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Spätglück

Hans Hoffmann: Spätglück - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSpätglück / Sturmwolken
authorHans Hoffmann
year1917
firstpub1901
publisherVerlag des Volksbildungsvereins
addressWiesbaden
titleSpätglück
pages13
created20150913
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hans Hoffmann

Spätglück

Erzählung

 

Verlag des Volksbildungsvereins zu Wiesbaden
1917

 

Wochenlang hatte es geregnet und gestürmt und unablässig an dem grünen Laub der Bäume gezerrt und genagt; längst waren die letzten hoffnungsmutigsten Badegäste vor so unerbittlichem Wettergrimm entflohen, und verlassen standen all die reizenden Lusthäuser und Gärten am Ostseestrand: da war urplötzlich wider alles Vermuten der Sommer in all seiner Herrlichkeit noch einmal zurückgekehrt; der Himmel war tiefblau und wolkenlos, die See strahlte in tieferem Blau sein Leuchten wider, und nur am Strande plätscherten mutwillige Schaumwellen genug, um ein freundliches Rauschen bis zu den Dünen und dem Buchenwalde heraufdringen zu lassen. Eine wundersame Wärme ruhte über der Erde; die Sonne entfaltete eine so feurige Siegeskraft, als wollte sie in jubelndem Ansturm alles Versäumte wieder gut machen und das Jahr noch einmal zum Frühling verjüngen. Allein was sie auf Erden vorfand nach der langen Verborgenheit, war doch etwas ganz anderes, als was sie sorglos vordem verlassen hatte. Wohl hatten die stolzen Buchen mit zähem Widerstand den größeren Teil ihrer Blätter festgehalten, aber die grüne Sommerfarbe war 8 bis auf die allerletzte Spur verschwunden; rote und gelbe Blätter in hundert Schattenstufen hingen an den Zweigen; rote und gelbe Blätter deckten den Boden so dicht, daß auch hier kein freies Grün mehr zur Geltung kam.

Ein Menschenpaar schritt Arm in Arm langsam durch den Wald, da, wo er hart am Strande die ersten Häuser des Dorfes in sich aufnimmt und sich selbst wiederum bis in dessen Herz vorschiebt. Ein hochgewachsener Mann in blanker Offiziersuniform und ein Mädchen, das den zarten Kopf gegen seine Schulter geneigt hielt.

»Daß wir zwei vielgeprüfte Menschenkinder am letzten Ende ein so unglaubliches Wetterglück haben könnten, wer hätte das geahnt!« sagte sie, mit glücklichem Lächeln zu ihm aufblickend, »welch eine Selbstüberwindung muß es dich gekostet haben, bei dem ewigen Sturm und Regen und Regen und Sturm mich gar nicht zu verspotten mit meiner romantischen Grille, uns hier in ländlicher Einsamkeit trauen zu lassen und noch dazu so spät im Jahre.«

»Wenn diese Grille«, erwiderte er heiter, »mir selbst nur nicht gar so gut gefallen hätte, wer weiß, was geschehen wäre. Oder glaubst du, ich hätte kein Gefühl für die Poesie dieses Kirchleins auf dem Buchenhügel mit dem Blick aufs ewige Meer hinaus, keine Lust an der Einsamkeit und keine liebe Erinnerung daran, daß wir unter eben diesen Bäumen vor nun zehn Jahren die ersten seligen Tage unseres jungen Glückes genossen haben? Aber ich glaube, so herrlich wie heute schien selbst in jenen wolkenlosen Julitagen die Sonne nicht.«

»Ach ja, diese süße Sonne! Das macht, es ist verspäteter Sonnenschein, und der dringt doppelt wärmend in regengewohnte Herzen –.«

Sie hielt plötzlich inne, hob den Kopf und sah den 9 Begleiter an. Sie glaubte, einen leisen Seufzer vernommen zu haben. Und er sah sie wieder an und sagte mit einem wehmütigen Lächeln:

»Verspäteter Sonnenschein! Wie das klingt! Ich weiß nicht recht, ob süß oder traurig; es muß wohl von beidem so etwas sein. Verspäteter Sonnenschein!«

Sie hatte den Kopf schnell gesenkt, und es mußte doch wohl ein Thränchen sein, was da in den hellen Augen feucht schimmerte. Aber gleich lachte sie wieder und rief:

»O, du dummer Hauptmann, wie kannst du dir eine Frau nehmen, die so thörichtes Zeug redet von verspätetem Sonnenschein! Kann sich denn je der Sonnenschein verspäten? Kommt der nicht immer zur rechten Stunde? Sieh dir nun doch gefälligst unseren lieben Wald an; hast du ihn jemals früher irgend so schön gesehen? Was ist der grüne Junge, der Frühling gegen diese Herrlichkeit! So einen Himmel giebt's ja gar nicht im Frühling. So blau, so entzückend blau gegen die bunten Bäume! Gegen das mattherzige Maigrün würde er sich auch nur mattherzig himmelblau abheben, und jetzt sieht er aus wie das tiefe Meer selber. Und weißt du, daß dein roter Kragen nebst Aufschlägen ganz prachtvoll in die Gesamtfärbung paßt? Und der Helm und die Knöpfe – wie unharmonisch würde ihr blankes Gelb in eintöniges Grün hineinplatzen! Aber jetzt! Zu dem Herbstlaub stehen sie so schön, als hätte die Natur selbst sie angenäht! O ja, die liebe Brautmutter Natur hat mit vollem Bewußtsein und Stilgefühl sich heute in diesen üppigen Hochzeitstaat geworfen, verlaß dich drauf! Und das nennen wir jungen Thoren verspäteten Sonnenschein!«

Er beugte sich schweigend zu ihr nieder und küßte sie einmal, zehnmal, zwanzigmal. Ihr schönes Gesicht glühte 10 wärmer auf. Sie nahm den Hut ab und hängte ihn über den Arm.

»Um den Teint braucht man so spät im Jahre und so spät bei Jahren sich ja nicht mehr zu sorgen,« lachte sie. »Freilich wird die liebe Sonne sich wundern, wenn sie merkt, daß unter dem leichtfertig jugendlichen Hütchen ein in Ehren ergrautes Haupt verborgen war –«

»Und unter der stolzen Helmzier eine bedenklich durchforstete Schonung wächst,« fügte er hinzu, indem er gleichfalls für einen Augenblick das Haupt entblößte. Die Braut strich ihm lächelnd mit der Hand über die Haare; plötzlich blieb sie stehen und forschte umher.

»Weißt du auch,« sagte sie, »daß wir jetzt ganz nahe der geheiligten Stätte sind, wo vor zehn Jahren –«

»Ich dich zuerst wiedererblickte! Schon meine Braut, und doch zagte ich, als ob ich zum erstenmal dich sähe! Ich bin doch neugierig, ob ich den Baum wiedererkenne, an den ich einst mein Glück so schön gefesselt fand.«

»Kurt da ist er!« jubelte sie auf.

»Wahrhaftig,« rief er, »das ist er, der Wunderbaum, der solche Früchte trug! Wie wenig er sich verändert hat! Wie gut so ein Baum die Zeit vertragen kann! Für den giebt's keinen verspäteten Sonnenschein.«

Beide verließen Hand in Hand den Weg und schritten quer über den Waldboden auf die junge Buche zu. Das abgefallene Laub rauschte um ihre Füße und sprudelte hoch auf, und sie freuten sich dieses Spiels wie zwei Kinder.

»So,« sagte der Hauptmann, als sie ihr Ziel erreicht hatten, »und jetzt wirst du dich gütigst wie damals in schlafendem Zustande mit dem Rücken gegen den Stamm setzen, und ich gebe dann zunächst die Rolle deiner bösartigen Vettern.«

11 »Ich habe aber kein Buch zum Einschläfern bei mir wie damals Wolfs's wunderthätigen Tannhäuser –«

»So muß für diesmal die Gesellschaft des betagten Bräutigams dem Zwecke genügen. – So, heimtückische Vettern, jetzt kann euer lichtscheues Werk beginnen!«

Sie saß anmutig gegen den Stamm gelehnt; der Bräutigam zog ihr leise von hinten die lange Nadel aus dem Haar, dann noch ein paar Nädelchen dazu, und die schwarzen herrlichen Flechten lösten sich und rollten prächtig den Rücken hinab. Rasch holte er beide Zöpfe um den Stamm, schlang sie dahinter zu einem Knoten zusammen und sicherte die Fessel durch einen kräftigen Bindfaden.

»Genau so hatten sie es damals gemacht,« rief er befriedigt, »und dann sind die moralischen Ungeheuer fortgelaufen und haben dich hilflos den Gefahren der Wildnis überlassen. Die schlechten Kerle!«

»Nun, nun,« lachte sie, »die armen Jungen konnten doch nicht wissen, welch einen gefährlichen Räuber der sonst so gutartige Wald gerade in dieser schlimmen Stunde barg! Aber genau so hatten sie mich verknotet; es ziepte gerade wie jetzt, und ich konnte die Hände mit aller Anstrengung nicht weit genug hinter den Stamm bringen, um den abscheulichen Knoten zu lösen.«

»Und da hingst du, wie einst die unselige Andromeda, dem Seeungetüm zur Beute ausgesetzt –«

»Und ich sah das Ungetüm herannahen –«

»Und es zeigte sich als das dümmste Seevieh, das je geboren worden, indem es mit verblendetem Zartsinn in die falsche Rolle des Perseus verfiel und dich leidlich ungeküßt aus deiner gräßlichen Lage befreite – nur daß es wenigstens so klug war, sich recht ungeschickt zu stellen, um den Anblick der Rabenzöpfe möglichst lange zu genießen. O Kind, 12 wenn du damals geahnt hättest, wie märchenhaft schön sie in der Frühlingssonne glänzten! Zum Glück habe ich dich erst später systematisch eitel gemacht.«

»Bis Mutter Natur ein Einsehen hatte, und zu meiner Besserung das glänzende Schwarz in ein trostloses Grau verwandelte.«

»Verleumderin! Sie hat nur des pikanten Gegensatzes wegen das Ebenholz hie und da ein wenig mit Silberstaub bestreut. Sie wußte genau, was deinem merkwürdigen Gesichte am besten steht.«

»Nun muß ich aber bitten, daß du dich wieder aus dem Ungeheuer in den angenehmeren Perseus verwandelst und mir die Freiheit schenkst – die ich eben jetzt zum letztenmal in diesem Erdenleben genießen soll.«

»Daß ich noch einmal der gutmütige Thor wäre wie damals! Glaubst du wirklich, ich hätte in zehn Jahren gar nichts zugelernt? O nein, so nahe dem Schwabenalter zieht man es vor, das rücksichtslose Meerwunder zu sein, das seinen gerechten Tribut einfordert. Ergieb dich in dein Schicksal, süßes Opfertier!«

Er trat langsam einige Schritte zurück und stand, sie mit Entzücken betrachtend. Ihr Antlitz war vom vollen Sonnenlicht erhellt; er sah es an mit Blicken der Liebe und fand es schöner, lieblicher, blühender denn je; das stille Glücksgefühl lag wie ein strahlender Schleier verklärend darüber.

Und wie sie so schön war, schien es ihm, dem Beglückten, als beginne der Wald selbst sich mit ihm zu freuen und sie zu bewundern; es ging ein Rauschen durch die Kronen der Bäume, und die Sonne goß einen überschwenglich verklärenden Glanz über das bunte Laub, daß es aufzujubeln schien in allerfrischester Lebenswonne und Lebensglut; wie 13 ein neu erwachendes Dehnen und Schwellen hauchte es durch die Zweige und ein Wiegen des Uebermuts durch die Blätter; der Wald berauschte sich an seiner herbstlichen Schönheit. Nein! Nein! Es giebt keinen verspäteten Sonnenschein! jauchzte das Herz des Glücklichen, das Glück kommt immer zur rechten Stunde, und wäre es in der Stunde des Todes!

Und indem er das dachte, schloß er in Seligkeit die Augen für einige Sekunden. Und in diesen Sekunden verstummte das Rauschen in den Kronen; aber durch die eingebrochene Stille zitterte ein seltsames Rieseln, leise, unendlich leise, gleich einem ferneren Tupfen winziger Geisterhände oder einem Huschen und Trippeln verborgener Füßchen. Und neben dem Rieseln ein Hauchen und Raunen, geheimnisvoll durch die Luft wehend wie mit unsichtbaren Flügeln; und als er heimlich durchschauert die Augen wieder aufthat, sah er ringsumher ein langsames Lösen der Blätter von den Zweigen und ein Sinken und Sinken, als würden sie von stillen Todesengeln leise zur Erde hinab und zu Grabe getragen.

Die Rose entfaltet ihre duftigste Schönheit in eben dem Augenblicke, da sie zu welken beginnt; und der Wald bläht sich heute in herbstlichem Freudenglanz – und morgen werden die Blätter fallen. Es bedarf keines Sturmes mehr, den Wald seines Schmuckes und seiner Schönheit zu berauben; mag auch des Himmels Blau und die Sonnenmilde bleiben wie heute; es wird dennoch geschehen: morgen werden die Blätter fallen.

Und er sah die Augen der Geliebten auf sich gerichtet wie mit einer bangen Frage, einem Schauder, einer Bitte – aber einer Frage nicht an ihn, sondern ins Leere, auch nicht an das Glück und das Schicksal, sondern an die kalte Notwendigkeit. Ihre Züge waren blaß geworden wie 14 von einem inneren Frost, und ein fremder Schatten fuhr mit einem trüben Hauch über die klare Stirn; von den eben noch jugendfrischen Wangen war mit unmerklich leisem Verwittern etwas hinweggeschwunden wie der erste Tau von einer Morgenblume – auch dies verblaßte Angesicht war schön, schön wie gemeißelter Marmor – aber morgen – – morgen werden die Blätter fallen.

Eine aufsteigende Thräne wollte ihm den Blick verdüstern; da kam von der See her, wie ein Gruß, ein belebender Windhauch und rauschte durch die Wipfel, die ängstliche Stille verjagend.

Da breitete der Bräutigam die Arme aus, flog auf die Geliebte zu und bedeckte ihren Mund mit hundert Küssen freudenvoller Leidenschaft. Und die hellen Rosen der Jugend und der Liebe glühten wieder auf ihren Wangen. Und der Sonnenschein lag strahlend über dem wunderbaren Blätterschmuck des uralten Buchenwaldes.

Dann löste er ihre Zöpfe aus der Verschlingung, half sie ihr wieder aufstecken, und legte zärtlich den Arm um ihre Hüften; so wanderten sie weiter in beglücktem Schweigen.

»Und dann starb der gute Vater,« sagte die Braut plötzlich.

Der Hauptmann küßte ihre Stirn und sprach: »Ich glaube, er war müde und lebenssatt; er ruht in Frieden.«

»Er hat den Tod der Mutter nie verwunden,« fügte sie schmerzlich hinzu.

»Wie könnte ein Mann das auch verwinden, der einmal eine Frau geliebt und besessen?« sagte er leise, und sie drückte die Lippen stumm auf seine Hand.

»Aber die andern lieben Verwandten alle,« fuhr sie traurig fort, »meine treuen Beschützer; sie waren fröhlichen Sinnes und lebensvoll, bis der große Sturm kam und 15 ihnen alles entriß, was ihre Freude gewesen war, und mit dem Besitz die Lebenslust, und zuletzt das Leben selbst. Es war schade, schade um sie alle.«

»Am meisten leid war es mir um den prächtigen Burschen, deinen Vetter Arthur: der hätte Leben und Glück zu genießen verstanden.«

»Und doch, wer weiß, welchem Schicksal er entgangen ist. Er war zu sehr gewöhnt an Glanz und Heiterkeit, er war nicht dazu gemacht, ein armer Offizier zu sein; dazu gehört ein stärkerer Charakter. Er wäre vielleicht nur langsamer und elender zu Grunde gegangen.«

»Oder er hätte gar eine reiche Heirat machen müssen.«

»Ist das auch etwas so Schreckliches?« fragte sie mit einem wehmütigen Lächeln.

»Ja,« entgegnete er einfach.

Sie seufzte tief auf. »Aber wenn einer den Heldenmut und die Kraft besitzt, arm zu sein als Offizier, und das glänzende Elend stolz auf seine Schultern zu nehmen – daß er es dann nicht einmal darf, daß er zehn Jahre in ewigem Heimweh warten muß auf sein bißchen eigenes Glück, das ist doch hart, sehr hart von unserem Kaiser!«

»Und dennoch ist es nur gerecht,« erwiderte er fest; »Blut und Leben im Kriege zu opfern für sein Vaterland, das wird verlangt auch von jedem Gemeinen, dem nichts dafür gegeben wird; der Offizier allein aber muß auch im Frieden bereit sein, seiner Pflicht noch andere Opfer zu bringen, die manchesmal wohl schwerer wiegen können als ein rascher Soldatentod. – Freuen wir uns indessen, daß die Zeit der Prüfung vorüber ist, und wir sie mit einigen Ehren bestanden haben.«

»Du! du!« flüsterte sie mit feuchten Wimpern, »ich hatte ja nichts zu bestehen!«

16 »Du hast so viele liebe Menschen in den wenigen Jahren beweinen müssen.«

»Es waren Jahre genug, sie auch zu verschmerzen – und den liebsten Menschen habe ich doch behalten!«

Sie umarmten sich herzlich und schritten weiter. Immer fort rauschte das bunte Laub um ihre Füße wie spielende Wellen.

Auf einmal standen sie, aus dem Walde hervortretend, mitten auf der Dorfstraße, zwischen Häusern und Gärten. Ueberrascht sahen sie um sich; es war ein fremdartiger Anblick. Totenstill lag die prächtige Sommerstadt, alle Thüren verschlossen, alle Fensterläden herabgelassen, die Balkone vereinsamt, die Gärten wie träumend in sich selbst versunken.

Das alles erschien wie ein rätselhafter Widerspruch. Ueber die menschenleeren Erker, Galerien und Säulen flutete die freudigste Sommersonne, zu Lust und Leben lockend; in den Gärten sonnten sich farbenfrohe Astern und Georginen; mit dem unverwüsteten Laube des Epheus mischten sich die herrlichen glühroten Ranken des wilden Weins. Gartenbänke und Tische standen behaglich vor den stummen Häusern, als wären sie eben benutzt worden; Bienen waren noch einmal ausgeschwärmt; nur von lebenden Menschen zeigte sich ringsumher nicht einer. Es war eine plötzlich ausgestorbene Stadt, aber eine Stadt, die auch ohne die menschlichen Bewohner sich ruhig weiter des Lebens und der Sonne freut, eine verlassene Stadt ohne Verfall und Zerstörung. Die schönen Häuser standen nur träumerisch in sich gekehrt, als hielten sie in ihren Räumen mit geheimer Eifersucht ein weltscheues Glück verschlossen, und die hohen Buchen schütteten leise ihren bunten Blätterregen über die schlafende Welt der Freude hin, wie um sie unter dem sanften Schutte langsam zu begraben, damit sie einst vielleicht nach Jahrtausenden 17 unversehrt vor den Augen der Nachwelt wieder auferstehe, gleich den verschütteten Städten des Vesuv.

»Weißt du auch, Liebster, wohin wir geraten sind?« flüsterte die Braut nach einem Schweigen. »Tief unter den Meeresgrund; und dies ist das alte Vineta, das da begraben liegt seit vielen Jahrhunderten, wohlerhalten in allen Stücken mit Häusern und Straßen und Bäumen; nur die Menschen sind ausgestorben, nur die armen Menschen haben alle diese sonnige Herrlichkeit verlassen müssen. – O, sieh doch nur diesen Himmel an, wie er sonderbar durch die Baumwipfel schimmert: kann ein gewöhnlicher Lufthimmel so tiefblau sein? Ist das nicht offenbar das Meer, das sich über uns wölbt? Und darum auch diese leuchtend bunten Farben da oben! Das sind lauter Korallen und Muscheln und Seerosen und Seesterne, die an den Zweigen hängen, und gelbe Bernsteinstückchen darunter. Und siehst du, darum schweben sie so langsam nieder, weil das Wasser sie trägt und wiegt, bis sie den Seegrund hier unten erreichen. Und darum ist es so still hier, so märchenhaft still; kein Ton, als das Rauschen der Wellen über uns; so still kann es ja nur auf dem stummen Meeresgrunde sein. O, wie wunderbar! O, wie wunderbar!«

Sie legte leise den Kopf an die Schulter des geliebten Mannes; die scherzend selbsterzeugte Stimmung nahm sie doch gefangen; ein Schauer überlief sie in der bebauten Einsamkeit mitten im bunten Zauberwalde.

Er aber neigte sich zärtlich und sagte: »Und so kluge schwarze Nixenaugen wie die deinen giebt es auch nur hier in der Meerestiefe, Augen, die Märchen sehen und selbe die süßesten Märchen sind. Und silberschimmerndes Haar zu den rosigsten Wangen, wo findet man das bei einander oben auf der plumpen Erde?«

18 Er küßte sie, und langsam schritten sie weiter die lange, stille, sonnige Straße hinauf; immer noch kein Laut ringsum und kein lebendes Wesen. Nur schlafende Paläste in tiefer Waldesruhe, und Sonnengold und schimmerndes Blau wie ein Schleier darüber.

»O, wie wunderbar! O, wie wunderbar!« flüsterte auch er.

Da tönte von dem bewaldeten Hügel her, auf den sie zuschritten, Glockenläuten feierlich herüber.

Beide falteten still die Hände.

»Die Osterglocken von Vineta!« sagte der Bräutigam.

»O nein!« rief sie fast ängstlich. »Die Vinetaglocken sind doch Totenglocken; wir aber wollen hinaufsteigen zum Licht und zu langem Glück – hast du vielleicht Lust, heute einmal mit mir zur Kirche zu gehen?« fügte sie schalkhaft blickend hinzu.

»Unsereins geht immer nur kommandiert zur Kirche,« entgegnete er, »und so auch heute. Doch einem Kommandeur, zu dem man Vertrauen hat, folgt man gern, in die Kirche wie in den Krieg – ein dreißigjähriger Krieg kann's für uns noch gerade werden, dazu sind wir jung genug.«

Die Braut stand plötzlich still und sah ihn an. »Jung? – Weißt du auch, daß ich uns ganz erschrecklich jung finde, noch gar nicht reif zu einem so bitterernsten Lebenswerk? Ich wenigstens – ich kann mir nicht helfen, ich fühle jetzt das unwiderstehliche Bedürfnis, zum allerletztenmal im Leben noch recht von Herzen kindisch zu sein – – greife mich! Nur mit Gewalt soll man mich zum Altar schleppen!« Und hell auflachend riß sie sich los und flog den sanften Abhang hinunter, unter den Buchen hin, der Düne zu, wie ein überlustiges Kind.

Einige Augenblicke schaute er ihr nach voll stillen 19 Entzückens über die kräftige Anmut ihrer Glieder in dem stürmischen Lauf und sagte: »O süßer Backfisch!« Dann rannte er wie ein wilder Knabe hinterher und holte sie ein, gerade als sich vom Dünenrand der große Blick aufs Meer vor ihnen öffnete.

Da standen sie beide still und blickten mit plötzlichem Ernste schweigend ins Weite hinaus. Ruhig rauschten die Brandungswellen, und von der Höhe klang freundlich darein das Läuten der Kirchenglocken. Himmel und Meer schwammen ineinander in unendlichem reinem Blau.

Sie standen lange und tranken das Glück der feierlichen Stunde.

»Mir ist, als wehe hier ein Hauch ewiger Jugend zu uns herüber,« sagte der Hauptmann leise und küßte seiner Braut eine Thräne von der Wimper.

Dann wandten sie sich zögernd ab und schritten langsam Hand in Hand und still aneinandergeschmiegt hügelauf der Kirche zu. Von den Bäumen, die ihre Kronen über dem Wege wölbten, rieselten die Blätter hinter ihnen wie ein dauernder sanfter Regen lautlos zur Erde nieder.

Sie sahen es nicht und hörten es nicht, ihre Augen und ihre Herzen waren selig ineinander versunken.

Die volle Sonne leuchtete über dem glühenden Herbstschmuck der belaubten Wipfel, und nur wie ein Flüstern ging durch den Wald die klagende Stimme: »Und morgen werden die Blätter fallen.«

 


 








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