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Spiele

Alfred Brust: Spiele - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleSpiele
authorAlfred Brust
year1920
firstpub1920
publisherKurt Wolff Verlag
addressMünchen
titleSpiele
pages160
created20120125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Spiel Jenseits

Es treten auf:

Der Prälat

Conrad

Senta

Wacholder

Resel

 

Der Schauplatz bringt weder Zeit noch Raum zum Ausdruck, ist losgelöst von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem.

Die auftretenden Menschen gehen stets vorwärts ab. Bewegung wird nur durch die Sprache ausgedrückt.

Conrad geht langsam über den Platz. Der Prälat kreuzt seinen Weg.

»Sie hassen mich, weil mein Gesicht heiter und zufrieden ist,« sagt der Prälat.

»Hassen, ist nicht das Richtige,« entgegnet Conrad. »Aber diese Art, den Seelenfrieden zu erringen, ist für die menschliche Gesamtheit nicht anwendbar.«

»Vielleicht doch! Aber sollen wir paar Geistigen denn dieser Masse durchaus nichts voraus haben?«

»Nein, das sollen wir eben nicht!«

»Ob es sich aber nicht feststellen läßt – – –« versucht der Prälat zu fragen.

Und Conrad schneidet ihm das Wort ab: »Herr, auf dieser Welt läßt sich überhaupt nichts feststellen.«

Der Prälat, wohlgemut: »Schön. Machen Sie also Politik und vergessen Sie alles andere!«

»Was kümmert's mich, was da draußen in allen Staaten ruckst und rackst! Es muß sich doch alles zum besten der neuen Seelen fügen, dieser neuen Seelen, die der kommende Tag mit unendlicher Reinheit königlich als das glühendste Frührot seinen jauchzenden Schritten voraussendet!«

»Sehr schön, sehr schön! Aber Branntwein, Tabak und Weiber bringen uns nicht vorwärts.« Und der Prälat geht seines Weges,

Senta kommt mit leichten Schritten daher. »Ich ängstige mich unbestimmt, wenn ich dich mit dem Priester reden weiß.«

»Die Kirche, die Kirche; vielleicht werde ich noch einmal in dieser Einrichtung zu Hause sein!« 30

»Du sollst nicht grübeln, Conrad; ich bin deine Frau.«

»Wo warst du jetzt?«

Senta verfärbt sich. »Weshalb fragst du?«

»Weshalb verfärbst du dich?«

»Ich finde deine Frage unerhört!«

»Kennst du Wacholder?« forscht er weiter.

Senta ist erstaunt. »Ach – den! Ja – flüchtig.«

»So – – – so – – –«

»Komm mit; ich spiele dir Grieg vor,« sagt sie.

»Es berührt mich peinlich, unerhört peinlich, so jemand im selben Raum musiziert. Er weckt mir Gefühle, innerste Erlebnisse, Stimmungen, mit denen ich gern allein sein möchte.«

»Wir haben aber nur ein Zimmer,« spricht sie.

»Ich weiß es,« sagt er tonlos und geht . . .

Wacholder tritt zu ihr.

»Ich muß dich sehn, Senta, immer muß ich dich sehn, sonst bin ich mutlos und lebensmüd.«

»Du bist lästig, mein Freund. Du erinnerst mich unausgesetzt daran, daß ich einmal schwach gewesen bin.«

»Ich weiß nicht, weshalb die Menschen alle ihre starken Augenblicke ›Schwäche‹ nennen,« sagt er.

»Ich habe einen Mann, der Gott weiß was werden kann.«

»Sprich nicht davon!«

»O ja, er liebt mich. Er küßt mir allabendlich die Füße . . . Weshalb hab ich mich vergessen?«

»Dummes Kind! Kannst du mir seine Erfindung zeigen?«

»Seine Erfindung?« sagt sie. »Es ist vielleicht eine Erleuchtung gewesen! Farben und Töne, das ist seine Welt. Und da er sie gleichzeitig genießen muß, hat er sie verschwistert.«

»Also er hat entdeckt, welche Farben die einzelnen Töne sind?«

»Ja – das hat er. Er spielt, und die unendliche Reinheit und Ruhe der Farben ergießt sich über dich. Und wenn er den Regenbogen spielt, mußt du weinen.«

»Du sagst das so seltsam, daß ich es fast glauben möchte.«

»Es liegt ihm nichts daran, denn er zeigt seine Erfindung keinem Menschen.«

»Ich komme mit dir . . .«

»Nein – ich kann nicht!«

»Senta! Laß mich doch wissen, wie du da lebst.« 31

»Komme in einer halben Stunde.«

Sie gehen nach verschiedenen Seiten . . .

Conrad und Resel kommen gegangen.

»Kennen Sie diesen Herrn, Fräulein Resel?«

»Nein . . .«

»Er heißt Wacholder, sage ich Ihnen, und ich hasse ihn, trotzdem ich ihn nicht kenne.«

»Sonderbar. Ich wüßte nicht, was an ihm zu hassen wäre.«

»Also Sie kennen ihn.«

» Ja – – – flüchtig.«

»Weshalb – – – grüßt er Sie nicht?«

»Was kümmert's mich!«

»Uns zur Qual geboren sind die Frauen, wenn man sie ernst und heilig nimmt.«

»Ist es wahr, daß Sie in der Hochzeitsnacht Ihre Frau gewürgt haben bis sie blau ward?«

Conrad schweigt.

»Sie riechen nach Branntwein.«

Conrad packt mit beiden Händen ihre Oberarme.

»Zwei feste Arme. Zwei runde Brüste. Zwei Säulenbeine und Hüften, Weib! Weib, weshalb sind Sie nicht nackt, sondern tragen kurze Röcke und durchbrochene Strümpfe und peitschen mit Ihrem federnden Gang unsere aufgeregten Sinne!?«

Resel ist bleich und zittert. »Was wollen Sie?«

Er läßt sie los und geht weinend ab.

»Sie haben recht. Was will ich? Sie haben ganz recht! Was will ich denn nur!!!«

*

Wacholder und Resel gehen über den Platz.

»Also Töne sagst du, Töne, die geheimnisvollerweise Farben im Raum erzeugen.«

»So ist es,« spricht er. »Farben, auf denen das Auge ausruhn kann und die in seltsamem Zusammenhange mit der gemachten Musik stehn.«

»So kann man also umgekehrt auch ein Bild in Tönen genießen, meinst du?!«

»Das kann man. Mehr noch; es erscheint nachgerade unmöglich, ein Bild zu sehn, ohne an die dazugehörige Musik zu denken, 32 anderseits ein Musikstück zu hören, ohne ein Zusammenwirken lauterster Farben über sich ergehen zu vermeinen.«

»Jeder Ton also eine Farbe. Jede Farbe ein Klang . . . Und es ist irgendeine Mechanik dabei?«

»Das ist nicht wichtig, wenn es auch schwer ist. Wichtig ist die Erkenntnis dabei, daß das so ist!«

»Und wie kamst du dazu, solches zu sehn, wo er das Geheimnis vor allen Menschen verbirgt?«

»Reden wir lieber von anderen Dingen.«

Resel sagt hart: »Schön.«

Er greift bittend nach ihrer Schulter.

Sie wehrt.

Sie sind vorüber . . .

Conrad kommt, ihm entgegen der Prälat.

»Seltsame Dinge sind über Sie in Umlauf, seltsame Dinge.«

»Das sind die Frauen, Herr Prälat, von denen zu wissen Ihr hochehrwürdiger Beruf Sie entbindet. Die Frauen . . .«

»Mag sein, daß sie schuld sind daran.«

»Herrgott, was wissen Sie, was eine Frau ist!« Er ruft es im Schmerz aus und sinkt an die Schulter des Geistlichen. »Da ist irgendwo meine Frau. Sagen Sie mir, ist sie in diesem Augenblicke untreu?«

»Das wissen nur Zweie: die Frau und der andere.«

»Weshalb hat sich mir diese Qual ins Hirn gebrannt und hetzt mich durch die schönsten Tage des Lebens! Weshalb macht mir das alles die Erde so dunkel? Ist denn der Adamschmerz im Diesseits nicht zu ersticken?«

»O ja, mein Freund, er ist zu ersticken. Wollen Sie nicht einmal beichten?«

»Ein Beichtiger, hochwürdiger Herr, muß immer ein Freund sein.

»Könnte ich denn dies nicht sein? Sie sehen mich nicht und sagen mir alles. Sie sprechen etwas ganz laut aus, und Ihr Herz wird leichter. Die Beichte in sich selbst hinein erlöst Sie vielleicht nicht vom Schuldgefühl.«

»Was soll ich denn reden?«

»Darf ich fragen? Darf ich fragen, wie oft Sie zu Weibern gehn?« 33

»Sehn Sie mich an, Herr; ich kenne kein nacktes Weib außer meiner Frau!«

»Das ist viel. Das ist viel! Das ist in der Tat sehr viel, lieber Freund. Und trotzdem die Qual? Sündigen Sie vielleicht in Gedanken?«

»Wer täte dieses nicht? Aber bin ich denn schuld daran? Kann ich dafür, daß ich die mich aufpeitschenden Blicke sinnlichster Menschen über mich ergehen lassen muß? Kann ich dafür, daß die Kleidung der Weibswelt mit der raffinierten Verhüllung allem Guten und Reinen meiner Seele offen ins Antlitz schlägt?«'

»Ja – dafür können Sie, lieber Freund! Wie oft besuchen Sie Ihre Frau?«

»Herr Prälat, Sie gehen sehr weit . . .«

»Finden Sie? – Das mag sein . . . Lassen Sie sich aber das Eine sagen: Begierde wird niemals durch Befriedigung gestillt; immer nur durch Entsagung.«

»Entsagung.«

»Ja – Entsagung, Herr! Für Ihr Stadium sogar restlose Entsagung.«

»Wer das wohl könnte . . .«

»Haben Sie ein Ziel?«

»Das Unendliche . . .«

»Das haben alle großen und starken Menschen gewollt. Und sie haben entbehrt. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.«

»Das ist ja gar nicht möglich!«

»Leben Sie wohl!«

Er geht . . .

Senta kommt.

»Was du bloß immer mit dem schwarzen Menschen zu reden hast! Ich fürchte mich, Schatz.«

»Ich muß – – – allein sein.«

»Da bist du wieder häßlich, lieber Mann. Und dann bist du wieder freundlich und wieder – häßlich – und wieder lieb. Ich werde noch verrückt an dir!« Sie hat Tränen.

»Ich muß – – allein sein! Laß mich allein . . .«

»Und dann willst du nachher wieder wissen, wo ich gewesen bin. Und an deinen Augen muß ich sehen, daß du mir nicht glaubst, was ich auch sage. Und dann muß ich weinen. Und dann reut es dich. Und dann küßt du mich. Und nach der großen Qual 34 endlich, endlich finden wir uns wieder. Herrgott, wo soll ich hin! Schatz, Schatz, willst du mich denn ganz wahnsinnig machen!!«

»Liebes Kind, quäl uns nicht. Jetzt wird alles, alles anders werden.«

»Auch das hast du schon oft gesagt.«

»Ich weiß wohl . . .«

Er will gehen.

»Gehst du wieder trinken?«

»Ich weiß – nicht!« Er kämpft mit sich. »Ich will – versuchen, es nicht zu tun . . .«

»Wir haben nichts mehr zum Abendbrot.«

»Komm – – – –heim – – –«

Er schwankt.

Sie stützt ihn.

Sie gehen . . .

*

Senta kommt, entgegen Wacholder.

»Er bringt mich um! Wacholder! Er bringt mich um!«

»Wer denn!!?«

»Der Mann, der Mann!«

»Das versteht kein Mensch.«

»Er ist lutherisch. Und morgens um vier, wenn das Glöcklein läutet und es noch finster und kalt ist, steht er auf und geht zur Frühmesse.«

»So weit also hat ihn der Prälat gebracht.«

Der Prälat kommt.

»Man spricht von mir.«

»Ganz recht, Herr Prälat, ganz recht. Diese Frau beklagt sich – beklagt sich – – –«

»Sie kann selbst reden . . . Oder stehen Sie in irgendeiner Beziehung zu der Dame?«

»Ich heiße Wacholder, hochwürdiger Herr – – –«

»Das will wenig sagen.«

»Es handelt sich um meinen Mann, Herr Prälat.«

»Lassen Sie Ihren Mann in Frieden, liebe Frau. Trinkt er noch?«

»Nein.«

»Ist er noch streitsüchtig?«

»Nein.« 35

»Eifersüchtig?«

»Gott – nein.«

»Sind dann nicht die Bedingungen eines Eheglücks vollkommen erfüllt?«

»Ich kann nichts dazu sagen . . .«

»Was wollen Sie denn? Stören Sie nicht den Frieden dieser gefolterten Seele. Guten Tag.« Er geht.

»Ich verstehe das nicht, Senta.«

»Er rührt mich nicht mehr an; er rührt mich nicht mehr an!«

»Wer denn, um Himmels willen!?«

»Conrad rührt mich nicht mehr an! Und deshalb steht er morgens um vier auf und geht zur Frühmesse. Er will nicht sehn, wie ich aufstehe und mich ankleide. Und den ganzen Tag ist er im Freien, bis in die Nacht.«

»Aber, liebe Senta, das ist doch nichts Schlimmes!«

»Nichts Schlimmes, sagst du! Ach Gott, nichts Schlimmes!«

»Mein liebes Kind, geb ich dir nicht alles, alles, was du brauchst? Les' ich denn nicht jeden deiner Wünsche dir vom Gesicht ab?«

»Du verstehst nicht, Mensch, kannst nicht verstehn! Und wenn er endlich weiß, endlich weiß . . .«

»Was soll er wissen?«

»Daß – daß ich nicht mehr krank geworden bin; daß – – – Wacholder!!!«

»Dies – – das – – das – ist ja –furchtbar, was du da sagst.«

»Sterben . . . Sterben . . . Lang ausgestreckt liegen im Bett und das Bewußtsein haben, diese Welt im nächsten Augenblick auf immer verlassen zu müssen – verlassen zu müssen – diese Welt, die einem zwischen allen schweren Stunden doch einige schöne, herrliche gebracht hat – mit Sommer und Winter, mit grünen Lauben und schneeigen Gefilden. Ach – und dann sterben – auf immer, immer diesen Leib verlassen zu müssen – das – das muß schön sein.«

»Es ist schwer, Senta. Denn man entdeckt dann immer wieder, daß man sich diesen oder jenen Lebensgenuß hat entgehen lassen.«

»So schön – schwer ist sterben.«

»Und hör mal, Kind, wir sind doch noch alle jung. Wir haben doch auch noch dieses oder jenes zu vollbringen. Es gibt noch einen Ausweg . . .«

»Du glaubst?« 36

»Du mußt ihn zwingen. Zwingen mußt du ihn. Denn du bist doch ein Weib. Herr Gott! Und was für ein Weib! Du mußt ihn zwingen! Hörst du wohl! Zwingen, zwingen, zwingen!! Zwei schöne Beine sind stärker als der unerbittlichste Vorsatz.«

Sie schweigt . . .

»Ich mache ihn berühmt, daß ihm schwindlicht wird. Und er wird glücklich sein – es wird gelingen. Kennst du denn deinen Mann nicht?«

»Ich hab ihn lieb. Wie soll ich ihn kennen.«

Conrad, unverhofft.

»Sieh da. Herr Wacholder, wenn ich nicht irre. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen. Es hat lange gedauert. Aber Sie haben ja nichts verloren . . .«

»Du bist ja immer so fremd, Schatz.«

» Ja, ja. Ich habe Grund, einsam zu sein. Und das kann auch noch eine Zeitlang dauern.«

»Nein, Meister. Das muß ein Ende haben.«

»Conrad heiß ich, wenn Sie wollen. Und im übrigen bitte ich Sie, mir keinerlei Interesse entgegenbringen zu wollen.«

»Das geht nicht, mein Herr, man weiß von Ihrem ungeheueren Können. Sie müssen sich offenbaren.«

»Damals, als ich noch nichts konnte, hatte ich einmal die Sehnsucht, berühmt zu werden. Nun ich Leistung bei mir finde, will ich nur einsam sein und nichts mehr Lautes wissen.«

»Denk auch an mich, Mann. Es ist doch so schwer, in Armut zu leben.«

»Wenn das Gemüt heiter ist, Senta, was heißt da Armut! Armut heißt meistens Freiheit, wenn man sie recht versteht.«

»Mein Herr, Sie werden bestimmt öffentlich spielen. Leben Sie wohl!«

Wacholder geht.

»Wie doch diese lauten, beweglichen Menschen unangenehm sind! Und du hast sie gern, Senta!«

»Es ist nicht dieses, Schatz. Wenn das Blut in den Adern kocht und der Leib reif ist, und niemand kommt ihn pflücken, jagt das Hirn nach Zerstreuung.«

»Zerstreuung. Wir haben in den letzten Jahrhunderten genug davon gehabt. Es ist Zeit, daß eine Generation zerstäube und neu werde.« 37

»Und müssen wir das sein? Müssen denn wir unsere Leiber zu Markte tragen?«

»Niemand kann um das Schicksal herum. Wir alle müssen hindurch.«

»Mann, lieber Mann, weshalb bist du so kalt geworden?«

»Ich bin nicht kalt! Es brennt mir in allen Gliedern!! Aber so es aufstürmt in mir und Unrast durch die Brust wälzt, muß ich zu meiner einsamsten Einsamkeit: zu Farben und Tönen.«

»Dahin kann ich nicht folgen. Ich bleibe allein und verbrenne.«

»Sei stark, Kind, und meide mich. Und wenn ich ganz rein und wunschlos sein werde, dann wird in mir der Wunsch aufblühen, ein Kind mit dir zu haben. Dann wird ein heiliges Zusammensein unsere Leiber adeln. Und wir werden ineinanderströmen und nie mehr voneinander können.«

»Und wenn mich ein Wahnsinn packt?!«

»Sieh mir ins Auge, Senta. Ach – du kannst es nicht. Es ist kaum ein Mensch da, der das noch kann . . .«

Er ist im Begriff zu gehen.

»Du gehst?«

»Ja – ich muß sehn, wie sich die Bäume entkleiden! Es ist Herbst. Wenn Frühling sein wird, will ich dich erkennen.«

Er geht.

»Wenn ein Gott wäre und risse mir die Frucht aus dem Schoß!!! Aber – es – ist – kein – Gott – – – –«

*

Resel kommt, steht, blickt vor sich nieder und geht, bleibt wieder stehn und blickt sinnend ins Leere.

Wacholder tritt ihr langsam entgegen.

»Du schweigst seit jenem Farbenkonzert, Resel.«

»Ja – denn er ist ein großer Mensch, und ich habe es nicht gewußt. Damals, als seine Augen aufbeteten zu mir, hab ich Spott über sein Blondhaupt gegossen. Ich wußte nicht, welch großer Mensch da lebte.«

»Groß geworden ist er doch erst durch mich.«

»Wie doch ein Mensch so unsinnig reden kann! Wenn du Berühmtheit Größe nennst, zeugt das von der unerhörten Beschränktheit deines Hirns. Aber deine Stirn ist niedrig, dein Auge ist flach und deine Sprache ist leer.« 38

»So – so – –. Was denn nennst du so groß an Conrad? Daß bei den Farben zehn, zwölf Frauen in Ohnmacht fielen? Daß so ein schwangeres Lockenköpfchen, welches sich nicht versagen konnte, dem raffinierten Abend beizuwohnen, spornstreichs niederkam? Ich suche Größe und finde immer nur Sensation.«

»Ich wünsche Sie nicht mehr zu kennen, Wacholder. Ein eiserner Vorhang sei fortan zwischen uns!«

Sie geht.

»Hm! – Ja! – Ganz sonderbar!«

Senta kommt. Bleich, durchsichtig ist sie geworden. Sie steht und sieht Wacholder lang ins Gesicht.

»Ich vermags nicht! Und wenn ich es dennoch könnte, es ist zu spät. Er würde es dann erfahren.'«

»Nur nicht so trostlos sich fallen lassen, Kind! In der Gefahr die Augen offenhalten. Das ist alles!«

»Es wird niemand sein, der in der schweren Stunde in Liebe bei mir steht. Fremde Menschen werden mit lächelnden Mienen über meiner Schande gebeugt sein.«

»Sprich doch nicht so, sprich doch nicht so, Senta! Es muß noch eine Tat geben, die uns darüber hinaushebt.«

»Arm und Geist sind schwach geworden in der Zeit.«

»Nein, siehst du.« Er hat ein Pistol. »Ein Fingerdruck und wir atmen frei . . .«

»Ich soll!!! – – – – Nein, nein!!! – – Das – das – knallt so . . . Und . . . Und . . .«

Er steckt das Pistol fort.

»So nimm den Dolch und stich zu!«

»Wer bläst dir das alles ein, Mensch!«

»Sie werden alle sagen, er habe es selbst getan in seiner grenzenlosen Verwirrung. Und ich hab gehört, wie er Ähnliches äußerte. Ja – gewiß – ich hab's gehört. Das kann ich beschwören. Er hat es mir selbst gesagt . . .«

»Du sprichst furchtbar, sage ich dir.«

»Dann werden wir über allem sein, dann werden wir uns reinigen. Denn was nützt es wohl, daß man sich heute reinigt. Wir würden schmutzig vor allem dastehn immerdar. Ein frisches Unglück – und dann aufatmen! Noch einmal eine ganz irdische Tat, um darin inniger »Jenseits« leben zu können! Das ist es.« 39

Er zwingt ihr den Dolch in die Hand und sieht ihr in das Auge, daß sie sich willenlos ergibt.

»Sei stark. Hörst du wohl!! Sei ganz stark, sag ich dir!!«

Er ist fort! Ist geradezu geflüchtet!

Conrad kommt. Senta hat das Werkzeug an ihrer Brust verborgen.

»Was es doch seltsame Menschen gibt. Wacholder läuft vorüber, daß mich sein Luftdruck fast umweht.«

»Ich hab keine Kraft mehr.«

»Du bist schwach, Senta, durchsichtig wie Glas.«

»Jedes Wort, das du sprichst, Schatz – – –«

»Sei ruhig, ruhig, ruhig . . . Bald wird Frühling sein. Dann werden wir die Fessel zerbrechen und gegeneinander atmen.«

»Ich kann es ja nicht!« Sie schreit es hinaus. Lieber, herzensguter Mann, ich kann es ja nicht!!«

Sie sinkt an seine Schulter.

Er wird größer.

»Du trägst ein Messer . . .« Er sagt es ruhig.

»Trag ich es? – Trag ich es? – Ja – da ist es, ist es!«

Sie schleudert es weit von sich.

»Aus Haß zu morden, kann heldenhaft sein, mein Weib. Aber es zu tun, um eine schlechte Tat zu verdecken, ist immer noch ein Verbrechen.«

»Laß mich reden, laß mich reden! Zwei Minuten nur hör mich an!«

»Schweige, Senta. Du schweige . . . Ich weiß ja alles, alles . . .«

»Du weißt!! – Was weißt du?«

»Wenn ein Mensch mit sich bricht, gehen gute Dinge jenseits vor sich.«

»Und du hoffst noch?«

»Daß unser Jenseits euer Diesseits werde, das ist alles, was ich hoffe . . .«

»Du verzeihst?«

»Ich werde bei dir sein in der schweren Stunde. Ich werde den Kopf dir halten und dir aus meinen Augen Kraft zu trinken geben.«

»Das ist zuviel, das ist zuviel.«

»Dein Kind sei mein Kind! Wer kennt die weisen Wege des heiligen Geschicks?! Es ist so schwer, alle Dinge im Raum zu verstehn, doch sind sie notwendig. Ob uns ein Stein zerschmettert, 40 oder eine Welle ersäuft, wir sind dagewesen von Anbeginn und werden vorhanden sein in allen, allen Zeiten, in welcher lieben Form es auch immer sein mag. Was in uns lebt, ist immer gut. Und alle Dinge atmen ihre eigne Schönheit.«

Der Prälat tritt schnell hinzu. Er steht erstaunt, sieht das Messer liegen und atmet schwer.

»Für die Würde Ihres Berufes gehen Sie sehr rasch, Priester.«

»Ja – mein Herr. Das mag geschehn sein. Ich darf fortan gemessener schreiten.«

Resel kommt langsamen Schritts.

»Er ist tot. Und es rührt mich nicht. Er ist tot . . .«

Senta sinkt mit einem hörbaren Hauch um. Der Prälat fängt sie auf.

Die Szene ist bewegungslos.

Senta erwacht und blickt fremd umher. Dann ahnt sie und leuchtet.

Conrad schließt.

»Das arme Kind in diesem Schoße! – Denn den Rhythmus jenes Menschen wird es erben.«

Resel wird groß und blickt mit Augen restlosester Bewunderung auf ihn.

Der Prälat schreitet sehr langsam und lächelnd davon.

 


 

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