Menschengewühl, Spinoza achtete kaum darauf. »Weiberherzen, ihr seid unergründlich!« sprach er zu sich. »Fühlte sie die unendliche Tiefe des Augenblickes nicht, oder war es ihr nur darum zu tun, mit dieser scheinbaren Gleichgültigkeit alles, was vorgegangen war, so rasch vor Cäcilie zu verbergen? Wie war ihr aber das möglich?«

Mit so aufgeregtem Geiste konnte er nicht nach Hause gehen, er ging auf die andere Seite der Straße und setzte sich auf die Treppe am Eingange der St. Olai Kapelle. Er schaute hinauf nach den erleuchteten Fenstern Olympias, oft sah er ihren Schatten vorüberschweben, bis endlich das Licht gelöscht wurde. Er schämte sich fast, hier wie ein verzauberter Ritter träumerisch nach den Fenstern der Geliebten zu schauen, und mußte innerlich lächeln, als ihm die Tessala einfiel.

»Ich kann dich nicht lassen, sagtest du, ich will, ich darf dich nicht lassen, erwidere ich dir; habe ich nicht deine keuschen reinen Lippen an meinen Mund gedrückt? Du bist mein, mein auf immer. – War nicht auch meine Mutter eine Moslemin und wendete sich zu unserem Glauben; müßte ich ein Mosleme bleiben, wenn ich in dem anderen Falle als solcher geboren wäre? – Aber dein Vater und deine Mutter liebten sich in unmittelbarer Notwendigkeit gleich vom ersten Anschauen, und du, findest du Olympia tadelfrei? Hast du nicht, durch ihre bizarre Laune geschmeichelt, dich in ein Verhältnis hineingeklügelt, das dir anfänglich so widerspruchsvoll war? – Die Liebe, die den Zweifel überwinden muß, ist größer und dauernder als jene andere, die wie vom Himmel herabgefallen: es ist die intellektuelle Liebe. Du wolltest dir ein Leben voll Entsagungen aufbauen, weg damit! sie liebt dich, und an ihrer Seite findest du Ruhm und Glück, Ehre und Genuß. Was gibt mir jene Genüsse zurück, die ich alle von mir lostrenne um der Wahrheit willen? – Die Wahrheit. – Aber muß ich ihr Sklave sein? Ich allein von so vielen Tausenden mich dazu verdammen, die mir eingeborenen Anrechte auf heiteren Lebensgenuß aufzugeben? Ich will die Wahrheit mit dem Feigenblatte der Legitimität bedecken, will doppelzüngige Worte wählen und den Aberglauben schonen; diene ich so der Wahrheit nicht noch mehr? – Du dienst ihr durch die Lüge. –! Nein, ich werde nie gegen meine Überzeugung sprechen, sondern diese nur in der Brust verschließen.–Und das katholische Glaubensbekenntnis? – Olympia liebt mich, muß ich sie nicht retten? Einst, in glücklicheren Zeiten, ja, da mag es anders sein, aber jetzt, ich muß der Zeit gehorchen. – Und dein Vater? und Geronimo? – Sie waren gläubige Juden, aber du?«

Solche Gedanken bewegten sich in dem Gemüte Spinozas, und das viertelstündlich wiederkehrende Glockenspiel in der stillen Nacht bildete eine eigentümliche Begleitung. Ihm maß sich das Leben nicht ab nach dem Ton von den Kirchtürmen.

Läßt sich eine andere Weise finden? ...

Er mußte lange hier gesessen haben, denn als gegen Mitternacht Maessen Blutzaufer und Flyns Arm in Arm, als zwei Mächte, die sich das Gleichgewicht halten, nach Hause taumelten, spotteten sie über den armen Sünder, der, statt zum Liebchen zu schlüpfen, hier in kühler Nacht auf hartem Steine hocke. Spinoza merkte nichts von allem, was um ihn her vorging; endlich stand er auf, und als er den Ort betrachtete, wo er so lange geweilt hatte, mußte er unwillkürlich lächeln: es war die Kirche, die nach dem Modell des Tempels zu Jerusalem gebaut war. »Schlafe sanft,« sprach es in ihm, als er zu Olympias Fenster hinaufblickte, »ich habe für dich gewacht, du sollst auf ewig an meiner Seite ruhen.« –

Die Glocken summten tief, brausender Orgelklang durchwogte das ganze Gebäude, eine zahllose Menschenmenge erfüllte die katholische Hauptkirche. Spinoza stand vor dem Altare zwischen dem Doktor van den Ende und seiner Tochter Olympia in bräutlichem Schmucke. Droben auf dem Empor stand der Vater Spinozas, seine Kleider waren zerrissen, sein Antlitz starr und unbewegt. Das Hochamt begann, Cäcilie und Olympia knieten nieder, Spinoza und van den Ende taten desgleichen. Chisdai und das Skelett des dicken Domine waren als Ministranten eingekleidet, Chisdai schwang den Weihrauchkessel, und so oft er das Zeichen des Kreuzes über seinem Gesichte machte, stolperten seine Finger über dem Höcker seiner Nase, und zweimal, als das Skelett diese Bewegung machte, verfingen sich seine fleischlosen Fingerknochen in der Höhle, wo einst die Nase gesessen hatte, und als es die Klingel läutete, klapperte sein dürres Gerippe wie leere Mohnköpfe, vom Winde zusammengeschlagen. Das Hochamt war zu Ende. Spinoza trat allein vor und kniete auf den Stufen des Presbyteriums vor dem Priester nieder. Er verfluchte die Mutter, aus deren Schoß er hervorgegangen, und den Vater, der ihn erzeugt hatte, weil sie ihn nicht von Geburt an in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche geführt hatten; ein Schmerzensschrei ward vom Empor vernommen, man trug einen Entseelten weg. Spinoza sprach das Glaubensbekenntnis mit leiser, nur dem Priester vernehmbarer Stimme, der Priester legte beide Hände auf das Haupt des Täuflings, segnete ihn leise und besprengte darauf seine Stirn dreimal mit Weihwasser: in jubelndem Tone fiel die Orgel ein. – –

»Baruch! Baruch! steht auf!« rief es jetzt... Es war nur ein Traum, Spinoza lag in seinem Bette, die alte Chaje stand mit einem Lichte vor ihm. Er griff sich über die Stirn, von welcher kalter Schweiß rann.

»Was gibt's?« fragte er.

»Euer Vater liegt – dem Stein sei's geklagt – im Verscheiden, die Mannen aus der Nachbarschaft sind alle schon unten.«

Baruch sprang hastig aus dem Bett, kleidete sich notdürftig an und rannte die Treppe hinab; es mußte schon schlimm sein mit seinem Vater, denn er hörte die Männer in lautem Chore rufen: »Höre Israel! der Ewige unser Gott ist ein einiger Gott.«

Als er in das Zimmer trat, sprach eben sein Vater den Schluß des Gebetes: »Gebieter der Welt! Herr des Vergebens und des Erbarmens, es sei deine Gnade, mein Gott und Gott meiner Väter, daß mein Andenken zu dem Thron deiner Herrlichkeit, zum Guten emporsteige! Siehe mein Elend, denn deines Zornes wegen ist nichts Gesundes mehr an meinem Körper und kein Frieden mehr in meinem Gebein meiner Sünde wegen. Und jetzt, Gott des Vergebens! schenke mir deine Gnade und geh nicht ins Gericht mit deinem Knechte. Ist aber meine Sterbenszeit da, so möge die Anerkennung meiner Einheit nicht aus deinem Munde weichen, wie in deiner Schrift geschrieben steht: Höre Israel, Gott unser Gott, Gott ist ein einiges, ewiges Wesen! ... Ich bekenne vor dir, Ewiger, mein Gott und Gott meiner Väter, Gott alles Geistes und alles Fleisches, daß meine Genesung und mein Tod in deiner Macht sind. Es sei deine Barmherzigkeit, daß du mich vollkommen genesen lassest und daß mein Andenken und mein Gebet zu dir hinaufsteige, wie das Gebet des Hiskiah in seiner Krankheit. Ist aber die Zeit meines Absterbens da, möge dann mein Tod die Versöhnung für alle meine Sünden, Vergehen und Missetaten sein, die ich vor dir gesündigt und begangen habe, von dem Tage meines Bestehens an. Gib mir mein Teil in Edens Garten und beglücke mich in der zukünftigen Welt, die für die Frommen aufbewahrt ist. Zeige mir den Weg des Lebens, sättige mich mit Freude vor deinem Antlitz, denn zu deiner Rechten ist Ewigkeit und Herrlichkeit. Gelobt seist du, Ewiger, Erhörer des Gebets ... In deine Hand, o Herr, empfehle ich meinen Geist, du erlösest mich, Ewiger, Gott der Wahrheit.«

Baruch setzte sich an das Bett seines Vaters, der immer mühsamer Atem holte; er faßte die Hand seines Sohnes, deren Fieberglut die kalte Totenhand nicht löschen konnte.

»Vater!« rief Baruch, mehr konnte er nicht sprechen.

»Bete für mich, mein Sohn,« sagte der Vater leise; immer lauter röchelte er, jetzt und jetzt, meinte man, müsse ihm der Atem ausgehen, alle Versammelten riefen unaufhörlich das: »Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einiger Gott,« Der Kranke betete mit, er richtete sein Auge gen Himmel und mit dem Worte »einig« hauchte er seinen Atem aus; seine Lippen preßten sich noch zusammen und öffneten sich wie zu einem Kusse – er war tot. Rabbi Saul Morteira öffnete ein Fenster, zum Zeichen, daß die Seele nun gen Himmel fährt, und alle Anwesenden sprachen: »Gelobt sei der wahrhaftige Richter.« Baruch sank am Bette seines Vaters auf den Boden nieder, er preßte die tote Hand an seine heiße Stirn: von drüben aus dem anderen Zimmer tönten die halb unterdrückten Klagen Miriams und Rebekkas herüber: die Anwesenden unterredeten sich mit leisem Geflüster und wollten eben weggehen. Da hörte man jemand mit starkem Gepolter die Treppe heraufspringen, die Tür wurde aufgerissen.

»Ist er tot?« fragte eine Stimme.

»Ruhig, still, Rabbi Chisdai,« antworteten die Anwesenden.

»Wehe, dreimal Wehe über dieses Haus!« rief Chisdai, »er allein hätte seinen Ben sorer umoreh noch retten können; ich hab's mit meinen eigenen Ohren gehört, er will Christ werden und eine Christin heiraten.«

»Wenn Ihr nicht augenblicklich geht,« antwortete Samuel Casseres, »und noch solch ein Wort gegen meinen Schwager sagt, werd' ich Euch den Weg weisen, es hat Euch niemand gerufen.«

»Ihr werdet mich rufen, und ich werde nicht kommen,« antwortete Chisdai, als er von den anderen mit fortgeschleppt wurde.

Benjamin von Spinoza hatte in seinem Testamente verordnet, daß man ihm seinen alten spanischen Degen zerbrochen mit ins Grab lege; die Rabbinen nahmen lange Anstand, dieser Verordnung, deren Bedeutung nur wenige errieten, Folge zu leisten. Spinoza mußte viele talmudische Autoritäten beibringen, um den Willen seines Vaters erfüllt zu sehen. Draußen auf dem Friedhof mußte er, der alten jüdischen Sitte gemäß, zu den Füßen seines Vaters niederknieen, Gott und seinen Vater für alles, was er gegen sie gesündigt, um Verzeihung bitten: darauf mußte er sein Gewand auf der linken Brust zerreißen, und als der Sarg eingesenkt war, mußte der Sohn zuerst hintreten und eine Handvoll Erde auf ihn werfen. Er tat dies mit schwankenden Schritten und zitternder Hand: Chisdai sprang hilfreich hinzu, um ihn zu unterstützen. –

Sieben Tage lang mußte Spinoza mit dem zerrissenen Kleide und ohne Schuhe auf dem Boden sitzen, und dreißig Tage durfte er seinen Bart nicht scheren lassen; aber sein Äußeres war dennoch nicht so wild und zerrissen als sein Inneres. Wie oft, wenn er, die Arme auf die Kniee gestemmt, sein Angesicht mit den Händen bedeckte, wie oft gedachte er da Olympias! Was sollte aus ihnen werden?

Zur höchsten Pein ward ihm ein Besuch Oldenburgs und Meyers, die gerade kamen, als er mit seinen Schwestern auf dem Boden saß und die Rabbinen nach ihrer Litanei vor den versammelten Gemeindegenossen eine Art von Seelenmesse für den Verstorbenen hielten.

Er dachte viel darüber nach, wie er ein freies und unabhängiges Leben sich aufbauen wollte. Sehnsucht nach Ruhe, nach beschaulichem Alleinsein regte sich oft wie ein unergründliches Heimweh des Geistes in ihm; er kam sich wie gefangen vor vom Geräusche der Welt und ihren Gewohnheiten. Und wieder sah er, wie sein ganzes bisheriges Leben von Gegensätzen bewegt war. Er wollte Einheit erringen. Ob er sie in der Vereinigung mit Olympia finden sollte – – es war ein schmerzlicher Trost, daß ihm der unmittelbare Widerspruch seines Vaters nicht mehr entgegenstand.

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