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Späte Rache

Arthur Conan Doyle: Späte Rache - Kapitel 7
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typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleSpäte Rache
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesGesammelte Detektivgeschichten von Conan Doyle
volumeI
printrun45.-47. Tausend
illustratorRichard Gutschmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111030
projectid55f43b9f
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Sechstes Kapitel.

Tobias Gregson thut große Thaten.

Tags darauf waren alle Zeitungen voll von dem ›Brixton-Geheimnis‹, wie sie es nannten. Viele brachten außer einem langen Bericht noch Leitartikel darüber. Sie erzählten mancherlei, was mir neu war, und ich bewahre in meiner Brieftasche eine ganze Sammlung von Ausschnitten und Auszügen über den Fall. Das Wesentlichste lasse ich hier folgen:

Der ›Daily Telegraph‹ behauptete, daß die Verbrecherchronik nur wenige Tragödien aufzuweisen habe, die von so seltsamen Umständen begleitet seien. Der deutsche Name des Opfers, der Mangel jedes Beweggrunds, die furchtbare Schrift an der Wand, ließen deutlich erkennen, daß die That im Auftrag der Revolutionspartei begangen worden. Die Sozialisten besäßen weitverzweigte Verbindungen in Amerika, wahrscheinlich habe der Ermordete eines ihrer ungeschriebenen Gesetze übertreten und sei dafür zum Tode verurteilt worden. Der Artikel schloß damit, die Regierung zu ermahnen, sie möge ein wachsames Auge auf die Ausländer haben, die nach England kämen.

Der ›Standard‹ klagte, dergleichen Gewaltthätigkeiten seien die traurigen Früchte einer freisinnigen Regierung, welche die Massen aufsässig mache und alle Autorität untergrabe. »Der Verstorbene,« hieß es weiter, »ein Herr aus Amerika, hielt sich längere Zeit in London auf, und zwar in der Privatpension von Madame Charpentier in Torquay Terrace, Camberwell. Er reiste in Begleitung seines Privatsekretärs Joseph Stangerson. Letzten Dienstag, den 4. des Monats, verabschiedeten sich beide von ihrer Wirtin und fuhren nach dem Eustoner Bahnhof, mit der ausgesprochenen Absicht, den Schnellzug nach Liverpool zu benützen. Auch wurden sie dort noch zusammen im Wartesaal gesehen. Von da ab fehlen jedoch alle Nachrichten über sie, bis zu dem Augenblick, als Drebbers Leichnam, wie bereits mitgeteilt, in einem leeren Hause der viele Meilen vom Eustoner Bahnhof entfernten Brixtonstraße gefunden wurde. Wie er dorthin gekommen ist, und auf welche Weise ihn sein Verhängnis ereilt hat, sind Fragen, die für jetzt noch in undurchdringliches Dunkel gehüllt sind. Was aus Stangerson geworden ist, weiß man nicht. Wir freuen uns, zu hören, daß die Herren Gregson und Lestrade mit der Erforschung des Falles betraut worden sind und erwarten zuversichtlich, daß es diesen wohlbekannten Geheimpolizisten bald gelingen wird, die rätselhafte Angelegenheit aufzuklären.«

›Daily News‹ versicherte, es läge ohne allen Zweifel ein politisches Verbrechen vor. Dies werde sich bald genug herausstellen, wenn der Aufenthaltsort des Sekretärs Stangerson ermittelt sei und man Genaueres über die Lebensgewohnheiten des Ermordeten erfahren habe. Von wesentlicher Bedeutung sei es, daß man bereits wisse, in welcher Pension er sich aufgehalten, eine Kunde, die man einzig und allein dem Scharfsinn und der Thatkraft des Geheimpolizisten Gregson verdanke.

Diese und ähnliche Artikel, welche ich mit Sherlock Holmes zusammen beim Frühstück las, schienen ihn sehr zu belustigen.

»Sagte ich Ihnen nicht, daß Lestrade und Gregson unter allen Umständen Kapital aus der Sache herausschlagen würden?«

»Das kommt doch noch sehr auf den Ausgang an,« meinte ich.

»Bewahre, der ist dabei höchst gleichgültig. Wird der Mann gefangen, so geschieht es infolge ihrer Bemühungen, gelingt es ihm zu entkommen, so thut er es trotz ihrer Bemühungen. Die Anerkennung fehlt ihnen nie, sie mögen anstellen, was sie wollen.«

»Was geht denn da vor, was soll der Lärm bedeuten? Hören Sie nur,« rief ich, als sich in diesem Augenblick im Hausflur und auf der Treppe das Stampfen vieler Füße vernehmen ließ und dazwischen die unwillige Stimme unserer Wirtin.

»Das ist die kleine Detektivmannschaft aus der Bakerstraße,« sagte mein Gefährte mit lächelnder Miene, und ehe ich mich's versah, kam ein halbes Dutzend der schmutzigsten und zerlumptesten Gassenjungen hereingepoltert, die ich je im Leben zu Gesicht bekommen habe.

»Achtung!« rief Holmes im Kommandoton, und die sechs schmutzigen Bengel standen in Reih und Glied wie wohldressierte Soldaten. »Künftig schickt ihr Wiggins allein herauf, um Bericht zu erstatten; ihr andern wartet unten auf der Straße! – Habt ihr sie gefunden, Wiggins?«

»Nee,« lautete die Antwort, »gefunden haben wir se nich.«

»Das dachte ich mir wohl. Sucht nur weiter, bis ihr sie findet; hier ist euer Geld.« Er händigte jedem der Buben einen Schilling ein. »Jetzt fort mit euch, und bringt mir das nächstemal bessern Bescheid.«

Auf seinen Wink machten sie rechtsumkehrt, und polterten wieder die Treppe hinunter. Gleich darauf hörte man sie schon unten auf der Straße durcheinander gröhlen und schreien.

»Jeder einzige von den kleinen Halunken bringt mehr vor sich als ein Dutzend Polizisten,« bemerkte Holmes. »Die Leute haben gleich ein Schloß vor dem Mund, sobald sich nur ein Beamter von fern blicken läßt. Diese Schlingel kommen aber überall hin und hören alles. Sie sind glatt wie Aale und schlau wie Füchse, es fehlt ihnen nur die Disziplin.«

»Betrifft denn der Auftrag, den Sie ihnen gegeben haben, den Brixton-Fall?«

»Ja, es handelt sich um einen Punkt, über den ich Gewißheit haben muß. Die werden sie mir verschaffen – es ist nur eine Frage der Zeit. – Aber, holla! jetzt werden wir Neuigkeiten zu hören bekommen. Eben steuert Gregson mit vollen Segeln die Straße herunter. Er strahlt förmlich vor Glückseligkeit. Richtig, er will zu uns – da ist er schon.«

Es ward heftig an der Hausglocke gezogen, und gleich darauf kam der blonde Detektiv die Treppe heraufgesprungen, immer drei Stufen auf einmal, und platzte in unser Wohnzimmer.

»Wünschen Sie mir Glück, werter Freund,« rief er, Holmes eifrig die Hand schüttelnd; »ich habe jetzt Licht in die Sache gebracht – alles liegt klar zu Tage.«

Ein düsterer Schatten glitt über die ausdrucksvollen Züge meines Gefährten. »Glauben Sie die rechte Spur gefunden zu haben?« fragte er.

»Die rechte Spur? Was denken Sie – ich habe den Verbrecher schon hinter Schloß und Riegel.«

»Wer ist es denn?«

Gregson warf sich stolz in die Brust. »Arthur Charpentier, Unterleutnant bei der königlichen Marine,« rief er, sich die fleischigen Hände reibend.

Sherlock Holmes atmete sichtlich erleichtert auf.

»Setzen Sie sich, und hier ist eine Cigarre. Wir sind sehr gespannt zu hören, wie Sie es angefangen haben. Ist Ihnen vielleicht ein Glas Grog gefällig?«

»Habe nichts dagegen,« versetzte der Detektiv; »wer solche Anstrengungen durchgemacht hat, wie ich in den letzten Tagen, bedarf wohl einer Erfrischung. Besonders die geistige Ermüdung war übergroß. Sie werden das verstehen, Herr Holmes, denn auch Sie arbeiten mit dem Kopfe.«

Gregson hatte im Lehnstuhl Platz genommen, und begann mit Wohlgefallen seine Cigarre zu rauchen. Plötzlich schlug er sich mit der Hand auf das Knie und brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Es ist wirklich zu komisch,« rief er, »daß Lestrade, der Narr, der für so ungeheuer klug gilt, sich ganz und gar auf dem Holzweg befindet. Er hat es auf den Sekretär Stangerson abgesehen, der doch so unschuldig an dem Verbrechen ist, wie ein neugeborenes Kind. Sicherlich hat er ihn jetzt schon dingfest gemacht.« Und wieder wollte er sich vor Lachen ausschütten.

»Wie haben Sie denn aber die richtige Spur gefunden?« fragte Holmes.

»Ich will Ihnen alles erzählen. Es bleibt natürlich ganz unter uns, Doktor Watson. Die erste Schwierigkeit, die es zu überwinden galt, war, Kenntnis von Drebbers Vorleben in Amerika zu erlangen. Mancher würde gewartet haben, bis Antwort auf seine Anzeige kam, oder irgend jemand ihm von selbst Mitteilungen machte. Aber das ist nicht Tobias Gregsons Art und Weise. Erinnern Sie sich an den Hut, der neben dem Toten auf dem Boden lag?«

»Gewiß; aus dem Geschäft von John Underwood & Söhne, Camberwell-Straße 129.«

Gregson machte ein höchst verblüfftes Gesicht. »Haben Sie das wirklich auch bemerkt? Sind Sie da gewesen?«

»Nein!«

»Das wundert mich. Mein Grundsatz ist, keine Gelegenheit unbenutzt vorbeigehen zu lassen, wie geringfügig sie auch erscheint.«

»Für einen großen Geist ist selbst das Kleinste von Bedeutung,« bemerkte Holmes salbungsvoll.

»Ich ging also zu Underwood,« fuhr Gregfon fort, »und fragte ihn, ob er kürzlich einen Hut, wie ich ihn beschrieb, verkauft habe Er schlug in seinen Büchern nach und fand sogleich, was ich wollte. Der Hut war an einen Herrn Drebber nach Madame Charpentiers Pension in Torquay Terrace geschickt worden. So bekam ich seine Adresse.«

»Schlau, sehr schlau,« murmelte Sherlock Holmes.

»Nun suchte ich Madame Charpentier auf, die ich sehr blaß und angegriffen fand. Auch ihre Tochter, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen, war zugegen; sie hatte rotgeweinte Augen, und als ich sie anredete, bebten ihre Lippen. Das entging mir nicht, und ich witterte gleich Unrat. Sie kennen das Gefühl, Holmes, wenn man plötzlich auf die richtige Spur gerät, es fährt einem durch alle Glieder.

»›Haben Sie schon etwas von dem rätselhaften Tode des Herrn Drebber aus Cleveland gehört, der bei Ihnen gewohnt hat?‹ fragte ich.

»Die Mutter nickte bloß, sie schien außer stande, einen Laut hervorzubringen, die Tochter aber brach in Thränen aus. Kein Zweifel, die beiden wußten Näheres über die Sache.

»›Um welche Zeit verließ Herr Drebber Ihr Haus, um sich auf die Eisenbahn zu begeben?‹ fuhr ich in meinem Verhör fort.

»›Um acht Uhr,‹ erwiderte sie, ihre Aufregung mühsam bezwingend. ›Herr Stangerson, sein Sekretär, sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‹

»›Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‹

»Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß, und es dauerte mehrere Sekunden, bevor sie das einzige Wort: ›Nein!‹ hervorstieß. Ihre Stimme klang leise und unnatürlich.

»›Mutter,‹ sagte die Tochter nach einem Augenblick tiefster Stille, ›laß uns dem Herrn gegenüber aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit kann nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn Drebber noch einmal wiedergesehen.‹

»›Verzeih dir Gott,‹ rief Frau Charpentier, und sank händeringend auf einen Stuhl. ›Du hast deinen Bruder ums Leben gebracht.‹

»›Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit sagten,‹ entgegnete sie mit Festigkeit.

»›Sprechen Sie frei heraus,‹ ermahnte ich, ›ein halbes Vertrauen ist schlimmer als gar keines. Auch weiß die Polizei vielleicht schon mehr, als Sie ahnen.‹

»›Mein Sohn ist völlig unschuldig,‹ beteuerte sie. ›Wenn ich seinetwegen besorgt bin, so ist das nur, weil ich fürchte, daß er in Ihren Augen und vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig erscheinen könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein vortrefflicher Ruf, sein Stand, sein ganzes früheres Leben, bürgen dafür, daß er an dieser gräßlichen That keinen Anteil hat.‹

»›Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‹ bedeutete ich sie; ›wenn Ihr Sohn unschuldig ist, hat er nichts zu fürchten.‹

»›Laß uns allein, Mary,‹ gebot Madame Charpentier. Die Tochter verließ das Zimmer und die Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ›Herr Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt. Vorher war er mit seinem Sekretär Stangerson auf Reisen; nach den Zetteln an ihren Koffern zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen. Stangerson zeigte sich schweigsam und zurückhaltend, Drebber aber benahm sich höchst anstößig. Er war ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken und nach zwölf Uhr mittags sah man ihn selten nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen war er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner Tochter Mary gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches Betragen und sprach mehrmals in einer Weise mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug, sie in meinem Beisein zu umarmen und zu küssen, so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel legte und ihm seine Frechheit verwies.‹

»›Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen? Sie hätten doch den lästigen Menschen los werden können, sobald Sie wollten.‹

»›Ich weiß wohl,‹ sagte Madame Charpentier errötend; ›hätte ich ihn nur gleich am ersten Tage aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung war groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund die Woche, und ich hielt es für meine Pflicht, in diesen schlechten Zeiten mir eine solche Einnahme nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein Sohn in der Marine hat viel Geld gekostet. Nach dem letzten Auftritt zögerte ich aber nicht länger, ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‹

»›Nun, und wie wurde es weiter?‹

»›Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn glücklich fortfahren sah. Mein Sohn ist jetzt auf Urlaub hier; ich habe mich jedoch wohlweislich gehütet, ihm etwas von meinen Unannehmlichkeiten zu sagen, denn er gerät leicht in Harnisch und liebt seine Schwester zärtlich. Meine Freude, jenen lästigen Menschen los zu sein, war leider von kurzer Dauer. Noch war keine Stunde vorbei, so klingelte es heftig und man sagte mir, Drebber sei wieder da, er habe den Zug versäumt. In stark berauschtem Zustand erzwang er sich den Eintritt in das Zimmer, wo ich mit meiner Tochter saß, trat frech vor Mary hin und machte ihr den Vorschlag, mit ihr zu entfliehen. ›Sie sind großjährig,‹ sagte er, ›das Gesetz hat keine Macht über Sie. Ich besitze Geld die Hülle und Fülle. Kümmern Sie sich nicht um die Alte, sondern folgen Sie mir auf der Stelle; Sie sollen wie eine Fürstin leben.‹ Die arme Mary war zu Tode erschrocken und wich vor ihm zurück, er aber ergriff sie am Arm, um sie mit sich fortzuziehen. Ich schrie laut auf vor Angst, und in diesem Augenblick trat mein Sohn Arthur ins Zimmer. Was weiter geschehen ist, weiß ich nicht, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und hörte nur Verwünschungen und ein verworrenes Getöse. Als ich wieder aufzublicken wagte, stand Arthur, einen Stock in der Hand, lachend an der Thür. ›Der saubere Kumpan wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‹ sagte er; ›ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm geworden ist.‹ Mit diesen Worten eilte er die Treppe hinunter. Am nächsten Morgen brachte man uns die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‹

»›Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‹ fragte ich, als Madame Charpentier mit ihrem Bericht zu Ende war. ›Das weiß ich nicht,‹ stammelte sie; ›er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel hereingelassen.‹

»›Nachdem Sie zu Bett waren?‹

»›Ja.‹

»›Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‹

»›Gegen elf Uhr.‹

»›So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei Stunden fort?‹

»›Ja.‹

»›Möglicherweise auch vier oder fünf?‹

»›Ja.‹

»›Wo war er inzwischen?‹

»›Ich weiß nicht,‹ flüsterte sie mit bleichen Lippen.

»Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht länger im Zweifel, was zu thun sei. Ich nahm zwei Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier auf und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter berührte und ihn ermahnte, uns ohne Widerstand zu folgen, richtete er sich stolz in die Höhe. ›Man hegt vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des schurkischen Drebber beteiligt,‹ waren seine ersten Worte. Sie werden mir zugeben, daß das höchst verdächtig aussah.«

»Versteht sich,« pflichtete Holmes bei.

»Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine Mutter gesprochen hatte, einen schweren eichenen Knittel.«

»Wie denken Sie sich denn den Verlauf der Sache?«

»Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße gefolgt. Dort hat sich ein neuer Streit zwischen ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock einen Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle, der seinen Tod verursachte, ohne eine Spur zu hinterlassen. In der regnerischen Nacht war kein Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die Leiche ungesehen nach dem leeren Hause schaffen. Was aber das Licht betrifft, das vergossene Blut, die Schrift an der Wand und den Ring, so sind das wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken.«

»Vortrefflich,« rief Holmes beifällig. »Sie machen wirklich Fortschritte, Gregson; es kann noch etwas aus Ihnen werden.«

»Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt abgewickelt habe,« sagte der Polizist voll Selbstgefühl. »Der junge Mann behauptete zwar steif und fest, er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen, dann habe dieser ihn entdeckt und sei in eine Droschke gestiegen, um ihm zu entkommen. Auf dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden vom Schiff begegnet sein und einen langen Spaziergang mit ihm gemacht haben. Als ich aber nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte er sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir ganz klar; es macht mir nur Spaß, daß Lestrade eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts führen kann. – Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er selbst.«

Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs die Treppe heraufgekommen und trat jetzt ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so selbstbewußtes Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen waren verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug in Unordnung. Er wollte sich offenbar bei Holmes guten Rat holen; seinen Kollegen da zu finden, hatte er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im Zimmer stehen und drehte seinen Hut krampfhaft

in den Händen. »Ein höchst verwickelter, unverständlicher Fall,« sagte er endlich.

»Meinen Sie, Lestrade?« rief Gregson triumphierend, »das habe ich mir wohl gedacht. Ist es Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs Josef Stangerson zu entdecken?«

»Den Sekretär Stangerson,« erwiderte Lestrade mit tiefem Ernst, »hat man in Hallidays Privathotel heute früh gegen acht Uhr in seinem Schlafzimmer ermordet gefunden.«

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