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Berthold Auerbach: Spinoza - Kapitel 12
Quellenangabe
typeautobio
authorBerthold Auerbach
titleSpinoza
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1871
firstpub1836
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070630
projectid9897ff64
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11. Ein neuer Mensch

Aus der lichten freundlichen Sphäre, wo er Benediktus genannt wurde, mußte er wieder hinüber in die düstere und abgeschiedene Umgebung, wo er Baruch hieß und als solcher handeln und denken sollte.

Warum ist der Name Benediktus wohllautender als der Name Baruch? Es ist nichts als Vorurteil der Weltkinder, denen die heilige Sprache fremd und mißtönend klingt. Und doch, ist diese Namengebung nicht ein Zeichen, fortan in Wort und Weise der gesamten denkenden Welt zu leben und zu denken? Ist es nicht tiefdeutig, daß die Erzväter Abram und Jakob ihre Namen änderten, nachdem eine neue Sendung an sie ergangen war? Darfst du aus der Bibel eine Begründung für dich schöpfen? Und immer die Bibel? ...

In solchen Erwägungen hatte Spinoza das Haus van den Endes verlassen. Der Familienname war geblieben und mit ihm die unlöslichen Beziehungen zu seiner Vergangenheit und Herkunft: innerhalb dieser und ihrer wartend ist es niemand gegeben, rein und frei dem Rufe eines Gedankens zu folgen. Die Krone, die er einst durch den Titel Rabbi empfangen, war von seinem Haupte genommen, eine zarte weihende Hand hatte seine Stirne berührt und ihm einen anderen Namen gegeben.

Unmittelbar von Olympia ging er in die Schule »Gesetzeskrone«. Es deuchte ihm wie Ironie, daß man hier in dieser Niedergedrücktheit mit Kronen prunke; alles erschien ihm so freudlos und trübe, noch weit mehr, als es eigentlich war. Noch klangen die munteren Scherze und die zarte Stimme Olympias in seiner Erinnerung wieder, die Litanei der hier zerstreut an den Tischen sitzenden Schüler verletzte wie schrillender Mißlaut sein Ohr. Er hatte sich in einen Winkel gesetzt, um ungestört über einem offenen Buche seinen Gedanken nachzuhängen, als Chisdai zu ihm kam, und ihn über den Sinn einer schwierigen Talmudstelle befragte. Baruch brauchte sich nicht lange darüber zu besinnen.

»Ich hab's schon längst gesagt,« begann Chisdai, »du wirst ein zweiter Simson an Geist und Kenntnissen; wenn man dich irgendwo nicht aus- und einlassen will, nimmst du das Tor samt Schloß und Riegel auf den Rücken und trägst es fort – aber ich bitte dich um Gottes und seiner Barmherzigkeit willen, laß dich nicht kirren durch die Delila, zu der du jetzt wandelst: ich selber habe sie nie gesehen, Gott bewahre! aber wie ich von den Leuten höre, ist sie nicht mehr jung und sie soll auch nicht schön sein.«

»Ich weiß nicht, was du willst, laß mich,« sagte Baruch unmutig.

»Was ich will?« entgegnete jener, »wie du dich doch verstellen kannst! Die Tochter des Arztes mein' ich nun, wie heißt sie doch? Ja, Olympia van den Ende, die soll ja so geschickt sein, daß sie sieben Sprachen spricht. Ich bitte dich, folge mir: wenn die drüben recht meinen, sie haben dich ganz und gar, mach's wie Simson, fang' die Füchse, bind' ihnen die Schwänze zusammen, zünd' sie an und jag' sie unter die reifen Kornfelder der Philister. Du verstehst mich doch, wie ich's mein'? Aber ich fürcht', ich fürcht', sie stechen dir – Gott bewahre – die Augen aus, nehmen dir deine Kraft und machen dich zum Gespötte.«

»Es ist schade,« antwortete Baruch, »daß du diese neue Anwendung der Geschichte Simsons auf Religionsstreitigkeiten nicht auf deine morgende Predigt verspart hast. Um es aber zum Schluß zu führen, will ich dir doch sagen, daß, wenn sie das, was du meinst, könnten oder wollten, ich auch den Mut hätte, wie Simson auszurufen: Meine Seele sterbe mit den Philistern! und auch danach zu handeln.«

Es war ihm ein peinliches Gefühl, denn es deuchte ihm wie Entweihung, den Namen Olympias hier von Chisdais Mund ausgesprochen und ihre holdselige Gestalt in diese trübe Umgebung hereingezerrt zu sehen. Seine Abneigung gegen Chisdai steigerte sich immer mehr, denn er sah deutlich, wie dieser allen Bewegungen seines Geistes nachzuspüren und ihre Wirkungen zu belauern trachtete; er mußte besondere Absichten dabei haben, da er selbst durch die ausgesuchteste Schroffheit nicht ferne zu halten war.

Chisdai hatte am Sabbat darauf die erste öffentliche Probe seines Rednertalents abgelegt. Der Versuch mißlang völlig.

»Ich war den Bewerbungen Chisdais um deine Schwester Miriam nicht abgeneigt,« sagte der Vater zu Baruch, als sie aus der Synagoge gingen, »Chisdai hat Vermögen und bekommt noch einst ein schönes dazu, er ist auch nicht so häßlich, und ich begreife nicht, wie die Miriam dazu kommt, daß sie sagt, sie habe einen unüberwindlichen Ekel vor ihm. Wie ich aber jetzt sehe, wird er der bedeutende Mann nicht, den man in ihm erwartet hat, und soll ich nun einmal nicht die Freude erleben, daß meine Tochter einen berühmten Schriftgelehrten zum Manne hat, so gebe ich sie lieber dem Samuel Casseres.« Baruch bejahte. »Ich glaube, es ist nun Zeit,« fuhr der Vater fort, »daß du dich endlich auch hören läßt; unserer ganzen Familie wird es einen Glanz geben. Ich möchte doch auch mit meinen alten Augen noch sehen, wie du da oben stehst, wer weiß, wie lang ich noch die Freude haben kann.«

Baruch antwortete nicht, ein gräßlicher Schwindel, glaubte er, müsse ihn packen, wenn er da oben stehe wie die anderen, die mit so entschiedener Zuversicht sprechen, als ob sie dem lieben Herrgott in die Karten geschaut hätten und genau wüßten, warum er diesen oder jenen Trumpf ausgespielt, und was er künftig ausspielen werde oder müsse.

»Was bist du so nachdenklich?« begann der Vater wieder, »ich glaube gar, du bist schüchtern; schäme dich, du warst doch sonst so mutig. Denkst du noch daran, wie du es als höchste Glückseligkeit gepriesen hast, da oben zu stehen und im lebendigen Worte den Geist Gottes auszugießen über die ganze Gemeinde?«

»Ich bin krank, ich fühle fast immer schweres Herzklopfen, du weißt ja, daß ich unlängst Blut gespieen habe.«

»Pah, pah, das sind Ausflüchte; ich habe schon mit unserem Chacham Aboab gesprochen, er will dir's gern erlauben, von heut über vierzehn Tagen zu predigen: ich will auch mit Silva, unserem Arzt, sprechen, wenn er's erlaubt, mußt du mir meinen Wunsch erfüllen, oder ich verzeihe dir's auf meinem Totenbette nicht.«

Was war hierauf zu erwidern? – Silva erlaubte es, und Baruch mußte sich auf seine Predigt vorbereiten. – Wer vermag all den widerstreitenden Gefühlen nachzuspüren, die ihn bei Abfassung dieses Sermons beschlichen? Wer möchte all die neckischen Gedanken zählen, die ihm folgten, wenn er zur Olympia ging und mit ihr die Darstellung von dem heiteren Lebensgenusse der Heiden las, wenn er sich an Oldenburgs lebemännischer Laune ergötzte, und dann wieder an Ausarbeitung seiner Predigt ging?

Der jugendliche Prediger hatte viele Bücher vor sich aufgeschlagen, um Beweisstellen, Gleichnisse und Fragen aus ihnen zu entnehmen. Seine Hand ruhte auf einem offenen Buche des Maimonides und sein Blick haftete an der Bücherreihe, die längs der Wand aufgestellt war. Da drinnen leben die Worte und Gedanken entschwundener Geister, gewiß haben auch sie gerungen, gezweifelt, getrauert und doch am Ende den Frieden wieder gefunden. Ist es nicht Frevelmut, ihr Leben und Lehren zum Wahn zu machen? Tausende waren weiser vor dir. Beuge deinen stolzen Sinn in Demut und du wirst wieder eingehen in die Gottseligkeit und du bist Erbe der Gottseligkeit, die die längst Dahingegangenen beglückte. Du willst es und du kannst es, du mußt. Wie willst du Kraft finden auf einsamen Wegen, wo niemand dir folgt, als dein eigenes Bewußtsein? Die Geister der Vorfahren steigen herauf und segnen dich und schließen dich in ihren Kreis....

Es gibt einen geschichtlichen Trost, der die wankende Strebekraft wieder wie mit einem wunderbaren Halt ausrüstet; längst entschwundene Kräfte helfen und stützen und richten empor.

Eine strahlende Begeisterung leuchtete aus dem Auge des Dreinschauenden und seine linke Hand legte sich auf die Brust, in die neue Ruhe einzog. Wird diese geschichtliche Tröstung und Entsagung, die das stürmende Drängen jetzt beschwichtigt, es immerdar zur Ruhe bringen, oder wird das Verlangen der Seele wieder erwachen, das nur aus sich selbst Befriedigung erheischt?

Der anberaumte Sabbat kam. Erwartungsvolle Stille herrschte in der ganzen Synagoge, als Baruch die Stufen des Altares hinanstieg. Welch ein Dämon zauberte ihm gerade jetzt das Bild Olympias vor die Seele, daß er sie mit neckischem Tone: Rabbi Baruch! Rabbi Baruch! spotten hörte? Die äußerste Kraft seines Willens strengte er an, um dieses Bild jetzt, an dieser Stelle, spurlos wegzutilgen. Leichenblaß stand er oben, er trocknete sich den kalten Schweiß von der Stirne, aller Augen waren auf ihn gerichtet, er begann mit bebender Stimme: »Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn in Wahrheit anrufen« (Ps. 145, 18). Er schilderte mit grellen Farben die Qualen des Zweiflers, der keinen Gott im Himmel, und keinen im Herzen hat. Er war zum zweiten Teil seiner Predigt übergegangen, wo er die Seligkeiten des allen Menschen eingebornen Glaubens pries; er schilderte jene Gottseligkeit, schon bei Lebzeiten versammelt zu sein zu seinen Vätern, einig mit ihnen im Erhalten und Weiterbauen des von ihnen gegründeten, darinnen die Kraft ihres irdischen Daseins ruht; seine Rede ward feuriger, seine Stimme erscholl mächtig, da fühlte er plötzlich eine heftige Beklemmung, er hielt inne und Blut floß aus seinem Munde in das schweißdurchnäßte Taschentuch.

Die Stille eines Friedhofes herrschte in der ganzen Versammlung, die Leute sahen einander an und schauten wieder mitleidsvoll auf den kranken Jüngling. Der Vater hatte schon den Mund geöffnet, um seinen Sohn zu bitten, herabzusteigen, als sich dieser wieder aufrichtete und mit einem kleinen Gebete schloß. Wie aus einem Munde rief die ganze Gemeinde: »Jejascher Coach!« (der Herr stärke deine Kraft), welches das in den Synagogen übliche Bravo ist.

Baruch und sein Vater verließen alsbald die Synagoge, als sie vor dem Stuhle Chisdais vorüberkamen, fragte dieser freundlich, ob er sie begleiten dürfe. Baruch dankte. Allerorten war der Unfall Baruchs Gegenstand des Sabbatgesprächs; alte Weiber und Überkluge wollten Gräßliches daraus prophezeien. Nur Chisdai, der sonst nicht lange auf sein Urteil warten ließ, zuckte die Achseln, wenn man ihn darüber fragte. Er hatte Ursache, sich nicht bestimmt auszusprechen.

Baruch durfte schon nach drei Tagen wieder das Bett verlassen. Er wollte zu Olympia gehen. »Du darfst mir dieses Haus nicht mehr betreten,« wehrte der Vater in offenbarem Mißmut. »Schöne Geschichten, die ich über den kleinen Doktor gehört habe. Das soll ja der leibhaftige Satan sein. Der Sohn des Indigohändlers Grönhof, der vor acht Tagen gestorben ist, hat noch vor seinem Tode gebeichtet: daß er bis jetzt gar keinen Glauben gehabt, der Doktor habe ihn dazu gebracht, er stifte eine ganze Sekte, ich hab' den Namen gewußt, ei wie heißt es doch? Nun, kurz und gut, du darfst mir seine Schwelle nicht mehr betreten.«

Baruch suchte seinen Vater zu anderen Ansichten zu bringen, dieser aber fuhr fort: »Und schlimmer als der Vater soll seine Tochter sein, die soll in sieben Sprachen dem Teufel ein Ohr wegschwatzen. Ich lasse mich von dem Gerede der Menschen nicht so leicht bestimmen, aber diese Dame soll ja von einem ganzen gelehrten Männerschwarm, der ihr huldigt, umgeben sein. Glaube mir, ich kenne die Welt besser als du; da wird gescherzt, gelacht, gesungen, mit Begeisterung disputiert, mit schön geputzten Empfindungen und in zierlichen Redewendungen getändelt. Ein reiner Sinn wie du findet darin nichts als die gepriesene freie Heiterkeit der klassischen Welt, ich hab' es auch so nennen hören; es ist aber genau betrachtet nur vermummte Leichtfertigkeit, die kein Gesetz und keine Schranke mehr kennen will. – Haben deine Eltern darum ihr schönes Heimatland verlassen, allen Glanz und allen Stolz von sich getan, sich begnügend, nur geduldet zu werden – damit nun die Kinder leichtfertiger Tändelei mit dem Heiligsten verfallen? Du kennst die Schriften unserer Religion besser als ich, in der Welt aber bin ich erfahrener; laß mich's nicht umsonst sein. Glaube mir, du wirst öde und verarmt sein, wenn du dich den lockenden Versuchungen der Welt hingibst. Bleibe du im stillen Tempel der heiligen Wissenschaften, freue dich, daß du ungestört darin leben kannst, wie du heute ja selbst laut verkündet hast.«

Die Stimme des Vaters war tief bewegt, wer weiß, wieviel Unausgesprochenes noch hinter diesen hastigen Worten lag; er hatte, in fremden Boden versetzt, früh gealtert, es schien, als ob noch ein Kummer in ihm waltete, daß das schöne Heimatland mit seiner stolzen Lust auf ewig entschwunden war, vielleicht klammerte er sich deshalb umso fester an die nun gewonnene Himmelsfreude und suchte den Sohn allein darin zu bergen.

Das Wesen des Vaters stellte sich als ein zwiefaches dar. Jene gehobene Empfindung, die ihn damals beseelte, als Baruch die rabbinische Würde erlangt hatte, war von religiöser Begeisterung und weltlichem Stolze gemischt. Es war an jenem Sabbate ein anderer, als an den Werkeltagen, er hatte noch immer mit Erinnerungen aus der Vergangenheit, zu kämpfen, und das umsomehr, seitdem ihm die Gattin entrissen war: er zwang sich allzeit und mehr als erforderlich schien, sich in die jetzige Lebensweise zu finden und äußere Not und Sorge beugte ihn tief. Er war ein Ausgewanderter, sein eigenes Herz war nie frei von dem Schmerze der Erinnerung an die Heimat; er hatte sie gelassen um des Glaubens willen und um den Kindern zu gewähren, daß sie dem Glauben frei dienen sollten. Nun mußte das auch sein. Um so eifriger wollte er darüber wachen, daß sein Sohn nicht gleich ihm durch fremde Erinnerungen in dem Frieden seines Lebens gestört werde. Der Jüngling, dem der Arzt jedes heftige Sprechen verwehrt hatte, suchte in leisem Tone und mit bedachtsam gemäßigten Worten den Vater über Olympia und deren Freunde eines anderen zu belehren: da klopfte es an und Oldenburg trat ein, ein Fremder folgte ihm. Oldenburg ging auf Baruch zu und reichte ihm die Hand.

»Das ist brav,« sagte er, »daß Sie sich noch nicht als Kandidat der Unterwelt einschreiben ließen; wir waren sehr besorgt, weil Sie gar nichts von sich hören ließen. Jufrow Olympia läßt Sie herzlich grüßen, sie behauptet schon seit längerer Zeit an Ihnen bemerkt zu haben, daß Sie unwohl seien. Erst auf Ihre Bitten war ich so frei, Sie zu besuchen; und weil wir glaubten, Sie seien schwerkrank, habe ich hier meinen Freund, den Doktor Ludwig Meyer, mitgebracht, der ohnedies schon längst wünschte, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Ja, ich hatte große Angst um meinen Sohn,« sagte der Vater, und Oldenburg verneigte sich gegen, den Sprechenden.

»Also Sie sind der Vater unseres jungen Philosophen? Waren Sie nicht vor kurzer Zeit bei mir wegen einer Anforderung an das Haus Trosten?«

»Ja.«

»Entschuldigen Sie, daß ich damals so einsilbig war, ich hatte gerade eine dringende Arbeit vor. Es tat mir leid, Ihnen das nicht gesagt zu haben. Ihre Sache blieb indes nicht vergessen, ich habe deshalb nach Bremen geschrieben und darauf angetragen, daß, wenn Sie nicht binnen vier Wochen bezahlt werden, Exekution eingelegt werde.«

»Ich danke für Ihre gütige Bemühung und für die Ehre, die Sie meinem Hause durch Ihren Besuch schenken.«

Oldenburg unterhielt sich nun eifrig mit dem Vater, und dieser sah sich zu seiner Überraschung von dem treuherzigen Wesen Oldenburgs gefangen genommen. Man kann fast sagen, das ganze Behaben Oldenburgs war in Ton und Charakter dem Ausdruck seiner Stimme entsprechend, voll und ruhig und vertrauenerweckend. Er erzählte dem Vater, daß Baruch der erste Jude sei, den er näher kennen gelernt habe, er bewundere nicht nur seine Geisteskraft und liebe seinen edlen Sinn, er sei ihm auch noch außerdem zu Dank verpflichtet, denn er habe ihn von einem Vorurteile bekehrt, das durch Jugenderziehung und Gewohnheit doch noch in ihm gelebt habe. Die ganze Gemütsinnigkeit Oldenburgs und seine bewundernde Liebe zu Baruch, die sich diesem nie in Worten kundgeben konnte, wurde jetzt dem Vater erschlossen und machte dessen Antlitz in Freude erleuchten. Das Herz des alten Spaniers fühlte sich erquickt durch die ritterliche Erscheinung Oldenburgs, die ihn anmutete wie eine Jugenderinnerung.

Meyer unterhielt sich während dessen mit Baruch über den Unfall vom letzten Sabbat.

»Sie hätten es unserem grobkörnigen und braven Doktor Luther nachtun sollen,«sagte der junge Arzt mit dem dunkelbraunen Gesichte und den feurigen schwarzen Augen.

»Wie machte es denn der?« fragte Baruch.

»Er sagte einst: wenn ich auf den Predigerstuhl steige, sehe ich keinen Menschen an, sondern denke, es seien eitel Klötze, die da vor mir stehen, und rede Gottes Wort dahin. In gewisser Beziehung, wie er es aber nicht gemeint hat, bin ich vollkommen mit ihm einverstanden. Sie müssen den Mann studieren, er hat eine ziemliche Portion Glauben, die mir fehlt, ist aber eine grundehrliche Natur; ich beschäftige mich viel mit ihm.«

»Das freut mich, daß Sie auch Theologika treiben.«

»Ich führe eigentlich ein Amphibienleben zwischen der Theologie und der Medizin.«

»Ja, Herr de Spinoza,« sagte Oldenburg, sich in das Gespräch mischend, »Meyer hat die Medizin zur Frau und die Theologie zur Geliebten, mit dem können Sie oft streiten, er kennt die Bibel auswendig.«

Der Vater begleitete Oldenburg und Meyer beim Weggange bis unter die Haustür, und es schien ihm nicht unlieb, daß Vorübergehende sahen, wer ihn besucht hatte. Noch strahlte die Freude auf seinem Angesicht, als er zu dem Sohn zurückgekehrt sagte: »Dieser Herr Oldenburg hält große Stücke auf dich. Ich weiß wohl zu unterscheiden zwischen vornehm herablassender Gönnerschaft und wahrhafter Treuherzigkeit. Du darfst dich wohl freuen, solch einen wackern biederen Mann zum Freunde zu haben.«

»Und doch soll ich ihn und seinen Lebenskreis fortan meiden?« fragte Baruch.

»Ich habe dich gewarnt,« schloß der Vater, »vor verdecktem Spiel; du hast klaren Blick genug, um solches nun zu durchschauen. Ich habe nichts dagegen, dich im Umgange mit Oldenburg zu wissen.«

Spinoza setzte seine Besuche bei Olympia unbehindert fort. Mit Oldenburg befreundete er sich stets näher, während er mit Meyer in eine geistige Wechselwirkung trat, die durch eifrige Studien jenen vertraulich kameradschaftlichen Charakter annahm, wie ihn in anderer Weise gemeinsame Reisen mit sich bringen, wo man beim Anschauen des Neuen und Fremden doch sich in trautem und liebgewonnenem Geleite weiß. Meyer war, wenn auch teilweise nur flüchtig, bekannt in den neuen Gebieten. Die Völkergeschichte, die eben jetzt mit neuem Eifer betriebenen Studien der Physik, vor allem aber die Cartesianische Philosophie, eröffnete ganz neue Regionen der Erkenntnis, in denen sich Spinoza mit dem Freunde heimisch machte.

Die Briefe und die »Abhandlung über den Menschen,« die aus dem Nachlasse des vor wenig Jahren verstorbenen Cartesius erschienen waren, machten seine Lehre gerade im Hinblick auf den kaum erst aus dem Leben Geschiedenen um so eindringlicher: denn es lag noch etwas vom Hauche des unmittelbaren Lebens darin, und selbst die Philosophie, die sich von allem unmittelbaren und zeitlich bedingenden loslösen will, hat eine schwer zu erforschende besondere Kraft in der Gegenwärtigkeit ihres Ursprungs. Besonders aber war es die Schrift »über die Methode« von Cartesius, die dem jungen Denker schnellen Einblick verschaffte, denn Cartesius knüpfte hier an seine eigene Entwicklungsgeschichte die Grundsätze des Denkens überhaupt und seiner Philosophie insbesondere, und eben diese Anlehnung an die Besonderheit erleichterte den Fortschritt zum Allgemeinen.

Das Wissen und Forschen unseres jungen Freundes war bisher nur an jene Grenzen gedrängt, die hier das Gewesene abschließen, dort die Marktscheide des Gebiets bezeichnen, das sich dem erloschenen Sinnenleben auftut. Jetzt war sein Geist auf die Regungen der bewegten Welt hingewendet. Die eigene Menschennatur und das weite Reich der vielgestaltigen Natur um uns her muß erkannt und in ihren Gesetzen begriffen werden.

Ist es nicht möglich, ja muß es sich nicht finden lassen, die Bewegungen der unwandelbaren Menschennatur unter gleichen stetigen Gesetzen zu erkennen, wie das Naturleben um uns her? Ist unser Wissen nur ein Wissen vom Toten, vom Toten vor uns und hinter uns, ist es nicht allein ein Wissen vom Leben? ...

Das waren Fragen, die unseren jungen Freund in seinen neuen Studien geleiteten: eine Ahnung regte sich in ihm, daß er einer der ersten sein sollte, die das Wissen vom Leben feststellen mußten.

Die Freunde staunten, da er einst in diesem Sinne darlegte, wie der zum bewußten und wahren Leben Erweckte wiederum alles aus der lebendigen Kraft in sich und um ihn her gewinnen müsse, und dahin den sonst unverständlichen Ausspruch Christi (Matthäi 8, 22) deutete: »Laß die Toten ihre Toten begraben.« In Denk- und Ausspruchsweise hatten die Darlegungen Spinozas etwas Weihevolles, Biblisches, und dieser Charakter wird unmittelbar dem Geiste, der sich wieder zum Urgrunde alles Lebens hindurchdringt, die ewigen Worte sind wiederum die seinen, wenn sie auch in neuer Art und mit teilweise neuem Inhalte wieder in ihm erstehen.

Sowohl Oldenburg als Meyer waren dabei oft überrascht von der »philosophischen Naivität« Spinozas, wie es ersterer bezeichnete, während Meyer es eine »geistig unbelegte Zunge« nannte. Es scheint ein Widerspruch darin zu liegen, von philosophischer Naivität zu reden, und doch läßt sich damit das eigentliche Grundwesen des freien Denkens, zumal wie es in Spinoza heraustrat, bestimmen. Er kannte und wollte in nichts eine gewohnte herkömmliche Anschauung, seine innerste Kraft war rein verblieben unter all der Lehre, die man auf ihn übertrug: in ursprünglicher unbefangener Weise erfaßte er die Dinge der Erscheinungswelt, wie die in ihm erzeugten Gedanken, als wäre er der erste, der die gegebene äußere Welt wie das innere Gedankenleben erfaßte.

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