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Berthold Auerbach: Spinoza - Kapitel 11
Quellenangabe
typeautobio
authorBerthold Auerbach
titleSpinoza
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1871
firstpub1836
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070630
projectid9897ff64
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10. Benedictus sit

So sollt' eine Jungfrau früh aufstehn
Und ihren Liebsten suchen gehn;
Sie sucht ihn unter den Linden
Und könnt' ihren Liebsten nicht finden.

So sang Olympia van den Ende, und sie jagte die langatmenden Töne ihrer kleinen Orgel mit mächtigem Gebrause durcheinander, als ihr Vater ins Zimmer trat.

»Du hast dich ja heute wieder ganz in deinen Liederhimmel verstiegen,« sagte er, »und weißt gar nichts von dem, was unten auf der unmusikalischen Welt vorgeht; schon vor einer Stunde sind wir an deinem Zimmer vorübergegangen. Hier habe ich endlich den vielbesprochenen Herrn de Spinoza mitgebracht; hiemit stelle ich Euch meine Tochter vor, sie ist beständiger Ministrant bei meinem heiligen Lehramte, Ihr müßt Euch in gutes Vernehmen mit ihr setzen.«

»Mein Vater hat mir, so oft er aus Eurem Hause kam, von Euch erzählt,« sagte Olympia, »und ich freue mich, endlich meinen Wunsch erfüllt zu sehen. So viel ich aber von Euch gehört habe, sehe ich doch jetzt, daß ich mir wieder eine falsche Vorstellung von Eurer persönlichen Erscheinung gemacht hatte. Sagt mir nun, Ihr seid ja ein Philosoph, darf ich das nicht als einen Beweis annehmen, daß alle unsere Vorstellungen von Dingen und Personen, die über unserer unmittelbaren Sphäre hinausliegen, unrichtig sind?«

Welch eine Begegnung war das, die ihm sogleich ein Problem entgegenwarf und ihn zum ersten Male einen Philosophen nannte?

Baruch schlug die Augen nieder, er glaubte das Forschen ihrer Blicke in seinen Gesichtszügen zu verspüren: er machte eine stumme Verbeugung, er wußte nicht, was er antworten sollte.

»An meiner Tochter findet Ihr eine halbe Philosophin, mit der Ihr viel disputieren könnt,« sagte der Arzt, um Baruch aus der Verlegenheit zu helfen; er aber wurde dessen nicht gewahr.

»Na hat mir Oldenburg heute ein anmutiges Lied geschickt,« sagte Olympia zu ihrem Vater, reichte ihm das Blatt und fuhr zu Baruch gewendet fort: »Sind Sie auch musikalisch, Herr von Spinoza?«

»Nein!«

»Aber Sie singen doch gewiß die Psalmen? Sie müssen mir einmal einen hebräischen Psalm singen, ich möchte doch auch hören, wie das lautet. Hat man noch die Melodien von König David?«

»Wir haben noch viel ältere, denn fast alle unsere Synagogenmelodien stammen nach der Tradition vom Berge Sinai; obgleich die Gebete erst viel später abgefaßt wurden, so gingen die Melodien einstweilen wortlos von Mund zu Munde.«

»Das ist ergötzlich, das wäre ja gerade, wie wenn Kleider ohne Leib spazieren gehen, oder ein Arsenal ohne Soldaten eine Schlacht liefern wollte.«

»Ich sprach bloß von der herkömmlichen Annahme,« antwortete Baruch.

»O, es ist doch eine schöne Tradition. Das muß herrlich gewesen sein,« fuhr Olympia fort, »das Rollen des Donners und das Schmettern der zahllosen Posaunen war ein grandioses Akkompagnement, bedeutend furioso, aber so mußte es sein; o singen Sie mir doch etwas aus dem Sinaioratorium, wenn's meine christlichen Ohren hören dürfen.«

Baruch entschuldigte sich, da er nicht singen könne; aber Olympia ward immer dringender, so daß Baruch vor Verlegenheit sich nicht zu helfen und zu raten wußte.

»Das ist ein musikalischer Fanatismus,« sagte van den Ende. »So warte doch, bis Herr von Spinoza von selbst dir die Skala seines Glaubens angibt; du bringst ja durch deine sonderbaren Launen jeden, der dich nicht kennt, in die peinlichste Verlegenheit.«

Olympia bat Baruch um Entschuldigung wegen ihres Ungestüms, sie sei eben in aufgeregter Stimmung, er solle nicht ungünstig von ihr urteilen. – Baruch ging nach kurzem Verweilen in nie gekannter Beklommenheit weg, er glaubte, Olympia habe ihn verspottet, und nicht sowohl ihn persönlich, als den Juden überhaupt. Diese Wahrnehmung verletzt den aus dem abgeschlossenen Lebenskreise Heraustretenden noch weit mehr und selbst dann noch, wenn er sich in Denken und Tun von der Genossenschaft getrennt weiß.

Das war sein erstes Zusammentreffen mit Olympia an jenem Tage, an welchem ihn van den Ende zuerst in sein Haus gebracht hatte. Seitdem war er ihr noch oft begegnet, hatte flüchtige Worte mit ihr gewechselt, sonst aber kümmerte er sich wenig um sie; er konnte mit Hiob sagen: »Ich hatte einen Bund geschlossen mit meinen Augen, auf daß ich nicht achtete auf eine Jungfrau« (Hiob 31, 1.). Nun aber war die Zeit gekommen, da er achten mußte auf eine Jungfrau, und da er mit gespannter Aufmerksamkeit auf jedes ihrer Worte lauschte. Der Arzt war verreist, und hatte die Fortsetzung des Unterrichts seiner Tochter übergeben; auch Baruch ward ihr Schüler.

Gleich ihrer Namensschwester Olympia Morata aus Ferrara, die im vergangenen Jahrhundert durch griechische und lateinische Dichtungen die Bewunderung ihrer Zeitgenossen erregt, war Olympia van den Ende in der klassischen Welt heimisch, neigte aber mehr zu gelehrten Forschungen, so daß sie es hätte wohl erreichen können, mit dem philosophischen Doktorhut gekrönt zu werden; aber sie wußte, daß das schwarze Samthäubchen, mit den seinen Brüßler Spitzen eingerändert, zu der Fülle ihrer blonden Locken und der Lilienweiße ihrer Haut weit besser kleide, als der rotsamtene spitze Doktorhut. Tullia, Ciceros eigene Tochter, hätte die Briefe, die ihr schönrednerischer Vater an sie gerichtet, nicht in eleganterem Latein beantwortet, als die Tochter des Amsterdamer Arztes. Darum trug auch ihre zarte weiße Hand sehr häufig Spuren gelehrter Tinte, denn sie übte bei ihren Schülern ein scharfes Zensorenamt gegen jegliche Ausdrucksweise, die sich nicht das römische Bürgerrecht erworben hatte; darum zog sich ihre schneeweiße glatte Stirn in Falten, wenn ihr Barbarismen vorkamen, ihr helles blaues Auge leuchtete freundlich, und ihr Mund, der sonst einen gewissen Ausdruck der Herbheit hatte, lächelte mild und einnehmend, wenn sie bemerkte, daß ihre Schüler in den lateinischen Versen keine Masche hatten fallen lassen.

Mißmutig saß Baruch die ersten Stunden vor seiner Lehrerin, die an dem Periodenbau des Curtius in der Geschichte Alexanders die Feinheiten der lateinischen Syntax demonstrierte. Olympia ärgerte sich über den linkischen Juden, der mit der augenscheinlichsten Befangenheit auf jede ihrer Fragen antwortete; sie stand auf und ging nachdenklich das Zimmer auf und ab. Baruch betrachtete die hohe schlanke Gestalt mit dem majestätischen Gange, und statt den Kriegszügen Alexanders zu folgen, forschte er in den Zügen Olympias, deren Syntax von schwärmerischer Gutmütigkeit und herber Schärfe des Verstandes er ebensowenig entziffern konnte, als die verschlungenen Perioden des Curtius. Der Unterricht war hier anfangs fast wieder ebenso unerquicklich, wie bei dem alten Magister Nigritius, denn Baruch hatte sich seit seinem ersten Zusammentreffen nur mit innerem Mißbehagen Olympien genähert. Diese aber verstand es bald, Beziehungen zwischen ihren so verschiedenen Geistesrichtungen aufzufinden, die Baruch ihren Umgang immer angenehmer machten. Er war wieder so glücklich, daß von allem mehr als von lateinischer Grammatik die Rede war. Er sprach mit Olympia über die in der Geschichte waltenden Gesetze, über Menschen- und Staatengeschicke; sie fand die Ideen Baruchs hierüber höchst eigentümlich, ja oft seltsam, denn er war gewohnt, alles gewissermaßen vom Standpunkte der jüdischen Geschichte aus zu betrachten und nach seinen Beziehungen zu dieser zu beurteilen. Hieraus ergab sich für Olympia oft die ergötzlichste Wendung, aber alles, was Baruch mit ihr sprach, war so ungewöhnlich, bezeugte eine so tiefe innerliche Rührigkeit, daß Olympia sich die Pflichtvergessenheit zu Schulden kommen ließ, den Unterricht mehr als billig hintanzusetzen. Bis zu den entferntesten Zonen und Zeiten stieg der Geist beider hinan, und dort fanden sie sich wieder, denn beide beseelte der gleiche Drang zum Ursprung des Weltgeschicks und des Weltdaseins hinanzudringen. – Mit Sehnsucht harrte Baruch von nun an jedesmal der Unterrichtsstunde, und er machte sich schon lange vor dem Glockenschlage auf den Weg; es war nicht selten, daß dann gerade Olympia aus dem Fenster sah und ihn schon von fern freundlich grüßte.

Sie hatten eines Tages im achten Kapitel des siebenten Buches jene bekannte Rede der szythischen Gesandten an Alexander gelesen. Olympia bemerkte: »Es ist charakteristisch, daß Valerius Maximus erzählt: Aristarchus habe einst zu dem Könige gesagt, es gebe nach Demokrit zahllose Welten. Wehe! rief der König aus, ich Unglücklicher habe noch nicht einmal eine erobert.«

»Im Talmud finden sich auch die abenteuerlichsten Legenden über den ›makedonischen Alexander‹, dem die Welt zu enge war,« entgegnete Baruch.

»O erzählen Sie, erzählen Sie,« bat Olympia, »Solche Blumen, die in der heißen Glut des Orients üppig aufgeschossen sind, die liebe ich sehr.«

Es klopfte an, Olympia rief: »herein!« Ein großer stattlicher Mann mit einem feingeschnittenen Prosit trat in das Zimmer. Mit ruhigem Anstand näherte er sich Olympien, ergriff ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. »Ich freue mich,« sagte er, »diese Hand küssen zu dürfen, die das Plektrum wie den Griffel der Geschichte mit gleicher Kunst führt, und schon so manchem den Weg nach Attikas und Latiums herrlichen Gefilden gezeigt hat.«

»Es wäre schade, wenn Sie nicht in die diplomatische Laufbahn geraten wären,« entgegnete Olympia.

»Sonst könnte ich auch nicht das Vergnügen haben, Ihnen zu sagen, daß heute die Nachricht einging, Ihr Günstling, der fromme General Oliver Cromwell, sei von der Armee zum Lordprotektor Englands ernannt worden. Er hat das Parlament nicht umsonst mit der hohen rednerischen Formel: ihr Trunkenbolde! auseinandergejagt.«

»Lachen Sie immerhin über sein Rednertalent, er ist kein Demosthenes,« sagte Olympia, »aber ein starker Charakter mit tiefdringendem Scharfblick: es freut mich, daß er so hoch gestiegen ist. Doch, wie sieht's bei uns aus? Können Sie mir nicht sagen, ob jetzt bestimmte Nachrichten eingegangen sind, wie viele Menschen bei dem letzten Sturme verunglückt sind?«

»Nein! Aber da hat sich der Humor wieder ins Tragische gemischt. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, daß meine niedersächsische Heimat in Lebensgewohnheit und Denkweise auffallende Ähnlichkeit mit Ihrem Vaterlande hat; in einem aber sind sie grundverschieden, und das ist ihr Verhältnis zu den Juden. In meiner frommen Vaterstadt hätte man's nie geduldet, daß die Kinder Abrahams ein Schiff ausrüsten, um es mit dem Namen ›Der Jude‹ in See stechen zu lassen: ist die Nordsee nicht ein christliches Meer? Darum hat die See auch den Juden zuerst verschluckt. Ich habe heute morgen von meinem Fenster aus zugehört, wie ein alter Matrose seinem Kameraden das ganze Unglück aus der Gemeinschaft mit den Juden ableitete.«

Baruch war, sobald der Fremde eingetreten, aufgestanden, er hatte sein Buch unter den Arm genommen und wollte sich bei Olympia verabschieden; schon zweimal hatte er den Ansatz zu einer Verbeugung gemacht, aber immer war er des Fremden wegen unbemerkt geblieben, er trat jetzt vor, aber der Fremde stellte sich wieder zwischen ihn und Olympia.

»Ich muß Ihnen doch auch noch erklären,« fuhr der Fremde fort, »warum ich zu so ungewöhnlicher Stunde zu Ihnen komme. Sie gehen doch gewiß heute abend in die Rederykers Kamer; ich wollte Sie darauf aufmerksam machen, vorher in den botanischen Garten zu gehen, Sie sehen dort, was Sie vielleicht noch nie gesehen haben: einen blühenden Palmbaum; es sind Blumen daran, so groß, daß zehn ganze Elfenfamilien bequem darin wohnen könnten.«

Hier trat wieder eine Pause ein, und endlich gelang es Baruch, eine Verbeugung vor Olympien zu machen und einige Worte herauszustottern.

»Sie dürfen noch nicht gehen, Herr von Spinoza,« sagte diese, »Sie müssen mir noch die Legende erzählen, und wenn ich dann die Lilien des Südens in Augenschein nehme, kann ich Ihnen auch etwas von Ihrem Heimatlande erzählen.«

»Der Matrosenglaube könnte der richtige sein, ich will mich daher lieber entfernen,« sagte Baruch mit einem Seitenblicke auf den Fremden.

»Ah!« sagte dieser aufstehend, »mein alter Freund Kaspar Barläus hatte doch recht, er hatte viel Umgang mit Juden gehabt und war eher vorurteilsvoll für sie eingenommen, weil er sie alle für geistreich hielt; über einen ihrer Fehler hat er sich aber oft beklagt, es ist die Empfindlichkeit; der unschuldigste Blick, der harmloseste Scherz wird von ihnen als Spott mißdeutet. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß es nicht im entferntesten meine Absicht war, zu beleidigen, und Jufrow Olympia kann mir meine unchristlichen Gesinnungen in Bezug auf die Juden bezeugen.«

»Ja,« sagte diese, »und ich bin eigentlich schuld an der ganzen Verwirrung, da ich Sie nicht vorgestellt habe; Herrn de Spinoza kennen Sie nun, und das ist Herr Oldenburg, so ein Stück von der Bremer Gesandtschaft. Ich bitte, erzählen Sie nun die Legende, sonst sehe ich mich als Ursache eines Mißverhältnisses an, das mich sehr betrüben würde.« Baruch sträubte sich.

»Ich will Ihnen eine Lehre geben,« sagte Oldenburg, »prägen Sie sich ein, daß Jufrow Olympia täglich betet: Mein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden. Darum erzählen Sie nur frischweg, Sie müßten am Ende doch.«

Baruch erzählte nun die bekannte Legende, wie Alexander bis zum Eingange des Edens mit seinem Heere vorgedrungen war; Oldenburg erzählte dann aus den alten Gedichten des Pfaffen Lamprecht und Ulrichs von Eschenbach jene bunten Sagen, mit denen der deutsche Dichtergeist die Großtaten Alexanders verklärt hat. Im Meinungsaustausch über den größten Helden des Altertums, der zwar keinen Homer gefunden, dem aber der Dichtergenius aller Völker im Orient und Okzident die farbigsten Blüten geboten, schwand den dreien eine schöne Stunde dahin. Der Fremde und Olympia sahen staunend auf Baruch, als dieser mit der gelassensten Ruhe und Bestimmtheit die Furcht als die einzige Ursache bezeichnete, aus welcher der Aberglaube entsteht und besteht: Alexander stelle sich hiefür als auffälliges Beispiel dar, denn so oft ihn die Ungunst der Verhältnisse in Schrecken versetzt, habe er Opfer und allerlei Aberglauben zu Hilfe gerufen. Wie nun Baruch die betreffenden Stellen bei Curtius aus Buch 4, Kap. 10 und wieder aus Buch 5, Kap. 4 u. s. w. rasch zusammenfügte, erkannten die beiden Hörer, daß hier ein eigentümlicher Geist mit neuer Betrachtungsweise die Vergangenheit durchforschte.

Oldenburg kam fortan öfter, wenn er wußte, daß Baruch bei Olympia zu treffen war, und diese freute sich, da sie sah, wie die beiden jungen Männer sich täglich mehr befreundeten. Sie fand einen gerechten Stolz darin, die Mittlerin zwischen so ungleichartigen Persönlichkeiten zu sein, und sie verstand es stets, Beziehungen zwischen der reichen Welterfahrung und Belesenheit Oldenburgs und dem tiefen Forschergeiste Baruchs zu Tage zu fördern. Neben den einnehmenden Eigenschaften eines feinen Weltmannes besaß Oldenburg noch einen Vorzug, der zwar selten beachtet wird, der aber, ohne daß mir es wissen, häufig den bedeutungsvollen Eindruck des ersten Bekanntwerdens bestimmt: es ist dies eine klangvolle, aller Modulationen fähige Stimme. Alles, was Oldenburg sprach, gewann durch diesen Wohllaut eine Fülle und Rundung, die unmittelbar und unwillkürlich für ihn einnehmen mußte. Baruch und Oldenburg waren Freunde, ohne daß sie es einander sagten.

»Sie haben nun bald den lateinischen Kursus beendet,« sagte eines Tages Olympia zu Baruch, »wie wär's, wenn Sie zum Ersatz mich in der hebräischen Sprache unterrichteten?«

»Ich empfehle Ihnen dann die Polyglotte des Kirchenvaters Origenes,« sagte Oldenburg lachend, »da können Sie herüber und hinüber springen von einer Sprache in die andere, wie's Ihrem unruhigen Geiste beliebt. Wenden Sie sich an mich, ich verschaffe Ihnen dann den Lehrstuhl des Casaubonus oder des Skaliger. Ich sehe schon, wie die Studiosi ins Kolleg strömen, denn die hochgelahrte Olympia van den Ende exegesiert das Hohe Lied in der Ursprache.«

»Bedenken Sie,« setzte Baruch hinzu, »es ist die heilige Sprache, die Sie lernen wollen,«

»Sind Sie denn ein Heiliger?« entgegnete die Gereizte; »Sie haben ja gewiß einen hebräischen Namen, wie heißt er?«

»Baruch.«

»Bahruch?« wiederholte Olympia, die sich vor Lachen kaum halten konnte, »Bahruch, hu! es wird mir ganz angst und bange, das klingt ja wie Geisterruf! der Name paßte nur für das lugubre in der Musik, ich würde ihn immer aus F-moll begleiten, hören Sie, so,« Sie ging an ihre Orgel und sang immer Bahruhch! und begleitete ihren Gesang mit den düstersten Tönen, »Ums Himmels willen, den Namen müssen Sie aufgeben, sonst kann's Ihnen schlimm gehen,« fuhr sie fort. »Ich hatte eine gute Freundin, deren Geliebter Balthasar Prompronius hieß, die war sehr unglücklich. Lieber Balthasar! nein, das geht nicht, das kann kein fühlendes Wesen sagen, das will ja gar nicht aus dem Mund heraus und zerreißt ja das Ohr: meine Freundin war sehr unglücklich, sie sagte immer nur: Lieber! und meinte schließlich einen anderen damit. Der abgeschmackte Name war viel an ihrem Unglück schuld, das ist mein fester Glaube.«

»Sie sind also doch nicht so ungläubig, wie Sie sich geben,« sagte Baruch.

»Bahruhch,« wiederholte Olympia immer, und sammelte den ganzen Umfang ihrer tiefsten Töne, um alles Unheimliche in den Namen zu legen. »Bahruhch! nein, das geht nicht, es ist mir um Ihre künftige Frau, geben Sie acht, daß es ihr nicht geht wie meiner armen Mathilde; darum folgen Sie meinem Rat und nehmen Sie einen anderen Namen an. Hat denn das Uhugekrächz eine Bedeutung?«

»O ja, es bedeutet: Gesegneter.«

»Bravo! herrlich!« jauchzte Olympia und schlug freudig die Hände zusammen, »also Benediktus? das ist ja ein herrlicher Name. Wenn Sie Papst werden, so sind Sie jetzt gerade der XIV., fünfundsiebenzig Jahre nach Ihrem Tode werden Sie kanonisiert und man wallfahrtet zum wundertätigen Grabe des St. Benediktus; ›lieber Benediktus‹ hören Sie nur, wie weich und innig das klingt, aber Bahruch, brr! geben Sie mir Ihre Hand, und versprechen Sie mir, fortan den Namen Benediktus zu führen. Sie sind ja ein Gelehrter, darum müssen Sie auch einen lateinischen Namen haben; Sie werden einst großen Ruhm erwerben, und dann habe ich doch auch einen Namen auf die Nachwelt gebracht. Man muß auch seinem Gegner nicht alle Gelegenheit zum Witz abschneiden. Ich sehe schon, wie ein Anathema gegen Sie damit beginnt: Benedictus est Spinoza quem rectius maledictum dixeris. Der Gebenedeite wird Spinoza genannt, er sollte richtiger der Vermaledeite heißen. Die Römer haben aus der Stadt Malevent in Unteritalien Benevent gemacht, und der wohlweise Magister, der Sie auf diese Weise so witzig umtauft, hat gewissermaßen nur ein Plagiat begangen; ich sehe ihn aber doch vor mir, wie er sich das Kinn streichelt, das schwarze Käppchen aus der gelahrten Stirn rückt und zufrieden darüber schmunzelt, daß er Sie mit einem Worte gebrandmarkt. Ach! und das große Verdienst wird nicht anerkannt, ich bin die Urheberin solcher sublimen Einfälle, ohne mich hießen Sie ewig Baruch, darüber könnte Aristophanes selber nur lachen, aber keinen Witz machen.«

So sprach Olympia, alle Gegengründe und Einsprüche Baruchs blieben fruchtlos.

»Wenn Sie nicht gutwillig meinem Rate folgen,« fuhr Olympia fort, »so nenne ich Sie von dieser Stunde an nie mehr anders, als Rabbi Bahruhch, ja, ich kaufe mir einen Papagei, dem will ich die Worte: Rabbi Bahruhch so oft vorsagen, bis er sie ganz geläufig nachspricht, ich hänge ihn unter das Fenster, und wenn Sie gegen das Haus kommen, soll er Ihnen immer zurufen: Rabbi Bahruhch! Rabbi Bahruhch! Ich sehe schon, wie die Leute vor dem Haus stehen bleiben und sehen wollen, wie denn das Individuum aussieht, das einen Namen hat, der wie Rabengekrächze lautet. Ich frage Sie nun zum letzten Male, wollen Sie meinem Rate folgen?«

»Sagte ich Ihnen nicht gleich am ersten Tage als wir uns sahen,« sprach Oldenburg, »Jufrow Olympia ist der jungfraugewordene Eigensinn? Gehorchen Sie nur ohne Zögern. Sie werden sich doch nicht ausgesuchten Qualen aussetzen?«

Baruch willigte ein und reichte Olympia die Hand; sie drückte sie warm.

»Setzen Sie sich,« sagte sie, »und Sie, Herr Oldenburg, treten Sie hieher, Sie sollen Taufzeuge sein.« Sie legte nun ihre beiden Hände auf das Haupt Baruchs und sprach: »Im Namen des Aristoteles, Bacon und Cartesius gebe ich dir den Namen Benediktus; auf daß der Name groß werde und daure für und für, und stets, wenn du deinen Namen schreibest, so gedenke ihrer, von der das Wort ausging. Benedicite! In saecula saeculorum, Amen!« Die Schlußworte sang sie in feierlichem Kirchentone. »Hab' ich's recht gemacht?« fragte sie dann, indem sie ihre Hände aufhob und wie unwillkürlich mit der Rechten über die Wange Benedikts streifte.

»So brav,« sagte Oldenburg, »daß, wenn Sie meinen Namen Heinrich – oder Hendrik, wie er hier zu Lande heißt – unmusikalisch finden sollten, ich mir auch noch einen anderen von Ihnen geben lasse, ohne zu fürchten, daß man uns der Blasphemie beschuldigen wird. Ich möchte gar zu gern erfahren, wie es einem zu Mute ist unter Ihrer segnenden Hand.«

Olympia errötete, fuhr sich aber mit der Hand über die Stirn, um ihre Betroffenheit zu verbergen.

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