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Späte Rache

Arthur Conan Doyle: Späte Rache - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleSpäte Rache
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesGesammelte Detektivgeschichten von Conan Doyle
volumeI
printrun45.-47. Tausend
illustratorRichard Gutschmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111030
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Elftes Kapitel.

Eine Flucht auf Leben und Tod.

Am Morgen nach seiner Unterredung mit dem Propheten begab sich John Ferrier nach der Salzseestadt, suchte dort seinen Bekannten auf, welcher im Begriff stand, ins Gebirge von Nevada zu reisen, und vertraute ihm die Botschaft für Jefferson Hope an. Er hatte dem jungen Manne geschrieben, von welcher furchtbaren Gefahr sie bedroht seien und ihn aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren. Nachdem dies geschehen war, ging er erleichterten Herzens heim.

Als er sich seinem Hause näherte, sah er mit Verwunderung, daß an jedem der Thürpfosten ein Pferd angebunden stand. Im Wohnzimmer aber traf er zwei junge Männer, die sich höchst behaglich zu fühlen schienen. Der eine, mit hageren, blassen Zügen, lag im Armstuhl ausgestreckt, die Füße auf dem niedrigen Ofen. Der andere, ein Mensch mit aufgedunsenem, gemeinem Gesicht und einem Stiernacken, stand, die Hände in den Taschen, am Fenster und pfiff eine Melodie. Beide nickten Ferrier vertraulich zu, und der junge Mensch im Armstuhl begann das Gespräch.

»Sie kennen uns vielleicht nicht,« sagte er. »Dies hier ist der Sohn des Aeltesten Drebber und ich bin Josef Stangerson, der mit im Zuge war, als der Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um Sie mit der Herde der Gläubigen zu vereinen.«

»Wie er alle Völker versammeln wird zu seiner Zeit!« fiel der andere mit schnarrender Stimme ein. »Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher.«

John Ferrier verbeugte sich kühl; er hatte sich schon denken können, wer die Besucher waren.

»Wir kommen auf den Rat unserer Väter,« fuhr Stangerson fort, »und werben um die Hand Ihrer Tochter für denjenigen von uns beiden, welcher Ihnen und ihr am meisten zusagt. Da ich nur vier Frauen habe und Bruder Drebber hier deren sieben besitzt, so scheint mir, daß ich den nächsten Anspruch habe.«

»Bewahre, Bruder Stangerson,« rief der andere; »es handelt sich nicht darum, wie viele Frauen man hat, sondern wie viele man ernähren kann. Mein Vater hat mir jetzt die Fabriken übergeben, und ich bin reicher als du.«

»Aber ich habe bessere Aussichten,« erwiderte jener eifrig. »Wenn der Herr meinen Vater zu sich nimmt, bekomme ich die Lohgerberei und die Lederfabrik. Auch bin ich älter als du und mein Ansehen in der Kirche ist größer.«

»Das Mädchen soll zwischen uns entscheiden,« entgegnete der junge Drebber, sich wohlgefällig im Spiegel betrachtend; »wir wollen es ihr ganz überlassen.«

Während dieses Zwiegesprächs stand John Ferrier schäumend vor Wut an der Thür. Es zuckte ihm in allen Fingern, seine Reitpeitsche auf den Rücken der beiden Bewerber niedersausen zu lassen.

»Hört einmal,« sagte er endlich, auf sie zuschreitend, »wenn meine Tochter euch rufen läßt, mögt ihr kommen; bis dahin bitte ich mir aus, daß ihr mir den Anblick eurer Gesichter erspart!«

Die jungen Mormonen starrten ihn in maßlosem Erstaunen an. In ihren Augen war dieser Wettbewerb um die Hand des Mädchens die höchste Ehre, welche sie Vater und Tochter erweisen konnten.

»Es giebt zwei verschiedene Ausgänge aus diesem Zimmer,« fuhr Ferrier zornglühend fort, »einen durch die Thür, den anderen durch das Fenster. Ihr habt die Wahl.«

Seine Miene war so drohend und seine hagern Hände schienen so eisenstark, daß die beiden unwillkommenen Besucher eilig aufsprangen und den Rückzug antraten. Der alte Mann folgte ihnen bis zur Thür.

»Sobald ihr untereinander ausgemacht habt, wer es sein soll, laßt mich's wissen,« rief er ihnen höhnisch nach.

»Dafür sollt Ihr büßen,« schrie Stangerson bleich vor Erregung. »Ihr habt dem Propheten getrotzt und dem hohen Rat der Vier – das sollt Ihr bereuen bis an Euer Lebensende.«

»Die Hand des Herrn werdet Ihr fühlen,« stimmte der junge Drebber ein. »Er wird wider Euch aufstehen und Euch schlagen.«

»Mit dem Schlagen kann es gleich seinen Anfang nehmen,« rief Ferrier zornbebend. Er wollte die Flinte von der Wand reißen, aber Lucy war herzugeeilt und fiel ihm in den Arm. Bevor er sich noch von ihr losmachen konnte, tönte schallender Aufschlag und die Flüchtlinge waren außer seinem Bereich.

»Die jungen heuchlerischen Schurken,« murmelte er voll Ingrimm; »weit lieber möchte ich dich im Grabe sehen, mein Herzenskind, als daß dich einer von ihnen als sein Weib heimführte.«

»Ja Vater, – lieber sterben!« erwiderte sie entschlossen. »Doch bald wird Jefferson hier sein.«

»Freilich – und je früher er kommt, desto besser ist es. Wer kann wissen, was jene gegen uns im Schilde führen.«

Es war in der That hohe Zeit, daß ein kluger Ratgeber und Helfer dem wackern alten Ferrier und seiner Tochter in ihrer Not beistand. Seit der Gründung der Niederlassung war ein solches Beispiel von Ungehorsam und Widersetzlichkeit gegen die Befehle der Aeltesten noch niemals vorgekommen. Wenn schon kleine Vergehen mit unnachsichtiger Strenge bestraft wurden, welches Schicksal erwartete dann diesen Erzrebellen? Ferrier wußte, daß weder sein Reichtum noch seine Stellung ihn schützen würde. Leute, die über ebenso große Mittel verfügten und in nicht geringerem Ansehen standen wie er, waren schon spurlos verschwunden und ihre Güter der Kirche anheimgefallen. Der tapfere Mann hätte sich jeder offenen Gefahr kühn entgegengestellt, aber das düstere unheimliche Verhängnis, das über ihm schwebte, erschütterte seine starke Seele und flößte ihm Grauen ein. Zwar verbarg er seine Furcht vor der Tochter und that, als lege er der ganzen Sache nicht viel Wert bei, allein, mit dem scharfen Auge der Liebe erkannte Lucy nur zu deutlich die Unruhe in seinem Gemüt.

Nach dem, was vorgefallen war, mußte er sich darauf gefaßt machen, von Young wegen seines Benehmens eine Rüge oder Warnung zu erhalten. Die Botschaft traf auch wirklich ein, aber sie kam auf eine ihm völlig unerwartete Weise. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er auf der Bettdecke gerade über seiner Brust einen kleinen viereckigen Zettel angesteckt, auf welchem mit großen deutlichen Buchstaben die Worte standen: »Neunundzwanzig Tage sind dir zur Sühne gewährt, und dann – –«

Jede Drohung wäre weniger furchtbar gewesen als der beängstigende Gedankenstrich. John Ferrier zerbrach sich vergebens den Kopf, wie der Zettel in sein Zimmer gekommen sein könne, denn das Gesinde schlief in einem Nebenbau und er hatte mit eigener Hand alle Fenster und Thüren wohl verwahrt und verschlossen. Er vernichtete das Papier und sagte seiner Tochter nichts von dem Vorfall, aber ihn schauderte doch, wenn er daran dachte. Die neunundzwanzig Tage waren offenbar der Rest des Monats, den Brigham Young ihm zugesagt hatte. Was vermochten aller Mut und alle Kraft gegen einen Feind auszurichten, der so geheimnisvolle Hilfsmittel besaß? Die Hand, welche jenen Zettel befestigte, hätte ihn ebenso gut ins Herz treffen können und kein Mensch würde jemals erfahren haben, wer ihn erschlagen.

Am folgenden Morgen wurde er noch heftiger erschüttert. Sie saßen zusammen beim Frühstück, als Lucy plötzlich einen Schrei der Ueberraschung ausstieß und nach oben blickte. Mitten auf der Zimmerdecke stand in schwarzer Schrift die Zahl 28. Seine Tochter wußte nicht, was das zu bedeuten habe und er klärte sie nicht auf. Die folgende Nacht hindurch saß Ferrier mit der geladenen Flinte da und hielt Wache. Alles blieb still, er vernahm keinen Laut, aber am nächsten Morgen fand er die Zahl 27 auf seiner Hausthür angeschrieben.

So verging ein Tag nach dem andern und jeder neue Morgen brachte ihm Kunde, daß seine unsichtbaren Feinde ihre Rechnung weiter führten. An irgend einer Stelle, die ihm ins Auge fallen mußte, hatten sie die Anzahl der Tage verzeichnet, die ihm noch von der Gnadenfrist übrig blieb. Bald tauchten die verhängnisvollen Nummern an den Wänden auf, bald auf dem Fußboden, manchmal standen sie auf kleinen Anschlagzetteln, die an dem Gartenthor oder den Gitterstäben befestigt waren. Trotz aller Wachsamkeit konnte Ferrier nicht entdecken, woher diese täglichen Mahnzeichen kamen und er empfand ein fast abergläubisches Grauen, so oft er eine neue Zahl gewahrte. Er kam sich vor wie ein gehetztes Wild, eine verzehrende Unruhe ergriff ihn und wer in seinem Auge zu lesen verstand, konnte sehen, welche Qualen er litt. Nur der Gedanke, daß der junge Jäger jetzt bald aus Nevada eintreffen müsse, hielt ihn noch aufrecht.

Aus 29 war 15, aus 15 war 10 geworden, aber noch traf keine Nachricht von dem fernen Freunde ein. Immer kleiner ward die Zahl der noch übrigen Tage und Jefferson ließ sich nicht blicken. Vernahm man einen Hufschlag oder kam ein Fuhrmann des Weges gefahren, so eilte der alte Farmer an das Thor, weil er glaubte, daß die ersehnte Hilfe da sei. Erst als auf die 5 die 4 folgte und aus dieser eine 3 wurde, sank ihm der Mut, und er gab jede Hoffnung verloren.

Wenig vertraut mit Weg und Steg in den Gebirgen, welche die Ansiedlung umgaben, konnte er, auf sich allein angewiesen, die Rettung nicht ins Werk setzen; alle bekannten Pfade wurden aufs strengste bewacht, und jeder Wanderer, der sich darauf betreten ließ, mußte einen Passierschein des Hohen Rats vorweisen können. Wohin sich also Ferrier wenden mochte, nirgends bot sich ihm die Möglichkeit, dem Verhängnis zu entfliehen, das ihn bedrohte; dennoch schwankte der alte Mann keinen Augenblick in seinem Entschluß, lieber das Leben zu verlieren, als seine Tochter jener Verbindung preiszugeben.

Er war in schweren Sorgen abends allein aufgeblieben und sann vergebens nach, ob denn kein Entrinnen mehr möglich sei. Am Morgen war die Zahl 2 auf der Hauswand erschienen und mit dem nächsten Tage ging die festgesetzte Frist zu Ende. Was würde dann geschehen? – Seine Einbildungskraft war geschäftig, sich alle erdenklichen Schrecken auszumalen. Und was sollte aus seiner Tochter werden, wenn er ihr nicht mehr zur Seite stand? – Er sah sich rings von einem unsichtbaren Netz umgeben, das sich immer dichter zusammenzog. Von dem Gefühl seiner Ohnmacht überwältigt, brach er in schmerzliches Schluchzen aus und das Haupt sank ihm auf die Brust.

Aber was war das? – Durch die Stille der Nacht kam plötzlich ein leiser, schnarrender Ton deutlich zu ihm herüber. Er schien von der Hausthür zu kommen. Ferrier schlich geräuschlos durch den Gang und horchte scharf hinaus. Einige Augenblicke vergingen, dann ließ sich der seltsame, schwache Laut wieder vernehmen. Es klopfte jemand mit großer Behutsamkeit an der Thür. War es ein nächtlicher Abgesandter des heimlichen Gerichts, der gekommen war, um dessen Mordbefehl auszuführen, oder sollte ihm noch besonders angekündigt werden, daß der letzte Tag herannahe? Die furchtbare Ungewißheit schüttelte ihn wie im Fieber und nahm ihm jede Widerstandskraft. Länger vermochte er die Qual nicht mehr zu ertragen, mit der verglichen der Tod eine Erlösung schien. Rasch entschlossen zog er den Riegel zurück und öffnete die Thür.

Draußen war alles still. Die Sterne flimmerten am klaren Nachthimmel und weder in dem kleinen Vorgarten, den der Zaun umschloß, noch auf der Straße jenseits des Gitterthors, war ein menschliches Wesen zu erblicken. Ferrier sah nach rechts und nach links und atmete erleichtert auf. Als er aber zufällig gerade vor sich auf den Boden schaute, sah er mit Entsetzen zu seinen Füßen einen Mann platt auf der Erde liegen, Arme und Beine weit von sich gestreckt.

Der Anblick erschütterte ihn so sehr, daß er gegen die Wand taumelte und Mühe hatte, den wilden Schrei zu ersticken, der sich ihm auf die Lippen drängte. Sein erster Gedanke war, daß es ein Verwundeter oder Sterbender sein müsse; allein plötzlich kam Leben in die Gestalt, sie wand sich wie eine Schlange behende und geräuschlos am Boden entlang und erreichte die Hausflur. Sobald der Mann über die Schwelle gekommen war, sprang er rasch in die Höhe, schloß die Thür und vor dem überraschten Farmer stand Jefferson Hope mit ingrimmiger, entschlossener Miene.

»Großer Gott – du bist es –,« keuchte John Ferrier; »weshalb kommst du so geschlichen? Du hast mich furchtbar erschreckt.«

»Gieb mir zu essen,« rief jener mit heiserer Stimme, »seit achtundvierzig Stunden habe ich weder Trank noch Speise zu mir genommen.« Er griff gierig nach Brot und Fleisch, das noch von Ferriers Abendmahlzeit auf dem Tische stand. »Hält sich Lucy tapfer?« war seine erste Frage, sobald er seinen Heißhunger gestillt hatte.

»Ja, doch kennt sie die Größe der Gefahr nicht.«

»Das ist gut. Das Haus wird von allen Seiten bewacht; ich konnte mich nur kriechend nähern, um nicht bemerkt zu werden. Sie passen scharf auf, doch sind sie nicht schlau genug, um einen Washoe-Jäger zu fangen.«

John Ferrier war wie umgewandelt, nun er auf den Beistand eines getreuen Verbündeten zählen durfte. »Du bist ein Mann unter Tausenden,« rief er, Jeffersons Hand herzlich schüttelnd; »nicht jeder wäre gekommen, um Gefahr und Not mit uns zu teilen.«

»Wärst du allein in der Bedrängnis, Vater, wahrlich – ich hätte es mir wohl zweimal überlegt, bevor ich mich in dieses Wespennest wagte,« erwiderte der junge Hope freimütig. »Um Lucys willen bin ich hier und ehe ich zugebe, daß ihr ein Leid geschieht, müssen sie mir das Leben nehmen.«

»Was soll denn aber nun werden? Laß uns rasch handeln!«

»Morgen ist euer letzter Tag; wenn wir nicht diese Nacht entfliehen, seid ihr verloren. In der Adlerschlucht stehen zwei Pferde und ein Maultier bereit. Wieviel Geld hast du?«

»Zweitausend Dollars in Gold und fünftausend in Banknoten.«

»Das genügt; ich kann etwa die gleiche Summe hinzulegen. Wir müssen übers Gebirge nach Carson City. Lucy soll sich sogleich fertig machen. Gut, daß die Dienstboten nicht im Hause schlafen.«

Während Ferrier ging, seine Tochter zu wecken, traf Jefferson Hope die nötigen Vorkehrungen zur Flucht. Was sich von Eßwaren vorfand, packte er in ein kleines Bündel und füllte einen Steinkrug mit Wasser, da er wußte, daß sie in den Bergen nur auf wenige Quellen stoßen würden. Jetzt kehrte auch Ferrier mit Lucy zurück; beide waren zum Aufbruch bereit. Die Liebenden begrüßten einander mit wenigen herzlichen Worten, jeder Augenblick war kostbar und es gab noch viel zu überlegen.

»Wir müssen auf der Stelle fort,« sagte Jefferson mit leiser, aber fester Stimme. »Es gilt der Gefahr mutig zu trotzen. Beide Eingänge, der vordere sowohl, als der hintere, werden bewacht, aber bei gehöriger Vorsicht können wir durch das Seitenfenster entfliehen, das auf die Felder geht. Haben wir erst die Straße erreicht, so sind wir nur eine kurze halbe Stunde von der Schlucht entfernt, wo die Pferde warten. Bei Tagesanbruch müssen wir schon tief im Gebirge sein.«

»Aber, wenn wir angehalten werden?« fragte Ferrier.

Hope deutete auf die Mündung des Revolvers, den er in seinem Wamse trug. »Wenn ihrer zu viele sind, müssen zwei oder drei ins Gras beißen,« sagte er mit grimmigem Lächeln.

Alles Licht im Hause war ausgelöscht und Ferrier warf durch das dunkle Fenster noch einen Blick auf seine Wiesen und Felder hinaus, welche er für immer verlassen sollte. Schon längst war er jedoch auf dies Opfer vorbereitet und der Gedanke an seiner Tochter Glück und Ehre verscheuchte allen Kummer über den Verlust seines Eigentums. Die Gegend lag so still und friedlich da, die Bäume rauschten und das Korn wogte im Winde; es war schwer zu glauben, daß da draußen allerwärts der Mord auf sie lauere. Die bleiche, entschlossene Miene des jungen Jägers verriet aber nur allzu deutlich, daß er auf dem Wege nach dem Hause genug gesehen hatte, um darüber keinerlei Zweifel zu hegen.

Ferrier trug einen Sack mit dem Gold und den Banknoten, Jefferson die Vorräte an Eßwaren und den Wasserkrug; Lucy hatte ihre liebsten Besitztümer in ein Bündel geschnürt. Langsam und vorsichtig öffneten sie das Fenster und warteten, bis eine dunkle Wolke, die herangezogen kam, die Gegend in Finsternis hüllte, dann kletterten sie geräuschlos in den Vorgarten hinab. Mit verhaltenem Atem, halb schleichend, halb kriechend, erreichten sie glücklich den Heckenzaun, in dessen Schutze sie vorwärts eilten, bis sie an eine Lücke kamen, durch welche man in die Felder hinaus gelangte. Sie befanden sich gerade an dieser Stelle, als Jefferson sich plötzlich zu Boden warf, und Vater und Tochter mit sich zog. Das geübte Ohr des Steppenjägers hatte ein Geräusch vernommen. Kaum kauerten sie in ihrem Versteck, als wenige Schritte von ihnen der trübselige Ruf einer Bergeule ertönte, dem ein anderer Eulenruf aus einiger Entfernung antwortete. Gleich darauf sahen sie den Schatten eines Mannes an der Zaunlücke vorbeigleiten und eine zweite Gestalt tauchte aus dem Dunkel auf.

»Morgen um Mitternacht, wenn das Käuzchen dreimal ruft,« sagte der erste im Ton des Befehls.

»Wohl,« versetzte der zweite; »soll ich Bruder Drebber benachrichtigen?«

»Sage ihm die Weisung, er soll sie weiter geben. Neun und sieben

»Sieben und fünf!« entgegnete der andere, und die beiden entfernten sich nach verschiedenen Richtungen. Ihre letzten Worte sollten offenbar eine Art Losung sein. Kaum waren ihre Tritte verhallt, als Jefferson aufsprang und mit seinen Gefährten, so rasch sie ihre Füße trugen, quer durch die Felder lief.

»Vorwärts, vorwärts,« keuchte er von Zeit zu Zeit; »wir sind schon an den Wachtposten vorbei, nur die größte Eile kann uns retten.«

Wenn Lucys Kräfte zu versagen drohten, half er ihr und stützte sie mit starkem Arm. Auf der Landstraße angelangt, kamen sie rasch weiter, und kurz vor der Stadt bog ihr Führer in einen schmalen, steilen Pfad ab, der zu den Bergen aufstieg. Zwei dunkle, zerklüftete Felsspitzen ragten vor ihnen empor in der Finsternis; zwischen diesen öffnete sich die Adlerschlucht, wo die Pferde warteten. Von sicherm Instinkt geleitet, fand Jefferson den Weg zwischen Felsblöcken und in dem trockenen Bett eines Waldbachs, bis sie den versteckten Schlupfwinkel erreichten, wo er die treuen Tiere festgebunden hatte. Das Mädchen bestieg das Maultier und Ferrier mit dem Geldsack eines der Pferde, während Jefferson Hope das andere auf dem gefährlichen Pfade am Zügel führte.

Rechter Hand ragte eine wohl tausend Fuß hohe Felswand und zur Linken lagen Steinblöcke und Trümmer wild durcheinander geworfen. Der Fußsteig, der in regelmäßigem Zickzack mitten durch diese Wildnis führt, war an manchen Stellen so schmal, daß sie ihn hintereinander einzeln verfolgen mußten, und so rauh, daß nur die geübtesten Reiter ihn ohne Unfall passieren konnten.

Trotz aller Mühsal und Beschwerde war den Flüchtlingen dennoch fröhlich zu Mut, weil jeder Schritt, den sie vorwärts thaten, sie weiter aus dem Bereich des Tyrannen brachte, dem sie entrinnen wollten.

Bald jedoch erhielten sie den Beweis, daß sie noch immer nicht dem Bann der ›Heiligen‹ entflohen waren. Sie hatten eben die ödeste und wildeste Stelle des Gebirgspasses erreicht, als Lucy mit einem Ausruf des Schreckens nach oben deutete. Auf einem Felsvorsprung, der den Pfad beherrschte und sich klar gegen den Himmel abhob, stand ein einsamer Wachtposten. Er hatte die Reiter gleichfalls bemerkt und seine Frage: »Wer geht da?« klang herausfordernd durch die stille Schlucht.

»Reisende nach Nevada,« rief Jefferson Hope, die Hand an der Flinte, welche am Sattel hing.

»Mit wessen Erlaubnis?« schallte es von oben herunter.

»Der heiligen Vier,« gab Jefferson zur Antwort. Er wußte von seinem Aufenthalt bei den Mormonen, daß dies die höchste Obergewalt sei.

»Neun und sieben!« rief die Schildwache.

»Sieben und fünf!« entgegnete Jefferson rasch, sich der Losung erinnernd, die er im Garten gehört hatte.

»Passiert – der Herr sei mit euch!« ertönte es von der Felsspitze.

Bald darauf war der Weg breiter und die Pferde konnten sich in Trab setzen. Noch einmal sahen sie zurück nach dem einsamen Wächter, der, sein Gewehr im Arm, an dem Felsen lehnte. Sie wußten, daß sie den letzten Posten der Mormonen hinter sich hatten und die Freiheit vor ihnen lag.

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