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Späte Rache

Arthur Conan Doyle: Späte Rache - Kapitel 14
Quellenangabe
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typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleSpäte Rache
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesGesammelte Detektivgeschichten von Conan Doyle
volumeI
printrun45.-47. Tausend
illustratorRichard Gutschmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Fortsetzung von Dr. Watsons Erinnerungen.

Trotz des rasenden Widerstands, den unser Gefangener geleistet hatte, schien er doch nicht feindlich gegen uns gesinnt zu sein. Sobald ihm klar geworden war, daß er bei unserer Uebermacht nichts auszurichten vermöge, ergab er sich in sein Schicksal und sprach mit verbindlichem Lächeln die Hoffnung aus, daß keiner von uns bei dem Handgemenge zu Schaden gekommen sein möchte.

»Vermutlich wollen Sie mich auf die Polizei bringen,« wandte er sich an Sherlock Holmes; »meine Droschke steht noch unten; wenn Sie mir die Füße losbinden, kann ich selbst hinunter gehen; es dürfte Ihnen doch schwer fallen, mich zu tragen.«

Gregson und Lestrade wechselten bedeutsame Blicke, der Vorschlag mochte ihnen wohl allzu gewagt erscheinen, aber Holmes nahm den Gefangenen sogleich beim Wort und befreite ihn von dem Tuch, mit welchem wir ihm die Fußgelenke zusammengeschnürt hatten. Als er aufstand, dehnte und reckte er sich, wie um sich zu überzeugen, daß er wirklich der Bande ledig sei. Selten war mir ein Mann mit so gewaltigem Gliederbau vorgekommen, und dabei lag ein Ausdruck von Willensstärke und Entschlossenheit in seinem sonnverbrannten Gesicht, der mir noch furchtbarer erschien als seine riesige Körperstärke.

»Sie sollten Polizeichef werden,« sagte er, Holmes mit aufrichtiger Bewunderung betrachtend. »Die Art, wie Sie meine Spur verfolgt haben, war meisterhaft.«

Mein Freund lächelte. »Sie kommen mit, nicht wahr?« wandte er sich an die beiden Polizisten.

»Ich kann Sie fahren,« versetzte Lestrade.

»Gut, und Gregson steigt mit ein; Sie auch Doktor – da der Fall Sie interessiert, müssen Sie ihn auch weiter verfolgen.«

Ich willigte gern ein und wir begaben uns alle zusammen hinunter. Der Gefangene machte keine Miene zu entfliehen, sondern stieg ruhig in seine Droschke und wir folgten ihm. Lestrade nahm auf dem Bock Platz; er trieb die Pferde an, und bald befanden wir uns an Ort und Stelle. Man führte uns in ein kleines Zimmer, wo ein Polizeiinspektor die Angaben des Gefangenen nebst den Namen der beiden Männer aufschrieb, als deren Mörder man ihn anklagte. Der Inspektor, ein Mann mit blassem Gesicht und bewegungslosen Zügen, waltete mechanisch seines Amtes.

»Im Laufe der Woche wird der Angeklagte dem Richter vorgeführt werden,« sagte er, »inzwischen thun Sie jedenfalls am besten, Jefferson Hope, wenn Sie keinerlei Aussagen machen und Ihre Worte mit Vorsicht wägen, da dieselben vor Gericht gegen Sie zeugen könnten.«

»Ich habe sehr viel zu sagen,« versetzte der Gefangene eifrig; »es ist mein dringender Wunsch, Ihnen meine Herren, die ganze Geschichte zu erzählen.«

»Besser, Sie schieben es auf, bis zu Ihrem Verhör,« sagte der Beamte.

»Wer weiß, ob es dazu überhaupt kommt,« entgegnete Hope. »Fürchten Sie nichts, ich habe keine Selbstmordgedanken, aber doch könnte ein Hindernis eintreten. – Nicht wahr, Sie sind ein Doktor?« Er sah mich mit seinen dunklen Augen fragend an.

Ich nickte bejahend.

»Dann legen Sie Ihre Hand auf meine Brust.«

Ich that, wie er sagte, und erschrak, als ich ein heftiges Pulsieren fühlte und auffällige Geräusche im Innern vernahm. Sein Brustkasten schien zu erzittern und zu erbeben, wie ein schwacher Bau, in dem eine mächtige Maschine arbeitet.

»Was ist das?« rief ich, »Sie haben ja ein Herzleiden, das bereits im gefährlichsten Stadium der Entwicklung ist.«

»Ganz recht,« erwiderte er gelassen. »Letzte Woche bin ich deswegen bei einem Arzt gewesen, der mir gesagt hat, es könne nur noch wenige Tage dauern, bis der Tod eintritt. Ich habe mir das Uebel durch schlechte Nahrung und Entbehrungen aller Art zugezogen, während ich im Gebirge am Salzsee hauste und es hat sich seitdem von Jahr zu Jahr verschlimmert. Jetzt ist das Werk meines Lebens gethan und mich kümmert's nicht, wenn es mit mir zu Ende geht; doch möchte ich zuvor berichten, wie sich alles zugetragen hat, damit man mich nicht für einen gewöhnlichen Mordgesellen hält.«

Nach einer kurzen Besprechung mit den beiden Polizisten, ob es ratsam sei, ihm den Willen zu thun, wandte sich der Inspektor an mich:

»Glauben Sie, daß eine unmittelbare Gefahr vorliegt, Doktor?« fragte er.

»Ohne allen Zweifel,« erwiderte ich mit Bestimmtheit.

»In diesem Fall fordert schon unsere Pflicht im Interesse der Gerechtigkeit, daß wir ein Protokoll aufnehmen. Reden Sie also, Jefferson Hope, wenn Sie es wünschen, aber vergessen Sie nicht, daß Ihre Aussagen zu Ihren Ungunsten gereichen könnten.«

»Wenn Sie nichts dawider haben, will ich mich setzen,« sagte der Gefangene, Platz nehmend. »Seit einiger Zeit werde ich leicht müde; mein Uebel bringt das mit sich. Auch mag der Kampf, den wir vor einer halben Stunde durchgemacht haben, mir nicht sehr zuträglich gewesen sein. Ich stehe am Rande des Grabes, da pflegt man nicht zu lügen; was ich sage, ist die lauterste Wahrheit und mir kann gleichgültig sein, welchen Gebrauch Sie von meinen Worten machen.«

Er legte sich in seinen Stuhl zurück und sprach in so ruhigem, bedächtigem Ton, als handle es sich um die alltäglichsten Vorkommnisse. Für die Genauigkeit des hier folgenden Berichts kann ich mich verbürgen, denn Lestrade hat jedes Wort des Gefangenen nachgeschrieben und mir später sein Notizbuch zur Verfügung gestellt.

»Aus welcher Ursache ich jene beiden Männer so grimmig haßte,« begann Jefferson Hope seine Erzählung, »brauche ich nicht näher zu erörtern. Sie hatten den Tod zweier Menschen, eines Vaters und seiner Tochter, auf dem Gewissen, und ihr eigenes Leben war verwirkt. Doch hätte kein Gerichtshof die Missethäter mehr zur Rechenschaft gezogen, weil schon zu lange Zeit verstrichen war, seitdem sie das Verbrechen begangen hatten. Ich aber wußte um ihre Schuld und fühlte mich berufen, zugleich ihr Richter und der Vollstrecker des Urteils in einer Person zu sein. Ich müßte kein Herz im Leibe haben, hatte ich anders handeln können.

»Das Mädchen, von dem ich sprach, sollte vor zwanzig Jahren meine Gattin werden. Man zwang sie, jenen Drebber zu heiraten und sie starb vor Gram. Ich zog der Toten den Trauring vom Finger und that den Schwur, daß Drebber mit seinem Blut für die Schandthat zahlen solle. Noch in seiner Todesstunde wollte ich die Erinnerung daran in dem Bösewicht wachrufen und ihm den Ring zeigen. Ich folgte ihm und seinem Mitschuldigen durch Länder und Meere, bis ich sie endlich in meine Gewalt bekam; den Ring trug ich stets bei mir. Wenn sie sich vorgespiegelt hatten, ich würde jemals von ihnen ablassen, so täuschten sie sich völlig. Jetzt kann ich mit dem Bewußtsein sterben, daß mein Lebenszweck erfüllt ist: sie sind durch meine Hand gefallen und ich habe nun nichts mehr zu wünschen und zu hoffen auf der Welt.

»Ihre Verfolgung ließ sich nicht leicht ins Werk setzen, denn sie waren reich und ich arm. Mit leeren Taschen kam ich in London an und sah ein, daß ich irgend etwas ergreifen mußte, um meinen Unterhalt zu erwerben. Da ich mit Wagen und Pferden gut umzugehen verstehe, begab ich mich nach einem Droschkenbureau und fand bald Beschäftigung, Wöchentlich mußte ich eine bestimmte Summe abliefern; den Ueberschuß durfte ich behalten, er war zwar nur gering, aber ich hatte gelernt, mich mit wenigem zu begnügen. Um mich in dem Straßenlabyrinth zurechtzufinden, schaffte ich mir eine Karte an, die ich zu Rate zog. Anfänglich machte das große Schwierigkeiten, aber sobald mir einmal die hauptsächlichsten Hotels und Bahnhöfe geläufig waren, half mein guter Ortssinn alle Hindernisse zu überwinden.

»Es währte lange, bevor ich die Spur meiner Feinde entdeckte, doch ließ ich in meinen Erkundigungen nicht nach, bis ich wußte, wo ich sie zu suchen hatte. Sie waren in Camberwell, auf dem jenseitigen Flußufer, in einem Logierhaus abgestiegen. Nun ich ihren Aufenthaltsort kannte, heftete ich mich an ihre Fersen – es gab für sie kein Entrinnen mehr. Daß sie mich wiedererkennen würden, fürchtete ich nicht; ich hatte mir den Bart wachsen lassen, und mein Aussehen war völlig verändert; nur eine günstige Gelegenheit, um mein Vorhaben auszuführen, wollte ich abwarten.

»Ich folgte ihnen auf Schritt und Tritt, manchmal zu Fuß, meistens aber mit meiner Droschke, weil ich dann sicher war, sie einzuholen. Nur am frühen Morgen oder spät am Abend konnte ich noch dem Dienst nachgehen, und kam bald in Rückstand bei meinen Brotherren. Das kümmerte mich jedoch wenig, denn ich trachtete nur danach, mir die Leute nicht entgehen zu lassen.

»Sie mochten wohl ahnen, daß ihnen Gefahr drohe, und waren schlau genug, die äußerste Vorsicht zu beobachten. Nie gingen sie nach Einbruch der Dunkelheit aus, und stets traf man sie zusammen. Zwei Wochen lang fuhr ich täglich hinter ihnen her, aber ich bekam niemals den einen ohne den andern zu sehen. Drebber war fast immer betrunken, aber dafür hielt Stangerson unablässig die Augen offen. Hatte sich auch, trotz meiner Ausdauer und Wachsamkeit, bisher keine Gelegenheit zur Ausführung meines Planes geboten, so verlor ich doch den Mut nicht, denn eine innere Stimme sagte mir, daß die Stunde der Vergeltung nicht mehr fern sei. Was ich am meisten fürchtete, war, daß mich mein Herzleiden an der Vollendung des Werkes hindern könne.

»Eines Abends fuhr ich, wie ich öfters that, in der Straße auf und ab, in der sie wohnten, und sah, daß eine Droschke vor der Thür ihres Hauses hielt. Bald darauf wurden Koffer herausgebracht, Drebber und Stangerson erschienen auf der Schwelle, stiegen ein, und der Wagen rollte mit ihnen fort. Ich folgte in großer Eile und Bestürzung, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Als ich sie am Eustoner Bahnhof aussteigen sah, rief ich einen Knaben herbei, um mein Pferd zu halten, und betrat gleich nach ihnen den Bahnsteig. Sie kamen jedoch zu spät, der Zug nach Liverpool, den sie benützen wollten, war bereits abgefahren und bis zu dem nächsten hatte es noch mehrere Stunden Zeit, wie ihnen der Schaffner auf ihre Frage mitteilte. Stangerson schien hierüber sehr ungehalten, während Drebbers Miene eher Befriedigung verriet. Es gelang mir, ihnen in dem Gedränge so nahe zu kommen, daß ich jedes Wort ihres Gesprächs verstand. Drebber sagte, er habe noch eine kleine Angelegenheit zu ordnen, sein Gefährte möge hier auf seine Rückkehr warten. Als Stangerson Einspruch erhob, weil sie beschlossen hätten, beisammen zu bleiben, entgegnete Drebber, sein Geschäft sei delikater Natur, er müsse es allein besorgen. Stangersons Antwort konnte ich nicht verstehen, aber sie versetzte den andern in Wut; mit einem wilden Fluche fuhr er auf und schrie, er möge nicht vergessen, daß er nur ein bezahlter Diener sei, und ihm nichts zu befehlen habe. Der Sekretär gab nun den vergeblichen Widerstand auf und äußerte nur noch, daß Drebber ihn in Hallidays Privathotel aufsuchen möge, falls er auch noch den letzten Zug versäume. Jener versicherte jedoch, er werde vor elf Uhr wieder da sein, und verließ den Bahnhof.

»Nun endlich war der Augenblick gekommen, auf den ich so lange geharrt hatte: die Bösewichte waren in meine Hand gegeben. Vereint konnten sie einander schützen, getrennt hatte ich Gewalt über sie. Doch wollte ich nichts übereilen und ging mit der größten Besonnenheit zu Werke. Die Rache gewährt nur Befriedigung, wenn unser Feind sich selbst bewußt wird, wessen Hand es ist, die den Streich gegen ihn führt, und weshalb ihn die Vergeltung trifft. Mir lag bei meinem Plan vor allem daran, dem Schändlichen keinen Zweifel zu lassen, daß er die Strafe für seine alte Schuld erleide. Einige Tage zuvor hatte ein Herr, der sich nach der Brixtonstraße fahren ließ, um dort verschiedene Häuser zu besichtigen, den Schlüssel zu einem derselben zufällig in meiner Droschke vergessen. Er forderte ihn mir zwar noch am selben Abend ab und erhielt ihn auch zurück, aber ich hatte doch Zeit gehabt, einen Abdruck davon zu nehmen, nach welchem ich einen Schlüssel zu meinem Gebrauch anfertigen ließ. So verschaffte ich mir den Zugang zu einem Platz in dieser großen Stadt, an dem ich sicher war, ungestört zu bleiben. Es galt jetzt nur noch, die schwierige Aufgabe zu lösen, Drebber nach diesem Hause zu bringen.

»Er ging die Straße hinunter und trat bald in diese bald in jene Schenke; in der letzten, welche er aufsuchte, blieb er wohl eine halbe Stunde. Als er wieder zum Vorschein kam, schwankte er unsicher hin und her und ich sah ihn in eine Droschke steigen. Natürlich fuhr ich dicht hinter ihm drein, über die Waterloo-Brücke und durch endlose Straßen, bis wir uns schließlich zu meiner Verwunderung wieder vor dem Logierhaus befanden, welches er vor kurzem verlassen hatte. Was ihn dorthin zurückführen könne, begriff ich nicht. Während er ausstieg, seine Droschke fortschickte und in das Haus trat, fuhr ich noch etwa hundert Schritt weiter und wartete. Eine Viertelstunde verging, da wurden plötzlich im Innern des Hauses zornige Stimmen laut, die Thür ward aufgestoßen und ich sah einen jungen, mir unbekannten Menschen, der Drebber am Kragen gepackt hatte. Mit einem kräftigen Stoß schleuderte er ihn die Stufen hinunter, bis in die Mitte der Straße. ›Warte, du Hund,‹ rief er und hob drohend den Stock, den er in der Hand hielt, ›ich will dich lehren, ein rechtschaffenes Mädchen zu beschimpfen!‹ – Er war in so heftigem Zorn, daß Drebber es wohl geraten fand, sich davonzumachen, so rasch ihn seine Beine tragen wollten. Er lief geradeswegs auf meine Droschke zu, die an der Straßenecke hielt. ›Nach Hallidays Hotel!‹ rief er und sprang hinein.

»Als ich ihn glücklich im Wagen hatte, pochte mein Herz vor Freude so laut, als wollte es zerspringen. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, fuhr langsam weiter und überlegte, was nun zu thun sei. Einen Augenblick schwankte ich, ob ich ihn nicht zur Stadt hinausfahren und in irgend einer abgelegenen Gegend die letzte Unterredung mit ihm halten solle; fast war ich schon dazu entschlossen, als er selbst die Frage entschied. Wir kamen an einer Schenke vorbei und der Trunkenbold konnte dem Verlangen, einzukehren, nicht widerstehen; er befahl mir zu warten, und kam erst wieder heraus, als die Wirtschaft geschlossen wurde. Sein Zustand war jetzt derart, daß er keinen Widerstand mehr zu leisten vermochte.

»Glauben Sie aber nicht, daß meine Absicht war, ihn mit kaltem Blute umzubringen. Längst hatte ich beschlossen, ihm noch eine Möglichkeit der Rettung zu gönnen, wenn er auf meinen Plan eingehen wollte. Während meines Wanderlebens in Amerika hatte ich auch eine Zeitlang den Aufseherposten in einem Laboratorium bekleidet. Eines Tages zeigte der Professor bei seiner Vorlesung über die Gifte, den Studenten ein Alkaloid, wie er es nannte, welches er aus einem südafrikanischen Pfeilgift bereitet hatte, und von dem, wie er sagte, selbst die kleinste Dosis unmittelbar den Tod nach sich ziehe. Ich merkte mir das Fläschchen und sobald ich allein war, entnahm ich demselben einige Tropfen der Flüssigkeit. Da ich mich auch auf das Apothekerhandwerk verstand, fertigte ich mir eine Anzahl Pillen an, von denen einige vergiftet, die andern ganz unschädlich waren. Eine Pille von jeder Sorte that ich in eine Schachtel, mit der Absicht, am Tage der Rechenschaft meinem Feinde die Wahl zwischen beiden zu lassen und selbst diejenige zu verschlucken, welche er übrig ließ. Es war so gut ein Zweikampf auf Tod und Leben wie jeder andere, nur würde er in der Stille vor sich gehen. Seit jener Zeit trug ich die Pillenschachteln stets bei mir, und jetzt war der Augenblick gekommen, da sie ihren Zweck erfüllen sollten.

»Mitternacht war längst vorüber, ein heftiger Wind hatte sich erhoben und der Regen fiel in Strömen. Obgleich von Nässe und Kälte durchfröstelt, jubelte ich doch innerlich vor Freude. Zwanzig Jahre lang hatte ich vergebens danach getrachtet, Wiedervergeltung zu üben, jetzt endlich sollte mein heißes Verlangen Befriedigung finden. Aus dem Dunkel tauchte vor meinem Geist John Ferriers Gestalt auf und ich sah meine geliebte Lucy mir zulächeln, so deutlich, wie ich jetzt Sie, meine Herren, hier im Zimmer sehe. Auf der ganzen Fahrt schwebten die teuern Schatten neben mir, bis ich endlich vor dem Hause in der Brixtonstraße hielt.

»Kein Mensch war zu sehen, nicht ein Laut ließ sich vernehmen, nur der Regen rauschte hernieder. In der Droschke lag Drebber zusammengekrümmt da in seinem Rausch und schlief. Ich faßte ihn beim Arm. ›Sie müssen aussteigen,‹ rief ich.

»›Schon gut, Kutscher,‹ gab er zur Antwort.

»Ohne Zweifel glaubte er, bei dem Hotel angekommen zu sein, nach welchem er fahren wollte, denn er verließ die Droschke ohne ein weiteres Wort und folgte mir durch den Garten in das Haus. Er schwankte hin und her, so daß ich ihn stützen mußte. Nun schloß ich die Thür auf und brachte ihn in das Vorderzimmer. Den ganzen Weg lang schritten meine Lucy und ihr Vater immer vor uns her – ich versichere Sie.

»›Hier ist's verteufelt dunkel,‹ murmelte Drebber umhertastend.

»›Wir wollen gleich Licht machen,‹ erwiderte ich, holte Streichhölzer aus der Tasche und zündete die Wachskerze an, welche ich mitgebracht hatte.

»›Und jetzt, Enoch Drebber‹, rief ich, das Licht emporhaltend, ›seht mich an – kennt Ihr mich?‹ –

»Er starrte mich eine Weile mit ausdruckslosen Blicken an, plötzlich aber zuckte es krampfhaft in seinen Zügen und das Entsetzen, welches sich darin spiegelte, sagte deutlicher als Worte, daß er seinen Feind erkannt habe. Sein Gesicht ward erdfahl, der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn und er bebte wie Espenlaub.

»Ich lehnte ihm gegenüber an der Thür und betrachtete ihn mit Wollust; so süß hatte ich mir die Rache kaum vorgestellt.

»›Ihr erbärmlicher Mensch,‹ rief ich, »vom Salzsee her bin ich Eurer Spur gefolgt und stets seid Ihr mir entgangen. Aber jetzt sind wir am Ende unserer Wanderung, denn einer von uns beiden wird die Sonne des morgenden Tages nicht mehr aufgehen sehen.

»Er schreckte noch weiter vor mir zurück; sicherlich glaubte er, daß ich im Wahnsinn spräche. Ich war auch nahe daran, vor maßloser Erregung den Verstand zu verlieren, meine Pulse pochten wild, und wer weiß, was mir zugestoßen wäre, hätte mir nicht ein Blutstrom, der mir aus der Nase quoll, plötzlich Erleichterung gebracht.

»›Denkt an Lucy Ferrier,‹ rief ich und hob drohend den Schlüssel empor, mit dem ich die Thür hinter uns abgeschlossen hatte. ›Die Strafe für Eure Missethat hat sich lange verzögert, aber endlich ereilt sie Euch doch.‹ Mit bebenden Lippen stand der Feigling vor mir; er hätte wohl gern um sein Leben gefleht, doch wußte er nur zu gut, daß ich kein Erbarmen üben würde.

»›Sie wollen mich ermorden?‹ stammelte er.

»›Von Mord ist hier keine Rede. Wer einen tollen Hund tötet, mordet nicht. Habt Ihr etwa Mitleid gefühlt für die Geliebte meines Herzens, als Ihr sie von der Seite ihres erschlagenen Vaters risset, um sie in Euern verruchten Harem zu schleppen?

»›Ihr Vater ist nicht durch meine Hand gefallen.‹

»›Aber, daß ihr das Herz brach, ist Eure Schuld. – So soll denn der große Gott Richter sein zwischen mir und Euch.‹ – Ich hielt ihm die Schachtel mit den Pillen hin. ›Wählet,‹ rief ich, ›in der einen ist Tod, in der andern Leben; die, welche Ihr übrig laßt, nehme ich. Laßt uns sehen, ob es noch Gerechtigkeit auf Erden giebt, oder ob uns der Zufall regiert.‹

»Er wand sich vor Todesangst und flehte um Gnade; statt der Antwort zog ich mein Messer und hielt es ihm an die Kehle, bis er mir den Willen gethan hatte. Dann verschluckte ich die zweite Pille, und wir standen einander eine Minute lang gegenüber in gespannter Erwartung, wer von uns leben und wer sterben solle. – Nie werde ich den grauenvollen Ausdruck seiner Mienen vergessen, als er die ersten Anzeichen des Gifts verspürte und wußte, er habe das Todeslos gezogen. Ich hielt ihm triumphierend Lucys Trauring vor die Augen. Es war nur ein Moment, denn die Wirkung des Alkaloids erfolgte schnell. Seine Züge verzerrten sich, er griff mit den Händen in die Luft, stieß einen wilden Schrei aus und fiel schwer zu Boden. Ich fühlte nach seinem Herzschlag, aber nichts regte sich – er war tot.

»Ich tauchte den Finger in mein Blut, das noch immer herabgetropft war, ohne daß ich es beachtet hatte, und schrieb das Wort ›Rache‹ an die Wand. Ob ich das zu meiner eigenen Befriedigung that, oder um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken, ist mir selbst nicht klar. Ich hatte von geheimen Gesellschaften gehört, die auf solche Weise ihre Opfer zeichnen.

»Nun verließ ich das Haus und bestieg meine Droschke wieder. Draußen heulte noch der wilde Sturm, und die Straße war menschenleer. Ich mochte schon eine ziemliche Strecke gefahren sein, als ich Lucys Trauring vermißte, den ich immer in meiner Brusttasche trug. Es war das einzige Erinnerungszeichen an sie, welches ich besaß, und der Verlust traf mich wie ein Donnerschlag. Wahrscheinlich hatte ich den Ring verloren, als ich mich über Drebbers Leiche beugte; ich mußte ihn wieder haben, um jeden Preis. Rasch entschlossen kehrte ich um, ließ die Droschke in einer Seitenstraße stehen und schritt beherzt auf das Haus zu. Allein, fast wäre ich einem Polizisten in die Arme gelaufen, der eben aus dem Gitterthor trat. Es gelang mir, seinen Argwohn zu beschwichtigen, indem ich mich sinnlos betrunken stellte.

»Enoch Drebber hatte seinen verdienten Lohn gefunden. Nun sollte auch Stangerson für John Ferriers Tod büßen. Ich wartete den ganzen Tag über auf ihn in der Nähe von Hallidays Hotel, aber er ließ sich nicht blicken; Drebbers Ausbleiben mochte wohl Verdacht in ihm erregt haben. Stangerson war schlau und stets auf seiner Hut, doch diesmal nützte ihm alle Vorsicht nicht. Welches sein Stubenfenster sei, brachte ich leicht in Erfahrung, und mit Hilfe einer Leiter, die noch von einem Bau her in einer Nebengasse lag, stieg ich beim Morgengrauen in sein Schlafzimmer ein. Ich weckte ihn und kündigte ihm an, daß die Stunde der Rechenschaft gekommen sei, und er seine alte Schuld bezahlen müsse. Nachdem ich ihm Drebbers Tod geschildert, bot ich ihm dieselbe Wahl an, wie seinem Gefährten. Er aber hörte kaum auf mich; wie rasend sprang er aus dem Bette und mir an die Kehle. Aus Notwehr stieß ich ihm, zu meiner eigenen Rettung, mein Messer in die Brust. Der Tod hätte ihn ja so wie so ereilt, denn sicherlich würde seine schuldige Hand die vergiftete Pille gewählt haben – die Wege der Vorsehung sind gerecht.

»Mir bleibt jetzt nur noch wenig zu berichten – und das ist gut, weil ich fühle, daß es mit meinen Kräften zu Ende geht. Ich wollte das Kutscherhandwerk weitertreiben, bis ich genug Geld beisammen hätte, um nach Amerika zurückzukehren. Als ich heute in unserm Hofe stand, hörte ich einen zerlumpten Jungen nach einem Kutscher Namens Jefferson Hope fragen. Er war von einem Herrn in der Bakerstraße geschickt, um meine Droschke zu holen. Ohne den geringsten Argwohn folgte ich dem Boten; bevor ich aber noch recht wußte, wie mir geschah, hatte mir schon der junge Mann hier die Handschellen angelegt und ich war Ihr Gefangener. Sie kennen jetzt meine ganze Lebensgeschichte. Vielleicht gelte ich in Ihren Augen dennoch für einen Mörder. Ich aber, meine Herren, lebe der festen Ueberzeugung, daß ich gerade so gut ein Diener der Gerechtigkeit bin, wie Sie selber.«

Jefferson Hope hatte seine ergreifende Geschichte mit so tiefinnerlichem Gefühl erzählt, daß wir ihm in atemloser Spannung zuhörten. Sogar die beiden Detektivs, die doch durch ihren Beruf gegen das Verbrechen in jeder Form abgestumpft waren, zeigten ein warmes Interesse. Als er geendet hatte, saßen wir noch eine Weile stumm und nachdenklich da, und man hörte nur Lestrades Bleistift über das Papier fahren, während er seinem stenographischen Bericht die Schlußworte hinzufügte.

»Nur eins möchte ich noch wissen,« unterbrach endlich Sherlock Holmes die Stille: »Wer war Ihr Helfershelfer, der auf meine Anzeige hin den Ring zu holen kam?«

Der Gefangene schüttelte den Kopf. »Anderer Leute Geheimnisse darf ich nicht verraten,« sagte er; »es könnte sie in Ungelegenheiten bringen. Ich war ungewiß, ob man mir nicht eine Falle stelle und mein Freund erbot sich, den Ring statt meiner zu holen. Sie werden zugeben, daß er die Sache geschickt ausgeführt hat.«

»Das will ich meinen,« bestätigte Holmes lächelnd.

»Nun, meine Herren,« nahm der Inspektor das Wort, »dem Gesetz muß Genüge geschehen. Nächsten Donnerstag wird der Gefangene dem Richter vorgeführt werden, wobei Ihre Gegenwart erforderlich ist. Bis dahin übernehme ich die Verantwortlichkeit für ihn.«

Er klingelte, worauf zwei Polizisten erschienen, welche Jefferson Hope in Gewahrsam brachten. Ich aber kehrte in Begleitung meines Freundes Holmes nach unserer Wohnung in der Bakerstraße zurück.


Wir hatten sämtlich eine gerichtliche Vorladung auf Donnerstag erhalten. Als jedoch der festgesetzte Termin herankam, bedurfte man unseres Zeugnisses nicht mehr. Ein höherer Richter hatte die Sache in die Hand genommen und Jefferson Hope zur Rechenschaft vor sein Tribunal gefordert. In der Nacht nach seiner Gefangennahme trat das erwartete Ende ein und man fand ihn am Morgen tot in seiner Zelle. Ein friedliches Lächeln lag in seinen Zügen, als habe die Erinnerung an ein wohl angewendetes Leben und glücklich vollbrachtes Werk ihm noch die letzten Augenblicke versüßt.

Am Abend saß ich mit Holmes in unserem gemeinschaftlichen Wohnzimmer am Kamin und wir besprachen das Ereignis.

»Dieser Todesfall macht Gregson und Lestrade einen rechten Strich durch ihre Rechnung,« sagte mein Freund. »Sie werden sehr unglücklich darüber sein; wo bleibt nun ihr pomphafter Zeitungsbericht und der Lohn für alle ihre Anstrengung?«

»Mir scheint doch, daß sie mit der Gefangennahme wenig zu thun gehabt haben,« versetzte ich.

»O, in dieser Welt kommt es nicht sowohl darauf an, was man wirklich thut,« rief mein Gefährte, nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit, »als darauf, daß man den Leuten einen hohen Begriff von seinen Thaten beizubringen weiß. Aber, einerlei,« fuhr er nach einer Pause in heiterem Tone fort, »ich hätte mir den Fall um keinen Preis entgehen lassen mögen; es ist einer der besten, die mir je vorgekommen sind. Trotz seiner Einfachheit enthielt er mehrere äußerst lehrreiche Punkte.«

»Das nennen Sie einfach?! –«

Holmes lächelte über mein Erstaunen. »Nun ja, wie wollen Sie es anders bezeichnen?« fügte er. »Schon der Umstand, daß ich ganz allein, nur mit Hilfe einiger alltäglicher Schlußfolgerungen, innerhalb drei Tagen des Verbrechers habhaft geworden bin, ist doch der schlagendste Beweis für die Einfachheit des Falles.«

»Wohl wahr,« gab ich zu.

»Ich habe Ihnen schon früher einmal auseinander gesetzt, daß alles Ungewöhnliche eher eine Erleichterung als ein Hindernis ist. Bei der Lösung eines solchen Problems kommt es hauptsächlich darauf an, ob man imstande ist, Rückschlüsse zu machen. Das ist eine sehr nützliche und leicht zu erwerbende Fertigkeit, aber nur wenige Leute haben Uebung darin. Die synthetische Methode erscheint den meisten leichter als die analytische.«

»Was das heißen soll, verstehe ich nicht.«

»Das glaube ich gern und will mich näher erklären: Nach meiner Erfahrung werden die meisten Leute, denen man verschiedene Ereignisse, die stattgefunden haben, der Reihe nach erzählt, zu sagen wissen, welches Resultat sich daraus ergeben wird Dagegen giebt es nur wenige Menschen, die, wenn man ihnen ein Resultat mitteilt, imstande sind, sich zu vergegenwärtigen, auf welche Art es sich entwickelt, welche Schritte stufenweise zu dem Ergebnis hingeleitet haben können. Diese Fähigkeit, Rückschlüsse zu machen, nenne ich die analytische Methode.«

»Das klingt schon weniger dunkel,« sagte ich.

»In unserem Fall lag das Ergebnis klar zu Tage, alles übrige mußten wir aber selber finden. Ich will Ihnen nun einmal Schritt für Schritt zeigen, wie ich meine Schlüsse gezogen habe. Fangen wir beim Anfang an: Ich näherte mich, wie Sie wissen, dem Hause zu Fuß und ohne alle Voreingenommenheit. Natürlich untersuchte ich zunächst die Straße, und fand da, wie ich Ihnen schon sagte, deutliche Anzeichen, daß eine Droschke bei Nacht vorgefahren sein müsse; daß es kein Privatwagen gewesen, erkannte ich an der schmaleren Räderspur. Bei unsern Londoner Fuhrwerken ist der Unterschied ziemlich bedeutend.

»Nachdem ich über diesen Punkt Gewißheit hatte, ging ich langsam den Gartenpfad hinunter; in dem lehmigen Boden waren alle Fußstapfen mit großer Deutlichkeit abgedrückt. Sie haben vielleicht nur Pfützen gesehen und zertretenes Erdreich, aber für mein erfahrenes Auge war jedes Merkmal von Bedeutung. Die Beobachtung der Fußspuren wird im allgemeinen von den Detektivs viel zu sehr vernachlässigt; ich habe stets großen Wert darauf gelegt und sie ist mir durch fleißige Uebung zur zweiten Natur geworden. Ich konnte die schweren Tritte der Schutzleute verfolgen, aber ich sah auch die Spuren der beiden Männer, die zuerst durch den Garten gegangen waren. Daß jene den Weg später gemacht hatten, unterlag keinem Zweifel, denn ihre Fußstapfen verdeckten die andern an manchen Stellen gänzlich. Somit war das zweite Glied in meiner Kette gefunden: ich wußte, daß zwei nächtliche Besucher dagewesen waren, der eine ungewöhnlich groß – was sich aus der Länge seines Schrittes ergab, – der andere fein und modisch gekleidet, wie der Abdruck der schmalen, eleganten Stiefel bekundete.

»Beim Eintritt in das Haus fand ich letztere Vermutung bestätigt: der feingestiefelte Mann lag vor mir. Also mußte der andere, der große, den Mord begangen haben, wenn ein solcher überhaupt verübt worden war. Eine Wunde ließ sich an dem Toten nicht entdecken, doch bewies die leidenschaftliche Erregung in seinen Zügen, daß er sein Schicksal vorausgesehen habe. Ein solcher Ausdruck der Unruhe findet sich nie bei einem Menschen, der an Herzschlag oder aus einer andern natürlichen Ursache eines plötzlichen Todes stirbt. Ich roch an des Mannes Lippen, entdeckte eine verdächtige Säure und schloß daraus, daß er gezwungen worden sei, Gift zu nehmen. Freiwillig hatte er es nicht gethan, denn grimmiger Haß und Todesfurcht standen ihm im Gesicht geschrieben. Ein solcher Giftmord ist übrigens durchaus kein unerhörtes Vorkommnis in der Geschichte des Verbrechens und steht nicht vereinzelt da. Jeder, der sich mit Toxikologie beschäftigt hat, denkt dabei unwillkürlich an die Fälle Dolsky in Odessa und Leturier in Montpellier.

»Nun aber kam die große Frage nach dem Beweggrund. Ein Raub konnte nicht beabsichtigt sein, denn weder des Toten Börse noch seine Uhr waren entwendet worden. Handelte es sich vielleicht um politische Zwecke oder war eine Frau im Spiele? – Ich neigte mich von Anfang an letzterer Meinung zu. Der politische Fanatiker bringt seine Opfer so rasch als möglich um und ergreift die Flucht. Dieser Mord war aber im Gegenteil mit allem Vorbedacht ausgeführt worden und man konnte im ganzen Zimmer die Spur des Thäters verfolgen. Allem Anschein nach handelte es sich um einen Akt der Privatrache. Die Inschrift an der Wand bestärkte mich nur in dieser Ansicht, und als zuletzt der Trauring zum Vorschein kam, hielt ich die Frage für entschieden. Der Mörder hatte ihn vermutlich benützt, um sein Opfer an ein früheres Verhältnis zu irgend einem Mädchen zu erinnern. Um hierüber Aufschluß zu erhalten, fragte ich Gregson, ob er in seinem Telegramm um Nachricht über Drebbers Vorgeschichte gebeten habe, das hatte er jedoch unterlassen.

»Als ich nunmehr das Zimmer zu untersuchen begann, fand ich meine Annahme über den Mörder in allen Einzelheiten bestätigt; es mußte sein eigenes Blut sein, das auf den Fußboden getropft war, denn ein Kampf hatte nicht stattgefunden und überall, wo er umhergegangen war, sah man die Blutspuren. Daß ich glaubte, der Mann sei vollblütig, von kräftigem Wuchs und blühender Gesichtsfarbe, war sehr natürlich – hätte ihm sonst die bloße innere Aufregung ein so heftiges Nasenbluten verursachen können? – Von der Richtigkeit meiner Schlüsse haben wir uns ja später durch den Augenschein überzeugt.

»Nachdem ich das Haus verlassen hatte, telegraphierte ich sofort an den Polizeiinspektor in Cleveland und bat um Auskunft über Enoch Drebbers eheliche Verhältnisse. Die Antwort klärte mich über verschiedene wichtige Punkte auf. Sie lautete dahin, daß Drebber schon einmal den Schutz des Gesetzes gegen einen früheren Nebenbuhler Namens Jefferson Hope angerufen habe, und daß besagter Hope sich jetzt in Europa befinde. Hierdurch bekam ich den Schlüssel des ganzen Geheimnisses in die Hände und es handelte sich jetzt nur noch darum, des Mörders habhaft zu werden.

»Der Mann, welcher mit Drebber in das Haus gegangen war, hatte auch die Droschke gefahren, das stand fest. Sein Pferd war auf der Straße sich selbst überlassen geblieben und hatte den Wagen bald hierhin, bald dorthin gezogen. Wo anders konnte der Kutscher unterdessen gewesen sein, als drinnen im Hause? Es lag ja auch auf der Hand, daß er weit sicherer war, unentdeckt zu bleiben, wenn er sein Verbrechen ohne Zeugen beging. Diese Erwägung veranlaßte mich, Jefferson Hope unter den Droschkenkutschern der Hauptstadt zu suchen. Daß er noch unter ihnen zu finden sein müsse, wurde mir bald zur Gewißheit. Wenn er dies Gewerbe ergriffen hatte, um seinen Racheplan leichter ausführen zu können, so durfte er es nicht gleich nach vollbrachter That aufgeben, das hätte verdächtig aussehen können. Seinen Namen hatte er schwerlich verändert, da er hier völlig unbekannt war.

»Nachdem ich dies alles Wohl erwogen hatte, schickte ich die Bande meiner Getreuen zu jedem Droschkenbesitzer Londons, bis sie den Mann aufgespürt hatten, nach dem ich suchte. Wie gut ihnen das gelang und wie schnell ich die Gelegenheit beim Schopfe nahm, haben Sie selbst gesehen.

»Stangersons Ermordung kam mir ganz unvermutet, hätte sich aber schwerlich verhindern lassen. Sie brachte mich in den Besitz der Pillen, deren Vorhandensein ich bereits ahnte, und dadurch ward auch noch mein letzter Zweifel gehoben. Mein ganzes Verfahren beruhte, wie Sie sehen, auf einer zusammenhängenden Kette logischer Schlüsse, in welcher ein Glied genau an das andere paßt.«

»Sie sind ein merkwürdiger Mensch,« rief ich, »Ihre Verdienste sollten öffentlich anerkannt werden. Sie müssen einen Bericht über den Fall drucken lassen. Thun Sie es nicht, so werde ich es übernehmen.«

»Halten Sie das, wie Sie wollen, Doktor,« entgegnete Holmes, »es kommt doch alles auf eins heraus. – Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel,« fuhr er fort, mir eine Zeitung reichend.

Die Stelle im ›Echo‹, welche er mir zu lesen gab, lautete wie folgt:

»Durch den plötzlichen Tod eines gewissen Hope, des mutmaßlichen Mörders von Enoch Drebber und Josef Stangerson, ist dem Publikum eine interessante Gerichtsverhandlung entgangen. Die Einzelheiten des Falls werden jetzt vermutlich für immer in Dunkel gehüllt bleiben. Nur soviel hören wir aus guter Quelle, daß es sich um eine langjährige, romantische Feindschaft handelte, bei der das Mormonentum und eine alte Liebe wichtige Rollen spielten. Die beiden Opfer scheinen in früheren Zeiten zu den ›Heiligen des jüngsten Tages‹ gehört zu haben, und auch der im Gefängnis verstorbene Hope kam aus der Stadt am Salzsee. Obgleich der Fall nicht mehr öffentlich verhandelt werden kann, so liefert er doch einen neuen schlagenden Beweis von der Vortrefflichkeit unserer Londoner Geheimpolizei. Alle Fremden mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie wohl daran thun, ihre Streitigkeiten daheim auszufechten, statt sie auf britischen Grund und Boden zu verpflanzen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß wir Hopes Gefangennahme nur dem Scharfsinn und der Geschicklichkeit der beiden wohlbekannten Detektivs Lestrade und Gregson zu verdanken haben. Der Mann soll in der Wohnung eines gewissen Sherlock Holmes verhaftet worden sein, welcher selbst Talent und Interesse für polizeiliche Forschung an den Tag legt. Ein Dilettant, der solche Lehrmeister hat, darf hoffen, ihnen mit der Zeit an Gewandtheit ähnlich zu werden. – Daß den beiden ausgezeichneten Beamten eine angemessene Belohnung für ihre wertvollen Dienstleistungen zu teil werden möchte, ist dringend zu wünschen.«

»Sagte ich Ihnen nicht gleich, als wir damals unsere Fahrt antraten, wie alles kommen würde?« rief Sherlock Holmes lachend. »Der ganze Erfolg, der uns aus unsern Forschungen und Bemühungen erwächst, ist, daß sie eine Belohnung erhalten.«

»Seien Sie unbesorgt,« rief ich, »in meinem Tagebuch stehen sämtliche Thatsachen verzeichnet. Das Publikum soll Kenntnis davon erhalten und wird dem wahren Verdienst die gebührende Anerkennung nicht versagen.«

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