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Berthold Auerbach: Spinoza - Kapitel 10
Quellenangabe
typeautobio
authorBerthold Auerbach
titleSpinoza
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1871
firstpub1836
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070630
projectid9897ff64
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9. Der Luzianist

Ein neues Denken, das erfuhr Baruch jetzt an sich selbst, verändert nicht alsbald das gewohnte Leben; man muß von manchem noch Abschied nehmen und die Trennung wird schwer, denn im Scheiden drängt sich nochmals mit lebendiger Kraft das Bewußtsein auf, wie traut und fest die Gewohnheit war.

Baruch hatte am letzten Versöhnungstage mit zerknirschter Seele gebetet: »Herr! Gott! laß mich sterben, ehe ich werde der Sünder oder Gottlosen einer.« Er blieb aber am Leben und verlor noch dazu seinen treuesten Freund, der ihm in jeder Fahr und Not beigestanden hatte. – Dreimal des Tages in der Synagoge, und außer derselben, wenn er ein Glas Wasser trank, einen Apfel oder ein Stück Brot genoß, wenn er sein Studium begann oder endete, bei jedem Genuß und jedem Ereignis, stets hatte er das vorgeschriebene entsprechende Gebet verrichtet; und des Nachts, wenn er einsam im Bette lag, sprach er das alphabetisch gesetzte Sündenregister und schlug sich bei jedem Worte reuevoll auf die Brust: drauf schlief er ruhig und heiter bis zum anderen Morgen. Hier aber, in nächtiger Stille, schlich der Zweifel auf leisen Socken zu ihm heran und raunte ihm ins Ohr: was zerhämmerst du deine Brust über Dinge, die du nie begangen? Hast du je geraubt, gestohlen, mutwillig gesündigt, geflissentlich jemand falschen Rat erteilt, wie hier in dem Küchenzettel der Hölle verzeichnet ist? – Er tat Einsprache: dies Gebet ist nicht für mich allein, ich bete für ganz Israel, ja, für die ganze Menschheit um Vergebung ihrer Sünden. – »Was andere durch die Tat verbrochen, willst du durch dein Wort gut machen?« entgegnete es ihm. Er brach mitten im Gebete ab und schlief ruhig ein. »Wenn du betest, so zweifle nicht,« sagte der weise Jesus Sirach; wie aber gebietet man den Zweifeln? Und als Baruch in der Synagoge stand und vor ihm aufgeschlagen war das tägliche Frühgebet, da trat der Versucher abermals zu ihm und sprach: hast du dich wieder mit dem Glockenschlage eingefunden? Wie magst du nur die von David oder anderen Männern in ihrer Bedrängnis ausgestoßenen Worte dir in den Mund legen lassen? Sollen deine eigensten religiösen Gefühle erst durch fremdes Machtwort hervorgerufen werden? – Er faßte den Entschluß, fortan nur in selbstgewählter Form und wenn ein unbezwingbarer Drang ihn dazu nötigte, zu beten. Das geschah lange nicht, und als es geschah, ward er inne, daß er durch die lange Unterbrechung außer Zusammenhang mit seinem Schöpfer gesetzt sei; er fand ihn nicht so bald wie sonst. Was braucht es der Worte, sprach er dann zu sich, der Gedanke muß genügen, wenn Gott allwissend ist ... wenn er ist – Wehe! er konnte nicht mehr beten.

Das fühlte er jetzt noch beschwerender, als er an dem Krankenbette seines ächzenden Vaters saß; tiefe Seufzer entstiegen seiner beklommenen Brust, Tränen brannten in seinen Augen, er konnte nicht mehr weinen.

»Beruhige dich, mein Sohn,« sagte der Vater, »vertraue auf den Allgütigen, er wird helfen.« Er wußte nicht, daß diese Worte gleich zweischneidigen Dolchen das Herz seines Sohnes durchwühlten. Keines Gedankens mehr fähig, saß dieser kalt und stumm da. Der politische Chirurgus Flyns pfiff im Nebenzimmer die Melodie des Liedes »Wilhelms van Nassawe« und strich Pflaster dabei; der Vater hielt die kalte Hand seines Sohnes und ächzte unaufhörlich. Der Oranier draußen schwieg plötzlich, Miriam öffnete die Türe, und Salomon de Silva, von einem fremden Manne geleitet, trat ein; der Chirurgus folgte ihnen mit Pflaster und Etui. »Ich kann die Sache nicht allein über mich nehmen,« begann Silva, »und habe daher meinen geehrten Kollegen hier, den Doktor van den Ende gebeten, mit mir gemeinsam die Operation vorzunehmen. Fühlt Ihr Euch im Augenblicke stark genug und seid Ihr bereit?«

»Ich bin's,« fagte der Kranke, »mein Leben liegt in Gottes Hand.« Ein flüchtiges Zucken bewegte bei diesen Worten die Mundwinkel des neu angekommenen Arztes. Baruch hatte denselben mit aufmerksamen Blicken betrachtet, und glaubte in diesem Lächeln die sichere Kunde von seines Vaters Tode zu lesen. Er täuschte sich. Van den Ende fragte lateinisch, ob er sich vor dem anwesenden Sohne in dieser Sprache unterreden dürfe. Silva bejahte, denn Baruch verstünde nur wenig Latein. Die beiden Ärzte besprachen sich nun geraume Zeit, es lag ein unverkennbarer Spott in den Mienen van den Endes, während er sehr eifrig sprach. Der lange Flyns hörte der ärztlichen Besprechung mit gespannten Mienen zu und nickte bald diesem, bald jenem, als ob er alles verstünde, in der Tat aber verstand er kein Wort davon; auch Baruch erging es fast so, nur hie und da fiel ein Wort wie ein vom Windzüge hergetragener Ton an sein Ohr, aber nichts desto minder heftete auch er seinen aufmerksamen Blick auf den fremden Arzt. Aus Wesen und Haltung dieses kleinen Mannes sprach eine so seltene Heiterkeit und Ruhe, die Baruch in seiner jetzigen Lage besonders anziehen mußte. Die beiden Hände, die bis an die Fingerwurzeln von weißen gekrausten Manschetten bedeckt waren, hatte er auf dem vergoldeten Knauf seines spanischen Rohres übereinander gelegt, der Oberkörper ruhte behaglich auf der gepolsterten Rücklehne seines Stuhles; das runde Bäuchlein schien fast etwas zu weit hervorzuragen für das kurze niedliche Fußgestell, an welchem Schnallen und bunte Bänder zur aufmerksamen Beachtung reizten; aber bald mußte man seinen Blick erheben zu dem Haupte: aus den feingekräuselten Wellen der Perücke, die bis auf die Schultern herabflossen, guckte das runde Antlitz wohlgemut in die Welt hinein, und wohl niemand hätte geahnt, daß es schon mehr als fünfzig Winter gesehen, wenn nicht einige Falten, die sich beim Lächeln um die Augenwinkel nisteten, sowie das dunkle Rot auf der Nase und den ihr zunächstliegenden Teilen ein vorgerücktes Alter gedeutet hätten. Die halb versteckten grauen Augen bewegten sich unaufhörlich; sonst stach die äußere Ruhe des kleinen Mannes vorteilhaft ab gegen die heftigen Gestikulationen Silvas, der seinen Kollegen bald am Mantel faßte und ihn, ohne es zu wissen, bald auf den Arm und bald auf den Schenkel schlug, um seinen Worten die gehörige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Baruch hatte den Fremden genau betrachtet, er hätte ihn um den lateinischen Redefluß, der so rasch und frei über seine Lippen strömte, beneiden mögen, wenn er hier am Krankenbette seines Vaters an seine Studien hätte denken dürfen.

Die Operation ging über alle Erwartung glücklich vorüber, van den Ende besuchte den Genesenden fast täglich und unterhielt sich dabei am meisten mit Baruch; seinem Scharfblick blieb die innere Unruhe des Jünglings, sowie dessen rühriger Geist nicht lange verborgen. – Der dankbare Vater willfahrte gern seinem Wunsche, Baruch in den klassischen Wissenschaften unterrichten zu dürfen.

Baruch ging mit dem Arzte in dessen Wohnung, am Ende der Warmoesgasse, unweit der St. Olaikirche und der Kapelle, die nach dem Modell des Tempels zu Jerusalem gebaut ist. Baruch war einst mit Chisdai hier vorübergegangen, Chisdai hatte dreimal ausgespieen; Baruch hatte nur bemerkt, daß die Baumeister sehr gegen das Original verstoßen hätten, es sei dies aber auch nicht anders möglich, denn selbst wer den Talmud verstehe, könne sich noch keinen vollständigen Begriff von der äußeren und inneren Gestalt des Tempels zu Jerusalem machen, da das wahre Urbild desselben nur im Himmel sei. Jetzt aber kümmerte er sich wenig mehr um die Architektur des Tempels im Himmel oder auf der Erde, als er in das Haus des Arztes eintrat. Es war eine ganz neue Atmosphäre, in der er sich hier bewegte: jubelnde Triller einer Mädchenstimme, von Orgelklang begleitet, drangen ihm schon auf der Hausflur entgegen. Der Arzt führte seinen Schüler in ein großes Zimmer und ließ ihn eine Weile allein. Farbenfrische Bilder schauten von allen Seiten nieder und buhlten und wetteiferten um Augenmerk: hier eine Leda im Bade, ein Ölgemälde mit frischen lockenden Farben; dort eine Venus, wie sie in aller Herrlichkeit und Vollendung aus dem Schaume geboren wird, neben ihr eine Semele, auf die sich eine Wolke niedersenkt; an den anderen Wänden vlämische Stillleben, Blumen und Fruchtstücke, Landschaftsbilder mit unerreichter Farbentreue und Naturwahrheit, kleine Büsten von weißem und rötlichem Marmor auf den feingebohnten Schränken. Kanarienvögel stimmten in vergoldeten Käfigen die wohleinstudierten Lieder an, und zwischendrein schmetterten sie wieder den mächtigen Schwall ihres Naturgesangs. Rosen, Tulpen, Nelken, Lilien und Anemonen blühten in zierlichen Töpfen unter den Fenstern und zogen den Blick dorthin. Der Arzt kam wieder und erklärte Baruch die Schönheiten der Bilder und manche nahm er sogar herab und überging sie zur besseren Beschauung mit einem feuchten Schwamme. Besonders lange hielt er sich bei einer Natureinsamkeit des Zeitgenossen Jakob Ruysdael und bei einer Landschaft mit reicher Staffage des ebenfalls gleichzeitigen Nikolaus Berghem auf. – Sodann führte er Baruch in ein anderes Zimmer, das fast noch mehr Staunen erregte. Die Wände waren über und über mit anatomischen Tafeln behangen; gläserne Kästchen, in denen Käfer und Schmetterlinge in bunter Ordnung angespießt waren, hingen dazwischen; ausgestopfte Vögel saßen auf kleinen geschnitzten Bäumen, die auf den Bücherschränken angebracht waren. An dem einen Ende des Zimmers standen Kolben und Retorten, in einer Ecke lag ein großer Stoß grauen Papiers, aus welchem ein Stiel oder ein Blatt der ausgetrockneten Pflanze hervorragte; auch ein großes Skelett, dem ein goldpapiernes Zepter zwischen die Fingerknochen gesteckt war, stand dort, über dem grünen Schreibpulte stand eine Marmorbüste, ein dürrer Lorbeerkranz war um die Stirne dieses griechischen Schalksgesichtes gewunden.

Baruch betrachtete aufmerksam diese ganze Umgebung, in der trotz einer fast überladenen Mannigfaltigkeit eine behagliche Ordnung herrschte: das Leben läßt sich noch mit anderen Dingen als mit Bibelstellen, Kommentaren und Religionsgebräuchen ausfüllen: hier ist eine ganz andere Welt – so sprach es in ihm und der Arzt störte ihn nicht in seinen Gedanken, denn er suchte in den Schränken nach einem Buche. Er nahm endlich Cicero de officiis und ließ Baruch daraus übersetzen. Der Lehrer schüttelte oft bedenklich den Kopf; nicht weil Baruch gar kein Latein verstanden hätte, das konnte man nicht unbedingt sagen, er war dadurch, daß er mit der Schnellkraft seines Geistes die grammatischen Formen sprengen wollte, in ein sonderbares Verhältnis zu dem Autor, den er las, geraten; waren ihm nur einzelne Worte klar, die den ungefähren Gang oder einen Zielpunkt des Gedankens bezeichneten, so setzte er leicht und oft ganz richtig den Sinn desselben zusammen; weit häufiger aber folgte er, den Ideenkreis des Autors überspringend, seinen eigenen oft weiter gehenden Kombinationen. Van den Ende sah, daß hier eine ganz eigentümliche Unterrichtsweise befolgt werden müsse; hier war ein ausgewachsener Baum, der schon manches Jahres Blüte und Frucht fallen gesehen, und nun versetzt werden sollte in ein anderes Erdreich.

Die Fortschritte erfolgten indes nicht so schnell als man glauben sollte, denn der Unterricht ward beinahe immer durch Erörterungen über andere Gegenstände unterbrochen.

Baruch hatte Vertrauen zu seinem Lehrer gefaßt und erzählte ihm einst in treuherzigem Tone den Verlauf, wie er das Gebet verloren. Der Arzt lachte so heftig, daß er sich den Bauch halten mußte; er sah indes, wie sehr das seinen Schüler verdroß.

»Müßt mir verzeihen,« sagte er, »ich lach' nicht über Euch, ha, ha, ha! wir hatten im Narrenhause zu Mailand ein Prachtexemplar von einem theologisch-philosophischen Narcissus. Er hing ein Tuch über sein Angesicht, lag den ganzen Tag auf den Knieen und betete: Heiliger Christoph, steh mir bei und vergib mir meine Sünden – ha, ha, ha! und wenn man ihn fragte: Wo und wer ist denn der heilige Christoph? dann stand er auf, lüftete das Tuch vor seinem Angesichte und mit majestätischem Tone rief er: seht her, seht ihr die Glorie um meine Stirne? Knieet nieder und betet, ich bin der heilige Christoph, ha, ha, ha! Wenn man es aber recht bedenkt, lag viel Methode in diesem Wahnsinn. Was soll am Ende das Gebet? Auf Gott einwirken? Das gestehen auch die Halbvernünftigen, daß es widersinnig wäre, wenn sich Gott etwas von uns einflüstern ließe; sodann sagt auch schon das Sprichwort: ora et labora; also das Ganze ist, um unsere von Schmerz und Kummer zerknickte und verwirrte sogenannte Seele wieder aufzurichten und zu sammeln; kann ich das durch eine Anekdote, durch ein Kapitel aus der Logik oder Physik, so ist es gerad so gut; darum betrübt Euch nicht, daß Ihr selbständig geworden seid, laßt den Kopf nicht hängen und seid lustig und guter Dinge, ich bin es auch und habe seit mehr als zwanzig Jahren nicht an das Beten gedacht. Wenn man nur der Jugend recht eindringlich beibringen könnte, daß sie nicht die schönste Lebenszeit mit unnützem Krimskrams vergeuden sollte.«

So sprach der Arzt und seine kleinen grauen Augen funkelten. Baruch konnte seiner Auffassung nichts entgegenstellen, aber von dieser Stunde an wurde er rückhaltender gegen ihn; fleißig studierte er die naturwissenschaftlichen und mathematischen Werke, die er von ihm erhalten, fragte ihn über einzelne Schwierigkeiten, die Darlegung seiner eigenen Seelenzustände vermied er sorgfältig.

Der Arzt verstand es indes durch Zutraulichkeit abermals Vertrauen zu erwecken.

»Ich war auch einst so in verworrenen Zweifeln gefangen wie Ihr,« sagte er einmal zu Baruch: »ich weiß auch, wie anerzogene Befangenheit nachwirkt, und noch jetzt, da ich mich frei gemacht zu haben glaube, ertappe ich mich noch oft auf jener Ausschließlichkeit, die der Besitz der alleinigen Wahrheit einflößte. Ich bin nicht wie Ihr aus der Bibel selbst auf den Weg der Freiheit gekommen. Es war ein seltsamer und eigentlich geringer Anstoß, der mich dahin führte. Ich war als frommer Katholik auf die Universität nach Leiden gezogen; einst, es war am Himmelfahrtsabend, ich hatte lange studiert, bis mein Licht abgebrannt war; als ich sodann ruhig im Bette lag, da fuhr mir wie ein Blitz der Gedanke durch die Seele: wo ist sie nun hin, diese Kraft der Erleuchtung? Das Feuer hat die Nahrungsstoffe verzehrt und ist ins All zerflossen. Wie, wenn es mit unserer Seele auch also wäre? Meine Lehrer bestärkten mich in der sonst auch vielverbreiteten Ansicht, daß das Leben ein Verbrennungsprozeß sei. Man kann es so nennen ohne eigentlich damit etwas erklärt zu haben; das, was wir Seele, Denken und Empfinden nennen, ist nichts als eine Verarbeitung der Stoffe, hat seine Nahrung aus Stoffen, greifbaren und ungreifbaren, und wird wieder zu solchen. Der eine Mensch verdaut schwerer, der andere leichter, der mit Lust, jener mit Unlust.«

»Und was wäre dann unser Vorzug vor den Tieren?«

»Wer sagt Euch, daß wir einen solchen haben müssen? Aber wir haben ihn wirklich, und zwar wieder nur, weil wir reichlicher mit den feineren Stoffen begabt sind, und darum wirken die sogenannten ungreifbaren Stoffe, Farbe, Klang und Wort mächtiger auf uns. Das Gehirn des Menschen übertrifft oft den fünfzigsten Teil vom Gewichte seines ganzen Körpers, und darum hat er auch am meisten von dem, was man Vernunft und Geist heißt. Beim Ochsen zum Beispiel beträgt das Gehirn kaum den achthundertsten Teil seines Gewichts, und darum ist er dumm; der Elefant ist schwerfällig, aber klug, weil er ein verhältnismäßig sehr großes Gehirn hat. Verletzt man Euch Euer Gehirn, so seid Ihr ein Simpel, was faselt Ihr nun immer von Eurem Jenseits und Eurer ewigen Fortdauer?«

»Unsere Bestimmung wäre also, möglichst viel Annehmliches zu verarbeiten oder zu verdauen, wie Ihr es nennt?«

»Allerdings.«

»Ich hätt' Euch nicht für so egoistisch gehalten,« entgegnete Baruch.

»Ich bin es nicht,« erwiderte der Arzt, »freudig schlage ich Gut und Blut in die Schanze für das Gemeinbeste, für den Staat; aber für Religion und Glauben ließe ich mir nicht ein Haar auf meiner Perücke krümmen. Das sicherste und höchste Wohlbefinden des Menschen liegt im Staatswohl, und dafür zu sorgen, das ist die Bestimmung des Menschen; in allem übrigen steigt man von einer Nebelwolke in die andere.«

»Eure Bestrebungen für Vaterland und Menschheit wären ja am Ende wieder nichts anderes, als daß es diesem und jenem, oder wenn man sagen will, der Gesamtheit möglich werde, besser und bequemer zu essen und zu trinken und seinen Lüsten nachzugehen; in ihrer Ausdehnung werden sie somit nicht Höheres, sondern nur etwas Allgemeineres.«

»Ich will offen mit Euch sprechen,« sagte der Arzt, und rückte vertraulich seinem Schüler näher, ein seltener Ernst sprach aus seinen Mienen; »es muß ein jeder diese Krisis durchmachen, in der Ihr jetzt seid. Auch ich schwärmte einst, da ich in Eurem Alter war, für die sogenannten höheren oder geistigen Anliegen der Menschheit und glaubte, sie dürften nie getrennt werden von den Bestrebungen für das Staatswohl; ich war in dieser Beziehung ein eifriger Katholik, aber auch nur in dieser Beziehung. Es war die Zeit, da

Gomar und Armin mit Toben und Schnauben
Stritten um den rechten Glauben.

Ich sah den Advokaten das Schafott besteigen, weil er sich gegen den alten Judenglauben wehrte, mit dem man nun die Christen durch die Gnadenwahl zur auserwählten Leibgarde Gottes machen wollte; da stand, auf seinen Stab gestützt, der zweiundsiebzigjährige Oldenbarnevelt auf dem Blutgerüste. ›O Gott!‹ rief er, ›was wird aus dem Menschen!‹ und um und um stand die kopflose Menge, und doch Kopf an Kopf, das glotzte drein und jauchzte, als das edle Haupt vom Rumpfe getrennt ward. Damals lernte ich das Volk verachten, damals gewann ich die Einsicht, daß es vor allem not tut, sich jeglicher Einwirkung auf das, was dem Volke Religion heißt, zu enthalten. Der Aberglaube ist ein hohler Zahn; oft läßt er lang in Ruh, aber ein harter Bissen, ein Luftzug macht, daß man oft rasend wird. Versucht es, ihn auszureißen, so schlägt Euch der Patient ins Gesicht, und laßt Ihr einen Splitter stecken, so kriegt Ihr den nicht heraus, außer mit Gefahr, das Zahnfleisch mitzureißen, oder einen Kopfnerv zu verletzen. Wer denn aber doch helfen will, der sagt, daß er nur untersuchen wolle, bringt die Zange in den Rachen und dann Ruck! heraus damit; am besten ist's aber, man hilft dem nicht, der den Mut nicht hat, sich helfen zu lassen.«

»Ihr erklärt somit das Streben nach Besitz und Vermehrung der idealen Errungenschaft der Menschheit für einen Geistesluxus?«

»Ja, wenn es nicht reelle Zwecke hat; euch Juden verarge ich es aber nicht, wenn ihr euch gerne ein Himmelreich aufbaut, euch fehlt das Erdenreich. Warum lacht Ihr? Habe ich nicht recht?«

»Im Talmud heißt es: der beste unter den Ärzten kommt in die Hölle, die Heilkünstler hatten gewiß auch schon damals solche Ideen, wie Ihr jetzt.«

»Was geht mich Euer Talmud an? Euer Moses war ein großer Politikus; aber der weise Salomo ist mein Mann, der hat das Leben verstanden, darum hat er auch in seinem Prediger gesagt: ich lobe mir die Lustigkeit, es gibt nichts Besseres für den Menschen unter der Sonne, als daß er esse und trinke und fröhlich sei.«

»Da erfüllten die Tiere am nächsten ihre Bestimmung, und die Mollusken, die nur aus einem Magen bestehen, wären die vollkommensten Geschöpfe.«

»Nein, ich will Euch zugeben, daß das Tier auch fröhlich sein kann, aber der Mensch hat doch einen besonderen Vorzug, nicht den, daß er aufrecht geht, schreiben und lesen kann, damit er weiß, was vor ihm geschah, und berichten, was mit ihm geschah; nein, der Mensch allein kann lachen. Demokrit und Lucian, das waren die zwei gescheitesten Männer Griechenlands, die anderen haben meist nur nach Wind geschnappt. Ich bin ein alter Praktikus, glaubt mir, kein Genuß auf der Welt ist so unvergänglich als das Lachen, und dabei verdaut man ganz normal und bleibt frisch und gesund.«

»Merkwürdig ist's, daß Ihr wieder mit dem Talmud übereinstimmt, denn auch dort heißt es: das Lachen ist ein Vorzug des Menschen.«

»Wahrhaftig? Da steht doch einmal was Gescheites in den dicken Büchern; aber ich gehe, noch weiter und sage: es ist auch ein Vorzug des Menschen vor den Göttern, denn wen nichts überrascht, der kann auch nicht lachen.«

»Bleiben wir bei den Menschen,« fiel Baruch ein, »was sollen nach Eurer Ansicht die Armen, die ihre Brotrinde mit Tränen befeuchten, die Alten, Kranken und Traurigen, die nichts zu genießen und nichts zu lachen haben? Wo ist Trost und Freude für sie?«

»Die sollen glauben und fröhlich sein in der Gottseligkeit.«

»Wenn sie aber zur Erkenntnis kommen, und alles zu unterst, zu oberst kehren?«

»Ist nicht zu fürchten, dahin wird es nie kommen; es wird zu allen Zeiten nur wenig Einsichtige geben, der Pöbel wird stets glauben, und das muß auch sein, weil ihm Bildung und Urteilskraft fehlt, und er anders nicht in Zaum zu halten wäre.« –

Das also sind die, welche sich die Freien nennen, auch der Unglaube hat seine auserkorene Schar! – Solches und noch manches andere hegte Baruch in seinem Sinne, als er wegging.

Wieder einmal lagen die Bücher vor ihnen aufgeschlagen, und Lehrer und Schüler sprachen über ganz andere Dinge, als da geschrieben standen. »Glaubt mir,« sagte der Arzt, und er blinzelte mit seinen grauen Äuglein wie einer, der in die tiefsten Geheimnisse eingeweiht ist, »glaubt mir, ich lugte schon oft hinter die Gardinen; ich kenne gar wohl die Ehegeschichte von dem, was man Materie und Geist nennt und durch einen Religionsakt eingesegnet und zusammengekuppelt hat.«

»Daß doch jeder verlangt, man soll ihm glauben,« antwortete der Schüler: »Hätte ich aber das gewollt, wäre ich dort geblieben bei meinen Rabbinen, vielleicht wäre mir's gelungen, noch ein Stockwerk auf den babylonischen Talmudbau zu zimmern, der mit dem Ende in den Himmel hineinragen soll; ich aber will Erkenntnis, will Gewißheit.«

»Die findet Ihr nur im Stoff, von allem anderen kann ich Euch ebensogut beweisen, daß es wirklich existiert, als daß es nicht existiert.«

»In der Zusammensetzung meiner selbst aus einer ununterbrochenen Reihe von Eindrücken, Gefühlen und Gedanken, weiß ich mich doch als geistige Einheit, die selbständig und unabhängig vom Körper ist. Der Selbstmord, so verabscheuungswürdig er auch ist, bezeugt er nicht eine Herrschaft des menschlichen Geistes über den Körper, die sich sogar bis zur Vernichtung dieses letzteren erstreckt?«

»Der Menschenstolz!« entgegnete der Arzt, »das ist doch die Erbsünde, die allen anklebt. Was Ihr da sagt, kann ebensogut Folge eines physischen Triebes sein, wie man das bei den sogenannten unvernünftigen Tieren als ausgemacht annimmt. Man hat Beispiele, daß ein Marder oder eine Ratte, die mit einem Fuß in der Falle gefangen waren, sich mit den eigenen Zähnen den Fuß abbissen und davonliefen. Mir fällt noch ein deutlicheres Beispiel ein: Auf meinen Reisen in Unteritalien sah ich oft, wie sich die Bauern das grausame Vergnügen machten, daß sie in die Mitte eines ziemlich großen Kreises von glühenden Kohlen einen Skorpion warfen. Das arme Tier wollte fliehen und schoß hastig nach allen Seiten umher, aber überall war es von dem brennenden Ringe gefangen; wie um Gnade flehend richtete es seinen Kopf zu den Umstehenden empor, aber alle lachten und jauchzten, und niemand öffnete ihm einen Ausweg: da schoß es wütend im Kreise umher, von Angst und Verzweiflung gejagt, es wagte mit seinen Scheren die glühenden Kohlen zu berühren, aber schnell zuckte es zurück und schüttelte seinen ganzen Körper. Als es keinen Ausweg mehr sah, kroch es langsam bis in die Mitte des Kreises, weit weg von der Glut. Ohne Bewegung wie tot lag es da, aber plötzlich hob es den Stachel an seinem Schweife empor, es bäumte sich aus aller Macht, durchbohrte sich selber und war tot. Sagt mir nun einmal: fühlte sich der Skorpion auch als unabhängige geistige Einheit?« Baruch wollte dies geradeswegs zugestehen und somit in allen Kreisen der Natur ein freies Walten des Geistes annehmen; aber er fühlte, daß er die bloße Kraft seines eigenen Nachdenkens nicht in die Wagschale legen konnte gegen einen reichen Schatz von Erfahrungen, wo ihm stets Ungewohntes vor die Augen geführt wurde, das er im Augenblick nicht bewältigen konnte. Eine innere Stimme widersprach der ihm hier gebotenen Anschauungsweise, aber er vermochte nicht diese Stimme nach außen zu begründen. Er schwieg. Der Lehrer zweifelte nicht, hier einen Proselyten gewonnen zu haben und bedeutete Baruch des anderen Abends zu ihm zu kommen, er wolle ihm die Geheimnisse einer Lehre offenbaren, die ihm Staunen und Bewunderung abnötigen würden.

Baruch fand sich zur bestimmten Stunde ein. Van den Ende führte ihn in sein Studierzimmer, verriegelte die Tür sorgfältig hinter sich, zog die Fenstergardinen herunter und lauschte, ob niemand dem Zimmer nahe. Baruch mußte fast lachen über die komisch ernste Miene des Arztes, der ein brennendes Licht zwischen die Fingerknochen des Skelettes steckte.

»Kennt Ihr die Legende von dem Prior bei St. Dominicus zu Tiel?« fragte der Arzt, während er in einem Schranke nach etwas suchte.

»Nein!« antwortete Baruch.

»Hört,« fuhr jener fort, »der fromme Prior wurde einst vom Teufel heimgesucht, während er gerade mit dem Lesen eines heiligen Buches beschäftigt war. Der Teufel wollte den Frommen von seinem heiligen Geschäfte abbringen, sprang auf den Tisch und machte allerlei Possen vor ihm; aber der Prior zwang den Teufel, ihm die Kerze zu halten, bis sie abgebrannt war, worauf er ihn dann gnädig entließ. Seht, der Domine dort, der soll uns jetzt leuchten, während wir des Teufels Testament lesen. So, da ist der Schlüssel. Betrachtet einmal das Beinhaus da genauer: das ganze Gebälke war einst mit Fett ausgefüllt, da war ein Wanst, der viel Leckerbissen von der Tafel des Prinzen Moritz von Oranien beherbergt hat, jene Backen- und Stirnknochen hatten einen karfunkelroten Überzug, dort in den Höhlen saßen gehorsame Augen, die den menschlichen Vorzug, sich himmelwärts zu kehren, oft in Anwendung brachten, über jenen Zähnen war ein Lippenpaar, das viel gegen die Remonstranten geiferte, und beim Schlürfen köstlichen Rheinweins sich in der Enthaltsamkeit übte. Das war ehedem der dicke Domine, der am meisten gegen den edlen Oldenbarnevelt wütete und ihn aufs Schafott geleitete. Er war prädestiniert, daß er einst als Leiche von mir gestohlen werden sollte; ich habe Todesgefahr bei dem Unternehmen ausgestanden, es ist das eine schöne Geschichte, ich will sie Euch ein anderes Mal erzählen. Heiliger Laurentius! Hier ist wieder ein Jünger, der zu Euch wallfahret, um aus Eurem weisen Haupte Lehre zu empfangen. Freut Euch, denn bald ist die Schar gleich dem Sand am Meer und den Sternen am Himmelszelt.« Bei diesen letzten Worten kreuzte der Arzt seine Arme auf der Brust übereinander, und verbeugte sich dreimal vor dem Skelett; »ha, ha ha!« unterbrach er sich, »es ist zum Totlachen, ich werde ja noch ganz biblisch, aber ich will Euch weiter keinen Hokuspokus vormachen.« Er stieg nun auf einen Stuhl, öffnete mit dem Schlüsselchen die obere Schale des Schädels, nahm eine Schrift heraus, und sagte im Heruntersteigen: »So lang der da gelebt hat, ist nichts so Gescheites dort beherbergt worden, als ich ihm jetzt zum Aufbewahren gebe; schwört mir, daß Ihr niemand verraten wollt, daß Ihr das Buch bei mir gesehen; meine bürgerliche Stellung wäre dadurch gefährdet.«

»Wie soll ich schwören?« fragte Baruch, indem er den Vorsatz faßte, lieber nichts zu erfahren, als nochmals einen so gräßlichen Eid zu leisten wie bei dem Kabbalisten. Der Arzt verstand es anders.

»Ihr habt recht,« sagte er, »könntet Ihr schwören, so dürftet Ihr das nicht vernehmen. Seht diese runden, gemächlich gezeichneten Schriftzüge, so schön schreibt man in des Teufels Kanzlei; das Buch ist ein Erbstück von einem Frater Dominikaner, der es aus Augsburg mitgebracht hat: ein deutscher Kaiser, Friedrich der Zweite von Hohenstaufen, ist der Verfasser; den Titel werdet Ihr wohl verstehen, er heißt: de tribus impostoribus; es sind nur neunundzwanzig Paragraphen. Da setzt Euch her, ich will's Euch holländisch vorlesen.«

Baruch schauderte vor der verzweifelten Gottverlassenheit und kaltblütigen Sektion alles Glaubens, die hier vor seinem Geistesauge vorging, und als er die Stelle des 21. Paragraphen hörte, wo es heißt: »Quid enim Deus sit, in revelatione qualicunque obscurius longe est quam antea,« war's ihm, als ob man mit glühenden Zangen den Kern alles religiösen Bewußtseins ausreißen wollte.

»Junger Freund, wenn Ihr das Leben näher kennen gelernt haben werdet,« sagte der Arzt als er aufstand, »werdet Ihr einsehen, daß die Moral, die sich auf dem Markt des Lebens umhertummelt, eigentlich nicht aus Tintenfässern geschöpft wird. Euer Judentum und unser Judentum taugt nichts mehr, Euer Judentum ist längst nur eine Mumie, die bei einem Luftzuge in Staub zerfällt: das unserige war bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts eitel Barbarei, es hat den Geist des Klassizismus in sich aufgenommen, und dieser Geist wird es auseinandersprengen. Tretet nur ein in die luftigen lichten Hallen klassischer Weisheit, Ihr werdet genießen, spotten und schweigen lernen....«

Gräßliches Labyrinth! sprach Baruch im Herzen, als er wegging; aber ich fühl's, ein Ausweg muß gefunden werden.

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